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Raketen, U-Boote, russische Schiffe und 1300 Soldaten: NATO bereitet sich auf Seekrieg vor

Die NATO bereitet ihre Seestreitkräfte zunehmend auf einen möglichen direkten militärischen Konflikt mit Russland vor. Bei der groß angelegten Übung „Strike Warrior“ vor der schottischen Küste trainierten rund 1.300 Soldaten aus mehreren NATO-Staaten Szenarien, die noch vor wenigen Jahren wie Planspiele für den äußersten Ernstfall gewirkt hätten: Raketen- und Luftangriffe auf NATO-Schiffe, Gefechte auf See, U-Boot-Jagd sowie die gewaltsame Übernahme verdächtiger Schiffe.

Wie der britische Telegraph berichtet, gerieten während der Übung portugiesische und kanadische Fregatten gemeinsam mit dem deutschen Versorgungsschiff „Berlin“ unter simulierten Luftangriff. Mehr als ein Dutzend anfliegende Raketen wurden simuliert, während Kampfflugzeuge im Tiefflug auf die Schiffsgruppe zurasten. Ein britischer Offizier erklärte, man wolle damit möglichst realistisch das trainieren, „was wir bei echten Operationen erwarten“.

Enterkommando gegen vermeintliche „Russen“

Noch brisanter war ein weiteres Szenario: Portugiesische Soldaten seilten sich aus Hubschraubern auf das deutsche Versorgungsschiff ab, stürmten Brücke und Maschinenraum und nahmen Personen fest, die russische Zivilisten darstellten.

Der Telegraph stellt dabei ausdrücklich einen Zusammenhang mit Operationen gegen die sogenannte russische „Schattenflotte“ her – jene Tanker, über die Russland trotz westlicher Sanktionen Öl exportiert. Im Juni hatten britische Marines bereits ein entsprechendes Schiff im Ärmelkanal gestürmt.

Damit rückt ein Szenario in den Mittelpunkt, das erhebliche Eskalationsgefahr birgt: NATO-Staaten greifen auf See gegen Schiffe durch, die sie russischen Sanktionsumgehungen zurechnen – während Russland solche Aktionen als feindliche Eingriffe betrachten könnte.

NATO-Offizier: „Die Bedrohung ist real“

Innerhalb der NATO wird die Situation zunehmend ernst beurteilt. Der niederländische Kommandant Sjors ter Veen sagte während der Übung gegenüber dem Telegraph: „Diese Bedrohung ist real, und ich mache mir große Sorgen.“

Auf die Frage, ob Russland versuchen könnte, die NATO schrittweise in einen Krieg hineinzuziehen, antwortete er: „Oh ja, absolut. Es ist ein schleichender Weg.“

Die NATO verstärkt deshalb ihre Vorbereitung auf hochintensive Kampfhandlungen. Die beteiligten Einheiten seien auf dem „maximalen Bereitschaftsniveau“, erklärte ein britischer Offizier.

Drohnen, Flugzeuge und U-Boote

Als Begründung verweist die Allianz auf eine Reihe russischer Aktivitäten. Genannt werden unter anderem russische Militärflugzeuge über der Ostsee, Luftraumverletzungen, Drohnenvorfälle sowie russische U-Boote in europäischen Gewässern.

Besondere Sorge bereitet der NATO kritische Infrastruktur auf dem Meeresboden. Unterseekabel und Gasleitungen gelten als mögliche Ziele von Sabotage. Britische, amerikanische und norwegische Streitkräfte sollen zuletzt eine russische Unterwasseroperation in arktischen Gewässern beobachtet beziehungsweise gestört haben.

Gleichzeitig räumt die NATO eigene Schwächen ein. Für eine umfassende U-Boot-Abwehr gebe es schlicht zu wenige Schiffe, warnte der niederländische Kommandant ter Veen: „Ich kann sehr gut sein, aber ich bin allein. Und das Meer ist sehr groß.“

Was früher als Kriegshandlung gegolten hätte

Bemerkenswert ist vor allem die Einschätzung ter Veens zur schleichenden Normalisierung der Konfrontation. Cyberangriffe, Drohnen, Sabotagevorwürfe und militärische Zwischenfälle würden heute beinahe zum Alltag gehören. Der Offizier formuliert die Entwicklung drastisch: Hätte man vor fünf Jahren all diese Vorfälle an einem einzigen Tag in den Nachrichten gelesen, hätte man sie wahrscheinlich als Kriegshandlungen betrachtet.

„Wo gehen wir hin?“, fragt ter Veen. „Das bereitet Sorgen.“

Die NATO betont weiterhin, keinen Krieg anzustreben und ausschließlich defensiv zu handeln. Gleichzeitig trainiert sie inzwischen offen Szenarien, die einen hochintensiven Seekrieg gegen Russland abbilden.

Genau darin liegt die Brisanz: Was bislang als Eskalationsszenario galt, wird zunehmend zum militärischen Trainingsalltag. Raketenangriffe, U-Boot-Jagd und Enteroperationen gegen russische Schiffe werden nicht mehr nur theoretisch diskutiert – die NATO übt sie bereits für den Ernstfall.