Wenn eine Ratingagentur einen Bericht über die wirtschaftlichen Folgen künstlicher Intelligenz schlicht „It’s Over“ – „Es ist vorbei“ nennt, lohnt es sich hinzusehen.
Denn die Warnung stammt nicht von einem KI-Influencer oder einem Unternehmen, das seine eigenen KI-Produkte verkaufen will.
Egan-Jones Ratings ist eine 1995 gegründete US-Ratingagentur, die Unternehmen und Finanzprodukte bewertet und institutionelle Investoren, Vermögensverwalter und Finanzinstitute berät. Das Unternehmen ist bei der US-Börsenaufsicht SEC als „Nationally Recognized Statistical Rating Organization“ (NRSRO) registriert. Die Agentur ist zudem von der europäischen ESMA und der britischen FCA zertifiziert und von der US-Versicherungsaufsicht NAIC als Ratinganbieter anerkannt.
Egan-Jones gehört damit zu jener Finanzwelt, deren Geschäft darin besteht, Risiken möglichst früh zu erkennen.
Und genau diese Agentur sagt jetzt sinngemäß:
Die KI hat eine Schwelle überschritten. Eine umfassende Umwälzung der Wirtschaft ist inzwischen nahezu sicher.
Der Bericht richtet sich ausdrücklich an erfahrene institutionelle Anleger und Risikomanager. Die Autoren wollen ihnen einen Orientierungsrahmen geben, bevor sich die wirtschaftlichen Folgen weiter ausbreiten.
Der große Irrtum: KI macht nicht einfach Mitarbeiter produktiver
Nach Ansicht von Egan-Jones verstehen viele Unternehmen noch immer nicht, was auf sie zukommt. Sie versuchen, mit KI ihre bisherigen Abläufe schneller und effizienter zu machen. Doch das sei die falsche Denkweise.
Die eigentliche Revolution bestehe darin, dass künftig eine Handvoll Menschen mit KI die Arbeit erledigen kann, für die heute ganze Abteilungen oder Unternehmen benötigt werden.
Egan-Jones hält sogar Firmen für denkbar, die praktisch ohne Mitarbeiter funktionieren. Das wäre keine gewöhnliche Automatisierungswelle. Es würde das bisherige Verhältnis zwischen Unternehmensgröße, Personal und wirtschaftlicher Leistung auf den Kopf stellen.
Nicht der Mitarbeiter mit KI ersetzt den Mitarbeiter ohne KI – sondern möglicherweise ein kleines KI-gestütztes Unternehmen ein Unternehmen mit Tausenden Beschäftigten.
KI schläft nicht, macht keinen Urlaub und arbeitet 24 Stunden
Ein menschlicher Mitarbeiter arbeitet acht oder zehn Stunden. Eine KI arbeitet weiter. Nachts. Am Wochenende. Während der Laptop geschlossen ist.
Egan-Jones verweist auf Systeme, die Aufgaben inzwischen selbstständig in der Cloud weiterbearbeiten können. Produktive Arbeit wird damit ebenso zu einem 24-Stunden-Prozess, wie es der Onlinehandel längst geworden ist.
Das verändert die Rechnung für Unternehmen fundamental. Warum zehn Menschen für eine Aufgabe bezahlen, wenn zwei Menschen mit KI dasselbe Ergebnis produzieren können?
Und warum für hundert Arbeitsstunden bezahlen, wenn ein erheblicher Teil des Ergebnisses innerhalb weniger Minuten erzeugt werden kann?
Anwälte, Banker, Berater, Wirtschaftsprüfer: Jetzt geht es an die gut bezahlten Bürojobs
Besonders explosiv ist, wen Egan-Jones als gefährdet betrachtet.
Es geht nicht in erster Linie um Fabrikarbeiter. Es geht um die gut bezahlte Wissensökonomie: Anwälte. Investmentbanker. Unternehmensberater. Wirtschaftsprüfer. Ingenieure. Manager. Diese Branchen verkaufen vor allem Wissen und Arbeitszeit.
Genau dort schlägt KI zu.
Egan-Jones nennt ein bemerkenswertes Beispiel: KPMG verlangte von seinem eigenen Wirtschaftsprüfer Grant Thornton UK, die durch KI erzielten Produktivitätsgewinne an den Kunden weiterzugeben – und setzte eine Honorarsenkung von 14 Prozent durch.
Das könnte erst der Anfang sein. Denn wenn ein Wirtschaftsprüfer mit KI erheblich weniger Arbeitsstunden benötigt, werden andere Kunden ebenfalls fragen:
Warum sollen wir weiterhin den alten Preis bezahlen?
Das Geschäftsmodell der Unternehmensberater gerät unter Druck
Noch deutlicher wird es bei Unternehmensberatern. Ihr Produkt besteht häufig aus Analysen, Modellen und Präsentationen. Doch KI kann solche Arbeiten mittlerweile innerhalb kürzester Zeit erstellen.
Damit entsteht ein unangenehmes Problem:
Wie verkauft man einem Kunden 100 abrechenbare Arbeitsstunden, wenn eine Maschine einen erheblichen Teil der Arbeit in Minuten erledigt?
Egan-Jones erwartet deshalb erheblichen Preisdruck auf professionelle Dienstleistungen. Und es gibt bereits Warnschüsse an der Börse.
Nachdem Anthropic angekündigt hatte, Claude Code könne bei der Modernisierung alter COBOL-Systeme eingesetzt werden, verlor IBM laut dem Bericht innerhalb eines Handelstages 13 Prozent seines Börsenwertes – der schlechteste Handelstag seit dem Jahr 2000.
Die Finanzmärkte beginnen offenbar zu verstehen, was passiert, wenn KI nicht nur Hilfsmittel, sondern Konkurrenz für bestehende Geschäftsmodelle wird.
Selbst die Chefs könnten am Ende überflüssig werden
Besonders bemerkenswert ist eine weitere Prognose von Egan-Jones:
Führungskräfte könnten sogar stärker gefährdet sein als junge Mitarbeiter. Denn Manager verkaufen vor allem Erfahrung, Fachwissen und Entscheidungsfähigkeit. Doch Fachwissen wird durch KI plötzlich nahezu unbegrenzt verfügbar. Momentan besitzen Führungskräfte allerdings einen entscheidenden Vorteil:
Sie entscheiden selbst darüber, wer entlassen wird. Das schützt sie zunächst.
Aber Egan-Jones warnt: Diese Macht verschafft Führungskräften lediglich Zeit. Sie garantiert keineswegs, dass ihre eigenen Stellen langfristig bestehen bleiben.
Plötzlich wird eine große Belegschaft zum Problem
Jahrzehntelang war Größe ein Wettbewerbsvorteil. Mehr Mitarbeiter bedeuteten mehr Wissen, mehr Produktion und mehr Marktmacht. KI könnte diese Logik umdrehen.
Egan-Jones warnt sogar davor, dass eine große Belegschaft einen negativen Unternehmenswert darstellen kann, weil große Organisationen neue Systeme langsamer einführen und schwerfälliger reagieren.
Gleichzeitig können winzige Unternehmen plötzlich Leistungen anbieten, für die früher Tausende Beschäftigte notwendig waren.
Die Markteintrittsbarrieren brechen weg.
Ein kleines Team mit KI könne bereits Leistungen einer großen Kanzlei erbringen und wachsen, ohne jahrelang Personal aufzubauen. Damit könnte ausgerechnet das, was Unternehmen jahrzehntelang stark gemacht hat – ihre Größe –, zu ihrer Schwäche werden.
Dann geraten die Risikokapitalgeber unter Druck
Die Folgen reichen laut Egan-Jones noch viel weiter.
Start-ups benötigten bislang Millionen von Investoren, um Entwickler, Ingenieure, Marketing- und Vertriebsteams einzustellen. Doch was passiert, wenn KI einen erheblichen Teil dieser Mitarbeiter ersetzt? Dann brauchen Start-ups weniger Kapital. Und wenn Unternehmen weniger Kapital benötigen, verlieren diejenigen an Macht, die dieses Kapital bereitstellen.
Egan-Jones spricht deshalb von einer „schleichenden Entwertung des Geldes“.
Risikokapitalgesellschaften könnten an Einfluss verlieren und ihre Renditen sinken. Besonders bemerkenswert ist die Einschätzung der Agentur, dass nur wenige Investoren diese Entwicklung bislang eingepreist haben dürften.
Danach könnte der Immobilienmarkt folgen
Hier wird aus der KI-Revolution möglicherweise ein gesellschaftliches Problem.
Denn Stellenabbau endet nicht am Werkstor.
Egan-Jones richtet den Blick auf den amerikanischen Immobilienmarkt. Viele Hypotheken basieren auf zwei Einkommen.
Verliert einer der beiden Partner seinen Arbeitsplatz, kann ein Haushalt innerhalb von sechs bis zwölf Monaten gezwungen sein, sein Haus zu verkaufen. Gleichzeitig ist Wohneigentum wesentlich teurer geworden.
1984 kostete ein durchschnittliches neues Haus etwa das 3,6-Fache des mittleren Haushaltseinkommens. 2025 waren es bereits 4,7 Jahreseinkommen. Damit fehlt vielen Familien der finanzielle Puffer, um den Verlust eines Gehalts länger aufzufangen.
Sollte KI tatsächlich zu größeren Entlassungswellen in der Wissensökonomie führen, könnte daraus deshalb eine Kettenreaktion entstehen:
Jobverlust → Einkommensverlust → Zwangsverkäufe → fallende Immobilienpreise.
Egan-Jones erwartet kurzfristig entsprechenden Abwärtsdruck auf den Wohnungsmarkt.
Der wichtigste Satz des Berichts
Zwischen all den Analysen findet sich ein Satz, der die gesamte Prognose auf den Punkt bringt:
„Jeder, der vor einem Bildschirm arbeitet, ist davon betroffen.“ Das ist die eigentliche Warnung. Die erste große Automatisierungswelle ersetzte Muskelkraft. Roboter übernahmen Fabrikarbeit. Die neue Welle trifft etwas anderes:
menschliches Wissen.
Und damit erstmals massiv jene Berufsgruppen, die bislang glaubten, Automatisierung betreffe hauptsächlich andere.
Anwälte, Banker, Programmierer, Berater, Buchhalter, Analysten, Ingenieure und Manager könnten nun selbst erleben, was Industriearbeiter in früheren Automatisierungswellen erlebt haben.
Nur möglicherweise wesentlich schneller.
Warum diese Warnung Gewicht hat
Egan-Jones ist nicht irgendeine Wirtschaftswebseite. Die Firma bewertet seit 1995 Kreditrisiken und arbeitet für professionelle Finanzmarktteilnehmer. Nach eigenen Angaben verfolgt sie bewusst ein stärker investorenorientiertes Modell und betont ihre Unabhängigkeit von Banken und den bewerteten Unternehmen.
Die SEC führt Egan-Jones als registrierte NRSRO-Ratingagentur.
Bemerkenswert ist auch ihre Vergangenheit: Egan-Jones verweist darauf, Enron und WorldCom bereits Monate vor den großen Ratingagenturen auf Ramschniveau herabgestuft zu haben. Diese frühen Warnungen wurden zu einem wichtigen Teil des Rufs der Agentur.
Das bedeutet natürlich nicht, dass ihre heutige KI-Prognose zwangsläufig eintreten wird.
Und Egan-Jones selbst stellt ausdrücklich klar, dass der Beitrag nicht von Kreditanalysten verfasst wurde und nicht als formelle Einschätzung der Kreditqualität einzelner Unternehmen verstanden werden soll.
Aber gerade deshalb sollte man sauber unterscheiden:
Dies ist keine offizielle Herabstufung der Weltwirtschaft durch eine Ratingagentur. Es ist eine strategische Risikoanalyse aus dem Umfeld einer etablierten Ratingagentur für professionelle Anleger.
Und deren Botschaft könnte kaum deutlicher sein:
KI wird nicht einfach unseren Arbeitsalltag verändern. Sie könnte die wirtschaftliche Notwendigkeit von Millionen gut bezahlter Bildschirmarbeitsplätze infrage stellen.
Wenn das geschieht, bleibt es nicht beim Arbeitsmarkt. Dann geraten Honorare, Unternehmensbewertungen, Risikokapital, Werbung und Immobilien gleichzeitig unter Druck.

