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USA schreiben ihre Atomkriegspläne im Verborgenen neu – Pentagon prüft „begrenzte“ Nuklearschläge

Die Vereinigten Staaten überarbeiten ihre Strategie für den möglichen Einsatz von Atomwaffen. Doch anders als bei den früheren großen Nuclear Posture Reviews soll die neue Überprüfung nicht als umfassender Bericht für die Öffentlichkeit erscheinen. Das bestätigte Pentagon-Politikchef Elbridge Colby selbst beim Deterrence Symposium des US Strategic Command.

Auf die direkte Frage, ob die Regierung eine neue Nuclear Posture Review durchführe, antwortete Colby: „Correct“ – korrekt, es werde keine solche klassische Überprüfung geben. Stattdessen arbeite das Pentagon an einer anderen, enger gefassten Überprüfung. Entscheidend ist sein nächster Satz: Diese sei „not designed to be a public-facing review“ – also ausdrücklich nicht dafür gedacht, der Öffentlichkeit vorgelegt zu werden.

Damit arbeitet Washington hinter verschlossenen Türen an einem der sensibelsten Bereiche seiner Militärstrategie: der Frage, unter welchen Umständen und auf welche Weise Atomwaffen eingesetzt werden könnten.

Colby machte gleichzeitig deutlich, worum es bei der Überprüfung geht. Das Pentagon wolle dem Präsidenten zusätzliche Optionen zur Verfügung stellen, die mit der amerikanischen Militärstrategie vereinbar seien, zur Verteidigung beitragen und eine Eskalation nach einem möglichen Nukleareinsatz möglichst kontrollierbar machen sollen.

Besonders bemerkenswert ist dabei die Vorstellung eines begrenzten Atomkrieges. Nach Angaben der Arms Control Association erklärte Colby, gesucht würden „rationally employable, limited options“ – also begrenzte nukleare Optionen, die nach Auffassung der Planer tatsächlich einsetzbar wären und eine Eskalation möglichst zugunsten der USA steuern könnten, ohne automatisch in eine unaufhaltsame Spirale zu führen.

Das bedeutet nicht, dass Washington beschlossen hat, Atomwaffen einzusetzen. Colby betont im Gegenteil, Ziel der Strategie seien Abschreckung und Stabilität. Er widersprach zudem Berichten, wonach die USA speziell einen massiven Ausbau kurzreichweitiger taktischer Atomwaffen planten.

Doch gerade hier liegt die Brisanz: Das Pentagon beschäftigt sich ausdrücklich damit, wie ein Nukleareinsatz begrenzt und militärisch kontrolliert werden könnte.

Die Arms Control Association fasst die laufenden Überlegungen entsprechend deutlich zusammen: Hochrangige Pentagon-Vertreter hätten zusätzliche begrenzte Möglichkeiten der nuklearen Kriegsführung unterhalb der strategischen Ebene in Aussicht gestellt.

Kritiker sehen darin eine gefährliche Verschiebung der bisherigen Abschreckungslogik. Das Bulletin of the Atomic Scientists warnt, die neue Strategie könne Vorstellungen aus dem Kalten Krieg wiederbeleben, nach denen Atomwaffen nicht ausschließlich als letztes Mittel zur Verhinderung eines existenziellen Angriffs betrachtet werden, sondern als tatsächlich einsetzbare Waffen innerhalb eines regionalen Krieges.

Das Problem ist grundlegend: Je „nutzbarer“ eine Atomwaffe in militärischen Planungen erscheint, desto kleiner könnte die psychologische und strategische Schwelle zu ihrem Einsatz werden.

Hinzu kommt die Frage, ob sich ein begrenzter Atomkrieg überhaupt kontrollieren lässt.

Für Russland oder China wäre bei einem Raketenstart nicht zwangsläufig sofort eindeutig, welche Sprengkraft ein nuklearer Gefechtskopf besitzt, welches Ziel angegriffen wird und ob weitere Angriffe folgen. Was Washington möglicherweise als begrenzten Nuklearschlag versteht, könnte die Gegenseite als Beginn eines umfassenderen Angriffs interpretieren.

Genau deshalb spielt Transparenz bei der nuklearen Abschreckung eine besondere Rolle. Abschreckung funktioniert nicht nur durch Waffen, sondern auch dadurch, dass die Gegenseite zumindest ungefähr versteht, welche roten Linien gelten und welche Konsequenzen bestimmte Handlungen haben.

Washington bewegt sich nun in die entgegengesetzte Richtung: Das Pentagon entwickelt zusätzliche Optionen für einen möglichen Nukleareinsatz, während die vollständige Überprüfung nicht öffentlich angelegt ist.

Colby argumentiert, gerade diese Optionen sollten verhindern, dass der Präsident im Ernstfall nur zwischen zwei Extremen wählen müsse: gar nicht reagieren oder einen massiven strategischen Atomkrieg beginnen.

Kritiker sehen darin jedoch ein Paradox: Je mehr abgestufte und vermeintlich kontrollierbare Atomoptionen ein Präsident besitzt, desto eher könnten Nuklearwaffen als militärisch einsetzbares Instrument erscheinen.

Damit geht es bei der neuen amerikanischen Atomstrategie um weit mehr als neue Bomben oder Raketen. Es geht um eine fundamentale Frage der nuklearen Abschreckung:

Kann ein Atomkrieg tatsächlich „begrenzt“ geführt werden – oder beginnt mit der ersten gezündeten Atombombe eine Eskalation, deren weiteren Verlauf niemand mehr kontrollieren kann?

Dass ausgerechnet diese Frage nun in einer Überprüfung behandelt wird, die laut dem zuständigen Pentagon-Politikchef ausdrücklich nicht für die Öffentlichkeit bestimmt ist, macht die Entwicklung besonders brisant.