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Während die Pest-Schlagzeilen zurückkehren: Mehr als 21 Impfstoffkandidaten sind längst in Entwicklung

Während der ungeklärte Tod einer jungen Mitarbeiterin eines Anti-Pest-Instituts im sibirischen Irkutsk international für Schlagzeilen sorgt, rückt ein anderer Aspekt in den Fokus: Regierungen, Forschungseinrichtungen und militärische Biodefense-Programme arbeiten bereits seit Jahren an einer neuen Generation von Pestimpfstoffen. Darunter befinden sich mRNA, selbstverstärkende RNA, DNA- und Vektorimpfstoffe sowie klassische Protein- und Lebendimpfstoffe.

Der Epidemiologe Nicolas Hulscher von der McCullough Foundation greift diese Entwicklung in einem aktuellen Beitrag auf und stellt angesichts der neuen Pest-Schlagzeilen die Frage: Warum wurde schon lange zuvor so intensiv in neue Impfstoffplattformen gegen eine Krankheit investiert, die in der öffentlichen Wahrnehmung weitgehend als Relikt vergangener Jahrhunderte gilt?

Mehr als 21 Kandidaten – schon vor Irkutsk

Die Zahl stammt nicht lediglich von Hulscher. Eine 2024 veröffentlichte wissenschaftliche Übersichtsarbeit zur weltweiten Pestimpfstoff-Forschung nennt mehr als 21 Impfstoffkandidaten allein in der präklinischen Phase. Hinzu kommen Kandidaten, die bereits klinisch am Menschen untersucht wurden oder werden. Die Technologien reichen von Untereinheiten- und Lebendimpfstoffen über bakterielle und virale Vektoren bis zu DNA und mRNA.

Während die Pest-Schlagzeilen zurückkehren: Mehr als 21 Impfstoffkandidaten sind längst in Entwicklung

Besonders bemerkenswert ist die Bandbreite der beteiligten Länder.

Israel arbeitet an mRNA-Lipidnanopartikel-Impfstoffen. Forscher der Universität Tel Aviv und des Israel Institute for Biological Research veröffentlichten 2023 einen F1-basierten mRNA-Impfstoff; 2025 folgte eine bivalente F1/LcrV-mRNA-Formulierung gegen Lungenpest. Beide befinden sich laut Hulscher noch im präklinischen Stadium.

Auch in Grossbritannien wird RNA-Technologie eingesetzt. Forscher unter Beteiligung des Imperial College London und des britischen Verteidigungslabors Dstl Porton Down entwickelten einen selbstverstärkenden RNA-Impfstoff – sogenannte saRNA – gegen Yersinia pestis.

US-Militär finanziert Pestimpfstoff

Noch auffälliger ist das Engagement des US-Verteidigungsministeriums.

Der Impfstoff rF1V-1018 wird gemeinsam mit Dynavax entwickelt. Eine Präsentation für die WHO bestätigt ausdrücklich die Zusammenarbeit mit dem US-Verteidigungsministerium. Das Präparat wurde bereits in einer Phase-2-Studie am Menschen untersucht. Ziel ist eine schnellere Immunisierung mit zwei Impfungen innerhalb eines Monats statt drei Impfungen über sechs Monate.

Der militärische Hintergrund ist eindeutig: Entwickelt wird das Präparat unter anderem zum Schutz vor Lungenpest nach einer Aerosol-Exposition mit Yersinia pestis.

Erst am 17. August 2026 erhielt der Impfstoff von der US-Arzneimittelbehörde FDA zudem den Status einer „Orphan Drug Designation“ zur Prävention der Pest. Eine Zulassung als Impfstoff bedeutet diese Einstufung ausdrücklich noch nicht.

Oxford, China und Russland

Auch Oxford ist beteiligt. Dort begann bereits 2021 eine Phase-1-Studie mit einem Pestimpfstoff auf Basis der ChAdOx1-Plattform – jener Adenovirus-Technologie, die auch beim Covid-Impfstoff von Oxford/AstraZeneca eingesetzt wurde.

China brachte einen F1+rV-Pestimpfstoff ebenfalls in klinische Studien. Russland wiederum erteilte 2024 einem neuen molekularen Pestimpfstoff mit rekombinanten F1- und rV-Antigenen eine Marktzulassung.

Und plötzlich macht die Pest wieder Schlagzeilen

Vor diesem Hintergrund erhält der aktuelle Fall in Irkutsk besondere Aufmerksamkeit. Eine 28-jährige Wissenschaftlerin des dortigen Anti-Pest-Instituts starb nach einer schnell verlaufenden Lungenentzündung unbekannter Ursache. Kontaktpersonen wurden isoliert beziehungsweise überwacht und mehrere medizinische Einrichtungen unter Quarantäne gestellt.

Russische Behörden erklären bislang, es gebe keinen bestätigten Pestausbruch und keinen nachgewiesenen Laborunfall. Auch die im Internet verbreitete Geschichte eines zerbrochenen Behälters mit Pesterregern ist bislang nicht belegt. Hulscher selbst weist auf diese offizielle Darstellung hin.

Damit muss zwischen zwei Dingen unterschieden werden: Die internationalen Pestimpfstoffprogramme existieren nachweislich und lange vor dem Vorfall in Irkutsk. Ein Zusammenhang zwischen diesen Programmen und dem Todesfall in Sibirien ist dagegen nicht belegt.

Dennoch ist die zeitliche Konstellation bemerkenswert: Während die Öffentlichkeit plötzlich wieder über die Pest spricht, zeigt ein Blick hinter die Kulissen, dass die Krankheit in der internationalen Biodefense-Forschung keineswegs vergessen war.