Pater Charles Murr erhebt in einem vielbeachteten Interview schwere Vorwürfe gegen Teile der vatikanischen Führung der 1970er-Jahre. Nach seiner Darstellung gelangten Männer mit Verbindungen zur Freimaurerei bis in zentrale Ämter, von denen aus sie sowohl die Ernennung von Bischöfen als auch die Liturgiereform beeinflussen konnten. Murr beruft sich dabei auf die Untersuchung des kanadischen Erzbischofs Édouard Gagnon, mit dem er damals persönlich eng verbunden war. Viele seiner Aussagen sind historisch umstritten und nicht abschliessend belegt.
Murr schildert in dem am 8. Oktober ausgestrahlten Gespräch seine Jahre im Vatikan und die Untersuchung, die Papst Paul VI. Mitte der 1970er-Jahre in Auftrag gegeben haben soll. Gagnon habe über drei Jahre hinweg Missstände innerhalb der vatikanischen Verwaltung untersucht. Ein Schwerpunkt sei dabei die mögliche freimaurerische Unterwanderung gewesen. Murr erklärt, Gagnon habe wegen seiner Arbeit sogar Todesdrohungen erhalten und sei zeitweise bei ihm und Monsignore Mario Marini untergekommen. Eingefügter Text
Besonders brisant sind Murrs Aussagen über Erzbischof Annibale Bugnini, den einflussreichen Organisator der Liturgiereform nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Nach Murrs Darstellung wurden Kardinal Dino Staffa bereits 1974 Dokumente übergeben, die Bugnini als Freimaurer belastet hätten.
Murr sagt, Staffa habe die Unterlagen überprüfen lassen und sei anschliessend gemeinsam mit Kardinal Oddi zu Papst Paul VI. gegangen. Für Murr wäre die Konsequenz enorm: Sollte Bugnini tatsächlich Freimaurer gewesen sein, hätte ausgerechnet einer der wichtigsten Architekten der neuen Liturgie einer Organisation angehört, die von der katholischen Kirche über Jahrhunderte scharf verurteilt wurde. Eingefügter Text
Bugnini wurde Ende 1974 aus seinem vatikanischen Amt entfernt und später als Apostolischer Nuntius nach Iran geschickt. Murr interpretiert diese Versetzung als Versuch, ihn aus dem Zentrum der Macht zu entfernen. Einen endgültigen historischen Beweis für Bugninis Mitgliedschaft in einer Freimaurerloge gibt es allerdings bis heute nicht.
Murr: Baggio kontrollierte die Ernennung der Bischöfe
Noch schwerwiegender bewertet Murr die Rolle von Kardinal Sebastiano Baggio, der von 1973 bis 1984 Präfekt der Kongregation für die Bischöfe war.
Dieses Amt gehörte zu den mächtigsten Positionen im Vatikan, weil die Kongregation bei der Auswahl neuer Bischöfe weltweit eine zentrale Rolle spielte. Murr behauptet, Baggio sei selbst Freimaurer gewesen und habe gezielt überwiegend liberale und progressive Kandidaten gefördert.
Er formuliert es drastisch: Wer die Bischöfe auswähle, könne langfristig die gesamte Richtung der Kirche verändern. Nach seiner Darstellung seien neue Bischöfe fast durchgehend aus einem progressiven Umfeld gekommen, während konservativere Kandidaten nur vereinzelt berücksichtigt worden seien.
Murr sieht darin keinen nebensächlichen Personalstreit, sondern einen langfristigen Umbau der Kirche:
„Wenn ein Freimaurer alle neuen Bischöfe weltweit ernennt, hilft das natürlich der Sache des Liberalismus.“
Für ihn liegt genau darin die Bedeutung der Vorgänge vor rund 50 Jahren. Was damals begonnen habe, wirke bis heute fort. Eingefügter Text
Die neue Messe und der Verlust des Heiligen
Murr verbindet die angebliche freimaurerische Einflussnahme auch mit der Einführung des Novus Ordo Missae.
Er wirft Bugnini vor, den Charakter der katholischen Messe grundlegend verändert zu haben. Nach seiner Ansicht sei das traditionelle Verständnis der Messe als Opfer zugunsten eines stärker gemeinschaftlichen Gottesdienstverständnisses zurückgedrängt worden.
Murr sieht darin einen wesentlichen Grund für die Krise der katholischen Kirche und den Rückgang der Gottesdienstbesucher. Seine zentrale Kritik lautet, dass das Heilige zunehmend durch ein gesellschaftliches und humanistisches Verständnis der Religion ersetzt worden sei.
Er behauptet, hinter dieser Entwicklung stünden Prinzipien wie „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“, die er mit der freimaurerischen Tradition verbindet. Diese Interpretation ist ausdrücklich Murrs persönliche und theologische Bewertung, nicht eine allgemein anerkannte historische Feststellung. Eingefügter Text
Die Gagnon-Untersuchung und der Tod Johannes Pauls I.
Murr verbindet die Geschichte der angeblichen Unterwanderung mit der mysteriösen kurzen Amtszeit von Papst Johannes Paul I., der 1978 nach nur 33 Tagen im Amt starb.
Nach seiner Darstellung hatte Gagnon seine umfangreiche Untersuchung zunächst Paul VI. übergeben wollen. Der gesundheitlich und psychisch angeschlagene Papst habe jedoch nicht mehr handeln wollen und Gagnon aufgefordert, die Unterlagen für seinen Nachfolger aufzubewahren.
Nach der Wahl von Albino Luciani zu Johannes Paul I. habe dieser den Bericht schliesslich erhalten. Darin sei unter anderem empfohlen worden, Baggio aus der Kongregation für die Bischöfe zu entfernen und die Führung des Vatikan-Banksystems zu verändern.
Murr behauptet, Johannes Paul I. habe tatsächlich begonnen, über entsprechende personelle Veränderungen nachzudenken. Noch in der Nacht vor seinem Tod soll es nach Murrs Darstellung zu einer heftigen Auseinandersetzung zwischen dem Papst und Baggio gekommen sein. Wenige Stunden später war Johannes Paul I. tot. Eingefügter Text
Murr stellt ausdrücklich einen Zusammenhang zwischen diesen Vorgängen und dem Tod des Papstes her. Einen beweiskräftigen Nachweis für eine Ermordung legt er jedoch nicht vor.
Er erinnert an ein späteres Gespräch mit Gagnon. Auf die Frage, ob Johannes Paul I. eines natürlichen Todes gestorben oder getötet worden sei, habe dieser lediglich geantwortet:
„Es gibt viele Möglichkeiten, einen Menschen zu töten. Es gibt viele Möglichkeiten, einen Herzinfarkt auszulösen.“
Für Murr war diese Antwort eindeutig. Historisch bleibt die These einer Ermordung Johannes Pauls I. jedoch umstritten; offiziell starb der Papst an einem Herzinfarkt. Eingefügter Text
Auch die Vatikanbank im Visier
Die Gagnon-Untersuchung soll nach Murrs Darstellung ausserdem schwere Probleme innerhalb der Vatikanbank erkannt haben. Er verbindet diese Vorgänge mit der berüchtigten Freimaurerloge P2 und dem späteren Zusammenbruch der Banco Ambrosiano.
Murr zufolge habe Gagnon schon vor dem öffentlichen Skandal erkannt, dass riskante Kreditgarantien und undurchsichtige Finanzgeschäfte den Vatikan in enorme Schwierigkeiten bringen könnten.
Historisch belegt ist, dass die Vatikanbank, Banco Ambrosiano, deren Chef Roberto Calvi und die P2-Loge Anfang der 1980er-Jahre tatsächlich im Zentrum eines gewaltigen Finanzskandals standen. Murr interpretiert dies als Bestätigung dafür, dass Gagnons Untersuchung frühzeitig reale Gefahren erkannt habe.
«Heute wiederholt sich das»
Der vielleicht politisch brisanteste Teil des Interviews betrifft allerdings die Gegenwart.
Murr behauptet, die gleichen Strukturen wirkten bis heute weiter. Den Rücktritt Benedikts XVI. im Jahr 2013 hält er für erzwungen. Danach habe unter Papst Franziskus eine weitere ideologische Neuordnung des weltweiten Episkopats begonnen.
Dabei verweist er besonders auf Robert Prevost, den späteren Papst Leo XIV., der unter Franziskus Präfekt des Dikasteriums für die Bischöfe war.
Murr erklärt:
„Heute wiederholt sich all das. Nach dem Rücktritt von Papst Benedikt begannen sie, das Bischofskollegium weltweit neu zu besetzen.“
Er behauptet, die neu ernannten Bischöfe seien überwiegend liberal und veränderten die Kirche „von innen heraus“. Eingefügter Text
Auch diese Aussage ist Murrs Interpretation und keine unabhängig belegte Feststellung.
Ein Zeitzeuge mit schweren Vorwürfen
Murr begründet seine öffentlichen Aussagen damit, dass nahezu alle Personen, die damals unmittelbar beteiligt gewesen seien, inzwischen verstorben seien. Er selbst sei einer der letzten Zeitzeugen, die Gagnon persönlich gekannt und Teile der Ereignisse unmittelbar miterlebt hätten.
Sein Buch Murder in the 33rd Degree schrieb er nach eigener Aussage deshalb, weil diese Geschichte andernfalls verloren gehen könnte. Er räumt gleichzeitig ein, dass Kritiker ihm vorwerfen, viele Vorgänge nicht unabhängig beweisen zu können.
Genau darin liegt die Schwierigkeit seiner Aussagen: Murr liefert einen aussergewöhnlichen Insiderbericht über Machtkämpfe, Freimaurerei, Liturgiereform und Finanzskandale im Vatikan – doch zahlreiche seiner schwersten Vorwürfe beruhen auf persönlichen Erinnerungen, vertraulichen Gesprächen und verschwundenen Dokumenten.
Unbestritten ist dagegen, dass die katholische Kirche und die Freimaurerei über Jahrhunderte in scharfem Konflikt standen, dass Bugnini die Liturgiereform entscheidend prägte, dass Baggio grossen Einfluss auf Bischofsernennungen besass und dass die Vatikanbank später tatsächlich in einen massiven Finanzskandal mit Verbindungen zur P2-Loge geriet.
Die entscheidende offene Frage bleibt, ob diese einzelnen Ereignisse tatsächlich Teile jener systematischen Unterwanderung waren, die Pater Charles Murr heute beschreibt.

