China treibt den Aufbau einer staatlich gesteuerten digitalen Wirtschaftsordnung voran. Ein offizielles Regierungsdokument vom 9. Oktober 2026 sieht ein landesweites Blockchain-Netzwerk vor, das mit einer nationalen Daten- und Recheninfrastruktur einhergehen soll. Gleichzeitig entwickelt Peking digitale Identitätssysteme, den digitalen Yuan, künstliche Intelligenz und die umfassende Erfassung von CO₂-Emissionen weiter. Die einzelnen Bausteine existieren bereits. Die entscheidende Frage ist, was geschieht, wenn sie miteinander verbunden werden – und wer dann die Kontrolle über Identität, Daten und wirtschaftliche Transaktionen besitzt.
Was China am 9. Oktober offiziell angekündigt hat, dürfte weit über seine Landesgrenzen hinaus von Bedeutung sein. Das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei und der Staatsrat veröffentlichten einen Massnahmenkatalog mit 19 Punkten zur technologischen und wirtschaftlichen Neuausrichtung des Landes. Im Mittelpunkt steht die engere Verschmelzung der realen mit der digitalen Wirtschaft.
Unter Punkt 9 verlangt die Regierung ausdrücklich den Aufbau eines nationalen Blockchain-Netzwerks und eines landesweit integrierten Rechenleistungsnetzes. Gleichzeitig sollen Regeln für Dateneigentum, Datenhandel, wirtschaftliche Nutzungsrechte und den Schutz digitaler Informationen weiterentwickelt werden.
Damit entsteht die Grundlage für eine Wirtschaftsstruktur, in der industrielle Produktion, Warenströme, Eigentumsnachweise und wirtschaftliche Transaktionen zunehmend digital erfasst und überprüfbar werden können.
Offiziell spricht Peking von Produktivität, Innovation und wirtschaftlicher Effizienz. Doch dieselbe Infrastruktur, die Abläufe erleichtern soll, kann auch eine bislang unerreichte Nachvollziehbarkeit wirtschaftlicher Aktivitäten ermöglichen.
Der entscheidende Satz: Für Unternehmen anonym, für die Aufsicht identifizierbar
Wie weit die chinesischen Pläne bereits fortgeschritten sind, zeigt ein Bericht des staatlichen Nationalen Informationszentrums vom 20. September 2026 über das chinesische Blockchain-based Service Network (BSN).
Dieses Netzwerk wird seit 2018 entwickelt und umfasst inzwischen technische Systeme für digitale Identitäten, überprüfbare digitale Nachweise und den Austausch von Daten zwischen unterschiedlichen Organisationen.
Besonders aufschlussreich ist die Beschreibung des bereits 2023 eingeführten Identitätssystems BSN Real-Name DID. Das Prinzip wird im chinesischen Original mit den Worten «业务侧匿名、监管侧实名» beschrieben. Sinngemäss bedeutet dies: Im Geschäftsverkehr anonym, gegenüber den Aufsichtsbehörden mit Klarnamen identifizierbar.
Das ist eine entscheidende Unterscheidung. Der Nutzer kann gegenüber einem Unternehmen anonym auftreten, während seine tatsächliche Identität für dazu befugte staatliche Stellen weiterhin nachvollziehbar bleibt.
Im Juli 2025 wurde zudem ein nationaler Dienst zur digitalen Identitätsbestätigung eingeführt. Dieser ermöglicht die Identitätsprüfung unter anderem bei Behördendienstleistungen, Finanzangeboten, sozialen Netzwerken und Reiseanwendungen.
Im Dezember 2025 folgte eine nationale Infrastruktur für digitale Berechtigungsnachweise, die unter anderem in Verwaltung, Finanzwesen, Gesundheitswesen und Bildung eingesetzt werden kann.
Hier zeigt sich, worum es bei der Entwicklung längst nicht mehr nur geht: Blockchain ist nicht einfach ein technisches Werkzeug für Kryptowährungen. Sie wird zunehmend als Grundlage für die Überprüfung von Identität, Berechtigungen und wirtschaftlichen Vorgängen betrachtet.
Der digitale Yuan: Auch das Geld wird Teil der neuen Infrastruktur
Parallel zum Aufbau dieser Systeme treibt China seine staatliche Digitalwährung voran. Die chinesische Zentralbank gab am 17. August 2026 bekannt, acht weitere Banken für den Betrieb des digitalen Yuan zugelassen zu haben. Damit stieg die Zahl der beteiligten Institute auf 30.
Der digitale Yuan wird bereits in verschiedenen Bereichen erprobt und eingesetzt, darunter Einzelhandel, öffentlicher Verkehr, Bildung, Gesundheitswesen, staatliche Dienstleistungen und grenzüberschreitende Zahlungen.
Die Verbindung von digitalem Geld und überprüfbaren digitalen Identitäten eröffnet neue Möglichkeiten. Zahlungen könnten schneller abgewickelt, Berechtigungen automatisiert kontrolliert und wirtschaftliche Vorgänge genauer dokumentiert werden.
Gleichzeitig entsteht damit ein grundsätzliches Risiko: Wenn Zahlungsverkehr und Identitätsprüfung zu eng miteinander verknüpft werden, kann die Teilnahme am Wirtschaftsleben zunehmend von digitalen Zugangsberechtigungen abhängig werden.
Wer kontrolliert, ob eine digitale Identität gültig ist, könnte unter entsprechenden gesetzlichen und technischen Voraussetzungen auch darüber mitentscheiden, wer bestimmte Dienstleistungen nutzen oder wirtschaftliche Transaktionen ausführen darf.
Eine verpflichtende Zusammenführung aller Zahlungen, Identitäten und Vermögenswerte in einem einzigen staatlichen System ist bislang nicht beschlossen. Die dafür relevanten technischen Bausteine werden jedoch weiter ausgebaut.
KI, CO₂-Erfassung und digitale Wirtschaftsüberwachung
Besonders bemerkenswert ist, dass sich die chinesische Strategie nicht auf Blockchain und Finanztechnologie beschränkt.
Das Regierungsdokument sieht unter Punkt 10 die umfassende Integration künstlicher Intelligenz in Industrie, Fahrzeuge, Computer und weitere Wirtschaftsbereiche vor. Auch humanoide Robotik, 6G-Technologie und Gehirn-Computer-Schnittstellen gehören zu den ausdrücklich genannten Zukunftstechnologien.
Unter Punkt 12 fordert Peking zudem eine erweiterte Erfassung und Bilanzierung von CO₂-Emissionen. Geplant sind unter anderem standardisierte CO₂-Fussabdrücke für Produkte, entsprechende Kennzeichnungssysteme sowie die Ausweitung des nationalen Emissionshandels.
Damit können künftig immer mehr wirtschaftliche Tätigkeiten nicht nur finanziell, sondern auch anhand ihrer Umwelt- und Klimadaten erfasst werden.
Auch die staatliche Aufsicht soll digitaler werden. Unter Punkt 15 spricht die Regierung ausdrücklich davon, regulatorische Entscheidungen und Verwaltungsprozesse stärker auf Daten zu stützen.
Die Kombination aus Datenerfassung, künstlicher Intelligenz und automatisierter Überprüfung schafft erhebliche neue Steuerungsmöglichkeiten. Was heute als wirtschaftliche Modernisierung vorgestellt wird, könnte künftig auch dazu dienen, wirtschaftliche Entscheidungen stärker an staatlich definierte Kriterien zu binden.
Die Einführung persönlicher CO₂-Konten oder individueller Verbrauchsbeschränkungen ist damit allerdings nicht belegt.
China ist kein Einzelfall – die Digitalisierung des Geldes schreitet weltweit voran
Bemerkenswert ist, dass China keineswegs allein an einer solchen Infrastruktur arbeitet.
Der Bericht des chinesischen Nationalen Informationszentrums verweist selbst auf die internationale Entwicklung. Er nennt tokenisierte Bankeinlagen, digitale Identitätssysteme, Blockchain-basierte Zahlungsnetzwerke und Projekte westlicher Finanzinstitute.
Auch die europäische digitale Identitätswallet und der geplante digitale Euro werden in diesem Zusammenhang erwähnt. Unterschiedliche Staaten und Finanzsysteme verfolgen zwar eigene regulatorische und technologische Modelle, doch die grundlegende Entwicklung weist in eine ähnliche Richtung: Wirtschaftliche Werte, Identitätsnachweise und Transaktionen werden zunehmend digital organisiert.
Bei der sogenannten Tokenisierung werden Vermögenswerte oder Rechte digital repräsentiert, sodass ihre Übertragung und Verwaltung über entsprechende technische Systeme erfolgen kann.
Das kann Effizienzgewinne bringen. Es kann aber auch neue Abhängigkeiten schaffen, wenn der Zugang zu Eigentum, Geld und Dienstleistungen ausschliesslich über kontrollierte digitale Plattformen möglich ist.
Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, ob China oder der Westen bei dieser Entwicklung technologisch schneller vorankommen. Entscheidend ist, welche Rechte Bürger und Unternehmen gegenüber den Betreibern dieser Infrastruktur behalten.
Wenn der Zugang zur Wirtschaft von digitalen Berechtigungen abhängt
Die Tragweite der chinesischen Pläne liegt weniger in einer einzelnen Technologie als in ihrem möglichen Zusammenspiel.
Ein Blockchain-Netzwerk kann wirtschaftliche Vorgänge dokumentieren. Digitale Identitäten können Personen und Organisationen überprüfbar machen. Digitales Zentralbankgeld kann Zahlungen elektronisch abwickeln. Künstliche Intelligenz kann Daten auswerten und Entscheidungen automatisieren. CO₂-Systeme können Produktions- und Verbrauchsdaten erfassen.
Jede dieser Technologien lässt sich einzeln mit nachvollziehbaren Vorteilen begründen.
Zusammen könnten sie jedoch die Grundlage einer Wirtschaftsordnung schaffen, in der wirtschaftliche Aktivitäten immer detaillierter nachvollziehbar und unter bestimmten Voraussetzungen auch zentral steuerbar werden.
Das bedeutet nicht, dass die chinesische Regierung bereits die vollständige Tokenisierung aller Vermögenswerte oder eine umfassende digitale Kontrolle jedes einzelnen Bürgers angeordnet hätte. Dafür liefert das veröffentlichte Dokument keinen Beleg.
Doch die Entwicklung ist konkreter, als der Begriff der blossen Digitalisierung vermuten lässt. China schafft nationale technische Grundlagen, entwickelt ein staatlich unterstütztes digitales Identitätssystem und erweitert die Verwendung seiner digitalen Währung. Gleichzeitig werden Daten, KI und automatisierte Verwaltung zu zentralen Bestandteilen der Wirtschaftsstrategie.
Die Gefahr besteht darin, dass die technische Möglichkeit zur Kontrolle schneller wächst als die politischen und rechtlichen Garantien gegen ihren Missbrauch.
Die entscheidende Machtfrage der kommenden Jahre könnte deshalb lauten: Gehören Geld, Daten und wirtschaftliche Rechte weiterhin den Menschen – oder wird ihre Nutzung zunehmend von digitalen Systemen abhängig, deren Regeln Staaten und grosse Technologiekonzerne festlegen?
Chinas neue Blockchain-Strategie zeigt, dass diese Frage keine abstrakte Zukunftsdebatte mehr ist. Die Infrastruktur dafür wird bereits aufgebaut.
Quellen
1. Chinesische Nachrichtenagentur Xinhua, 9. Oktober 2026: Offizielles Regierungsdokument «Stellungnahmen des Zentralkomitees der KP Chinas und des Staatsrats zur Entwicklung neuer Produktivkräfte» mit 19 Massnahmen, darunter nationales Blockchain-Netzwerk, KI und CO₂-Erfassung.
2. Nationales Informationszentrum Chinas, 20. September 2026: «Acht Jahre BSN – Vertrauensinfrastruktur für das Zeitalter autonomer KI-Agenten». Ausführliche Darstellung von Blockchain, digitalen Identitäten, tokenisierten Finanzsystemen und staatlicher Identitätsprüfung.
3. Chinesische Regierung / Xinhua, 17. August 2026: Chinas Zentralbank erweitert die Zahl der zugelassenen Banken für den digitalen Yuan auf 30.


