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Ehemalige britischeer Geheimdienstoffizier: Ukraine, Iran und Jemen sind Teil eines größeren Kampfes um eine westlich dominierte Weltordnung

Der ehemalige britische Geheimdienstoffizier und EU-Nahostberater Alastair Crooke zeichnet ein weitreichendes Bild der heutigen geopolitischen Konflikte. Nach seiner Analyse sind die Kriege und Konfrontationen in der Ukraine, gegen Iran und im Jemen keine voneinander getrennten Ereignisse, sondern Ausdruck eines übergeordneten westlichen Machtprojekts. Dessen Ziel sei es, eine Weltordnung zu erhalten, in der der Westen die Regeln festlegt. Russland, Iran und letztlich China stünden diesem Anspruch entgegen, weil sie sich als eigenständige „zivilisatorische Staaten“ einer westlichen Dominanz widersetzten.

Crooke beginnt seine Analyse mit einer grundsätzlichen These: Hinter der gegenwärtigen internationalen Ordnung stehe die Vorstellung, dass eine vom Westen geführte Zivilisation bestimmen müsse, nach welchen Regeln die Welt funktioniert.

Er verweist dabei auf Äußerungen Marco Rubios in Athen, die er so interpretiert, dass der Westen wieder die führende Kraft sein müsse – jene Zivilisation, die Regeln und Rahmenbedingungen einer Weltordnung festlegt.

Für Crooke zeigt sich darin ein tief verwurzeltes westliches Selbstverständnis: Die Vorstellung, eine Welt könne existieren, in der der Westen nicht mehr die Anweisungen gibt, sei für Teile der politischen Führung weiterhin kaum vorstellbar.

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Crooke: Der Westen kann eine multipolare Welt nicht akzeptieren

Nach Crookes Darstellung reicht dieses Denken weit zurück.

Er führt seine Entwicklung unter anderem auf die europäische Aufklärung, die Illuminaten, die Freimaurerei, die sogenannten Hellfire Clubs sowie religiöse und politische Strömungen um Sabbatai Zevi zurück. Diese sehr unterschiedlichen Bewegungen seien seiner Interpretation zufolge schließlich in einer gemeinsamen Vorstellung zusammengeflossen: der Schaffung einer zentralisierten politischen Ordnung.

Crooke sieht darin einen Prozess, bei dem traditionelle Bindungen des Menschen geschwächt werden sollten – Familie, Religion, Gemeinschaft und nationale Zugehörigkeit.

Er verweist insbesondere auf Jean-Jacques Rousseau und interpretiert dessen Denken dahingehend, dass der Einzelne von überlieferten gesellschaftlichen Bindungen gelöst und stärker zu einem individuellen Bestandteil einer neuen politischen Ordnung gemacht werden sollte.

Die traditionelle Religion werde dabei, so Crookes Darstellung, durch eine Form „mechanischen Denkens“ ersetzt.

Von Europa nach Amerika – und weiter zum Neokonservatismus

Crooke zieht anschließend eine historische Linie bis zum modernen amerikanischen Neokonservatismus.

Diese politischen Vorstellungen hätten sich nach seiner Darstellung gegen Ende des 19. Jahrhunderts stärker in die Vereinigten Staaten verlagert und dort später zur neokonservativen Bewegung entwickelt. Gleichzeitig sieht er eine Verbindung zum europäischen politischen Denken und zum Zionismus im Nahen Osten.

Für Crooke sind diese Entwicklungen keine vollständig getrennten historischen Phänomene, sondern unterschiedliche Ausprägungen eines gemeinsamen politischen Grundgedankens: der Vorstellung einer zentralisierten Ordnung unter westlicher Führung.

Ukraine, Iran und Jemen: „Teil einer einzigen Struktur“

Hier zieht Crooke die Verbindung zur Gegenwart.

Die verschiedenen Kriege, denen die Welt derzeit gegenüberstehe, erschienen auf den ersten Blick voneinander getrennt.

Er nennt ausdrücklich:

die Ukraine, Iran und den Jemen.

Nach seiner Analyse seien diese Konflikte jedoch „Teil einer einzigen Struktur, eines einzigen Versuchs“.

Crooke spricht von einem „großen Plan“, bei dem diese Konflikte dazu benutzt würden, eine einheitliche Weltordnung durchzusetzen.

Seine zentrale Frage lautet:

Warum richtet sich der Druck gerade gegen Iran und Russland?

Seine Antwort: Weil es sich um „zivilisatorische Staaten“ handle.

Damit meint Crooke Staaten mit einer eigenen historischen, kulturellen und politischen Identität, die sich nicht ohne Weiteres einer vom Westen definierten Ordnung unterwerfen.

Hinter dem Kampf um die Weltordnung steht für Crooke ein oligarchisches System

Crooke verbindet den westlichen Führungsanspruch zudem mit wirtschaftlicher Macht.

Weil der Westen über lange Zeit die führende Position in Handel und Finanzwesen innehatte, sei eine politische Ordnung entstanden, in der große Vermögen und politische Führung miteinander verflochten seien. Er spricht ausdrücklich von einer Herrschaft durch Oligarchen in Verbindung mit der politischen Führung.

Das Ziel dieser Verbindung sei letztlich Kontrolle.

In diesem Zusammenhang greift Crooke ein historisches Zitat Benjamin Disraelis auf. Der spätere britische Premierminister habe bereits 1846 davor gewarnt, dass die Welt von Kräften regiert werde, von denen die Öffentlichkeit wenig wisse.

Crooke sieht darin keine historische Kuriosität, sondern einen Hinweis auf Machtstrukturen, die nach seiner Auffassung bis heute weiterbestehen.

Die enormen Vermögen des 19. Jahrhunderts

Crooke richtet den Blick anschließend auf die großen europäischen Finanzfamilien des 19. Jahrhunderts.

Diese hätten während der großen Kriege jener Zeit enorme Vermögen aufgebaut. Er nennt unter anderem die Napoleonischen Kriege, den Krieg zwischen Großbritannien und den Vereinigten Staaten sowie später den russisch-japanischen Krieg. Nach Crookes Darstellung finanzierten große Finanzinteressen teilweise sogar mehrere Seiten eines Konflikts und profitierten dadurch unabhängig vom Ausgang des Krieges.

Diese Vermögen seien schließlich so groß geworden, dass einzelne Finanzstrukturen nach seiner Einschätzung zeitweise mächtiger als Staaten gewesen seien.

Der Round Table und die britische Außenpolitik

Besondere Bedeutung misst Crooke dem sogenannten Round Table bei, der mit dem britischen Imperialpolitiker Lord Milner verbunden war.

Crooke behauptet, dieser Kreis habe erheblichen Einfluss auf die britische Außenpolitik ausgeübt.

Besonders weit geht seine Darstellung bei der Balfour-Erklärung von 1917.

Nach Crooke sei diese Erklärung, die die britische Unterstützung für eine „nationale Heimstätte für das jüdische Volk“ in Palästina formulierte, im Wesentlichen von diesem Umfeld vorbereitet worden und nicht einfach das Werk der damaligen Regierung oder Arthur Balfours selbst gewesen.

Crooke beschreibt eine Gruppe außerordentlich wohlhabender und gut vernetzter Personen, die Zugang zu Geheimdiensten und Verteidigungsstrukturen gehabt und teilweise „über der Regierung“ agiert hätten.

Nach seiner Darstellung hätten diese Kreise sogar außenpolitische Entscheidungen maßgeblich beeinflusst.

Westliche Dominanz als eigentliches Ziel

Crooke führt diese historischen Linien schließlich wieder zur heutigen Weltpolitik zurück.

Der übergeordnete Plan bestehe seiner Analyse zufolge darin, jene Kräfte zu schwächen, die sich einer westlichen Vorherrschaft widersetzen.

Russland gehört für ihn dazu. Iran gehört für ihn dazu. Und das letztendliche strategische Ziel sei China.

Damit interpretiert Crooke die gegenwärtigen Kriege nicht primär als einzelne regionale Konflikte, sondern als Bestandteile eines viel größeren geopolitischen Machtkampfes.

Auf der einen Seite stehe eine westlich geführte Ordnung, die ihre Fähigkeit erhalten wolle, internationale Regeln und politische Strukturen zu bestimmen.

Auf der anderen Seite stünden Staaten, die eine eigene zivilisatorische und geopolitische Souveränität beanspruchten.

China als eigentliches Endziel

Am Ende seiner Analyse macht Crooke deutlich, dass Russland und Iran für ihn nicht das letzte Ziel dieser Strategie darstellen.

Der entscheidende Gegner sei China.

Die Schwächung anderer unabhängiger Machtzentren müsse aus dieser Perspektive im Zusammenhang mit dem größeren Versuch gesehen werden, den westlichen Führungsanspruch gegenüber Peking zu erhalten. Damit verbindet Crooke die Konflikte in Osteuropa, im Nahen Osten und die wachsende Konfrontation mit China zu einem einzigen geopolitischen Bild.

Seine zentrale These lautet: Die heutigen Kriege sind keine isolierten Krisen. Sie sind Teil eines grundlegenden Konflikts darüber, ob die Welt weiterhin von einer westlich dominierten Ordnung geführt wird – oder ob eine multipolare Ordnung entsteht, in der Russland, Iran, China und andere Staaten ihre eigenen politischen und zivilisatorischen Modelle behaupten.