Morandi rechnet mit einer hohen Kriegsgefahr
Der iranische Politologe Muhammad Sed Morandi hält eine erneute militärische Auseinandersetzung zwischen den USA, Israel und Iran für wahrscheinlich. In einem Gespräch sagte er, die iranische Regierung, die Streitkräfte und viele Menschen im Land gingen nach seiner Einschätzung von einem Krieg aus. Die iranischen Streitkräfte seien in erhöhter Bereitschaft, und der Staat habe Vorkehrungen getroffen, um Schäden zu begrenzen.
Morandi behauptete, Iran habe bereits mögliche Ziele bestimmt. Sollten Infrastruktur oder zivile Einrichtungen angegriffen werden, werde Iran Infrastruktur in Israel und rund um den Persischen Golf ins Visier nehmen. Er äusserte zudem die Einschätzung, die USA könnten neben Infrastruktur auch Personen töten wollen. Als Beispiele für frühere Angriffe nannte er ein Wohnhaus in der Nähe seines Zuhauses und zwei Gebäude eines Spitals. Seine Beschreibung und seine Annahmen zu möglichen künftigen Zielen sind Aussagen Morandis.
Ein Angriff auf nachgeordnete Funktionäre statt auf die oberste Führung wäre aus seiner Sicht ein Akt der Verzweiflung. Er würde Iran aber zu einer heftigen Vergeltung veranlassen und die Folgen für die Weltwirtschaft verschärfen. Morandi sagte, Iran produziere grosse Mengen an Raketen und Drohnen, erweitere unterirdische Stützpunkte und habe inzwischen Schwierigkeiten, die hergestellten Raketen zu lagern. Die militärischen Zentren seien teilweise eigenständig und verfügten über Erfahrungen aus zwei Kriegen, sagte er.
Morandi warf der politischen Klasse in den USA und Europa vor, zivile Opfer in der Region nicht ausreichend zu beachten. Bei Angriffen auf Energie- oder Stromversorgung könnten Tausende oder Zehntausende Menschen sterben, sagte er. Er verwies auf Äusserungen des US-Senators Chris Murphy, die seiner Darstellung nach stärker die Folgen für die US-Sicherheit und die Rechtsstaatlichkeit als die Gefahr für Zivilisten betont hätten. Der Moderator widersprach teilweise und sagte, Murphy kümmere sich möglicherweise um die Rechtswidrigkeit des Tötens.
Kritik an beiden grossen US-Parteien
Morandi sagte, er sehe keinen grundlegenden Unterschied zwischen Demokraten und Republikanern, wenn es um die Aussenpolitik gehe. Er verwies auf frühere US-Politik in Libyen, Syrien, Irak, Afghanistan und Jemen. Der frühere Präsident Barack Obama habe den Krieg im Jemen gebilligt, sagte Morandi. Zwar könne er nachvollziehen, weshalb viele Menschen die Demokraten wählten und diese den Krieg gegen Iran politisch gegen Präsident Donald Trump verwenden könnten. Die politische Klasse insgesamt teile aus seiner Sicht jedoch nicht die moralischen Bedenken, die viele Amerikanerinnen und Amerikaner – besonders junge Menschen – gegen den Krieg und gegen das Vorgehen in Gaza hätten.
Der Moderator teilte die Kritik an mangelnder Menschlichkeit in der Aussenpolitik und nannte als weitere mögliche Konfliktherde Venezuela, Kuba und Irak. Er fragte, ob die iranische Bevölkerung nach früheren Kriegen und Sanktionen kriegsmüde sei und lieber eine Vereinbarung zur Vermeidung weiterer Schäden an Stromnetzen und Energieanlagen unterstützen würde.
Morandi antwortete, seine Eindrücke seien anekdotisch. Auf der Strasse hörte er nach eigener Aussage vor allem zwei Forderungen: Iran solle eine Atombombe besitzen, und Iran solle im Fall eines bevorstehenden Angriffs zuerst zuschlagen. Menschen sprächen daneben auch über Inflation und wirtschaftliche Schwierigkeiten. Morandi sagte, er selbst wisse nicht, welche Entscheidungen die Regierung oder die Streitkräfte treffen würden. Nach dem, was er gehört habe, könnte Iran angreifen, wenn ein US-Angriff unmittelbar bevorstehe.
Warum Iran nach Morandis Darstellung nicht zuerst angreift
Auf die Frage, weshalb Iran gegnerische Angriffe abwarte, sagte Morandi, die iranische Führung wolle grundsätzlich keinen Krieg beginnen. Er verwies auf einen früheren Schlagabtausch, bei dem Iran während eines etwa zweiwöchigen Zeitraums auch Ziele in Jordanien angegriffen habe, bevor die USA zugeschlagen hätten. Zudem erklärte er, Iran habe in den vergangenen 47 Jahren keinen Krieg gegen ein anderes Land begonnen. Drei Kriege seien gegen Iran geführt worden, darunter der Krieg Saddam Husseins, zu dessen Beginn die USA ermutigt hätten und bei dem der Westen und die Sowjetunion geholfen hätten. Auch vor der Revolution habe Iran nach Morandis Aussage während mehr als 300 Jahren keinen Krieg begonnen.
Verhandlungen: Morandi sagt, zuerst müsse die Vereinbarung umgesetzt werden
Morandi wies die Darstellung zurück, es gebe bereits eine ausgehandelte Lösung oder Einigung über die Eckpunkte. Er sagte, er stehe mit Personen in Kontakt, die mit den Gesprächen verbunden seien. Die US-Seite habe demnach Gespräche über das iranische Nuklearprogramm vorgeschlagen. Iran wolle darüber erst nach der Umsetzung der ersten Phase eines Memorandums beziehungsweise einer Vereinbarung sprechen.
Morandi beschrieb die Abfolge so: Zunächst müssten beide Seiten ihre Verpflichtungen aus der ersten Phase erfüllen oder aktiv umsetzen. Danach sollten sie in eine zweite Phase übergehen, in der es um die Aufhebung der Sanktionen und das Nuklearprogramm gehe. Die iranischen sieben Bedingungen seien im Wesentlichen die Umsetzung der Vereinbarung, sagte er. Dazu zählten nach seiner Darstellung ein Ende des Kriegs in Gaza, ein israelischer Rückzug aus dem Libanon, die Rückgabe iranischer Vermögenswerte und die Aufhebung der Sanktionen auf iranische Ölexporte. Iran sei bereit, im Gegenzug im Rahmen der Vereinbarung zu handeln.
Morandi sagte, Iran werde keine Änderungen an der Vereinbarung akzeptieren, weil die Führung befürchte, Zugeständnisse würden zu weiteren Forderungen führen. Er warf Trump vor, Vereinbarungen nicht einzuhalten und seine Position ständig zu ändern. Als Beispiel nannte er frühere Verhandlungen über Oman vor einem Krieg, bei denen nach aussen Fortschritte signalisiert worden seien, bevor die USA angegriffen hätten. Morandi meinte, Iran habe die Gespräche dennoch verfolgt, um der eigenen Bevölkerung und Staaten der «globalen Mehrheit» zu zeigen, dass Iran eine vernünftige Lösung anstrebe und nicht die Seite sei, die den Konflikt verschärfe. Die Verhandlungen änderten seiner Einschätzung nach nichts an der militärischen Vorbereitung Irans.
Nuklearprogramm und wachsende Forderungen nach einer Bombe
Im Gespräch wurde eine Äusserung Trumps aufgegriffen, wonach der Krieg enden könne, sobald er es wolle, Iran aber niemals eine Atombombe besitzen dürfe. Morandi hielt dem entgegen, die US-Geheimdienstchefin Tulsi Gabbard und der zurückgetretene Joe Kent hätten erklärt, Iran strebe keine Atomwaffen an. Auch die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) habe nach seiner Darstellung keine Hinweise auf ein iranisches Atomwaffenprogramm gefunden. Morandi sagte, Inspektionen iranischer Nuklearanlagen seien zu einer früheren Zeit umfassender gewesen als die Inspektionen im Rest der Welt zusammen. Trotzdem hätten die USA Anlagen bombardiert, obwohl es sich um ein ziviles Programm gehandelt habe.
Morandi warf der IAEO vor, unter starkem US-Einfluss zu stehen, und sagte, Informationen der Behörde seien früher an Israel weitergegeben worden. Er argumentierte, Iran habe deshalb keinen Grund, weitere Informationen bereitzustellen, die bei Angriffen auf das Land helfen könnten. Nach dem Zwölf-Tage-Krieg kooperiere Iran nicht mehr mit der IAEO, sagte er. Wie das Nuklearprogramm seither aussehe, wisse er nicht; es sei geheim. Er behauptete, die USA und Israel verfügten über weniger Informationen über Iran, als sie vorgäben, und hätten im Krieg auch Attrappen angegriffen. Als Beispiele nannte er Bilder von bombardierten Helikoptern, die seiner Darstellung nach gemalt gewesen seien, sowie wiederholte Angriffe auf dieselben Orte.
Morandi sagte, in Iran gebe es inzwischen mehr öffentliche Forderungen nach einer Änderung der Nuklearpolitik. Der Freitagsgebetsleiter von Teheran habe sich am selben Tag dafür ausgesprochen. Dass iranische Medien diese Äusserung aufgegriffen hätten und keine öffentliche Zurückweisung aus der Regierung erfolgt sei, werte er als bedeutsam. Morandi behauptete zudem, rund 70 Prozent der Iranerinnen und Iraner unterstützten inzwischen den Bau einer Atombombe; vor dem Krieg seien es etwa 50 Prozent gewesen. Er betonte, dies sei seine Einschätzung und die Regierung halte weiterhin an ihrer bisherigen Position fest.
Auf die Frage, ob Iran im Fall einer erneuten Eskalation innerhalb weniger Wochen eine Bombe bauen könnte, sagte Morandi, er kenne die geheimen Aktivitäten des Landes nicht. Er behauptete jedoch, Iran verfüge über die wissenschaftlichen und technischen Fähigkeiten sowie über eine industrielle Basis, um eine Bombe herzustellen und zu transportieren. Uran könne heute an vielen Orten angereichert werden, sagte er. Eine Attacke auf einen Bergstandort könne deshalb das Programm aus seiner Sicht nicht ausschalten.
Warnung vor einem Angriff auf den Bergstandort
Der Moderator sprach von Berichten, wonach die USA oder Israel den Einsatz taktischer Atomwaffen gegen den Bergstandort «Pickax Mountain» erwögen. Morandi sagte, ein solcher Angriff würde einen umfassenden Krieg auslösen und wäre aus seiner Sicht ein schweres Kriegsverbrechen. Iran würde dann nach seiner Einschätzung Infrastruktur in Ländern angreifen, die die USA unterstützten, darunter Israel und Staaten am Golf. Er sagte, dies könnte eine globale Depression auslösen und Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Kuwait schwer treffen.
Morandi behauptete, Iran könne die Infrastruktur Saudi-Arabiens sehr schnell zerstören und die Strasse von Hormus dauerhaft als wichtige Route entwerten. Er sagte zugleich, er hoffe, dass es nicht so weit komme, da eine weltweite wirtschaftliche Krise die Menschen überall treffen würde. Diese drastischen Prognosen sind seine Einschätzungen, keine bestätigten Folgen eines tatsächlich erfolgten Angriffs.
Gespräche mit Saudi-Arabien, der Türkei und Pakistan
Zu einem Treffen in Teheran mit Vertretern Saudi-Arabiens, der Türkei und Pakistans sagte Morandi, ihm seien die Einzelheiten nicht bekannt. In Teheran gebe es zwei Einschätzungen: Einige betrachteten das Treffen als positiv, weil es zeige, dass die drei Staaten mit Iran sprechen müssten; andere meinten, es habe nichts Konkretes ergeben. Nach Morandis Darstellung kritisierten die drei Länder Israel bei dem Treffen stärker, als sie es öffentlich täten, und bezeichneten Israel als grösste Bedrohung für die Region.
Morandi sagte, die drei Staaten seien jedoch in ihren Handlungsmöglichkeiten durch ihre Beziehungen zu den USA eingeschränkt und verfolgten unterschiedliche Interessen. Die Gespräche hätten seiner Kenntnis nach zu keiner Vereinbarung geführt; weitere Gespräche seien angekündigt worden. Er erklärte, das Bündnis zwischen Saudi-Arabien, der Türkei und Pakistan sei vor allem wegen des erneuten Kriegs im Jemen entstanden und nicht, um Iran gegen die USA zu unterstützen. Die türkische und die pakistanische Regierung wollten sich nach seiner Einschätzung nicht in Jemen engagieren.
Iran habe Saudi-Arabien und anderen Regierungen sowie den USA mitgeteilt, dass eine erneute Auseinandersetzung anders verlaufen werde als der frühere 40-Tage-Krieg. Morandi sagte, Iran habe angekündigt, Ziele weiter zu fassen, und US-Einrichtungen würden ebenfalls angegriffen. Er warnte, Saudi-Arabien könne sich gegen Angriffe aus dem Jemen nur begrenzt schützen und wäre einem iranischen Angriff noch stärker ausgesetzt. Zugleich sagte er, ein Krieg dieser Art müsse unbedingt verhindert werden.
Morandis Prognose für die Zeit nach den Wahlen
Zum Schluss äusserte Morandi die Prognose, unmittelbar nach den US-Wahlen könne ein grosser Angriff erfolgen – möglicherweise schon in der Nacht. Iran werde dann zurückschlagen, und Trump werde seiner Einschätzung nach eine Niederlage nicht akzeptieren. In den folgenden Wochen könne die Welt dadurch ganz anders aussehen, mit kollabierenden Märkten und Volkswirtschaften. Morandi sagte, er hoffe auf eine Deeskalation und darauf, dass Menschen in den USA durch ihren Einfluss einen Angriff verhindern könnten.
Der Moderator sagte, auch er hoffe, dass sich die Eskalation noch abwenden lasse. Morandi verwies abschliessend auf die Forderungen, die er Iran zuschrieb: ein Ende des Kriegs in Gaza, ein Ende der Besetzung im Südlibanon, ein Ende der Belagerung Jemens sowie die Rückgabe iranischer Vermögenswerte. Diese Forderungen seien nicht überzogen, sagte er. Das Gespräch endete mit einem gemeinsamen Appell, eine weitere militärische Eskalation zu verhindern.


