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China zeigt, was kommt: KI verdrängt bereits ganze Berufsgruppen

Während in Europa noch darüber diskutiert wird, ob künstliche Intelligenz tatsächlich massenhaft Arbeitsplätze vernichten wird, lässt sich in China bereits beobachten, wie schnell ganze Bereiche unter Druck geraten können.

Im Interview mit Philip Hopf beschreibt KI-Experte Leonard Schmedding eine enorme Lücke zwischen dem, was in Deutschland bislang im Alltag sichtbar ist, und dem, was in China bereits Realität sei. Besonders betroffen seien Callcenter, Videoeditoren, Videografen, Schauspieler, CGI-Spezialisten und andere Berufe rund um digitale Medienproduktion.

Am deutlichsten zeigt sich diese Entwicklung derzeit in Chinas Film- und Kurzvideoindustrie.

In Hengdian, dem größten Filmproduktionsstandort des Landes und häufig als „Chinas Hollywood“ bezeichnet, hat sich die Lage innerhalb weniger Monate drastisch verändert. Noch vor kurzer Zeit gab es dort eine enorme Nachfrage nach Schauspielern, Statisten, Editoren und Produktionspersonal. Mit dem Aufstieg leistungsfähiger KI-Videomodelle wie ByteDance Seedance 2.0 können inzwischen jedoch komplette Produktionen mit einem Bruchteil des bisherigen Personals hergestellt werden.

Caixin berichtete bereits im Juni, dass im ersten Quartal 2026 mehr als 95 Prozent von 128.000 neu produzierten chinesischen Mikrodramen KI-generiert gewesen seien. Produktionen, für die früher Schauspieler, Kamerateams, Kulissen und mehrere Drehtage notwendig waren, können heute teilweise allein durch Prompts erzeugt werden. Viele kleinere Produktionsfirmen hätten daraufhin Personal abgebaut oder vollständig auf KI umgestellt.

Auch die New York Times berichtete über diese Entwicklung. Allein im März wurden demnach fast 50.000 KI-generierte Mikrodramen auf Douyin hochgeladen – fast so viele wie im gesamten Vorjahr. Schauspieler berichteten, dass Rollen zunehmend verschwinden und KI-generierte Produktionen klassische Dreharbeiten ersetzen.

Channel News Asia dokumentierte denselben Trend direkt aus Hengdian. Ein Produktionsteam, das früher fünf oder sechs Editoren benötigte, komme heute teilweise mit einer einzigen Person aus. Schauspieler berichten, dass sie statt mehrerer Angebote pro Tag inzwischen teilweise nur noch ein- oder zweimal im Monat angerufen werden. Betroffen seien besonders Statisten, einfache Licht- und Kameraarbeiten sowie klassische Schnitt- und Produktionsjobs.

Im Interview geht Schmedding noch weiter. Er spricht davon, dass bei Filmproduktionen in China bereits große Teile der bisherigen Beschäftigten weggefallen seien und verweist darauf, dass KI mittlerweile den Großteil bestimmter Videoformate erzeuge. Besonders Freelancer seien betroffen, weil ihre Verluste in klassischen Arbeitslosenstatistiken häufig kaum sichtbar würden.

Dass es sich nicht nur um Einzelfälle handelt, zeigen inzwischen auch offizielle Zahlen.

Die Jugendarbeitslosigkeit in China lag im August 2026 bei 18,9 Prozent unter den 16- bis 24-Jährigen ohne Studenten. Gleichzeitig wächst die Sorge, dass insbesondere Einstiegsjobs durch den Einsatz künstlicher Intelligenz weiter unter Druck geraten.

Noch deutlicher ist die politische Reaktion Pekings.

Am 23. Oktober veröffentlichte der chinesische Staatsrat neue Richtlinien, die ausdrücklich darauf abzielen, Arbeitsplatzverluste durch KI abzufedern. Die Regierung fordert unter anderem Risikoanalysen für KI-Projekte, Maßnahmen gegen Arbeitsplatzverdrängung, Umschulungen, bessere soziale Absicherung und Frühwarnsysteme für Beschäftigungsrisiken.

China reguliert also inzwischen nicht mehr nur KI als Technologie, sondern beginnt sich auf deren Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt vorzubereiten.

Genau darauf verweist Schmedding im Interview: Wenn China bereits Gesetze und Schutzmaßnahmen gegen KI-bedingte Arbeitsplatzverluste einführt, dann ist die Debatte darüber, ob diese Verluste überhaupt kommen werden, zumindest in Teilen längst überholt.

Besonders interessant ist dabei ein Video, das im Interview ausdrücklich empfohlen wird.

Wer bei YouTube nach „I Lost My Job to AI in China… Now What?“ sucht, findet einen Erfahrungsbericht des Kanals Zhenqi in China vom 2. Oktober 2026. Darin schildert ein Betroffener aus der chinesischen CGI- und Videobranche, wie KI seine Arbeit verändert und schließlich verdrängt hat. Der Bericht steht beispielhaft für eine Entwicklung, die inzwischen zahlreiche Beschäftigte aus CGI, Film, Video und Marketing betrifft.

Der Blick nach China ist deshalb interessant, weil dort vieles bereits sichtbar wird, was in Europa noch als Zukunftsszenario diskutiert wird.

KI ersetzt dort nicht nur einzelne Arbeitsschritte. Sie beginnt, ganze Produktionsketten zu verändern.

Ein Team aus Kameraleuten, Editoren, Schauspielern und Grafikern kann plötzlich durch wenige Menschen mit KI-Modellen ersetzt werden. Wo vorher mehrere Tage gedreht, geschnitten und nachbearbeitet wurde, entstehen Inhalte heute teilweise innerhalb weniger Stunden.

Noch bedeutet das nicht, dass sämtliche Arbeitsplätze verschwinden werden. Aber China zeigt bereits, wie schnell sich ein Markt verändern kann, wenn KI technologisch gut genug und gleichzeitig deutlich billiger als menschliche Arbeit wird.

Und genau darin liegt die eigentliche Warnung: Die große KI-Arbeitsmarktkrise muss nicht irgendwann beginnen. In einigen Branchen hat sie bereits begonnen.