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Berlin geht nach Peking: Der wahre Deal
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Berlin geht nach Peking: Der wahre Deal

Pepe Escobar

Die Scholz-Karawane reiste nach Peking, um die vorbereitenden Schritte für die Ausarbeitung eines Friedensabkommens mit Russland festzulegen, mit China als privilegiertem Boten.

Mit seinem unnachahmlichen Gespür für historisch fundierte Wirtschaftsanalysen stellt Professor Michael Hudson in seinem jüngsten Aufsatz, der ursprünglich für ein deutsches Publikum geschrieben wurde, eine verblüffende Parallele zwischen den Kreuzzügen und der derzeitigen „regelbasierten internationalen Ordnung“ her, die vom Hegemon auferlegt wurde.

Professor Hudson beschreibt detailliert, wie es dem Papsttum in Rom gelang, die unipolare Kontrolle über weltliche Reiche zu erlangen (klingelt’s?), als es um den päpstlichen Vorrang vor Königen ging, vor allem vor den deutschen römisch-deutschen Kaisern. Wie wir wissen, war das Reich nicht wirklich heilig, nicht deutsch (vielleicht ein wenig römisch) und nicht einmal ein Reich.

Eine Klausel in den päpstlichen Diktaten gab dem Papst die Befugnis, jeden zu exkommunizieren, der „nicht im Frieden mit der römischen Kirche“ war. Hudson stellt scharfsinnig fest, dass die US-Sanktionen das moderne Äquivalent zur Exkommunikation sind.

In diesem gesamten Prozess fanden zwei wichtige Ereignisse statt:

Das erste Ereignis sei das Dritte Ökumenische Konzil im Jahr 435 gewesen. Zu diesem Zeitpunkt wurde Rom allein die universelle Autorität zugesprochen. Alexandria und das Fürstentum Antiochia zum Beispiel waren auf regionale Autorität innerhalb des Römischen Reiches beschränkt.

Das andere Ereignis fand im Jahr 1054 statt, als sich Rom und Konstantinopel für immer trennten. Zu diesem Zeitpunkt spaltete sich die römisch-katholische Kirche von der Orthodoxie ab, was uns wiederum nach Russland mit Moskau als Drittem Rom führt – und in die jahrhundertealte Feindseligkeit „des Westens“ gegenüber Russland.

Ein Zustand des Kriegsrechts

Vor diesem Hintergrund geht Professor Hudson dann auf die Reise der Delegation von Bundeskanzler Olaf „Leberwurst“ Scholz in dieser Woche nach China ein. Scholz sollte dort fordern, „dass China seinen öffentlichen Sektor abbaut und die Subventionierung seiner Wirtschaft einstellt, ansonsten würden Deutschland und Europa Sanktionen gegen den Handel mit China verhängen“.

Nun, das ist in der Tat kindisches Wunschdenken, was da die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in einem Leitartikel als Vorschlag brachte, der in der Financial Times veröffentlicht wurde – einer Nachrichtenplattform aus der City of London, die sich in japanischem Besitz befindet. Die DGAP ist, wie von Hudson richtig beschrieben, „der neoliberale Arm der NATO, der Deutschlands Deindustrialisierung und Abhängigkeit von den USA fordert“. Mit anderen Worten: Erwartungsgemäß druckt die Financial Times die feuchten Träume der NATO ab.

Hier ist der Kontext wesentlich. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat in einer Grundsatzrede im Schloss Bellevue praktisch zugegeben, dass Berlin pleite ist: „Für Deutschland beginnt eine Ära des Gegenwinds – auf uns kommen schwierige, sehr schwierige Jahre zu. Deutschland steckt in der tiefsten Krise seit der Wiedervereinigung.“

Doch die Schizophrenie nahm wieder einmal Überhand. Nach einem lächerlichen Ausflug nach Kiew, gekrönt von einem Auftritt in einem Luftschutzbunker, kündigte Steinmeier zusätzliche Hilfen an: Zwei weitere MARS-Mehrfachraketenwerfer und vier Panzerhaubitzen 2000 sollen in die Ukraine geliefert werden. Und das, obwohl die Weltwirtschaft – namentlich jene der EU – inzwischen so zerbrechlich ist, dass die Mitgliedsstaaten Kiew, das für „unsere Werte“ kämpft, nicht mehr helfen können, ohne ihren eigenen Bevölkerungen zu schaden. Zugleich steht die EU am Rande einer katastrophalen Energiekrise.

Auch der weitere Kontext ist hierbei entscheidend. Andrea Zhok, Professor für ethische Philosophie an der Universität Mailand, hat das Konzept des Philosophen Giorgio Agamben in ihrem Buch „State of Exception“ (Ausnahmezustand) zu neuen Höhen geführt. Zhok schlägt vor, dass der „zombifizierte“ kollektive Westen nun vollständig einem Ausnahmezustand unterworfen wird, in dem der Ethos des ewigen Krieges zur ultimativen Priorität für eine anspruchsvolle globale Elite wird. Jede andere Variable – vom Transhumanismus über die Entvölkerung bis hin zur Zensurkultur – sei dem Zustand des Kriegsrechts unterzuordnen und im Grunde genommen unwesentlich. Das Einzige, was zählt, ist die Ausübung absoluter und grenzenloser Kontrolle.

Berlin – Moskau – Peking

Solide deutsche Wirtschaftskreise widersprechen der „Botschaft“ der DGAP an Scholz zur China-Reise. Der Gesellschaft zufolge pilgerte die Scholz-Karawane nach Peking, um im Wesentlichen die vorbereitenden Schritte für die Ausarbeitung eines Friedensabkommens mit Russland einzuleiten, mit China als privilegiertem Vermittler. Dies ist geopolitisch und geoökonomisch so brisant, wie man es sich nur vorstellen kann. Wie ich in einer meiner früheren Kolumnen betont habe, unterhielten Berlin und Moskau einen diskreten Kommunikationskanal aufrecht – über Gesprächspartner aus der Wirtschaft –, bis die üblichen Verdächtigen in ihrer Verzweiflung beschlossen, die Nord Stream-Pipelines in die Luft zu sprengen. Bühne frei für die mittlerweile berüchtigte SMS von Liz Truss an Tony Blinken, eine Minute nach den Explosionen: „Es ist erledigt.“

Doch damit nicht genug: Die Scholz-Karawane versucht möglicherweise, einen langen und komplizierten Prozess in Gang zu setzen, um die USA schließlich durch China als wichtigsten Verbündeten zu ersetzen. Man sollte nie vergessen, dass Deutschland (das Ruhrgebiet) der wichtigste BRI-Handels-/Verbindungspunkt in der EU ist.

Einer der Quellen zufolge „können sich Deutschland, China und Russland gemeinsam verbünden und die USA aus Europa vertreiben, wenn diese Bemühungen erfolgreich sind“.

Eine andere Quelle setzte dem Ganzen noch die Krone auf: „Olaf Scholz wird auf dieser Reise von deutschen Industriellen begleitet, die Deutschland tatsächlich kontrollieren und nicht tatenlos zusehen werden, wie sie zerstört werden.“

Moskau weiß sehr wohl, was das imperiale Ziel ist, wenn es darum geht, die EU auf die Rolle eines vollkommen beherrschten – und deindustrialisierten – Vasallen zu reduzieren, der keinerlei Souveränität ausübt. Die Rückkanäle liegen schließlich nicht in Fetzen auf dem Grund der Ostsee. Außerdem hat China nicht angedeutet, dass sein massiver Handel mit Deutschland und der EU vor dem Aus steht.

Scholz selbst betonte einen Tag vor dem Eintreffen seiner Karawane in Peking gegenüber chinesischen Medien, dass Deutschland nicht die Absicht habe, sich von China abzukoppeln, und dass es nichts gebe, was „die Aufrufe einiger, China zu isolieren“, rechtfertige.

Parallel dazu sind sich Xi Jinping und das neue Politbüro der immer wieder bekräftigten Position des Kremls sehr wohl bewusst: Wir sind immer offen für Verhandlungen, solange Washington sich endlich entschließt, über das Ende der unbegrenzten, von Russophobie durchtränkten NATO-Erweiterung zu sprechen.

Zu verhandeln bedeutet also, dass das Imperium das Dokument, das es von Moskau am 1. Dezember 2021 erhalten hat und in dem es um die „Unteilbarkeit der Sicherheit“ geht, auf der gepunkteten Linie unterschreibt. Ansonsten gibt es nichts zu verhandeln.

Und wenn der Pentagon-Lobbyist Lloyd „Raytheon“ Austin den Ukrainern inoffiziell rät, auf Cherson vorzurücken, wird noch deutlicher, dass es nichts zu verhandeln gibt.

Könnte das alles also der Grundstein für den geopolitischen/geoökonomischen Korridor Berlin-Moskau-Peking durch Eurasien sein? Das würde bedeuten: Bye Bye Empire. Noch einmal: Es ist erst vorbei, wenn die dicke Dame in die Gotterdammerung geht.