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Deutscher Imperialismus: Eine dringende Erklärung

Kit Klarenberg

Das Schicksal Mittel- und Osteuropas nach dem Fall der Volksdemokratien nach 1989 läßt sich nicht vollständig erfassen, ohne auf die EU als eine Verlängerung des deutschen Imperialismus Bezug zu nehmen. Berlins Bestreben, dafür zu sorgen, daß die Region aus schwachen, häufig gegenseitig verfeindeten Kleinstaaten zusammengesetzt bleibt, hat weit über ein Jahrhundert Bestand. Im Laufe der Zeit wurde die Eroberung und Besetzung durch Streitkräfte durch Wirtschafts- und Währungsunion sowie durch stetig steigende militärische, sicherheitspolitische und nachrichtendienstliche „Interoperabilität“ und „Zusammenarbeit“ ersetzt — alles unter „internationalistischen“ Auspizien durchgeführt.

Das Verständnis dieses Prozesses und der konsistenten Bedürfnisse des deutschen Imperialismus liefert eine typischerweise fehlende, kritische Linse, durch die man Ereignisse wie die Zerstörung Jugoslawiens, den Aufstieg und den jüngsten Untergang von Viktor Orbán in Ungarn sowie sichtbare und unsichtbare politische Machenschaften auf dem alten und neuen Balkan betrachten kann. Deutscher Imperialismus ist eine potente, gefährliche Kraft, die wegen ihrer nahezu unsichtbaren Wirkungsweise häufig übersehen wird. Da die globale amerikanische Hegemonie unumkehrbar schwindet, ist es entscheidend, das Phänomen wirklich zu verstehen, da es droht, erneut in eigener militarisierter Form zu erstehen.

Heute ist der deutsche Imperialismus selbst in Ländern und Regionen wenig verstanden, die von Berlins kolonialer Einmischung und der damit einhergehenden hegemonialen Expansion unmittelbar geprägt, wenn nicht gar erschaffen wurden. Sein historischer Höhepunkt war der Vertrag von Brest-Litowsk von 1918. Die Bedingungen und Folgen liefern einen unheimlich präzisen Bauplan für die moderne Rolle der EU als deutsches Imperium mit anderen Mitteln. Trotz der seismischen Bedeutung von Brest-Litowsk sind vergleichsweise wenige englischsprachige Hauptströmungsdarstellungen vorhanden. Eine überaus überzeugende, informative Synthese bietet jedoch Adam Toozes wenig beachtetes Werk „The Deluge“ von 2014.

Tooze schreibt darüber, wie „Brest die Vorläufer der baltischen Staaten in ihrer modernen Form gebar“ und zum allerersten Mal in der Geschichte eine „unabhängige Ukraine“ schuf. Ressourcenreiches Territorium, das im Laufe der vorangegangenen Jahrhunderte zu weit größeren dynastischen Landimperien gehört hatte, wurde in leicht ausbeutbare Stücke aufgeteilt. Die neugebildeten Nationen und entsprechenden Nationalismen, die sich durch ethnisch, sprachlich und religiös vielfältige Teile Mittel- und Osteuropas ausbreiteten, bildeten eine gewaltige Hochburg. Selbstbestimmung erleichterte Deutschlands ungehinderte wirtschaftliche, militärische und politische Durchdringung.

Mit Blick auf die eurasische Karte des 21. Jahrhunderts bemerkt Tooze, daß seit der Auflösung der Sowjetunion 1991 alle „Schöpfungen“ von Brest-Litowsk „als legitime Mitglieder der Völkerfamilie betrachtet“ worden sind. Überdies „wenden sich Staaten wie die Baltischen Länder und Polen damals wie heute an Beschützer im Westen“ und sind „eifrige Mitglieder eines von Amerika dominierten NATO und der Europäischen Union, in der Deutschland die dominierende Kraft ist.“ Durch Brest-Litowsk gerieten „all diese staatlichen Gebilde willy-nilly unter den ‚Schutz‘ des Kaiserlichen Deutschland.“

Der Vertrag von Brest-Litowsk

Treaties of Brest-Litovsk | Russia, Germany, Austria-Hungary | Britannica

Delegierte in Brest-Litowsk bei Verhandlungen, Anfang 1918

Der Vertrag wurde im März 1918 zwischen Moskau und Österreich-Ungarn, Bulgarien, Deutschland und dem Osmanischen Reich unterzeichnet — nach monatelangen angespannten Verhandlungen, die im Dezember des Vorjahres ausgelöst worden waren, als das revolutionäre Rußland mit Berlin einen Waffenstillstand unterzeichnete. Bei Brest-Litowsk hatten beide Seiten ihre jeweiligen Vorstellungen von „Selbstbestimmung“ für die mittel- und osteuropäischen Bestandteile des zusammengebrochenen Zarenreiches vorgetragen. Wladimir Lenin erhoffte sich, daß neu unabhängige Staaten in der Region frei seien, bolschewistisch zu werden. Das Kaiserliche Deutschland hatte jedoch nicht die Absicht, das zuzulassen.

Stattdessen erkannten die „intelligenteren strategischen Denker“ des Landes, daß es „kein besseres Mittel gab, das Zaristische Reich zu sprengen, als daß Berlin bei Brest-Litowsk die Forderung nach Selbstbestimmung unterstützte.“ Diese „manipulative List“ würde Deutschland ermöglichen, seine Hegemonie unmerklich über enorm gewinnbringende Gebiete auszudehnen. Es war „eine Vision verhandelter Souveränität, in der wirtschaftliche und militärische Unabhängigkeit von kleineren Staaten mit größeren Staaten zusammengelegt wurde.“ Tooze berichtet, wie deutsche Imperialisten argumentierten, daß „volle, uneingeschränkte Souveränität“ „immer eine Chimäre“ sei — „die wirkliche Wahl war eine zwischen Hegemonen“:

„Deutschland würde Macht im kontinentalen Maßstab sichern — nicht durch Annexion, sondern durch die Bildung eines wirtschaftlichen und militärischen Blocks kleinerer osteuropäischer Staaten … Die autonome polnische Entität, die von Deutschland und Österreich im Herbst 1916 aus russischem Territorium herausgeschnitten wurde, war ein Anfang. Während das neue Polen in wirtschaftlicher und militärischer Hinsicht eng und unwiderruflich an Deutschland gebunden wäre, würde ihm im sozialen und kulturellen Bereich die Freiheit eingeräumt, ‚sich national auszudrücken‘.“

„Militärischer Schutz“

Aus der Perspektive der Mittelmächte war der koloniale Gewinn der Selbstbestimmung immens. In territorialer Hinsicht verlor Moskau die Kontrolle über das heutige Belarus, Estland, Lettland, Litauen, Polen und die Ukraine. Dieses erstklassige ehemalige Zarengebiet umfaßte 34 Prozent der Bevölkerung des gefallenen Imperiums, 54 Prozent seines Industrielandes, 89 Prozent seiner Kohlefelder und 26 Prozent seiner Eisenbahnen. Berlin wußte sehr wohl, daß der regionale Schatz heftig umkämpft werden und leicht „in die Umlaufbahn einer anderen Großmacht“ fallen könnte — „wenn nicht Deutschlands oder Rußlands, dann Großbritanniens.“

Daher erlaubten die Bedingungen von Brest-Litowsk ausschließlich eine „Unabhängigkeit“ unter formalem „deutschem militärischem Schutz.“ Dies verwandelte Millionen von Menschen in der gesamten Region in potentielle Stellvertreter-Kriegsführer, die gegen Rußland oder andere große Mächte aufgestellt wurden, die Berlins lokale Hegemonie bedrohten — nach Art der NATO von heute. Die entstehende Sowjetunion, die rasch in den Bürgerkrieg verfiel und mit einer franko-britischen Intervention zur Umkehrung der Revolution konfrontiert war, fügte sich den harten Bedingungen des Vertrages. Lenin glaubte, die Bolschewiken würden die verlorenen Gebiete schließlich durch die bloße Schwerkraft des Radikalismus zurückerobern.

Zeitgenössische Karte der durch den Vertrag von Brest-Litowsk entstandenen mittel- und osteuropäischen Staaten

Der Vertrag von Brest-Litowsk wurde durch den Vertrag von Versailles im Juni 1919 zerrissen, der Berlin zwang, einer Reihe von deutsch eroberten Protektoraten, die in der Region eingerichtet worden waren, Unabhängigkeit zu gewähren. Chaotische, gewaltsame Kämpfe entbrannten in den nächsten drei Jahren zwischen von der Roten Armee unterstützten lokalen revolutionären Elementen und von kollaborierenden Marionetten geführten „unabhängigen“ Staaten. Belarus und die Ukraine wurden erfolgreich als Republiken eingegliedert, während die baltischen Staaten und Polen autonom blieben. Unterdessen war der Keim der deutschen Hegemonie durch Selbstbestimmung entscheidend durch ganz Mittel- und Osteuropa gesät worden.

Der deutsche Kolonialismus hinterließ nach Brest-Litowsk seinen Abdruck vor allem durch die Entstehung von Nationalismen und entsprechenden nationalen Gründungsmythen in der gesamten Region, die der Natur nach Moskau gegenüber feindselig und wütend waren. In Polen im Jahr 1916 hatten Berlins Invasionstruppen sich erfolgreich als Befreier dargestellt. Im Baltikum stellten Russen einen großen Anteil der städtischen, landbesitzenden Elite des Landes. Sie wurden von deutschen Propagandisten — und in ultranationalistischen Vorstellungen — leicht als parasitäre Oberherren einer überwiegend analphabetischen ethnischen estnischen, lettischen und litauischen Bauernschaft dargestellt, die größtenteils in ländlichen Steppen lebte.

Die multiethnische Bevölkerung der Ukraine dazu zu bringen, eine antirussische „Unabhängigkeit“ anzunehmen, war erheblich schwieriger — angesichts ihrer ähnlichen Hintergründe, Gebräuche und Sprachen sowie des erheblichen gegenseitigen kulturellen Einflusses in beide Richtungen seit Kiews Union mit Moskau im Jahr 1654. Die heutige Verehrung genozidaler Faschisten in der Ukraine und der weitere laufende Stellvertreterkrieg sind direkte Auswüchse der Bemühungen deutscher Imperialisten, Feindschaft und Antagonismus zwischen Russen und Ukrainern zu schüren. Diese Strategie wurde während des Kalten Krieges von CIA und MI6 mit Hilfe des nazidurchsetzten Westberlins aufrechterhalten.

„Zivilisierungsmission“

Ein weiteres dauerhaftes Erbe von Brest-Litowsk war die Verwandlung der „Selbstbestimmung“ von einem liberal-deutschen imperialistischen Kreuzzug zu einem Grundprinzip der angloamerikanisch dominierten internationalen Beziehungen. Die Sache wurde eifrig und zynisch zunächst vom britischen Premierminister Lloyd George, dann vom amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson aufgegriffen. Das Recht auf Selbstbestimmung von Minderheiten weltweit wurde zum absoluten Kernpunkt der Pariser Friedenskonferenz von 1919. Auf der ganzen Welt sahen antikoloniale und nationalistische Bewegungen eine Gelegenheit, Unabhängigkeit von ausländischer Unterwerfung zu erlangen.

Auf der Konferenz fiel Österreich-Ungarn brutal diesem Selbstbestimmungsdrang zum Opfer, da Großbritannien erfolgreich die „Befreiung“ seiner Bestandsgebiete durch die vollständige Zerschlagung des Imperiums anordnete. Dies schuf die unabhängigen Staaten Österreich, Ungarn, die Tschechoslowakei und Jugoslawien. Letzteres Paar waren völlig neue Länder, wobei Jugoslawien aus den südslavischen Regionen Österreich-Ungarns — Bosnien und Herzegowina, Kroatien und Slowenien — sowie den revolutionären Königreichen Serbien und Montenegro geformt wurde. In einer bitteren Ironie hatte Österreich-Ungarn selbst zuvor Selbstbestimmung regional à la Brest-Litowsk gefördert, um seine imperiale Herrschaft zu verankern.

Im Juni 1878 wurde der wenig bekannte Berliner Kongreß einberufen. Die großen europäischen Mächte versuchten, den Balkan nach Rußlands Sieg über das Osmanische Reich drei Monate zuvor neu zu ordnen. Der Konflikt endete damit, daß Moskau durch ein verbündetes Großbulgarien und die neu gebildeten unabhängigen Staaten Montenegro, Rumänien und Serbien Hegemonie über Konstantinopels verbliebene Besitzungen in Südosteuropa behauptete. Österreich-Ungarn, Großbritannien, Frankreich, das sich rasch ausdehnende Gastgeberimperium Deutschland und Italien wünschten jedoch eine Revision dieser Bedingungen.

Map of the Balkans to illustrate the Treaty of Berlin 1878.

Während der Kongreß die Unabhängigkeit der drei neuen Balkanstaaten anerkannte, verlangten die Teilnehmer, daß Bosnien und Herzegowina zum österreichisch-ungarischen Protektorat werde — zum Verdruß Serbiens. Wiens darauffolgende Übernahme Sarajevos ließ Zehntausende muslimische Einwohner in die Türkei fliehen. Dieser Exodus verstärkte sich 1881 nach der Einführung der Militärpflicht. Der Schritt war von Serbien und Montenegro inspiriert worden, die lokale antiimperiale Elemente unterstützten. Es war nur eine österreichisch-ungarische Machenschaft, die das harmonisch multiethnische und multikonfessionelle Bosnien und Herzegowina in ein zersplitterndes Pulverfaß verwandeln sollte.

Im Dienste dieses Zieles pflegten Sarajevos österreichisch-ungarische Besatzungsbehörden aktiv eine Nationalität, die ausschließlich auf der bosniakischen — bosnisch-muslimischen — Identität beruhte. Der lokale serbokroatische Dialekt wurde zur eigenständigen bosnischen Sprache erklärt, kyrillischer Text unterdrückt, während serbische Bücher und Zeitungen verboten wurden. Wiens Einmischung vermochte keine gewalttätige, separatistische Spaltung zwischen Bosniens vielfältigen Völkern anzustacheln. Sie schuf dennoch ein riesiges Heer von Wehrpflichtigen für jeden künftigen regionalen Krieg und verschaffte Österreich-Ungarn einen imperialen PR-Erfolg. Laut dem Historiker Maximilian Georg:

„[Wiens] Ziele waren, der Bevölkerung ihre vermeintliche bosnische, pro-habsburgische Identität beizubringen, die österreichisch-ungarischen Herrscher als neue Römer zu legitimieren und Europa und der Welt den Erfolg von Österreich-Ungarns ‚Zivilisierungsmission‘ in einem ‚orientalischen‘ Land zu demonstrieren. Diese ‚Zivilisierungsmission‘ unter Militärbesatzung war der stärkste Hinweis auf einen österreichisch-ungarischen Kolonialismus.“

„Jugoslawischer Nationalist“

Sowohl Österreich-Ungarn als auch Deutschland betrachteten die bloße Existenz des unabhängigen Serbiens als permanentes Ärgernis für ihre osteuropäische Vorherrschaft, das schließlich neutralisiert werden müsse. Die Spannungen stiegen nach der Jahrhundertwende ständig an und führten 1908 zur formellen Annexion Bosniens durch Wien. Die Imperialisten in Berlin hatten die kolonialen Machenschaften Österreich-Ungarns die ganze Zeit mit intensem Interesse verfolgt. Im Jahr 1888 sah Kanzler Otto von Bismarck prophetisch voraus, daß „irgendeine verdammte dumme Sache auf dem Balkan“ Europas empfindliches Gleichgewicht der Kräfte stören und einen größeren globalen Konflikt auslösen werde.

Serbiens und Montenegros Einmarsch in Albanien im Oktober 1912 im Zuge von deren Unabhängigkeitserklärung vom Osmanischen Reich erwies sich fast als diese „verdammte dumme Sache.“ Serbische und montenegrinische Kräfte versuchten, Territorium dauerhaft einzunehmen, zogen sich aber ein Jahr später unter der Drohung österreichisch-ungarischer Intervention zurück. Im Nachgang besuchte Kaiser Wilhelm II. Wien und erklärte gegenüber kolonialen Amtsträgern, daß „ein Krieg zwischen Ost und West auf lange Sicht unvermeidlich“ sei. Da Slaven „nicht zum Herrschen, sondern zum Gehorchen geboren“ seien, könnten ihre antiimperialen Tendenzen nicht viel länger toleriert werden.

Wilhelm II. gelobte ferner, Österreich-Ungarn in jedem künftigen Konflikt in Osteuropa zu „stützen“ und versicherte seinen Wiener Gegenübern, Berlin sei „bereit, jederzeit den Säbel zu ziehen, wenn euer Vorgehen es notwendig macht.“ Gavrilo Princips Attentat auf Erzherzog Ferdinand in Sarajevo im Juni 1914 lieferte einen idealen Vorwand für die vom Kaiser lang ersehnten Auseinandersetzung zwischen Slaven und Teutonen. Unter Druck der österreichisch-ungarischen Behörden, während seines Prozesses Belgrad direkt in seine Tat zu verwickeln, bestand Princip stattdessen darauf, er sei ideologisch motiviert gewesen:

„Ich bin ein jugoslawischer Nationalist, der auf die Vereinigung aller Jugoslawen abzielt, und es ist mir egal, welche Staatsform, aber sie muß frei von Österreich sein … Der Plan war, alle Südslawen zu vereinen. Es war klar, daß Serbien als der freie Teil der Südslawen die moralische Pflicht hatte, bei der Vereinigung zu helfen, den Südslawen das zu sein, was Piemont für Italien war … Meiner Meinung nach sollte jeder Serbe, Kroate und Slowene ein Feind Österreichs sein.“

Im Jugoslawien der Nachkriegszeit wurde Princip zum Nationalhelden erhoben. Anfang 1930 wurde an der Stelle von Ferdinands Ermordung eine Gedenktafel errichtet, die ein Gründungsereignis des neuen Landes feierte. Sie war die einzige Trophäe, die die Nazis nach der Achseninvasion Jugoslawiens beanspruchten — überreicht an Adolf Hitler bei einer feierlichen Zeremonie an seinem 52. Geburtstag im April 1941, zwei Tage nach der Kapitulation Belgrads. Ein potentes Totem deutschen Schmerzes getilgt, war es nun an der Zeit, Jugoslawien dauerhaft auszulöschen.

„Fundamentale Unterordnung“

Adolf Hitler begutachtet die von Gavrilo Princip geplünderte Gedenktafel zur Ermordung von Erzherzog Ferdinand.

Die Zerschlagung des Landes stützte sich stark auf die Errichtung genozidaler, ethnonationalistischer Marionettenkörper. Die schmerzlichen Erinnerungen an diese Versuche, unter dem Banner der „Selbstbestimmung“ Hegemonie über den Balkan auszuüben, waren für viele Einwohner Jugoslawiens im Dezember 1991 noch lebendig. Damals erkannte das neu vereinte Deutschland einseitig die Föderationsmitglieder Kroatien und Slowenien als „unabhängige“ Staaten an und ermutigte andere Republiken des zerfallenden Landes, dem separatistischen Vorbild des Paares zu folgen. Weithin wurde vorhergesagt, daß Jugoslawiens Untergang Blutvergießen in großem Ausmaß erzeugen würde.

Jugoslawien hatte sechs Monate zuvor Krieg gegen kroatische und slowenische Sezessionisten geführt. Letzterer Konflikt dauerte nur zehn Tage, aber ersterer schwelte noch. Die Europäische Gemeinschaft und die UNO rangen die ganze Zeit vergeblich um friedliche Lösungen für Jugoslawiens sich gravierend verschlechternde Krise, während sie formell der Erhaltung des Landes in irgendeiner Form verpflichtet waren. Berlins Anerkennung sabotierte diese Bemühungen summarisch, da jeder Anreiz für jugoslawische Republiken entfiel, ihre Zukunft mit Belgrad auszuhandeln, während Nationalisten in jeder Republik bestärkt wurden.

Die Befürchtungen über Berlins wiederauflebenden Imperialismus beschränkten sich nicht auf Jugoslawien. Wie TIME zeitgenössisch bemerkte, „war es früher eine Selbstverständlichkeit des europäischen politischen Lebens, daß Deutschland … keine führende oder kontroverse Rolle in der Weltpolitik übernehmen würde“ — was „seinen Nachbarn sehr gut gefiel.“ Während das besetzte Westdeutschland während des Kalten Krieges als „wirtschaftlicher Riese und politischer Zwerg“ fungierte, bereitete Berlins „unerwartete Machtdemonstration in der Diplomatie“ beim Anerkennen Kroatiens und Sloweniens als „unabhängige“ Länder nun in westlichen Hauptstädten „Unbehagen.“

Im britischen Parlament zitierte der damalige Außenminister Douglas Hurd ausdrücklich die Weltkriege als beunruhigende Präzedenzfälle für Deutschlands modernen „Selbstbestimmungs“-Vorstoß im baldigen Ex-Jugoslawien. „Es gibt eine Tradition der Hauptstaaten Westeuropas, sich bei diesen Balkanfragen in Rivalität zu spalten, und das alles endet auf dem Schlachtfeld. Ich glaube nicht, daß diese Tradition eine gute ist,“ warnte Hurd. Washington, immens verärgert darüber, daß Berlin „den USA vorauseilte“, übernahm pflichtgemäß das Management der jugoslawischen Krise — mit verheerenden Folgen.

Die Bruderkriege, die Jugoslawien danach heimsuchten, schufen einen höchst invasiven Brückenkopf, über den die deutsche wirtschaftliche und politische Hegemonie in der gesamten Region anschwoll — ohne direkte militärische Beteiligung. Während Berlin seine Unterstützung für die kroatische und slowenische „Unabhängigkeit“ in Begriffen der Menschenrechte rahmte, waren die reichen finanziellen Belohnungen der Zerschlagung der Föderation offensichtlich. Als bei weitem die zwei wohlhabendsten Republiken gewährte Deutschland sich selbst effektiv Zugang zu den „besten Produktivanlagen“ des bald ehemaligen Landes, indem es dessen praktischen und physischen Zusammenbruch anstieß, so ein Wissenschaftler in einem Fachaufsatz von 2008.

Die Autoren schreiben, daß Berlins „hegemoniales Verhältnis“ zu jugoslawischen Nachfolgenationen danach erheblich größer war als selbst Deutschlands imperiale Infiltration „kleinerer Staaten“ anderswo in Mittel- und Osteuropa. Dies liegt an der „spezifischen Abhängigkeit“ der Balkanländer von Berlins „Strukturmacht.“ In wirtschaftlicher Hinsicht bedeutet das riesige nationale Handelsdefizite mit Deutschland in der gesamten Region, wobei „Balkan-Vorprodukte und Rohstoffe“ in unablässigem, riesigem Strom nach Berlin fließen, während deutsche Konzerne und Produkte viele kommerzielle, finanzielle und industrielle Sektoren vor Ort dominieren.

Die Grundlage dieser außerordentlichen wirtschaftlichen Kolonisierung war die Einführung durch Jugoslawiens Nachfolgestaaten von „unabhängigen“ Währungen, die zunächst an die frühere Deutsche Mark, nun an den Euro gebunden waren. Dies erwies sich als entscheidend für die „fundamentale Unterordnung der politischen Ökonomien der Region unter die ideologischen und operativen Normen“ der EU — oder des deutschen Imperiums mit anderen Mitteln. Die neuen nationalen und privaten Bankensysteme der postjugoslawischen Länder wurden spezifisch nach Berlins eigenem strukturiert, mit deutschen Banken an der Spitze — wie anderswo in Mittel- und Osteuropa. Und das ist noch nicht alles:

„[Die DM/Euro-Bindung] war eine wesentliche Voraussetzung für die Gestaltung der makroökonomischen Politik dieser (und anderer Übergangs-)Staaten, für ihre außenwirtschaftlichen Beziehungen, für die weitere Entwicklung ihrer Kapitalmärkte und die daraus folgenden Programme der Liberalisierung, Deregulierung und Privatisierung.“

„Europäischer Kontinent“

Berlins Bankenübernahme auf dem Balkan „erleichtert darüber hinaus grundlegend das Eindringen aller deutschen Unternehmen in das Geschäftsleben der Balkanwirtschaften.“ Berlin hat seitdem gierig lokale Ressourcen und Industrien gleichermaßen geplündert, seine regionalen Investitionen „geprägt von Übernahmen.“ Zum Beispiel sind deutsche Supermärkte in Mittel- und Osteuropa nahezu monopolistisch vertreten, mit Warenpreisen, die häufig höher sind als zu Hause, trotz geringer lokaler Kaufkraft. Niedrige Löhne, riesige strukturelle Arbeitslosigkeit und massiver Braindrain sind allesamt miteinander verbundene, ruinöse Erbschaften.

Die westliche „Transition“ auf dem Balkan war weit zerstörerischer als selbst die Greuel, die in den 1990er Jahren über den früheren Warschauer Pakt hereinbrachen. Stark beeinflußt „von präskriptiven Programmen, die von der EU und der Weltbank ausgehen,“ ist Brüssel seit 1999 auch „aktiv beteiligt“ an der Beratung und Führung jedes Landes in der Region in Richtung Blockmitgliedschaft. Nach so viel aufgezwungener Verarmung ist nicht ganz klar, welche nennenswerten Vorteile Balkanstaaten oder -bevölkerungen aus ihrer Vasallschaft unter dem sich formalisierenden deutschen Imperialismus ziehen werden.

Ende 2019 schrieb ein Balkan-Liberaler, der einst eifrig die EU-Mitgliedschaft seines Landes befürwortet hatte, eine traurige Elegie auf den „Prozeß der sogenannten Integration“, den jugoslawische Nachfolgestaaten durch die Übernahme von „Maßnahmen“, „Instrumenten“ und „Reformen“ erlitten, die von „westlichen Technokraten“ diktiert wurden. Frisch „unabhängige“ Länder „wurden erwartet, von Grund auf eine vollständig entwickelte westliche liberale Demokratie zu errichten … auf den Trümmern eines anderen, aber vollständig entwickelten Systems … während wir die Last sich vertiefender Armut und eines Traumas hinter uns herzogen.“ Mehrere waren und sind tief gezeichnet von durch Berlin und Brüssel ermunterten „Unabhängigkeits“-Kriegen.

Jedoch war „dieser qualvolle Prozeß des Zerstörens und Neuerrichtens eines ganzen Systems … weder schnell genug noch erfolgreich genug“ für das neue deutsche Imperium. Überdies war „der Wettbewerb nicht fair“ — „das Öffnen unserer Märkte für den entwickelten Kapitalismus des Westens und die Durchführung neoliberaler Reformen saugte unsere menschlichen und wirtschaftlichen Ressourcen aus, während wir versuchten Schritt zu halten.“ Die Überreste des Sozialismus wurden beseitigt, staatliche Industrien verkauft und Sozialausgaben drastisch gesenkt. Der Aufsatz versäumte es rätselhafterweise zu erwähnen, daß Deutschlands zeitgenössischer wirtschaftlicher Balkan-Angriff eine „starke Sicherheitsdimension“ hat.06/18/99: KFOR Sectors

Die ursprüngliche KFOR-Besatzungskarte für den Kosovo, Juni 1999

Der Aufsatz von 2008 stellt fest, daß Berlin direkte kolonialstilmäßige Kontrolle in der gesamten Region ausübt, zum Beispiel über das von der EU bestimmte Amt des Hohen Repräsentanten in Bosnien und Herzegowina, das traditionell als Deutschlands imperialer Vizekönig in Sarajevo dient. Überdies war Berlin stets ein wichtiger Beitragszahler zur Kosovo-Friedenstruppe KFOR der NATO, die eine Militärbesatzung aufrechterhält, unter der Prishtina im Februar 2008 kontrovers die Unabhängigkeit von Serbien erklärte. Diesen Sommer begann Washingtons KFOR-Kontingent nach 27 Jahren seinen Abzug aus dem Kosovo.

Inzwischen signalisieren die Amerikaner offen die Aufgabe Bosniens, was möglicherweise dringende Fragen über die Zukunft des vereinten Landes aufwirft. Im April machte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in ausdrücklichem Bezug auf das frühere Jugoslawien klar, daß die EU und sie persönlich beabsichtigen, „den europäischen Kontinent zu vervollständigen, damit er nicht unter russischen, türkischen oder chinesischen Einfluß fällt.“ Die Geschichte zeigt uns, daß solche Erklärungen von deutschen Imperialisten häufig in weltbedrohende Katastrophen münden. Unterdessen könnte „irgendeine verdammte dumme Sache auf dem Balkan“ offensichtlich auch heute wieder Krieg auslösen.