Im Gespräch über die Spannungen zwischen Iran, Israel und den USA entwirft Scott Ritter, ein ehemaliger UN-Waffeninspektor und früherer Nachrichtendienstoffizier des US Marine Corps, ein Szenario begrenzter amerikanischer Militärschläge. Zugleich beschreibt er weitreichende Folgen für Ölpreise, Saudi-Arabien, den Ukrainekrieg und die europäische Sicherheit. Seine Einschätzungen und Behauptungen im Gespräch sind nicht unabhängig bestätigt.
Israelische Warnungen und die Möglichkeit eines US-Angriffs
Der Moderator berichtet von einem in Israel ausgerufenen Ausnahmezustand und erhöhter militärischer Alarmbereitschaft. Anlass seien laut seiner Darstellung Raketentests im Iran in den vorangegangenen 36 Stunden gewesen: Mehr als 30 Raketen seien gestartet worden. Israel warne vor einem möglichen Überraschungs- oder Präventivschlag Irans. Der Moderator nennt zudem mobile Schutzräume in Tel Aviv und die Verlegung von Luftabwehrsystemen. Auch Iran sei in Alarmbereitschaft und habe eine 72-stündige vollständige Mobilisierung angeordnet, mit ballistischen Raketen und Luftabwehrsystemen.
Ritter hält einen iranischen Präventivschlag für unwahrscheinlich. Iran habe in der Vergangenheit trotz Gelegenheiten nicht präventiv angegriffen; er sehe keinen Grund, weshalb sich dieses Muster nun ändern sollte. Ein Angriff könnte nach seiner Einschätzung zwar unter bestimmten Umständen völkerrechtlich als Präemption begründet werden. Er sagt aber, Iran sei grundsätzlich dem Völkerrecht verpflichtet und habe keinen Anlass, davon abzuweichen. Die Warnungen aus Israel bezeichnet Ritter deshalb vor allem als «Posturing», also als demonstrative Positionierung. Möglich sei, dass damit eine Kulisse geschaffen werde, die einen israelisch-amerikanischen Angriff begünstige.
Für die USA erwartet Ritter einen Angriff gegen Iran irgendwann im Umfeld der Zwischenwahlen, entweder davor oder kurz danach. Als mögliches Ziel nennt er den Berg Pickaxe. Die von CNN laut Moderator diskutierte «Mutter aller Bomben» könne dabei eine Rolle spielen. Ritter meint jedoch, diese Bombe werde das Bergziel nicht zerstören. Sie solle vielmehr den Eindruck einer entscheidenden amerikanischen Intervention erzeugen und Präsident Donald Trump ermöglichen, den Einsatz als Sieg darzustellen.
Einen eigenständigen israelischen Angriff hält Ritter derzeit für wenig wahrscheinlich. Israel riskiere damit, die Beziehung zu den USA zu beschädigen: Sollten die USA Israel anschliessend nicht unterstützen, könnte das Land allein dastehen. Ritter vermutet deshalb, dass die Entscheidung über einen möglichen Einsatz militärischer Gewalt gegen Iran vorerst in Washington liege und Israel abwarte. Der Moderator verweist auf drei Flugzeugträger, die bis Ende Oktober im Zuständigkeitsgebiet des US Central Command (CENTCOM) sein könnten. Ritter schätzt, drei Trägerverbände könnten zusammen rund 200 Kampfflugzeuge bereitstellen. Das ermögliche mehr Flexibilität und Einsatztiefe, insbesondere weil die USA nach seiner Darstellung ihre früheren Möglichkeiten zur Stationierung von Flugzeugen in der Region verloren hätten. Er hält eine dreitägige Operation für wahrscheinlicher als einen 30- oder 40-tägigen Krieg; die Flugzeugträger könnten für einen solchen kurzen Einsatz ausreichen. Jordanien könne weiterhin als Standort für Flugzeuge dienen.
Netanjahus Wahlkampf und die Erzählung einer Bedrohung
Die erhöhte israelische Rhetorik erklärt Ritter mit der bevorstehenden Wahl und der politischen Lage von Benjamin Netanjahu. Für den israelischen Ministerpräsidenten stehe laut Ritter nicht nur das politische Überleben auf dem Spiel: Verliere seine Koalition ihre Stellung in der Knesset, könne Netanjahu auch die Immunität verlieren, die er sich über die Zeit gesichert habe. Ritter behauptet, Netanjahu drohe dann ein Korruptionsprozess und möglicherweise eine Verurteilung. Er wirft ihm vor, die Rolle des Sicherheitsfachmanns zu pflegen und sich als einziger Politiker darzustellen, dem die Israelis angesichts der Bedrohungen vertrauen könnten.
Ritter sagt, Netanjahu wolle zugleich verhindern, dass vor der Wahl eine Phase relativer Ruhe einsetze. Eine solche Pause könne die Wählerschaft dazu bringen, sich mit seiner Bilanz auseinanderzusetzen. Ritter erinnert an die Proteste im September 2023 gegen Netanjahu und seine Regierung sowie an die damalige Warnung des israelischen Präsidenten vor einem möglichen Bürgerkrieg. Er stellt ausserdem die Reaktion auf den Hamas-Angriff vom 7. Oktober infrage und behauptet, Netanjahu habe im Voraus glaubwürdige Warnungen erhalten, aber nichts unternommen. Daraus leitet Ritter eine schwerwiegende Anschuldigung im Zusammenhang mit der israelischen Reaktion und der sogenannten Hannibal-Direktive ab.
Auch verbreitete Berichte über den 7. Oktober stellt Ritter infrage. Er behauptet, für die Erzählungen über enthauptete Babys und sexuelle Übergriffe gebe es keine Belege; die Darstellung beruhe auf Übertreibungen, Spekulationen und Informationen aus zweiter Hand. Im Gespräch wird dafür keine unabhängige Überprüfung vorgelegt. Ritter verbindet seine Kritik an Netanjahu mit einer umfassenderen Einschätzung der israelischen Lage: Israels Ansehen im Ausland sei beschädigt, die Kämpfe im Libanon hätten dem Land nicht den erhofften Erfolg gebracht und die Lage in Syrien könne Israel auf einen Konflikt mit der Türkei zubewegen. Hinzu kämen aus seiner Sicht gescheiterte Auseinandersetzungen mit Iran und den Huthi im Jemen. Netanjahu sei deshalb nicht, wie er sich darstelle, ein «Sicherheitsministerpräsident», sondern vielmehr ein Politiker, der die Unsicherheit vergrössert habe. Die Warnungen vor iranischen Angriffen dienten seiner Ansicht nach auch dazu, von diesen Problemen abzulenken.
Der Moderator fragt, ob Iran die Hisbollah tatsächlich zu einer Beteiligung an neuen Kämpfen aufgefordert habe. Ritter sagt, er wisse nicht, ob dies geschehen sei. Entscheidend sei für ihn, ob die Information aus iranischen oder aus westlichen Quellen stamme. Berichte westlicher, Israel nahestehender Stellen könnten Teil einer Erzählung über die iranische Bedrohung sein. Ritter rät deshalb zur Vorsicht, ohne auszuschliessen, dass Iran mit der Hisbollah in Kontakt stehe oder sie zu einem Beitritt aufgefordert habe.
«Mutter aller Bomben»: militärische Wirkung und politische Inszenierung
Ritter unterscheidet zwischen der GBU-57, einem schweren Bunkerbrecher, und der «Mutter aller Bomben». Die GBU-57 sei teuer und schwierig herzustellen und werde deshalb nur in kleinen Mengen produziert. Bei der Operation Midnight Hammer sei eine grosse Zahl eingesetzt worden; Ritter bezweifelt, dass seither genügend neue Bomben gebaut worden seien. Er sagt, die USA könnten daher nur noch über geringe Bestände verfügen.
Für Ritter liegt der politische Antrieb eines neuen Angriffs darin, dass Trump einen Ausweg aus dem Stillstand im Konflikt mit Iran brauche und als entschlossen erscheinen wolle. Trump habe wiederholt erklärt, Iran werde keine Atombombe besitzen. Bei Midnight Hammer, so Ritter, habe Trump mit den Treffern auf die Anlage in Fordo und Bomben, die in Lüftungsschächte gelangt seien, den Eindruck erweckt, das iranische Atomprogramm sei zerstört. Trump habe zudem behauptet, das auf 60 Prozent angereicherte Uran sei zu «nuklearem Staub» geworden.
Ritter führt als Gegenargument die Verhandlungen vor der aktuellen Konfliktrunde an. Iran habe dort demnach angeboten, das gesamte Uran mit 60-prozentiger Anreicherung zu übergeben und verdünnen zu lassen. Daraus folgert Ritter, das Material sei noch vorhanden und nicht zu Staub geworden. Er bezeichnet Trumps frühere Darstellung als falsch und sagt, die Verhandlungsaufzeichnungen hätten dies offengelegt. Um erneut den Eindruck zu erzeugen, das iranische Atomprogramm sei vernichtet, müsse Trump nach Ritters Einschätzung nun eine neue Zerstörung inszenieren.
Die «Mutter aller Bomben» sei eine thermobarische beziehungsweise Treibstoff-Luft-Waffe. Sie verteile brennbares Material, das sich entzünde und eine starke Druckwelle erzeuge. Diese könne massive oder unterirdische Strukturen beschädigen, doch Ritter bezweifelt, dass sie für ein Ziel wie Pickaxe Mountain genügend Druck erzeugen würde. Die Waffe sei überbewertet und gegen bergiges Gelände wenig geeignet. Bei einem früheren Einsatz gegen den sogenannten Islamischen Staat in der Provinz Khorasan habe sie nach Ritters Darstellung vor allem Zivilisten getötet, obwohl sie gegnerische Fähigkeiten in der Gegend ausschalten sollte. Ob mehrere Bomben nacheinander eingesetzt würden, lässt er offen.
Ritter erwartet vor allem eine medienwirksame Inszenierung: Der Abwurf, der Einschlag und eine grosse Staubwolke würden gefilmt; Trump könne anschliessend erklären, er habe das iranische Atomprogramm zerstört. Das würde ihm erlauben, den Einsatz als Erfolg darzustellen und Iran zu verlassen. Dies beschreibt Ritter als sein mögliches Szenario, nicht als gesicherten Plan der US-Regierung.
Iran, Saudi-Arabien und die Front im Jemen
Auf die Frage nach möglichen Risiken eines neuen Angriffs verweist der Moderator auf einen Ölpreis von 110 Dollar und auf iranische Warnungen, man beobachte die Annäherung der US-Flugzeugträger und könne in den kommenden Tagen eine Operation durchführen, um sie zurückzudrängen. Ritter sagt, die genauen Pläne seien nicht bekannt. Die Medien sprächen von einem dreitägigen Krieg, doch das müsse nicht der tatsächliche Ablauf sein.
Ritter führt die Einschätzung an, Iran sehe die Trump-Regierung als auf der Suche nach einem gesichtswahrenden Ausweg. Der iranische Parlamentspräsident und Chefunterhändler habe dies laut Ritter bei einem Besuch im Irak vor einigen Monaten gesagt. Daraus leitet Ritter die Möglichkeit einer begrenzten, teilweise abgestimmten Abfolge ab: Die USA könnten Bomben abwerfen und weitere Ziele angreifen, Iran könnte mit ballistischen Raketen antworten, danach könnten beide Seiten anhalten. Washington würde den Sieg erklären und sich zurückziehen; Iran würde den Rückzug nicht verhindern. Ritter nennt dies den aus seiner Sicht logischsten Verlauf für beide Seiten, betont aber, dass er damit keinen sicheren Ausgang vorhersage.
Im Jemen sieht Ritter keine Anzeichen dafür, dass Ansar Allah – von ihm auch Huthi genannt – aufgeben werde. Er sagt, Saudi-Arabien habe die jüngste Kampfrunde provoziert. Als Ausgangspunkt nennt er einen saudischen Angriff im August auf den Flughafen SA, nachdem ein iranisches Flugzeug iranische Pilger von der Beerdigung Ali Kams zurückgebracht habe. Saudi-Arabien habe eine Luftblockade verhängt; Ansar Allah habe mit einer eigenen Blockade geantwortet und greife nun gezielt die für Saudi-Arabien zentrale Ölproduktion an. Die saudischen Bombardierungen hätten nach Ritters Einschätzung keinen entscheidenden Einfluss. Die Kämpfer seien von der Überzeugung geprägt, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen, und bereit, Märtyrer zu werden; Drohungen mit ihrer Tötung würden sie deshalb nicht zum Einlenken bewegen.
Ritter zeichnet die Folgen als existenziell: Ansar Allah könne den Konflikt so lange fortsetzen, bis die saudische Herrscherfamilie gestürzt oder die Bewegung selbst zerstört sei. Iran könnte womöglich Druck ausüben, um die Angriffe zu stoppen, doch Ritter sieht nicht, dass Saudi-Arabien allein den Verlauf ändern könne. Er verweist auf saudische Vorwürfe, Iran unterstütze und ermutige Ansar Allah; ausserdem seien Russland und China laut einem saudischen Vertreter an der Bereitstellung von Aufklärungsfähigkeiten beteiligt. Iran habe sich im Rahmen der 2023 mit chinesischer Vermittlung geschlossenen Vereinbarung zur Normalisierung bereit erklärt, zwischen den Konfliktparteien zu vermitteln. Ritter hält es jedoch für unwahrscheinlich, dass Teheran Saudi-Arabien inzwischen als Partner sehe. Saudi-Arabien habe die US-israelischen Angriffe auf Iran ermöglicht und unterstütze weiterhin die von den USA geführte Koalition, sagt er. Die Vereinbarung von 2023 habe diese Entwicklung aus seiner Sicht nicht aufgehalten.
Ritter ordnet den saudischen Einsatz im Jemen in eine längere politische Geschichte ein. Saudi-Arabien habe sich 2014 oder 2015 unter Kronprinz Mohammed bin Salman direkt gegen die Huthi engagiert, in der Erwartung eines raschen Sieges. Der Krieg sei jedoch zum Desaster geworden. Ritter bringt dies mit dem Machtkampf in Saudi-Arabien in Verbindung und verweist auf den November 2017, als Mohammed bin Salman bei einer faktischen Machtübernahme elf Mitglieder des Königshauses festgenommen habe, darunter den Kommandanten der Nationalgarde. Die Kontrolle über das Land habe er damit nicht durch die Zustimmung der Bevölkerung, sondern durch Machtmittel gewonnen. Solange die Öleinnahmen gesichert gewesen seien, habe sich das möglicherweise politisch rechtfertigen lassen; die Angriffe auf die Ölwirtschaft machten seine Misserfolge nun sichtbarer, sagt Ritter.
Ölpreise, US-Wahlen und die Ukraine
Ritter sieht einen direkten Zusammenhang zwischen der Eskalation im Nahen Osten und dem Krieg in der Ukraine. Er behauptet, die USA hätten gemeinsam mit Israel den Krieg gegen Iran begonnen und verloren; Iran habe die Kontrolle über die Strasse von Hormus durchgesetzt, ohne dass die USA eine militärische Lösung dafür hätten. Zugleich sei die Gewalt über die Strasse von Bab al-Mandab hinaus ausgeweitet worden. Der Konflikt belaste die Weltwirtschaft und sei an den Zapfsäulen auch für amerikanische Wähler spürbar.
Ritter verbindet die steigenden Energiepreise mit den bevorstehenden Zwischenwahlen. Der Preis für Benzin und insbesondere Diesel wirke sich auch auf Lebensmittel aus: Wenn Transportunternehmen mehr für Diesel zahlten, würden unter anderem Gemüse, Milch und Getreideprodukte teurer. Er sagt, seine eigene Lebensmittelrechnung sei dreimal so hoch wie zur gleichen Zeit im Vorjahr. Trump müsse deshalb zeigen, dass er die Preise unter Kontrolle bringen könne. Ritter zufolge kann Trump aber nicht schlicht die Verantwortung Iran zuschieben: Die Wähler könnten erwidern, dass er selbst einen Krieg begonnen habe, den er nicht hätte führen müssen.
Stattdessen versuche Trump nach Ritters Einschätzung, die Dieselkrise mit anderen Ursachen zu erklären. Trump habe Angriffe der Ukraine auf russische Raffinerien für den Ausfall russischer Dieselverkäufe verantwortlich gemacht. Ritter räumt ein, die Angriffe hätten stattgefunden und Russland habe den Verkauf von Diesel auf dem Weltmarkt eingeschränkt; er bestreitet aber, dass dies die eigentliche Ursache der Krise sei. Diese liege seiner Ansicht nach im US-Angriff auf Iran. Zudem behauptet er, die ukrainischen Angriffe auf russische Energieanlagen seien ein CIA-Programm, das Trump angeordnet habe. Die Behauptung, es handle sich allein um eine Initiative des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, verschleiere nach Ritters Darstellung die Rolle Washingtons.
Trump habe, so Ritter, drei Schritte unternommen, um die Märkte zu beruhigen. Erstens habe er gesagt, die USA würden Iran nicht vor den Zwischenwahlen bombardieren. Ritter hält diese Zusage für wahrscheinlich falsch, sieht ihren Zweck aber darin, kurzfristig die Sorge vor Engpässen zu senken. Zweitens habe Trump die Europäer dazu gebracht, 50 Prozent ihrer strategischen Dieselreserven auf den Markt zu bringen. Das reiche laut Ritter nur für etwa zwei Wochen und ändere deshalb nichts dauerhaft. Drittens habe Trump einen Dieselhandel mit Russland angestossen, der längerfristiges Potenzial haben könne, aber die verfügbare Menge vorerst nicht entscheidend erhöhe. Ritter beschreibt alle drei Massnahmen als Versuch, vor der Wahl den Eindruck eines entschlossenen Krisenmanagements zu erzeugen.
Auch Selenskyj spiele dabei nicht mit. Ritter verweist auf mehr als 600 Drohnen, die in der vorangegangenen Nacht gegen Russland gestartet worden seien, davon über 100 in Richtung Moskau. Nach seiner Darstellung seien alle abgeschossen worden; entscheidend sei aber die politische Wirkung der Angriffe. Selenskyj müsse Europa zeigen, dass die Ukraine weiter Widerstand leisten könne. Ritter sagt, Selenskyj habe dem Europäischen Parlament mitgeteilt, die Ukraine benötige 90 Milliarden Dollar sofort und weitere 155 Milliarden im Verlauf des nächsten Jahres, um den Krieg fortzusetzen. Europa wolle jedoch nicht unbegrenzt Geld in ein aus Ritters Sicht kollabierendes Land investieren. Zugleich dränge Europa Selenskyj, weiterzukämpfen, und betrachte ihn als eine Art neuen Winston Churchill. Ritter sieht deshalb eine offene Entfremdung zwischen Trump und Selenskyj und hält Selenskyjs politische Zukunft für gefährdet.
Washingtons Entscheidungsprozess und die Energiepolitik
Auf die Frage, ob die Folgen der verschiedenen Konflikte vorausgesehen worden seien, vergleicht Ritter die Entscheidungsabläufe der Biden- und der Trump-Regierung. Die Biden-Regierung sei zwar stark kritisiert worden, habe aber nach seiner Darstellung einen systematischen Prozess verwendet: Vorgaben des Weissen Hauses seien im Nationalen Sicherheitsrat und zwischen den Ministerien ausgearbeitet, von Arbeitsgruppen weiterentwickelt und schliesslich der Führung und dem Präsidenten zur Entscheidung vorgelegt worden. So hätten die beteiligten Stellen an einem gemeinsamen Plan gearbeitet.
Unter Trump funktioniere dieses Verfahren laut Ritter nicht. Der Präsident entwickle mit seinem inneren Kreis frühmorgens Botschaften für soziale Medien; diese würden zu politischen Vorgaben, auf die die Behörden anschliessend reagieren müssten. Es fehle an eingehender Analyse und langfristiger Planung, sagt Ritter. Die Regierung habe Politik aus der Biden-Zeit übernommen, und die Bürokratie setze deren eingeschlagene Richtung teilweise weiter um. Gleichzeitig kämen von oben neue, teils widersprüchliche Signale. Ritter beschreibt dies als Grund für Verwirrung bei der Ukraine-, Iran- und Energiepolitik.
Als übergeordnetes Ziel sieht Ritter den Versuch, die amerikanische Energielage als Machtmittel einzusetzen und den Zugang Chinas zu Energie zu beeinflussen. Er nennt Venezuela, Iran und Russland als Teile dieser Strategie. Die USA wollten Russland und Iran wirtschaftlich schwächen und Energieströme nach China kontrollieren, doch die Umsetzung sei uneinheitlich und schlecht koordiniert. Ritter führt auch den Lindsey Graham Act an, der Russland nach seiner Darstellung den Verkauf von Diesel verbieten soll. Trump habe das Gesetz unterzeichnet, danach aber einen Dieselhandel mit Russland vereinbart, der ihm widerspreche. Die Politik komme in diesem Fall, sagt Ritter, teilweise von unten aus dem Staatsapparat und nicht aus einer klaren Vorgabe des Präsidenten.
Ritter hält die Strategie, Russland und Iran vom Energiemarkt abzuschneiden, für gescheitert. Die Sanktionen hätten Russland dazu gebracht, rasch engere Energiebeziehungen mit China aufzubauen. Indien habe mangels Alternativen ebenfalls stärker auf russische Energie zurückgegriffen. Iran habe Wege gefunden, Öl nach China zu bringen. Eine vollständige amerikanische Blockade Irans hält Ritter für unglaubwürdig: Schmuggel und informelle Handelswege ermöglichten eine sogenannte graue oder schwarze Wirtschaft, die auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten funktioniere. Iran überlebe auf diese Weise, während die USA nach Ritters Einschätzung keinen vollständigen Einblick in die Vorgänge im Land hätten.
Europas begrenzte Rolle und die Folgen für die Ukraine
Europa könne militärisch nicht unabhängig von den USA handeln, sagt Ritter. Die europäischen Staaten seien weder ausreichend ausgerüstet noch politisch geeint, um sich von ihrer Rolle innerhalb der NATO zu lösen. Er vergleicht ihre lautstarke Politik mit dem Bellen kleiner Hunde: Sie könnten Aufmerksamkeit erregen, hätten aber nicht die Mittel, die Lage zu verändern. Frankreich und Grossbritannien könnten Saudi-Arabien seiner Ansicht nach ebenso wenig wirksam schützen wie Europa der Ukraine die benötigte Unterstützung garantieren könne.
Ritter verweist auf die Geografie der saudischen Öl-Infrastruktur. Luftabwehr schütze einzelne Punkte und deren begrenzte Umgebung, nicht ein ganzes Land. Eine lange Pipeline wie die Ost-West-Pipeline könne deshalb an ungeschützten Stellen von Drohnen getroffen werden. Saudi-Arabien sei ein riesiges Ziel, das kaum vollständig zu verteidigen sei. Gleichzeitig konkurrierten Saudi-Arabien und die Ukraine um knappe Luftabwehrsysteme. Ritter fragt, welches Signal Frankreich an die Ukraine sende, wenn es Saudi-Arabien unterstütze, der Ukraine aber keine Systeme gebe. Insgesamt seien westliche Abwehrmöglichkeiten angesichts kombinierter Angriffe mit Raketen und Drohnen aus seiner Sicht stark eingeschränkt.
Auch die Zahl der Ukrainerinnen und Ukrainer, die fliehen könnten, sei ein möglicher Belastungsfaktor für Europa. Selenskyj habe laut Moderator davor gewarnt, dass mehr als 20 Millionen Ukrainer nach Europa kommen könnten, falls der Krieg verloren gehe. Ritter sagt, die ukrainische Bevölkerung sei von früher über 50 Millionen auf heute rund 20 Millionen gesunken. Viele Ukrainerinnen und Ukrainer seien nach Russland gegangen und dort, so seine Darstellung, friedlich aufgenommen worden, hätten Arbeit und Zugang zu Gesundheitsversorgung erhalten.
Ritter erwartet, dass im kommenden Winter bis zu 50 Prozent der ukrainischen Bevölkerung erneut zu Flüchtlingen werden könnten, weil sie im Land nicht mehr leben könnten. Kiew könnte sich entvölkern; Bürgermeister Vitali Klitschko habe dies laut Ritter gesagt. Die grossen Städte könnten die Vertriebenen nicht aufnehmen, weshalb viele nach Europa gingen. Ritter nennt zudem ein Verhältnis von vier registrierten Todesfällen zu einer Lebendgeburt in der Ukraine. Eine ihm zufolge gut informierte Person in Russland habe die ukrainischen Verluste auf 3,5 Millionen beziffert; die russischen Verluste lägen dagegen deutlich unter einer Million. Ritter räumt ein, dass auch diese Zahl erheblich sei. Diese Angaben werden im Gespräch nicht unabhängig belegt.
Ritter beschreibt die Zukunft ukrainischer Frauen besonders drastisch. Frauen, die nach Europa geflohen seien, würden seiner Behauptung nach sexuell ausgebeutet und könnten in Drogenabhängigkeit, Kriminalität oder Obdachlosigkeit geraten. Frauen, die in der Ukraine blieben, würden möglicherweise mobilisiert und als Drohnenoperatorinnen eingesetzt; Ritter bezeichnet diesen als den gefährlichsten Beruf im ukrainischen Militär. Er folgert, der Bevölkerungsschwund bedrohe die Fähigkeit der Ukraine, Kinder zu bekommen und sich zu erholen.
Als historische Erklärung für die Lage nennt Ritter die NATO-Erweiterung, ukrainische Vorbehalte gegenüber Russland und das Scheitern des Minsker Abkommens. Deutschland und Frankreich hätten nach seiner Darstellung später eingeräumt, Minsk sei nur dazu verwendet worden, Zeit für den Aufbau der ukrainischen Armee zu gewinnen. Er beschreibt die Ukraine heute als international isoliert und behauptet, die Stimmung in Europa gegenüber Ukrainerinnen und Ukrainern habe sich seit 2022 stark verschlechtert. Ritter macht westliche Unterstützer für die Fortsetzung des Kriegs verantwortlich und wirft ihnen vor, die Ukraine als Stellvertreter in einem grösseren Konflikt mit Russland zu behandeln. Seine zugespitzte Schlussfolgerung lautet, es gehe um die «Auslöschung» der Ukraine, nicht bloss um eine Niederlage.
Schlusswort
Zum Ende des Gesprächs sagt Ritter, solche Diskussionen fänden seiner Ansicht nach nicht in den grossen Medienunternehmen statt. Er bezeichnet unabhängige Stimmen wie den Moderator Danny Hiong sowie weitere von ihm genannte Kommentatoren als die eigentliche Mitte der öffentlichen Debatte. Da unabhängige Journalistinnen und Journalisten keine Unternehmensfinanzierung hätten, seien sie auf Unterstützung durch ihr Publikum angewiesen. Er ruft dazu auf, solche Medien und seine eigene Arbeit zu unterstützen.

