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Riad sagt, sein Ölsystem sei intakt. Die Zahlen sagen etwas anderes

Larry C. Johnson

Anfang dieses Monats versicherte der Vorstandsvorsitzende von Aramco, Amin Nasser, den Märkten, „unser System ist intakt”, und Saudi-Arabien könne seine volle Kapazität von 12 Millionen Barrel pro Tag binnen weniger Tage wiederherstellen. Es ist eine beruhigende Botschaft, und Washington, die europäischen Hauptstädte und die Ölhändler haben allen Grund, sie glauben zu wollen. Sie ist nicht wahr.

Karl Miller hat soeben eine 37 Folien umfassende Betriebsanalyse des saudi-arabischen Energiesystems abgeschlossen, die alles von den Ölfeldern bis zu den Treibstofflagern abdeckt, mit Stand vom 20. Oktober. Ich habe sie aufmerksam gelesen. Es ist die sorgfältigste Aufstellung dieser Schäden, die mir bisher begegnet ist, und sie ist auf eine Weise sorgfältig, die jeden beunruhigen sollte, der in diesem Winter auf saudisches Öl setzt. Miller zählt weder Prahlereien der Huthi noch Videos aus sozialen Netzwerken oder Rauchfahnen als Schäden. Er trennt bestätigte Treffer von bloßen Behauptungen, und er weigert sich, die Nennkapazität jeder getroffenen Anlage so zusammenzurechnen, als wäre sie insgesamt und gleichzeitig ausgefallen. Selbst mit all dieser Disziplin ist das Bild düster.

Ein Viertel der saudischen Förderung ist verschwunden

Beginnen wir mit der zentralen Zahl. Im Februar, vor dem Krieg, förderte Saudi-Arabien etwa 10,88 Millionen Barrel Rohöl pro Tag. Im September waren es immer noch 2,51 Millionen Barrel pro Tag weniger, ein Rückgang von 23 Prozent. Im August betrug der Fehlbetrag 4,64 Millionen Barrel pro Tag, als die Produktion auf etwa 6,24 Millionen absackte. Von März bis September förderte das Königreich über 800 Millionen Barrel weniger, als es bei seiner Februar-Rate gefördert hätte. Das sind rund acht Tage des gesamten Weltölverbrauchs, die nie aus dem Boden kamen.

Aramcos eigene Bücher sagen dasselbe. In den vom Unternehmen ausgewiesenen Zahlen fiel die Flüssigkeitsproduktion von 10,56 Millionen Barrel pro Tag im ersten Quartal auf 7,57 Millionen im zweiten, ein Einbruch von 28 Prozent innerhalb eines einzigen Quartals. Erdgas und Ethan gingen um knapp 6 Prozent zurück. Ein Unternehmen, dessen System intakt ist, meldet keine solchen Zahlen.

Die Ausfuhren folgten der Produktion nach unten. In einer konsistenten Erfassungsreihe fielen die saudischen Rohölexporte von 7,27 Millionen Barrel pro Tag im Februar auf 3,70 Millionen im August, ein Rückgang von 49 Prozent. Sie erholten sich im September auf 5,62 Millionen, doch das liegt immer noch 23 Prozent unter dem Vorkriegsniveau.

Die Schäden ziehen sich durch die gesamte Kette

Der Grund, weshalb die Erholung immer wieder ins Stocken gerät, liegt darin, daß die Schäden nicht an einer Stelle liegen. Sie reichen vom Bohrlochkopf bis zur Tankstelle.

Am vorderen Ende erlitt der Komplex Abqaiq, jene Anlage, die den größten Teil des saudi-arabischen Leichtöls aufbereitet, bevor es verschifft oder raffiniert werden kann, im Juli physische Schäden. Im März wurden etwa 2 bis 2,5 Millionen Barrel pro Tag über die Offshore-Felder Safaniya, Marjan, Zuluf und Abu Safa hinweg gedrosselt. Im April verloren Khurais und Manifa jeweils 300.000 Barrel pro Tag.

In der Mitte der Kette sind fünf der großen Raffinerien des Königreichs beschädigt oder stillgelegt. Ras Tanura, mit 550.000 Barrel pro Tag die größte inländische Raffinerie, brannte und wurde im März stillgelegt. SATORP in Jubail verlor im April drei Anlagenteile, fuhr mit halber Kapazität wieder an und lief im Mai immer noch nur bei etwa 70 Prozent. SAMREF in Yanbu wurde im März getroffen. Die Raffinerie Riad fing am 3. Oktober Feuer. Jazan, eine Anlage mit 400.000 Barrel pro Tag, ausgelegt auf die Erzeugung von 250.000 Barrel pro Tag schwefelarmen Dieselkraftstoffs, wurde am 27. Juli stillgelegt, nachdem ihr Kraftwerk und ihr Tanklager getroffen worden waren, und Angriffe von Ansar Allah im August und September vereitelten jeden Versuch des Wiederanfahrens. Satellitenbilder zeigen inzwischen auch Tankschäden bei Petro Rabigh. Die Gasverflüssigungsanlage Juaymah, die die saudi-arabischen LPG-Exporte speist, war von Bränden betroffen.

Am hinteren Ende wird das System zur Lagerung und Verteilung von Treibstoff Stück für Stück zerlegt. Aufnahmen des Großtanklagers Abha vom 13. September zeigen sechs offenbar zerstörte und acht weitere beschädigte Tanks. Ein Depot nahe dem Flughafen von Riad brannte am 19. September. Die Tankgruppen von Jazan wurden wiederholt getroffen.

Und die Ost-West-Pipeline, Saudi-Arabiens einziger Weg, Rohöl an das Rote Meer und um eine geschlossene Straße von Hormus herum zu befördern, wurde immer wieder getroffen. Im April wurden 700.000 Barrel pro Tag an Pumpkapazität ausgeschaltet. Im September legten wiederholte Angriffe drei Pumpstationen lahm und brachten die Leitung bis zu einem Wiederanfahren mit geringer Rate am 22. September zum Stillstand. Am 4. und 5. Oktober wurde eine weitere Pumpstation nahe Khurais als schwer beschädigt gemeldet. Der Energieminister erklärt nun, die Leitung laufe mit 5,8 Millionen Barrel pro Tag gegenüber einer Nennleistung von 7 Millionen. Selbst Miller merkt an, daß niemand außerhalb von Aramco den tatsächlichen Durchfluß mißt.

Warum die Reparaturen nicht halten

Millers wichtigste Erkenntnis lautet, daß es sich hier um ein System handelt und daß Systeme an ihrem schwächsten Glied versagen. Jazan ist das deutlichste Beispiel. Die Instandsetzung der Rohöleinheiten nützt nichts, wenn die Vergasungsanlage und das Kraftwerk, die die Raffinerie betreiben, weiterhin beschädigt sind, und die Instandsetzung des Kraftwerks nützt nichts, wenn keine Tanks vorhanden sind, um den Diesel aufzunehmen. Eine Raffinerie kann auf dem Papier „wieder angefahren” sein und dennoch nichts Brauchbares erzeugen. Dieselbe Logik gilt vorgelagert. Ein Ölfeld mit lauter intakten Bohrungen muß dennoch abgeschaltet werden, wenn die nachgelagerte Aufbereitungsanlage oder Pumpstation defekt ist.

Jedesmal, wenn Aramco ein Glied instand gesetzt hat, wird ein anderes getroffen. Deshalb schlagen sich die Ankündigungen von Wiederinbetriebnahmen nicht in den Förderzahlen nieder.

Saudi-Arabien gehen die verkäuflichen Kraftstoffe aus

Die alarmierendsten Zahlen in Millers Bericht betreffen die Mineralölprodukte. Bis Juli, dem letzten Monat mit vollständigen Daten, war der saudische Raffinerieausstoß gegenüber Februar um 534.000 Barrel pro Tag gefallen, also um knapp 18 Prozent. Die Dieselproduktion sank um 21 Prozent. Die Dieselexporte fielen um 47 Prozent, von 848.000 Barrel pro Tag auf 446.000. Die Benzinexporte gingen um 40 Prozent zurück.

Die Saudis haben die Lücke geschlossen, indem sie ihre Tanks leerten. Die Dieselbestände fielen von 25,6 Millionen Barrel im Februar auf 16,6 Millionen im Juli, ein Rückgang um 35 Prozent. Die Benzinbestände sanken im gleichen Verhältnis. Der größte Ölexporteur der Welt hat seine Einfuhren von Heizöl mehr als verdoppelt, und er verbrennt in seinen Kraftwerken mehr als doppelt so viel Rohöl unmittelbar wie noch im Februar. Ein Teil davon geht auf die sommerliche Klimatisierungslast zurück, doch so verhält sich kein Land, das Treibstoff im Überfluß hat.

Niedrigere Bestände bedeuten weniger Puffer für den nächsten Angriff. Und einen nächsten Angriff wird es geben.

Die Falle, in der Riad sitzt

Millers Bericht benennt eine weitere Gefahr, die ich nirgendwo sonst erörtert gesehen habe. Wenn Saudi-Arabiens Exportwege sich schließen, bleibt seinem Öl kein anderer Weg als die eigenen Raffinerien, die eigenen Kraftwerke und die eigenen Lagertanks. Im Juli nahmen inländische Raffinerien und die unmittelbare Verbrennung etwa 3,04 Millionen Barrel pro Tag auf. Sobald die Lager voll sind, ist das ungefähr die Obergrenze dessen, was Saudi-Arabien weiter fördern könnte. Schließt man Ras Tanura und Yanbu gleichzeitig, so müßte das Königreich den größten Teil seiner Ölfelder abschalten. Genau dieses Szenario soll Ansar Allahs Feldzug gegen die Pipeline, das Rote Meer und die Terminals am Golf herbeiführen.

Warum das alle anderen angeht

Die übrige Welt lebt bereits mit den Folgen. Die saudischen Dieselexporte liegen um rund 400.000 Barrel pro Tag niedriger, und zwar in dem Augenblick, in dem Hormus eingeschränkt ist und russische Raffinerien unter Drohnenangriffen stehen. Die Internationale Energieagentur erklärt, die weltweite Dieselknappheit werde bis weit in das Jahr 2027 hinein andauern. Brent liegt über 100 Dollar. Europa, das auf eingeführten Diesel angewiesen ist, erlebt bereits Unruhen wegen der Lebenshaltungskosten, und der Winter hat noch nicht begonnen.

Miller erhebt nicht den Anspruch, daß jedes Barrel entgangener Förderung von einer Huthi-Rakete zerstört worden sei, und er sagt das ausdrücklich. Ein Teil des Rückgangs spiegelt Entscheidungen der Schiffahrt, der Sicherheit und des Geschäfts wider. Der Punkt ist jedoch, daß es für einen Fernfahrer in Lyon oder einen Landwirt in der Lombardei ohne Belang ist, ob ein Barrel durch eine Rakete, eine gesperrte Seestraße oder eine Raffinerie ohne Strom verlorenging. Es ist so oder so fort.

Wenn Aramco also sagt, sein System sei intakt, so frage man, was die Förderzahlen, die Exportzahlen und die Treibstoffbestände sagen. Sie sagen, daß Saudi-Arabien ein Viertel weniger Öl fördert als im Februar, halb so viel Diesel ausführt und seine Reserven abbaut, um die Lichter brennen zu lassen. Jeder neue amerikanische oder israelische Feldzug gegen den Iran wird auf ein saudisches Energiesystem treffen, das keinerlei Spielraum mehr hat, ihn aufzufangen.