Eine internationale Forschergruppe hat in einer breit angelegten Analyse untersucht, warum im Jahr 2022 in vielen Ländern weiterhin eine auffällige Übersterblichkeit bestand – obwohl die schlimmsten Phasen der Pandemie vorbei waren und ein Großteil der Bevölkerung geimpft war. Die Ergebnisse werfen unbequeme Fragen auf, zeigen aber zugleich, dass einfache Erklärungen zu kurz greifen.
Die Zahlen: Übersterblichkeit trotz Impfungen
Die Studie, veröffentlicht von der Forschungsgruppe C-MOR (Consortium on Monitoring Excess Mortality for Policy Evaluation), analysierte Daten aus 21 Ländern weltweit. In allen untersuchten Staaten wurden auch im Jahr 2022 noch signifikante Übersterblichkeitsraten festgestellt – zwischen 8,6 und 116 zusätzlichen Todesfällen pro 100.000 Einwohner.
Brisant: In vielen Ländern lag die Übersterblichkeit über den offiziell gemeldeten COVID-19-Todeszahlen für das Jahr 2022. Es starben also mehr Menschen, als durch COVID selbst erklärt werden kann.
Die Erklärungsansätze: Komplex, nicht monokausal
Die Forscher selbst warnen davor, vorschnelle Schlüsse zu ziehen. Vielmehr deuten die Ergebnisse auf ein komplexes Zusammenspiel multipler Faktoren hin:
1. Zusammenbruch und Überlastung der Gesundheitssysteme
- Versäumte Operationen, nicht durchgeführte Vorsorgeuntersuchungen
- Abbau von Krankenhauskapazitäten
- Verspätete Diagnosen bei Krebs, Herzinfarkt und anderen schweren Erkrankungen
2. Langzeitfolgen der Pandemiepolitik
- Lockdowns, Schulschließungen, Reiseverbote hatten massive Auswirkungen auf Lebensstil, Bewegung, Ernährung und psychische Gesundheit
- Einsamkeit, soziale Isolation, Depressionen und Suizide nahmen zu
3. COVID-19-Impfungen: Schutz, aber auch Risiken?
- Die Studie fand eine negative Korrelation zwischen Impfquote und Übersterblichkeit – Länder mit höherer Impfquote hatten tendenziell weniger Todesfälle
- Aber: Die Datenbasis erlaubt keine Aussage über individuelle Impfschäden oder Todesursachen im Einzelfall
- Es bleibt Raum für weitere Untersuchungen über Langzeitwirkungen, seltene Nebenwirkungen und mögliche Überimpfung bei jüngeren Gruppen
4. Langzeitfolgen durch SARS-CoV-2-Infektionen
- „Long Covid“ ist real – auch bei jüngeren Menschen. Können aber auch Impfnebenwirkungen sein. Mehr Forschung ist nötig.
- Wiederholte Infektionen könnten Herz-Kreislauf-Risiken erhöhen, wie andere Studien nahelegen
5. Ökonomische und gesellschaftliche Destabilisierung
- Arbeitsplatzverluste, wirtschaftliche Existenzängste, Inflation und Wohnungsunsicherheit wirken sich ebenfalls auf die Gesundheit aus
- Besonders prekär: Geringverdiener und Randgruppen litten überproportional
Was die Studie nicht liefert – und was sie dennoch zeigt
Die Forscher betonen: Es handelt sich um eine ökologische Studie – also um Auswertungen auf Länderebene, nicht auf individueller Basis. Daraus folgt:
- Kein kausaler Nachweis, dass Impfstoffe oder Lockdowns direkt Todesfälle verursachen
- Aber auch keine Entwarnung: Die beobachteten Entwicklungen legen nahe, dass die gesellschaftlichen, medizinischen und politischen Maßnahmen der letzten Jahre erhebliche Langzeitfolgen hatten – mit tödlichem Ausgang für viele
Fazit: Ein Weckruf für Politik und Forschung
Die persistente Übersterblichkeit nach dem Ende der akuten Pandemiephase ist ein deutliches Warnsignal. Nicht das Virus allein, sondern die gesamte Pandemiepolitik – von Lockdowns über Versorgungslücken bis hin zur Impfstrategie – muss kritisch evaluiert werden. Es geht nicht darum, einen „Schuldigen“ zu finden, sondern ehrlich zu analysieren, welche Maßnahmen welche Folgen hatten.
Nur auf dieser Basis können zukünftige Gesundheitskrisen klüger, verantwortungsvoller und menschlicher gemeistert werden.


