Wachsende ägyptische Sicherheitsbedenken zeigen die Notwendigkeit eines neuen regionalen Abkommens.
Israels direkter Konflikt mit dem Iran ist der erste Krieg mit einem Nationalstaat seit dem Jom-Kippur-Krieg gegen Ägypten im Jahr 1973. Ungeachtet der offiziell angeführten Gründe wie dem iranischen Atomprogramm oder ideologischen Differenzen liegt das eigentliche Problem tiefer: Seit 1973 sind die grundlegenden Ursachen – das ungelöste israelisch-palästinensische Problem sowie der permanente Wettstreit um regionale Vorherrschaft statt Integration und Frieden – nie beseitigt worden. Diese Dynamiken halten den Konflikt am Leben und verschärfen ihn zunehmend.
Vor dem Krieg mit dem Iran hatte Israel bereits gegen nicht staatliche Akteure im Libanon, in Syrien und im Jemen vorgegangen. Die direkte Eskalation mit dem Iran markiert eine neue Phase, in der Israel verstärkt mit Staaten in der Region konfrontiert sein könnte. Die Frage lautet also nicht nur, wann und wie die Konfrontation mit dem Iran erneut aufflammt – sondern auch, welches Land als Nächstes ins Visier gerät.
Ein israelischer Journalist witzelte, dass im „Finale“ nach dem Iran die Türkei als Gegner Israels an der Reihe sei – in einer Analogie zu einem Fußballturnier. Als er mit dieser Aussage konfrontiert wurde, relativierte er und meinte, er hätte auch Ägypten nennen können. Diese Bemerkung ist kein Zufall, sondern steht sinnbildlich für die wachsende Ambition Israels, seine regionale Agenda mit militärischer Stärke durchzusetzen – und das in einer Region, die weder iranische noch israelische Hegemonie akzeptieren wird. Diese Entwicklung wird in Kairo mit wachsender Sorge beobachtet.
Zum ersten Mal seit Jahrzehnten stehen Ägypten und Israel an der Schwelle zur direkten Konfrontation. Der anhaltende israelische Angriff auf den Gazastreifen – mit über 55.000 Toten – sowie Berichte über gezielte Tötungen hungernder Palästinenser durch israelische Soldaten haben in Ägypten Alarm ausgelöst. Für Kairo ist deutlich geworden, dass die israelische Regierung unter Netanyahu keine Rücksicht auf ägyptische Warnungen nimmt. Das ägyptische Militär bereitet sich deshalb auf ein mögliches Eingreifen vor, falls Israel seinen Druck auf Gaza fortsetzt – insbesondere im Fall einer gezielten Vertreibung der Palästinenser in den Sinai. Dieses Szenario wurde mehrfach von extremen israelischen Ministern angedeutet und mit dem sogenannten „Riviera“-Plan unter Trump wiederbelebt. Ein amtierender Minister ging sogar so weit, die Eroberung des Sinai zu fordern.
Trumps ehemaliger Sondergesandter Steve Witkoff bezeichnete Ägypten kürzlich in einem Interview mit Tucker Carlson als „Krisenherd“. Er warnte, dass der Krieg in Gaza zu einem Verlust Ägyptens als US-Verbündeten führen könnte – besonders angesichts der wirtschaftlichen Krise und drohender Instabilität. Witkoff liegt in seiner Einschätzung nicht falsch: Ägypten könnte tatsächlich eine größere strategische Herausforderung darstellen als der Iran – vor allem, wenn das Land sich auch ohne Regierungswechsel von Washington abwendet. Ein solcher Bruch könnte dann erfolgen, wenn sich die Ägypter von Israels Eskalationen bedroht fühlen, während die USA bedingungslos an Israels Seite stehen.
Für Ägypten geht es dabei nicht nur um Solidarität mit den Palästinensern, sondern um die eigene territoriale Integrität. Der seit Jahrzehnten bestehende Friedensvertrag mit Israel ist so stark unter Druck wie selten zuvor. In Teilen der ägyptischen Öffentlichkeit und Politik wächst das Gefühl, dass Ägypten nach dem Iran das nächste Ziel sein könnte. Das erklärt auch die demonstrative Unterstützung für Teheran und die massive Verstärkung der ägyptischen Militärpräsenz im Sinai.
Israel hat seinerseits Besorgnis über die ägyptischen Truppenbewegungen geäußert und sieht darin einen Bruch des Friedensvertrags. Ägypten hingegen spricht von reiner Verteidigung. Der diplomatische Stillstand, der sich daraus ergeben hat, markiert einen Tiefpunkt in den Beziehungen.
Zwar steckt Ägypten wirtschaftlich in der Krise und will keinen Krieg riskieren. Aber wenn es zu einer Palästinenserverdrängung in den Sinai kommt, wird die nationale Sicherheit Ägyptens unmittelbar betroffen sein. In diesem Fall könnte sich die Regierung zum Handeln gezwungen sehen – und ein Rückzieher des Militärs wäre nicht mehr möglich, ohne die innere Stabilität zu gefährden. Ein solcher Konflikt – ausgelöst durch eine radikalisierte Netanjahu-Regierung – würde die ganze Region destabilisieren.
Vor diesem Hintergrund hat Ägypten begonnen, seine militärische Zusammenarbeit mit China auszubauen. Im April führten beide Länder ihre erste gemeinsame Luftwaffenübung „Eagles of Civilization 2025“ durch. Bereits im Oktober 2024 hatte Ägypten chinesische J-10C-Kampfjets bestellt und prüft nun die Anschaffung der J-35 – dem chinesischen Pendant zur US-amerikanischen F-35. Damit gewinnt der Konflikt eine neue geopolitische Dimension, die an die Zeit des Kalten Krieges erinnert.
Während die USA Israel bedingungslos unterstützen, besteht die Gefahr, dass sich der regionale Konflikt zu einem Stellvertreterkrieg zwischen den Großmächten entwickelt. Chinas sicherheitspolitische Ausrichtung ist inzwischen global – und die Gefahr einer Eskalation zwischen Washington und Peking auf dem Boden des Nahen Ostens steigt. Der Iran hat diesen Kurs bereits eingeschlagen: Erste hochrangige Kontakte nach dem Waffenstillstand führten den iranischen Verteidigungsminister direkt nach Peking. Der angekündigte Staatsbesuch von Xi Jinping in Kairo deutet auf eine weitere Intensivierung der chinesisch-ägyptischen Beziehungen hin.
Um diese gefährliche Entwicklung zu stoppen, braucht es dringend ein umfassendes regionales Abkommen. Genau wie nach dem Jom-Kippur-Krieg ist nun die Zeit reif für eine politische Lösung, die dauerhaften Frieden sichert. Eine Wiederholung früherer Fehler – wie das unvollständige Camp-David-Abkommen oder die selektiven Abraham-Abkommen – darf es nicht geben. Statt Lippenbekenntnissen zum Gazastreifen braucht es eine ehrliche, inklusive Lösung des israelisch-palästinensischen Konflikts im Einklang mit den UN-Resolutionen.
Ein solches Abkommen müsste:
- die Angst vor Vertreibung beseitigen,
- wirtschaftliche Perspektiven für alle schaffen,
- Integration statt Eskalation fördern
– und den Anspruch auf einen gerechten, sicheren Frieden durchsetzen.
Wer diesen Pakt vermittelt, wird nicht nur regionale Stabilität schaffen, sondern sich unweigerlich für den Friedensnobelpreis empfehlen.


