WLAN-Signale können laut dem MIT-Forscher Fadel Adib Menschen hinter Wänden lokalisieren und sogar Atembewegungen erfassen. Am Weltwirtschaftsforum (WEF) in Dubai stellte er eine nächste Entwicklungsstufe in Aussicht: «Full Spectrum Intelligence» soll Informationen aus unterschiedlichen Signalen zusammenführen. Der Vortrag beschreibt ein technisches Ziel – nicht den Nachweis, dass bereits ein allumfassendes Erfassungssystem existiert.
Adib, Gründungsdirektor des MIT Signal Kinetics Research Lab und Mitgründer von Cartesian Systems, erläuterte seine Vision an einer Präsentation mit dem Titel «Sensing The Invisible». Die Präsentation und Adibs Forschungslabor sowie sein Unternehmen und seine Arbeit stehen im Zentrum des Vorhabens. Die Idee: Signale wie WLAN, Ultraschall, Sonar und weitere elektromagnetische Wellen nicht getrennt auszuwerten, sondern nach gemeinsamen Mustern zu durchsuchen. Adib sagte, so liessen sich aus der Umgebung Informationen gewinnen, die bislang verborgen blieben.
WEF 2026: Signale bündeln, um Personen und Objekte zu erkennen WEF 2026: Signale bündeln, um Personen und Objekte zu erkennen Eine Demonstration zeigt, wie ein Gerät laut Präsentation eine Person im Nebenraum per WLAN erfasst – samt Gesten, ohne Sensor am Körper. https://t.co/A3QM0vvTHG
— Don (@Donuncutschweiz) October 17, 2026
Ein Teil dieser Fähigkeiten wird im Vortrag bereits als Forschungsergebnis dargestellt. Drahtlose Signale könnten laut Adib Personen durch Wände orten, Bewegungen unterscheiden und Körperteile verfolgen, ohne dass die erfasste Person ein Gerät trage. Er führte zudem Beispiele für kontaktlose Messungen von Atmung und Herzschlag an – darunter die Messung der Atmung und des Herzschlags eines Babys aus der Distanz. Solche Anwendungen könnten in der Gesundheitsversorgung nützlich sein; dieselbe Fähigkeit, Menschen ohne deren Mitwirkung wahrzunehmen, macht die Technik aber auch für Überwachung relevant.
Adib sagte, die ersten Anfragen für den Einsatz seiner Technologie hätten nicht aus dem Gesundheitsbereich gestammt. Er habe mit seinem Team versucht, die Entwicklung in Richtung Gesundheitsversorgung und selbstfahrende Autos zu lenken. Zugleich räumte er ein, dass sich spätere Nutzungen nur begrenzt kontrollieren liessen und Gesetze mit den technischen Möglichkeiten Schritt halten müssten. Das ist ein bemerkenswerter Widerspruch zwischen dem erklärten Ziel, die Technik für nützliche Anwendungen einzusetzen, und der von ihm selbst benannten Schwierigkeit, ihre Verwendung zu begrenzen.
Die möglichen Anwendungen reichen laut der Darstellung von personalisierter Gesundheitsüberwachung über Lagerhaltung bis zur Beobachtung der Unterwasserwelt. Für Polizei, Grenzschutz, Zoll und Militär könnten Sensoren, die Personen oder Gegenstände hinter Hindernissen erfassen, ebenfalls interessant sein. Ein konkretes kommerzielles Beispiel existiert bereits: Das israelische Unternehmen Camero-Tech vermarktet seit 2022 das Xaver 1000, ein System, das laut Hersteller lebende Objekte hinter Wänden erkennen und Informationen über Zahl, Position und Körperhaltung liefern soll. Das belegt nicht, dass Adibs umfassendere Vision umgesetzt ist; es zeigt aber, dass die Erfassung hinter Wänden keine rein theoretische Anwendung mehr ist. Camero-Tech beschreibt das System als Gerät für Militär, Polizei, Rettungskräfte und Nachrichtendienste.
Adibs Forschungsgebiet umfasst neben WLAN-basierter Erfassung durch Wände, 3D-Ortung und Gestenerkennung sowie der Rekonstruktion menschlicher Figuren auch die Erfassung von Vitaldaten in intelligenten Wohnungen: Atmung und Herzschlag, Mikrobewegungen des Herzens, Emotionen und Stresswerte. Hinzu kommen Mikroimplantate für die Verbindung im Körper, Sensorik, selbstanpassende Systeme und Forschung zu Sicherheit und Privatsphäre. Weitere Arbeiten betreffen RFID-Technik: Lokalisierung, Verfolgung, Erkennung von Lebensmitteln und Flüssigkeiten, Bestandsaufnahme mit Drohnen, maschinelles Lernen, robotisches Greifen und erweiterte Realität.
Auch die Unterwasserforschung und Bildgebung mit Funksignalen gehören zum Arbeitsfeld: das Internet der Körper, batterielose Unterwassernetzwerke, Unterwasserortung, Rückstreu-Kommunikation, Verbindungen vom Wasser zur Luft, batterielose Kameras und Unterwasser-KI. Bei der drahtlosen Bildgebung geht es um 3D-Rekonstruktionen ohne direkte Sichtlinie, generative KI und die Rekonstruktion von Innenräumen. Weitere Vorhaben betreffen Robotik und visuelle Verstärkungslernverfahren, mechanische Suche sowie Drohnenortung und -navigation.
Das WEF ist nicht der einzige Ort, an dem Forschung zur Erfassung hinter Hindernissen diskutiert wird. Die US-Forschungsagentur DARPA finanzierte 2018 Arbeiten der University of Central Florida zur Wahrnehmung «um die Ecke». Eine Studie in der Fachzeitschrift *Nature* beschrieb, wie Streuwände bestimmte statistische Eigenschaften des Lichts übertragen können, um Objekte auch ohne direkte Sichtlinie zu erkennen. Das Forschungsprojekt und die Studie behandelten einen passiven Ansatz, der natürliches Licht nutzt. 2022 kündigte DARPA zudem das Programm Muons for Science & Security an: Das Programm sollte untersuchen, ob Myonen zur Bildgebung durch dicke Betonwände oder zur Ortung tief unter der Erde liegender Räume taugen. Die möglichen Fähigkeiten wurden als Ziel der Forschung formuliert, nicht als bereits verfügbare Einsatztechnik.
Die Debatte berührt auch wirtschaftliche Anwendungen. Vernetzte Sensorik könnte Warenbestände verfolgen und digitale Produktpässe ermöglichen, wie sie in Europa an Bedeutung gewinnen. Das Konzept einer Kreislaufwirtschaft sieht vor, Produkte teilweise zu vermieten und nach ihrer Nutzung an Hersteller zurückzuführen. Der Text des Sociable-Artikels verknüpft dies mit dem WEF-Slogan «You’ll Own Nothing and You’ll Be Happy»; dieser Verweis ist jedoch kein Beleg dafür, dass digitale Produktpässe zwangsläufig zu einem bestimmten Eigentumsmodell führen. Der Slogan und die WEF-Veranstaltung stehen damit für unterschiedliche Aussagen, die nicht gleichgesetzt werden sollten.
Das WEF hielt sein erstes Annual Meeting of Global Future Leaders vom 13. bis 15. Oktober 2026 in Dubai ab und übertrug nach Angaben des Ausgangstextes neun Sitzungen. Die Ankündigung des Treffens und weitere Verweise betreffen Registrierungen für digitale Produktpässe in der EU, DARPAs Myonen-Forschung sowie die DARPA-finanzierte Forschung zur Wahrnehmung um Ecken.
Adib stellte die zentrale Abwägung selbst auf: Die Technik könne Leben retten oder Privatsphäre verletzen. Seine Forderung, die Gesetzgebung müsse rasch nachziehen, benennt die politische Aufgabe, löst sie aber nicht. Je mehr unterschiedliche Signale zusammengeführt werden können, desto weniger reicht es, nur einzelne Sensoren oder Geräte zu regulieren. Entscheidend wird sein, wer solche Systeme einsetzen darf, welche Daten sie erfassen und wie Betroffene davon erfahren – Fragen, auf die der Vortrag keine konkreten Regeln lieferte.


