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Larry Johnson warnt vor direktem Krieg Europas mit Russland: «Sie haben die Angst vor einem Atomkrieg verloren»

Während Washington offenbar beginnt, seine Unterstützung für die Ukraine zurückzufahren und neue wirtschaftliche Vereinbarungen mit Moskau sucht, steuert Europa nach Einschätzung des ehemaligen CIA-Analysten Larry Johnson unbeirrt auf eine militärische Konfrontation mit Russland zu. In einem ausführlichen Interview spricht Johnson über die wachsende Kriegsrhetorik europäischer Regierungen, die dramatische Lage der ukrainischen Streitkräfte, fehlende Patriot-Abfangraketen, Einschränkungen bei Starlink und die zunehmend unsichere politische Zukunft von Wolodymyr Selenskyj. Seine schwerwiegendste Warnung betrifft jedoch die Gefahr eines Atomkriegs.

«Europa wird Krieg gegen Russland führen»

Larry Johnson zeigt sich nach seinen jüngsten Beobachtungen europäischer Vertreter zutiefst alarmiert. Was ihn besonders beunruhigt, sei nicht allein die aggressive Rhetorik gegenüber Russland, sondern die weitgehende Übereinstimmung innerhalb der europäischen politischen Führung.

Vertreter aus Frankreich, Dänemark, Lettland und Griechenland hätten Russland in schärfster Form verurteilt und eine gemeinsame konfrontative Haltung erkennen lassen. Nach Johnsons Einschätzung bereitet diese politische Atmosphäre den Boden für eine direkte militärische Eskalation.

«Nachdem ich den Europäern zugehört habe, bin ich zu dem Schluss gekommen: Europa wird Krieg gegen Russland führen», erklärte Johnson.

In diesem Zusammenhang verweist das Gespräch auf einen Europaabgeordneten, der von einer zunehmend irrationalen Stimmung in den europäischen Institutionen berichtet habe. Führende Politikerinnen wie EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und die EU-Aussenbeauftragte Kaja Kallas würden immer wieder militärische Vorbereitung, Sanktionen und eine härtere Gangart gegenüber Moskau verlangen. Diplomatische Alternativen kämen dagegen kaum noch zur Sprache.

Johnson kritisiert insbesondere, dass die europäische Darstellung des Ukraine-Konflikts praktisch ausschliesslich mit dem russischen Einmarsch vom 24. Februar 2022 beginne. Die jahrelange NATO-Osterweiterung und die Rolle westlicher Nachrichtendienste bei den politischen Umwälzungen in der Ukraine würden weitgehend ausgeblendet. Er verweist dabei ausdrücklich auf CIA und MI6 sowie auf den NATO-Beitritt Finnlands, durch den sich die gemeinsame Grenze zwischen Russland und dem Militärbündnis erheblich verlängert hat.

Für Johnson ist diese fehlende historische Einordnung einer der Gründe, weshalb die europäische Politik die russische Sicherheitswahrnehmung grundlegend falsch einschätze.

Washington verändert seinen Kurs – Selenskyj fürchtet den Verlust der USA

Während Europa seine Konfrontationspolitik fortsetze, erkennt Johnson in Washington einen bemerkenswerten Kurswechsel. Nicht unbedingt im US-Kongress, wo zahlreiche Abgeordnete weiterhin hinter Kiew stünden, wohl aber innerhalb der amerikanischen Regierung.

Als Hinweis führt er eine Sitzung der Vereinten Nationen an, bei der die amerikanische Vertretung gegenüber Russland auffallend zurückhaltend aufgetreten sei. Statt der bisher üblichen scharfen Anschuldigungen habe Washington vor allem das Fortdauern des Krieges beklagt.

Johnson hält dies nicht für einen Zufall. Diplomatische Erklärungen amerikanischer Vertreter würden vorbereitet, geprüft und politisch abgestimmt. Eine solche Veränderung im Tonfall deute deshalb auf eine bewusste Entscheidung hin.

Dass dieser Kurswechsel inzwischen auch in Kiew wahrgenommen wird, zeigt nach Darstellung des Gesprächs ein Interview Selenskyjs mit dem britischen Moderator Piers Morgan.

Auf die Frage, ob die Ukraine die Vereinigten Staaten als starken Partner verliere, antwortete Selenskyj mit Ja. Gleichzeitig betonte er, dies sei nicht die Schuld der Ukraine. Sein Land könne keine Schwäche zeigen, weil es andernfalls nicht überleben würde.

Johnson sieht darin ein grundsätzliches Problem der ukrainischen Führung. Selenskyj erkenne die schwindende amerikanische Unterstützung, weigere sich jedoch, die eigene Politik kritisch zu hinterfragen.

Besonders schwere Vorwürfe erhebt Johnson im Zusammenhang mit Korruption. Er behauptet, erhebliche Geldsummen seien nicht einfach verschwunden, sondern auch bei politischen Unterstützern in den Vereinigten Staaten und Europa gelandet. Belege für konkrete Zahlungen an Abgeordnete werden im Gespräch allerdings nicht vorgelegt.

Patriot-Raketen fehlen – und China verschärft das Problem

Besonders deutlich wird die militärische Abhängigkeit der Ukraine bei der Luftverteidigung.

Selenskyj beklagt laut dem Interview, Washington verlange von Kiew, auf Angriffe gegen russische Energieinfrastruktur zu verzichten, stelle aber gleichzeitig nicht genügend Patriot-Abfangraketen zur Verfügung, um ukrainische Städte und Anlagen vor russischen Angriffen zu schützen.

Johnson hält dagegen, dass die USA schlicht nicht mehr in der Lage seien, ausreichende Mengen zu liefern. Die amerikanischen Bestände würden durch den Krieg in der Ukraine und die militärischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten gleichzeitig beansprucht.

Nach seinen Angaben wurden zwischen 2015 und Ende 2025 insgesamt 4’420 Patriot-PAC-3-Abfangraketen produziert. Für 2026 schätzt er eine zusätzliche Fertigung von rund 500 Stück. Der Verbrauch habe die Produktion inzwischen überholt.

Hinzu komme die Abhängigkeit amerikanischer Rüstungshersteller von seltenen Erden und anderen strategischen Rohstoffen, bei denen China eine dominierende Stellung einnehme. Johnson sieht darin einen weiteren Engpass für die Ausweitung der Raketenproduktion.

Auch die europäischen NATO-Staaten seien nach Darstellung der Gesprächspartner kaum noch bereit, ihre eigenen Luftverteidigungsbestände an die Ukraine abzugeben. Kallas habe sich selbst darüber beklagt, dass europäische Regierungen ihre verbliebenen Raketen zurückhielten.

Die Lage im Nahen Osten verschärfe diesen Mangel zusätzlich. Johnson verweist auf die Angriffe der Huthi auf Saudi-Arabien und stellt die Wirksamkeit der dort vorhandenen Patriot-Systeme infrage.

Sein Fazit: Die westlichen Staaten verlangen von der Ukraine die Fortsetzung des Krieges, können ihr aber zunehmend weniger von den militärischen Mitteln liefern, die dafür notwendig wären.

Starlink eingeschränkt: Setzt Washington die Ukraine gezielt unter Druck?

Ein weiterer Hinweis auf die veränderte amerikanische Politik sind die Probleme mit dem Satellitenkommunikationssystem Starlink beziehungsweise dessen militärischer Variante Starshield. Laut den im Gespräch angesprochenen Berichten wurde der Zugang für ukrainische Streitkräfte eingeschränkt. Gleichzeitig beklagte Selenskyj, dass die Ukraine bei mehreren russischen Angriffen keine rechtzeitigen amerikanischen Vorwarnungen erhalten habe.

Aus amerikanischen Regierungskreisen seien technische beziehungsweise wetterbedingte Schwierigkeiten als Erklärung genannt worden. Johnson hält diese Begründung für wenig überzeugend. Nach Jahren funktionierender Zusammenarbeit erscheine es ihm bemerkenswert, dass ausgerechnet jetzt solche Probleme aufträten.

Er vermutet vielmehr eine bewusste amerikanische Entscheidung, der russischen Führung zu signalisieren, dass Washington seine bisherige Unterstützung für Kiew reduziert. Der Zeitpunkt sei besonders aufschlussreich, weil Trump gleichzeitig wirtschaftliche Vereinbarungen mit Russland anstrebe.

Die Einschränkungen bei der satellitengestützten Unterstützung sind inzwischen auch Gegenstand internationaler Berichterstattung. Reuters berichtete am 14. Oktober über ukrainische Vorwürfe gegen SpaceX, wonach die Einschränkungen sowohl Angriffs- als auch Abwehrdrohnen beeinträchtigten. Ob sämtliche technischen Probleme auf eine gezielte Entscheidung Washingtons zurückgehen, ist damit allerdings nicht abschliessend geklärt.

Der Diesel-Deal mit Russland und eine mögliche Frist bis Frühjahr 2027

Eine besondere Bedeutung misst Johnson der amerikanischen Entscheidung bei, Sanktionen im Zusammenhang mit russischen Energielieferungen zu lockern. Er verweist dabei auf eine Frist bis zum 7. April 2027 und stellt die Frage, weshalb Washington ausgerechnet einen Zeitraum von ungefähr sechs Monaten gewählt habe.

Seine Vermutung: Wladimir Putin könnte Donald Trump in vertraulichen Gesprächen signalisiert haben, dass Russland den Ukraine-Krieg bis Ende März 2027 militärisch entscheiden werde.

Johnson betont, dass es sich dabei um seine persönliche Einschätzung handelt. Einen Nachweis für eine entsprechende Absprache zwischen Putin und Trump liefert er nicht.

Die Lockerung amerikanischer Beschränkungen könnte Russland nach seiner Darstellung zusätzliche Einnahmen ermöglichen, nicht nur durch direkte Energielieferungen an die Vereinigten Staaten, sondern auch durch den erleichterten internationalen Handel mit russischen Rohstoffen.

Für Kiew wäre dies ein weiterer Rückschlag. Während Selenskyj versucht, Russland durch Angriffe auf dessen Energieanlagen wirtschaftlich zu schwächen, könnten amerikanische Entscheidungen die russische Wirtschaft gleichzeitig entlasten.

Selenskyjs politische Zukunft: Keine Wahlen, kein Rücktritt

Neben der militärischen Lage sehen die Gesprächspartner eine wachsende politische Krise in der Ukraine. Im Interview mit Piers Morgan erklärte Selenskyj, dass er nicht zurücktreten werde. Auch Präsidentschaftswahlen unter den gegenwärtigen Kriegsbedingungen schloss er aus.

Als Begründung verwies er auf Millionen geflüchteter Ukrainer und zahlreiche Soldaten an der Front. Unter diesen Umständen seien reguläre Wahlen nicht möglich.

Johnson widerspricht dieser Argumentation. Er erinnert daran, dass die Vereinigten Staaten sowohl während des amerikanischen Bürgerkriegs unter Abraham Lincoln als auch während des Zweiten Weltkriegs unter Franklin D. Roosevelt Präsidentschaftswahlen durchgeführt hätten.

Für ihn ist die Berufung auf den Krieg deshalb keine ausreichende Rechtfertigung für den fortdauernden Verzicht auf Wahlen. Johnson wirft Selenskyj vor, seine politische Macht auf diese Weise abzusichern. Die rechtliche und praktische Situation der Ukraine unterscheidet sich allerdings von den genannten historischen Beispielen; insbesondere gelten dort besondere Bestimmungen während des Kriegsrechts.

Noch weiter gehen die Gesprächspartner mit der Vermutung, dass ein anhaltender Krieg Selenskyj politisch nützen könnte, weil er damit eine Wahl vermeiden könne. Dies bleibt ihre Interpretation und ist kein nachgewiesenes Motiv des ukrainischen Präsidenten.

Johnson hält einen militärischen Zusammenbruch der Ukraine für möglich

Für die weitere Entwicklung zeichnet Johnson ein ausgesprochen düsteres Szenario. Sollte Washington seine Unterstützung bei Aufklärung, Zielerfassung, Satellitenkommunikation und Luftverteidigung weiter reduzieren, würden sich die militärischen Probleme der Ukraine nach seiner Einschätzung dramatisch verschärfen.

Russland könne seine Operationen entlang der gesamten Front ausweiten, von der nördlichen Grenzregion bei Sumy über Charkiw und den Donbass bis in die südlichen Kampfgebiete.

Johnson erwartet eine Beschleunigung russischer Geländegewinne und hält grössere Zusammenbrüche ukrainischer Verteidigungsstellungen für wahrscheinlich. Die Ukraine werde unter diesen Bedingungen zunehmend Schwierigkeiten haben, grössere Gebiete militärisch zu kontrollieren.

Auch innenpolitisch könnte der Druck auf Selenskyj wachsen. Johnson schliesst nicht aus, dass Teile der ukrainischen Militärführung versuchen könnten, ihn gewaltsam aus dem Amt zu entfernen. Er spricht sogar von einem möglichen Militärputsch, einer Flucht nach Lwiw oder einem gewaltsamen Ende Selenskyjs.

Diese Szenarien sind ausdrücklich als spekulative Prognosen Johnsons einzuordnen. Konkrete Hinweise auf einen bevorstehenden Militärputsch werden im Interview nicht genannt.

Für Johnson steht dennoch fest, dass die Ukraine ohne entscheidende amerikanische Unterstützung den Krieg langfristig kaum fortsetzen könne. Er erwartet letztlich einen russischen militärischen Sieg.

Weshalb Europa trotz allem weiter auf Konfrontation setzt

Besonders unverständlich erscheint Johnson die Haltung der europäischen Regierungen. Obwohl sich nach seiner Einschätzung die militärische Lage zunehmend zugunsten Russlands entwickle und die amerikanische Unterstützung unsicherer werde, hielten die europäischen Staaten an ihrer bisherigen Strategie fest.

Als Beispiel führen die Gesprächspartner den jüngsten Besuch Selenskyjs in Grossbritannien an, wo er mit hohen protokollarischen Ehren empfangen worden sei. Während die Ukraine militärisch und wirtschaftlich immer stärker unter Druck gerate, werde ihr Präsident in Europa weiterhin wie ein Staatsgast von aussergewöhnlicher Bedeutung behandelt.

Johnson sieht dahinter den politischen Willen, Russland dauerhaft zu schwächen. Die NATO-Osterweiterung werde dabei kaum als Bestandteil der sicherheitspolitischen Vorgeschichte berücksichtigt.

Er verweist auf Karten, die ihm während eines Besuchs in einem privaten russischen Militärmuseum gezeigt worden seien. Der Vergleich zwischen der NATO zu Beginn des Kalten Krieges und ihrer Ausdehnung bis Februar 2022 verdeutliche seiner Auffassung nach, weshalb Moskau das westliche Bündnis als Bedrohung wahrnehme.

Die entscheidende Frage sei jedoch, wie weit die europäischen Regierungen bereit seien zu gehen, wenn die Ukraine militärisch immer stärker unter Druck gerate und Washington seine Unterstützung weiter reduziere.

Johnson befürchtet, dass Europa dann selbst in eine direkte Auseinandersetzung mit Russland hineingezogen werden könnte.

«Europa hat die Angst vor einem Atomkrieg verloren»

Die schwerwiegendste Warnung äussert Johnson am Ende des Gesprächs. Während des Kalten Krieges hätten die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion trotz ihrer fundamentalen Gegensätze stets versucht, Kommunikationskanäle offenzuhalten.

Beide Seiten hätten verstanden, dass eine direkte militärische Konfrontation zwischen Atommächten katastrophale Folgen haben könne. Gerade diese Angst habe eine gewisse Zurückhaltung erzwungen.

«Wir mochten sie vielleicht nicht, aber wir respektierten sie», beschreibt Johnson den damaligen Umgang mit der Sowjetunion.

Heute sei dieses Bewusstsein in Europa weitgehend verloren gegangen. Johnson verweist dabei auf den russischen Politikwissenschaftler Sergej Karaganow, der seit Langem davor warnt, dass westliche Entscheidungsträger die Gefahr eines Atomkriegs nicht mehr ausreichend ernst nähmen.

Als besonders alarmierendes Beispiel nennt Johnson Äusserungen des amerikanischen Generals Keith Kellogg über eine mögliche militärische Einnahme Kaliningrads. Nach Johnsons Darstellung habe Kellogg die Möglichkeit eines russischen Atomwaffeneinsatzes praktisch ausgeschlossen.

Genau diese Gewissheit hält Johnson für gefährlich. Niemand könne garantieren, dass Russland bei einem Angriff auf strategisch bedeutende Gebiete auf den Einsatz seiner Atomwaffen verzichten würde.

Aus seiner Sicht beruht die gegenwärtige Eskalationspolitik auf der riskanten Annahme, Moskau werde selbst schwerwiegende militärische Provokationen hinnehmen, ohne seine nuklearen Möglichkeiten einzusetzen.

Die Gefahr liege deshalb nicht nur in einer bewussten Entscheidung für einen Krieg, sondern auch in einer verhängnisvollen Fehleinschätzung der russischen Reaktionsbereitschaft.

Johnson kommt damit zu einer Warnung, die weit über die Ukraine hinausgeht: Sollte Europa seine konfrontative Politik fortsetzen und die Möglichkeit einer nuklearen Eskalation weiterhin unterschätzen, könnte aus dem gegenwärtigen Stellvertreterkrieg eine direkte militärische Auseinandersetzung zwischen Russland und europäischen NATO-Staaten entstehen.

Seine zentrale Botschaft: Nicht die Stärke Europas, sondern die Unterschätzung Russlands und seiner nuklearen Fähigkeiten könnte am Ende den Weg in einen wesentlich grösseren Krieg öffnen.