Der amerikanische Ökonom und Geopolitikexperte Jeffrey Sachs erhebt schwere Vorwürfe gegen die Aussenpolitik der Vereinigten Staaten. In einer ausführlichen geopolitischen Analyse beschreibt er den Ukraine-Krieg, die Eskalation zwischen Israel und Iran sowie die zunehmende Konfrontation mit China als Folgen eines westlichen Machtanspruchs, der das Ende des Kalten Krieges überlebt hat. Seine zentrale These: Washington weigert sich, eine multipolare Welt zu akzeptieren, und nimmt dafür sogar die Gefahr eines Atomkriegs in Kauf. Besonders eindringlich warnt Sachs davor, dass Taiwan das Schicksal der Ukraine erleiden könnte.
Die Welt steht näher am Atomkrieg als während des Kalten Krieges
Jeffrey Sachs beginnt seine Analyse mit einer Warnung vor der gegenwärtigen geopolitischen Lage. Die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten, Russland, China, Indien und Europa seien so angespannt, dass die Gefahr einer katastrophalen militärischen Eskalation erheblich zugenommen habe.
Neun Staaten verfügen über Atomwaffen, und die meisten von ihnen befinden sich nach Sachs‘ Einschätzung in irgendeiner Form der Konfrontation mit einer anderen Atommacht. Den Ukraine-Krieg bezeichnet er dabei ausdrücklich als einen Krieg zwischen den Vereinigten Staaten und Russland, auch wenn die amerikanischen Streitkräfte nicht offiziell als Kriegspartei auftreten.
Als Symbol für die wachsende Gefahr verweist Sachs auf die Weltuntergangsuhr des Bulletin of the Atomic Scientists. Sie wurde 1947 eingeführt, um die Menschheit vor den Risiken der nuklearen Vernichtung zu warnen. Nach dem Ende des Kalten Krieges stand sie zeitweise bei 17 Minuten vor Mitternacht. In seiner Rede nennt Sachs einen Stand von nur noch 89 Sekunden.
Für ihn ist diese Entwicklung kein Zufall. Seit dem Ende der Sowjetunion habe praktisch jede amerikanische Regierung durch ihre Aussenpolitik dazu beigetragen, die internationalen Spannungen zu verschärfen.
Dabei befänden sich die Vereinigten Staaten geografisch in einer aussergewöhnlich sicheren Position. Sie seien durch zwei Ozeane geschützt und müssten weder eine Invasion Kanadas noch Mexikos befürchten. Ihre grösste tatsächliche Sicherheitsbedrohung sei deshalb ein Atomkrieg, der durch diplomatische Zusammenarbeit mit anderen Nuklearmächten vermieden werden könnte.
Stattdessen habe Washington eine Politik verfolgt, die gerade dieses Risiko immer weiter erhöhe.
Der historische Fehler von 1991: Die USA wollten herrschen, nicht zusammenarbeiten
Nach Sachs‘ Darstellung liegt der Ursprung der heutigen Krisen im amerikanischen Selbstverständnis nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion.
Während das Ende des Kalten Krieges die historische Gelegenheit geboten habe, eine friedlichere Weltordnung aufzubauen, hätten die Vereinigten Staaten darin vor allem die Chance gesehen, ihre globale Vorherrschaft dauerhaft zu sichern.
Sachs widerspricht damit ausdrücklich der bekannten These von Francis Fukuyama vom «Ende der Geschichte», nach der sich die westliche liberale Demokratie als endgültiges politisches Entwicklungsmodell durchgesetzt habe.
Für Sachs hätte 1991 vielmehr der Beginn einer Epoche gemeinsamer wirtschaftlicher Entwicklung sein können. China habe zwischen 1980 und 2020 gezeigt, welches Potenzial Bildung, Technologie, Infrastruktur und langfristige Wirtschaftsplanung entfalten könnten. Ähnliche Fortschritte seien grundsätzlich auch in Afrika, Lateinamerika, Südasien und anderen Regionen möglich.
Doch Washington habe nicht auf gemeinsamen Wohlstand gesetzt, sondern auf Dominanz.
«Was am Ende des Kalten Krieges wichtig war, war Vorherrschaft, nicht Zusammenarbeit oder Frieden», erklärt Sachs.
Diese Haltung sei tief in der westlichen Geschichte verwurzelt. Über rund 250 Jahre hätten zunächst europäische Kolonialmächte, insbesondere Grossbritannien, und später die Vereinigten Staaten grosse Teile der Weltpolitik und Weltwirtschaft dominiert. Ihre Macht hätten sie mit Vorstellungen kultureller, religiöser, gesellschaftlicher und teilweise sogar rassischer Überlegenheit gerechtfertigt.
Sachs sieht darin eine imperiale Denkweise, die bis heute fortbestehe, obwohl sich die tatsächlichen globalen Machtverhältnisse längst verändert hätten.
Von Grossbritannien zur CIA: Regimewechsel als Instrument westlicher Machtpolitik
Besonders scharf kritisiert Sachs die Tradition westlicher Regimewechsel.
Das Britische Empire habe seine Interessen nicht allein durch Diplomatie durchgesetzt, sondern durch Drohungen, militärische Interventionen und den Sturz unerwünschter Regierungen. Die Vereinigten Staaten hätten diese Methoden nach dem Zweiten Weltkrieg übernommen und systematisch weiterentwickelt.
Als historisches Beispiel nennt er den Iran im Jahr 1953. Damals wurde die Regierung von Premierminister Mohammad Mossadegh durch eine gemeinsame Operation der amerikanischen CIA und des britischen Geheimdienstes MI6 gestürzt.
Mossadegh hatte die iranische Ölindustrie verstaatlicht und damit die wirtschaftlichen Interessen Grossbritanniens herausgefordert. Der Putsch stärkte die Herrschaft des Schahs und trug zur Errichtung eines autoritären, vom Westen unterstützten politischen Systems bei.
Für Sachs steht dieses Ereignis beispielhaft für eine Aussenpolitik, die fremden Staaten das Recht auf eigenständige politische Entscheidungen abspricht.
Er verweist auf die Forschung der Politikwissenschaftlerin Lindsey O’Rourke, die für die Zeit von 1945 bis 1989 insgesamt 64 verdeckte und sechs offene amerikanische Operationen zum Sturz ausländischer Regierungen untersuchte.
Das ergebe 70 Fälle, in denen Washington versucht habe, politische Verhältnisse anderer Länder durch Interventionen zu verändern.
Die Besonderheit verdeckter Operationen bestehe darin, dass die Vereinigten Staaten ihre Beteiligung gewöhnlich bestritten. Politische Umstürze seien öffentlich als spontane innere Entwicklungen dargestellt worden, obwohl ausländische Geheimdienste eine wesentliche Rolle gespielt hätten.
Sachs betont, dass diese Methode das Gegenteil klassischer Diplomatie sei. Während Diplomatie Verhandlungen mit anderen Regierungen voraussetze, ziele ein Regimewechsel darauf ab, unerwünschte Regierungen zu beseitigen.
Neutralität unerwünscht: «Wer nicht für uns ist, ist gegen uns»
Ein besonders bemerkenswerter Teil seiner Analyse betrifft den Umgang der Vereinigten Staaten mit neutralen Ländern.
Während des Kalten Krieges hätten zahlreiche Staaten versucht, gute Beziehungen sowohl zu Washington als auch zur Sowjetunion zu unterhalten. Sie hätten Handel treiben und sich aus militärischen Machtkämpfen heraushalten wollen.
Doch die Vereinigten Staaten hätten diese Haltung nach Sachs‘ Darstellung häufig nicht akzeptiert. Stattdessen hätten sie verlangt, sich eindeutig dem westlichen Machtblock anzuschliessen.
Sachs zieht dabei eine historische Parallele zum Peloponnesischen Krieg im antiken Griechenland.
Die Insel Melos wollte damals neutral bleiben und weder Athen noch Sparta unterstützen. Athen betrachtete diese Neutralität jedoch als Herausforderung seiner Vormachtstellung. Nach der Weigerung der Inselbewohner, sich zu unterwerfen, wurde Melos militärisch erobert und ein grosser Teil seiner Bevölkerung getötet oder versklavt.
Sachs sieht in diesem Verhalten eine Parallele zur amerikanischen Aussenpolitik: Eine Grossmacht, die Neutralität nicht respektiert, weil sie darin eine Schwächung ihrer eigenen Autorität sieht.
Das historische Ergebnis sei eine Warnung. Auch Athen habe seine Macht durch Kriege und Überheblichkeit langfristig zerstört. Am Ende hätten beide Seiten des Konflikts ihre politische Stärke eingebüsst.
Für Sachs zeigt dies, dass die Verweigerung von Neutralität nicht zu mehr Sicherheit führt, sondern ganze Regionen destabilisieren kann.
Ukraine: Sachs macht die NATO-Osterweiterung für den Krieg verantwortlich
Sachs, der nach eigenen Angaben sowohl die sowjetische Führung unter Michail Gorbatschow als auch Boris Jelzin und ukrainische Regierungsvertreter wirtschaftspolitisch beraten hat, betrachtet den Ukraine-Krieg als unmittelbares Ergebnis amerikanischer Hegemonialpolitik.
Nach seiner Darstellung habe Washington die NATO immer weiter nach Osten ausgedehnt und versucht, die Ukraine sowie Georgien in seine militärische Einflusssphäre einzubeziehen. Russland habe wiederholt deutlich gemacht, dass es westliche Militärstützpunkte und Raketen unmittelbar an seinen Grenzen als ernsthafte Sicherheitsbedrohung betrachte.
Die amerikanische Antwort sei gewesen, dass Russland kein Mitspracherecht bei den Entscheidungen souveräner Staaten habe.
Sachs sieht darin den Kern des Konflikts: Die Vereinigten Staaten beanspruchten das Recht, ihre militärische Präsenz praktisch überall auszuweiten, während sie Russland das Recht absprächen, auf die daraus entstehenden Sicherheitsrisiken zu reagieren.
Besonders wichtig sei dabei das Jahr 2014. Sachs bezeichnet den damaligen Machtwechsel in Kiew als einen von Washington mitorganisierten Staatsstreich gegen eine Regierung, die zuvor eine neutralere Position zwischen Russland und dem Westen vertreten habe.
Als Beleg für die amerikanische Einmischung verweist er auf das bekannt gewordene Telefongespräch der US-Diplomatin Victoria Nuland, in dem über die Zusammensetzung einer künftigen ukrainischen Regierung gesprochen wurde. Nach Sachs‘ Einschätzung zeige dieses Gespräch, wie weit amerikanische Vertreter bereits vor dem Machtwechsel auf die ukrainische Innenpolitik Einfluss genommen hätten.
Dass die Vereinigten Staaten den Konflikt wesentlich mitverursacht hätten, sei für ihn offensichtlich. Die direkte Verantwortung für die Entscheidung zum russischen Einmarsch von 2022 bleibt davon allerdings zu unterscheiden.
Donald Trump habe zwar angekündigt, den Krieg beenden zu wollen, stehe dabei jedoch vor einem grundsätzlichen Problem. Er könne nach Sachs‘ Darstellung kaum öffentlich erklären, dass die NATO nicht weiter expandieren werde, ohne von Teilen des amerikanischen Establishments als schwach oder russlandfreundlich angegriffen zu werden.
Der militärisch-industrielle Komplex und die seit Jahrzehnten verankerte Vorstellung unbegrenzter amerikanischer Handlungsfreiheit würden deshalb selbst einen Präsidenten einschränken, der möglicherweise einen Kurswechsel anstrebe.
Nahost: Ein Konflikt, dessen Wurzeln Sachs im britischen Imperialismus sieht
Auch den Nahostkonflikt erklärt Sachs aus der Geschichte westlicher Machtpolitik. Nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches hätten Grossbritannien und Frankreich grosse Teile der Region unter sich aufgeteilt. London habe dabei widersprüchliche Versprechen gegenüber Arabern, Franzosen und der jüdischen Nationalbewegung gemacht.
Besondere Bedeutung misst Sachs der Balfour-Erklärung von 1917 und der britischen Mandatsherrschaft über Palästina bei. Die britische Politik habe die Voraussetzungen für einen dauerhaften Konflikt geschaffen, indem sie die Errichtung einer jüdischen Heimstätte in einem Gebiet unterstützte, dessen Bevölkerung damals überwiegend arabisch war.
Der 1948 gegründete Staat Israel habe nach Sachs‘ Darstellung seine Sicherheit zunehmend in militärischer Überlegenheit gesucht, während die palästinensischen Forderungen nach nationaler Selbstbestimmung ungelöst geblieben seien.
Washington habe Israel später als strategischen Partner übernommen und dessen militärische Dominanz in der Region unterstützt. Dadurch sei der Konflikt zu einem Bestandteil der amerikanischen Nahostpolitik geworden.
Sachs erhebt in diesem Zusammenhang schwere Vorwürfe gegen die israelische Regierung. Er bezeichnet das Vorgehen in Gaza als Völkermord und kritisiert die amerikanische Unterstützung dafür. Nach seiner Einschätzung führt die fortgesetzte militärische Unterdrückung der palästinensischen Bevölkerung nicht zu Sicherheit, sondern zu immer neuer Gegenwehr.
Sieben Länder auf der Abschussliste – Iran als letztes Ziel
Einen zentralen Teil seiner Nahostanalyse widmet Sachs der amerikanischen Politik des Regimewechsels.
Er erinnert an Aussagen des früheren NATO-Oberbefehlshabers Wesley Clark, der nach den Anschlägen vom 11. September 2001 von einem amerikanischen Plan berichtet hatte, innerhalb mehrerer Jahre sieben Staaten militärisch ins Visier zu nehmen: Irak, Syrien, Libanon, Libyen, Somalia, Sudan und Iran.
Sachs verbindet diese Darstellung mit den späteren amerikanischen Interventionen und Kriegen in der Region. Er verweist auf die Invasion des Irak 2003, den NATO-Einsatz in Libyen 2011, den Krieg in Syrien sowie die anhaltende Instabilität in Somalia und Sudan.
Seiner Auffassung nach standen diese Entwicklungen nicht isoliert nebeneinander, sondern folgten einer übergeordneten Strategie, Regierungen zu beseitigen, die sich amerikanischen und israelischen Interessen widersetzten. Dass sämtliche Konflikte unmittelbar auf einen einheitlichen israelischen Auftrag zurückgingen, ist allerdings keine durch das Gespräch belegte Tatsache.
Iran sei in diesem Zusammenhang ein besonders wichtiges Ziel gewesen. Sachs argumentiert, dass Israel seit Jahren auf einen Sturz der iranischen Führung hingearbeitet habe, weil Teheran palästinensische Gruppen wie die Hamas sowie die Hisbollah im Libanon und die Huthi im Jemen unterstütze.
Statt den israelisch-palästinensischen Konflikt durch die Errichtung eines palästinensischen Staates zu lösen, habe die israelische Führung versucht, ihre regionalen Gegner militärisch auszuschalten.
Der Angriff auf Iran: Ein gescheiterter Versuch des Regimewechsels
Sachs beschreibt den zwölftägigen Krieg zwischen Israel und Iran vom Juni 2025 als besonders gefährliche Zuspitzung.
Seiner Darstellung zufolge versuchte Israel durch gezielte Tötungen iranischer Führungspersönlichkeiten und Militärvertreter, die Voraussetzungen für einen Zusammenbruch der iranischen Regierung zu schaffen. Die Vereinigten Staaten hätten sich schliesslich an den militärischen Angriffen beteiligt.
Doch der angestrebte Regimewechsel sei ausgeblieben. Die iranische Staatsführung habe die Angriffe überstanden, während sich die Sicherheitslage im Nahen Osten weiter verschärft habe.
Sachs erinnert daran, dass Iran mit nahezu 100 Millionen Einwohnern, umfangreichen Raketenbeständen und bedeutenden militärischen Fähigkeiten kein Gegner sei, der sich ohne erhebliche Folgen ausschalten lasse.
Besonders gefährlich seien die Beziehungen Teherans zu anderen Grossmächten. Iran unterhalte enge Beziehungen zu Russland sowie Verbindungen zu Pakistan, das über Atomwaffen verfüge.
Sachs spekuliert sogar darüber, ob Pakistan Iran im Falle eines umfassenden Krieges militärisch schützen oder ihm nukleare Unterstützung gewähren könnte. Für ein entsprechendes Vorhaben liefert er allerdings keine Belege.
Seine Warnung ist dennoch eindeutig: Ein Krieg gegen Iran könnte weit über den Nahen Osten hinausreichen und weitere Atommächte in eine Konfrontation hineinziehen.
China: Washington kann den wirtschaftlichen Aufstieg nicht akzeptieren
Im letzten grossen Teil seiner Analyse richtet Sachs den Blick auf China. Auch hier erkennt er dasselbe Muster amerikanischer Aussenpolitik.
Solange China wirtschaftlich schwach gewesen sei und vor allem als Produktionsstandort für westliche Unternehmen gedient habe, hätten die Vereinigten Staaten gute Beziehungen zu Peking unterhalten.
Dies habe sich verändert, als China begann, technologisch und wirtschaftlich zu einer ernsthaften Konkurrenz aufzusteigen.
Zwei Entwicklungen seien dabei besonders entscheidend gewesen: die chinesische Seidenstrasseninitiative, die zahlreiche Länder durch Infrastruktur- und Investitionsprojekte miteinander verbindet, und das industriepolitische Programm «Made in China 2025».
Mit diesem Programm habe China gezielt Zukunftsindustrien entwickelt, darunter Elektromobilität, digitale Technologien und erneuerbare Energien.
Sachs bewertet diese Industriepolitik als ausserordentlich erfolgreich. Gleichzeitig habe gerade dieser Erfolg in Washington die Sorge ausgelöst, die Vereinigten Staaten könnten ihre wirtschaftliche und technologische Führungsposition verlieren.
Die amerikanische Reaktion sei deshalb nicht verstärkte Zusammenarbeit gewesen, sondern der Versuch, Chinas Aufstieg einzudämmen.
Diese Strategie habe bereits unter Barack Obama begonnen und sei unter Donald Trump fortgeführt worden.
Sachs kritisiert insbesondere den Versuch, mit der Transpazifischen Partnerschaft eine asiatische Handelsordnung ohne China aufzubauen. Ein solches Konzept sei angesichts der wirtschaftlichen Bedeutung Chinas für die gesamte Region realitätsfern gewesen.
Sein grundlegendes Argument: Die Vereinigten Staaten repräsentierten nur rund vier Prozent der Weltbevölkerung. Es sei weder politisch noch wirtschaftlich möglich, dass ein derart kleiner Teil der Menschheit dauerhaft über den Rest der Welt bestimme.
Andere Länder würden wirtschaftlich aufholen, unabhängig davon, ob Washington dies wünsche oder nicht.
Taiwan könnte zur nächsten Ukraine werden
Die gefährlichste Entwicklung sieht Sachs in der Taiwanfrage.
Washington liefere Taiwan grosse Mengen militärischer Ausrüstung, während amerikanische Politiker immer offener über eine mögliche militärische Verteidigung der Insel sprächen.
Aus chinesischer Sicht stelle dies eine Einmischung in eine fundamentale Frage der territorialen Integrität dar. Sachs kritisiert, dass amerikanische Entscheidungsträger häufig nicht bereit seien, die Situation aus der Perspektive Pekings zu betrachten.
Er zieht einen Vergleich: Würde China ankündigen, amerikanische Bundesstaaten wie Texas, Kalifornien oder Missouri militärisch zu verteidigen, würden die Vereinigten Staaten eine solche Einmischung niemals akzeptieren.
Besonders gefährlich wäre nach Sachs‘ Einschätzung eine formelle Unabhängigkeitserklärung Taiwans.
«Wenn ein taiwanischer Präsident die Unabhängigkeit erklären würde, könnte die Hölle losbrechen», warnt er.
Ein solcher Schritt könnte China zu einer militärischen Reaktion veranlassen und eine direkte Konfrontation mit den Vereinigten Staaten auslösen.
Sachs befürchtet, dass Taiwan dadurch dasselbe Schicksal wie die Ukraine erleiden könnte: ein Land, das im Machtkampf zweier Grossmächte zum Kriegsschauplatz wird und dabei selbst die schwersten Zerstörungen erleidet.
Sein Rat an die taiwanische Führung ist deshalb ungewöhnlich deutlich. Taiwan solle Washington auffordern, keine weiteren Waffen zu liefern und sich nicht als militärische Schutzmacht aufzuspielen.
Stattdessen müsse die Insel ihre Beziehungen zu Peking durch eigene diplomatische Verhandlungen gestalten.
Sachs vertritt damit die Auffassung, dass mehr amerikanische Waffen nicht zwangsläufig mehr Sicherheit bedeuten, sondern unter bestimmten Umständen die Wahrscheinlichkeit eines Krieges erhöhen könnten.
Eine Welt des gemeinsamen Wohlstands – oder die Fortsetzung imperialer Kriege
Trotz seiner düsteren geopolitischen Diagnose beendet Sachs seine Rede mit einer optimistischen Perspektive.
Die technologischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten der heutigen Welt seien so gross, dass alle Regionen der Erde einen hohen Lebensstandard erreichen könnten. China habe vorgemacht, wie durch langfristige Investitionen in Bildung, Infrastruktur und moderne Industrie eine historisch beispiellose wirtschaftliche Entwicklung möglich werde.
Auch Afrika, Lateinamerika und andere wirtschaftlich benachteiligte Regionen könnten nach seiner Überzeugung innerhalb weniger Jahrzehnte enorme Fortschritte erzielen.
Dafür müssten die Grossmächte allerdings aufhören, wirtschaftlichen Erfolg anderer Länder als Bedrohung zu betrachten.
Die Vereinigten Staaten müssten lernen, dass internationale Politik nicht bedeute, fremde Regierungen zu stürzen, Konkurrenten zu schwächen und militärische Vorherrschaft zu erzwingen. Sicherheit könne in einer Welt mit mehreren Atommächten nur durch gegenseitigen Respekt und Zusammenarbeit entstehen.
Sachs‘ Analyse verbindet damit drei grosse geopolitische Krisen: den Ukraine-Krieg, die Konfrontation mit Iran und den amerikanisch-chinesischen Konflikt um Taiwan. In allen drei Fällen sieht er denselben grundlegenden Fehler: Washington versucht, eine globale Vormachtstellung zu verteidigen, die angesichts des wirtschaftlichen und politischen Aufstiegs anderer Staaten immer weniger aufrechtzuerhalten ist.
Seine abschliessende Warnung lautet sinngemäss: Solange die Vereinigten Staaten den Unterschied zwischen internationaler Zusammenarbeit und imperialer Vorherrschaft nicht akzeptieren, wird die Welt gefährlich bleiben. Im Atomzeitalter könnte eine einzige schwere Fehlentscheidung genügen, um eine regionale Krise in eine globale Katastrophe zu verwandeln.


