Verfasst von Larry C. Johnson
Während des grössten Teils des saudischen Kriegs im Jemen waren die ballistischen Raketen von Ansar Allah eher politisch als militärisch bedeutsam. Sie waren laut und furchteinflössend, aber selten entscheidend. 2017 konnte die Presse zu Recht berichten, dass die Sprengköpfe der Raketen der Gruppe oft verkleinert wurden und sie nur selten das trafen, worauf sie zielten. Die saudische Luftabwehr schoss viele von ihnen ab, und der Rest schlug in menschenleerer Wüste ein.
Das Bild hat sich inzwischen geändert. Seit die Konfrontation diesen Sommer wieder aufflammte, sind seit dem 5. Oktober fünf saudische Flughäfen von den Houthis angegriffen worden; dabei gab es 20 Tote und Hunderte Verletzte. Am 10. Oktober fotografierte AFP den Moment, in dem der internationale Flughafen King Khalid in Riad getroffen wurde. Als die Houthis Treffer auf Aramco-Anlagen für sich beanspruchten, bezeichnete die Koalition diese Behauptungen als irreführend, doch unabhängige Journalistinnen und Journalisten berichteten von Feuer und Rauch über der Raffinerie in Riad. Das sind keine Flächenwaffen, die irgendwo in der Nähe einer Stadt einschlagen. Es sind Treffer auf bestimmte Anlagen in einer Entfernung von 1’000 Kilometern oder mehr, und zwar gegen eines der dichtesten Luftabwehrnetze der Region.
Ich habe meine berufliche Laufbahn mit Zielerfassung und militärischer Planung verbracht und weiss, was dieses Muster bedeutet. Präzision auf grosse Entfernung kommt nicht von einem besseren Raketenmotor. Eine von der Scud abgeleitete Rakete, die sich nur auf Trägheitsnavigation stützt, summiert während des gesamten Flugs Fehler auf; ihr Wiedereintrittskörper fügt weitere hinzu. Um von einem Fehlschuss um mehrere Hundert Meter auf eine Abweichung von einigen Dutzend Metern zu kommen, muss die Flugbahn spät im Flug korrigiert werden – durch Aktualisierungen der Satellitennavigation, einen manövrierfähigen Wiedereintrittskörper oder einen Endphasen-Suchkopf. Welche Hardware auch immer zum Einsatz kommt: Es braucht zudem präzise Zielkoordinaten. Beides kann Ansar Allah nicht in den Bergen von Saada herstellen.
Die Raketenrümpfe stammen aus iranischer Entwicklung. Das wird ernsthaft kaum bestritten. Doch die Fortschritte Irans bei der Präzision weisen auf deren Ursprung hin, und hier gibt es zwei mögliche Kandidaten, nicht einen.
Der erste ist Russland. Seit Irans Angriff auf Ain al-Asad im Jahr 2020 gibt es anhaltende Berichte, wonach Raketen der Fateh-Familie GLONASS nutzen, Russlands Satellitennavigationssystem. Damit Iran das verschlüsselte, störungsresistente militärische GLONASS-Signal nutzen könnte, müsste Russland die kryptografischen Schlüssel weitergeben.
Der zweite ist China, und ich würde diese Möglichkeit nicht ausschliessen. Chinas BeiDou-Konstellation ist grösser als GPS, und ihr eingeschränkter Dienst für autorisierte Nutzer ist darauf ausgelegt, Störungen und Spoofing zu widerstehen. Forschende, die die Beziehungen zwischen China und Iran verfolgen, verweisen auf ein angebliches Abkommen aus dem Jahr 2015, BeiDou in Irans militärische Infrastruktur zu integrieren, sowie auf Berichte, wonach Peking Teheran nach der strategischen Partnerschaft von 2021 Zugang zu seinem verschlüsselten militärischen Signal gewährte. Einigen Berichten zufolge schloss Iran im Juni 2025, unmittelbar nach dem 12-tägigen Krieg, den Wechsel von amerikanischem GPS zu BeiDou ab. Der frühere französische Geheimdienstchef Alain Juillet hat argumentiert, der seitherige Zuwachs an Präzision iranischer Raketen lasse sich am besten durch den Zugang zu BeiDou erklären. Teheran hat nichts davon je bestätigt. Es sagt lediglich, dass es alle verfügbaren Quellen nutze und von keiner abhängig sei.
Ich vermute, die ehrliche Antwort lautet, dass Iran beide Systeme nutzt und dass dieselbe Logik gilt, unabhängig davon, auf welche Konstellation sich seine Raketen stützen. Das offene zivile Signal wäre genau das, was die saudische und amerikanische elektronische Kriegsführung als Erstes stören würde. Eine Rakete, die in einer solchen Umgebung weiterhin trifft, nutzt ein geschütztes militärisches Signal, und nur Moskau oder Peking können Zugang dazu gewähren. Wenn Iran darüber verfügt, gibt es allen Grund zu glauben, dass auch die Raketen, die es in den Jemen liefert, damit ausgestattet sind.
Auch die Zielerfassungsinfrastruktur weist in dieselbe Richtung. 2024 berichtete das Wall Street Journal, Russland übermittle den Houthis über die IRGC im Jemen Satellitendaten. Washington hat zudem öffentlich ein chinesisches kommerzielles Satellitenunternehmen beschuldigt, Bildmaterial geliefert zu haben, das Houthi-Angriffe unterstützte. Präzise Koordinaten sind die eine Hälfte eines Präzisionsschlags. Eine Bewegung ohne eigene Satelliten braucht die Augen anderer.
«Sie benutzen einfach Google Earth»
Einige Kommentatoren winken das ab. Jeder könne Koordinaten aus Google Earth auslesen, argumentieren sie, also brauche Ansar Allah keine Hilfe von aussen. Man gebe die Koordinaten einer Startbahn oder einer Raffinerie ein und schiesse.
Dieses Argument verwechselt das Wissen um den Standort eines Ziels mit der Fähigkeit, es zu treffen.
Die Genauigkeit hat zwei getrennte Fehlerbudgets, die in der militärischen Zielerfassungsdoktrin separat behandelt werden. Das erste ist der Fehler bei der Zielortbestimmung: Wie genau weiss man, wo sich der Zielpunkt befindet? Das zweite ist der Waffenfehler: Wie genau kann die Rakete tatsächlich zu einer bestimmten Koordinate fliegen? Beide Fehler addieren sich, wobei der grössere ausschlaggebend ist. Frei verfügbare kommerzielle Bilddaten haben den ersten Fehler verringert. Bei einer grossen, festen und gut erfassten Anlage wie einem saudischen Flughafen liegen die mit Google Earth ermittelten Koordinaten horizontal oft nur wenige Meter daneben. Das ist eine echte Veränderung gegenüber den 1990er-Jahren, und ich werde nicht so tun, als wäre es anders.
Doch eine Koordinate ist nur eine Zahl. Für eine Rakete, die nicht zu ihr steuern kann, bewirkt sie nichts. Eine von der Scud abgeleitete Rakete, die sich auf Trägheitsnavigation stützt und deren Wiedereintrittskörper beim Sinkflug ins Taumeln gerät, verfehlt ihr Ziel um Hunderte von Metern, ganz gleich, wie perfekt die Koordinate ist. Eine Koordinate mit einer Genauigkeit von 5 Metern, die in eine Waffe mit einer Abweichung von 500 Metern eingegeben wird, ergibt eine Waffe mit einer Abweichung von 500 Metern. Gute Koordinaten lassen sich nur dann in präzise Treffer verwandeln, wenn ein Leitsystem die Flugbahn spät im Flug korrigieren kann: durch Aktualisierungen der Satellitennavigation, einen manövrierfähigen Wiedereintrittskörper oder einen Endphasen-Suchkopf. Das Google-Earth-Argument erklärt den Bedarf an dieser Technologie nicht weg. Es setzt voraus, dass die Technologie bereits vorhanden ist.
Ein zweites Problem kommt hinzu. Die satellitengestützte Navigation ist nur so gut wie das Signal, das sie empfängt, und das zivile GPS-Signal ist das Erste, was die saudische und amerikanische elektronische Kriegsführung im Krieg stört. Eine Rakete, die in einer umkämpften elektromagnetischen Umgebung weiterhin ihr Ziel findet, arbeitet nicht mit einem frei verfügbaren, unverschlüsselten Signal. Zugang zu einem geschützten militärischen Signal, ob GLONASS oder BeiDou, kann nur der Staat gewähren, dem die jeweilige Konstellation gehört.
Schliesslich sind kommerzielle Satellitenbilder Momentaufnahmen, die oft Wochen oder Monate alt sind. Sie verraten nicht, in welchem Hangar sich heute Nacht Flugzeuge befinden oder welcher Teil einer Raffinerie gerade in Betrieb ist. Um hochwertige Zielpunkte statt bloss Anlagen zu treffen, braucht es aktuelle Informationen – genau das, was die 2024 gemeldeten russischen Satellitendaten liefern würden.
Also ja: Google Earth ist Teil der Geschichte. Es hilft zu erklären, warum Angriffe auf feste Infrastruktur für alle nichtstaatlichen Akteure der Welt einfacher geworden sind. Es erklärt nicht, wie die Raketen einer jemenitischen Bewegung plötzlich dort einschlagen, worauf sie zielen. Dafür braucht es ein Leitsystem und ein Navigationssignal, und Ansar Allah stellt weder das eine noch das andere her.
Die Lieferkette
Die Lieferkette lässt sich also leicht rekonstruieren. Iran liefert die Raketen, die Ausbildung und die Berater der IRGC vor Ort. Russland, China oder beide liefern, was die Vereinigten Staaten nicht abschalten können: ein geschütztes militärisches Navigationssignal, GLONASS oder BeiDou. Berichten zufolge liefert Russland bereits Zieldaten, und China stellt kommerzielles Bildmaterial bereit. Ansar Allah liefert die Startgeräte und den Willen.
Warum sollten Moskau oder Peking dieses Risiko eingehen? Ein Blick auf die Karte genügt. Die Vereinigten Staaten haben wegen ihres Kriegs gegen Iran zwei Trägerkampfgruppen und eine amphibische Einsatzgruppe im Arabischen Meer. Jeder Abfangflugkörper der saudischen Luftabwehr, der auf eine jemenitische Rakete abgefeuert wird, steht für diesen Kampf nicht mehr zur Verfügung; und jeder gestörte saudische Flughafen und jede gestörte Raffinerie erhöhen die politischen Kosten für Riad, sich an Washington auszurichten. Für Russland folgt dies derselben Logik wie die westlichen Waffen und die Unterstützung bei der Zielerfassung, die in die Ukraine geflossen sind. Für China ist es eine kostengünstige Möglichkeit, die amerikanische Seemacht weit vom westlichen Pazifik entfernt zu binden. Keines der beiden Länder muss einen Schuss abgeben oder seinen Namen auf eine Rakete schreiben.
Washington und Riad sollten aufhören, die Raketenbedrohung der Huthi allein als iranisches Problem zu behandeln. Sanktionen und das Abfangen von Lieferungen in den Häfen am Roten Meer richten sich gegen die Raketen selbst. Sie bewirken nichts gegen Signale aus dem Orbit oder Bildmaterial, das über eine Scheinfirma gekauft wird. Solange die Führungs- und Zielerfassungsebene nicht direkt angegangen wird – durch Diplomatie mit Moskau und Peking oder durch ernsthafte elektronische und weltraumgestützte Gegenmassnahmen –, werden die Flughäfen Saudi-Arabiens weiterhin in den Abendnachrichten sein.


