Erst die Pandemie, dann die Warnung vor einer digitalen Pandemie, jetzt konkrete Drohungen gegen die Infrastruktur des weltweiten Internets: Was das Weltwirtschaftsforum bereits 2020 als «Cyber-COVID» beschrieb, erhält durch die Eskalation im Iran-Krieg eine neue Brisanz. Gleichzeitig warnen führende KI-Unternehmen vor einer bislang kaum vorstellbaren Cyberbedrohung. Handelt es sich um voneinander unabhängige Entwicklungen – oder zeichnet sich hier bereits der nächste globale Ausnahmezustand ab?
Die Warnung kam am 19. Oktober aus Teheran. Hossein Mohebbi, Sprecher der iranischen Revolutionsgarden, erklärte, dass sieben grosse Internetkabel unter der Strasse von Hormus verlaufen. Gleichzeitig kündigte er neue militärische Ziele und Waffensysteme an. Seine Botschaft an die Vereinigten Staaten war unmissverständlich: Man wolle den Gegner wissen lassen, welche verwundbaren Punkte existieren.
Aktuell erklärt der Sprecher der IRGC, dass im nächsten Krieg sieben strategische Unterseekabel, die unter der Straße von Hormus liegen, zerstört werden. „Über diese Kabel läuft der gesamte Internet- und Finanzverkehr in der Region.“ Das würde den Super-GAU auslösen. https://t.co/3dYBZLGN2c
— Don (@Donuncutschweiz) October 20, 2026
Bereits Anfang Oktober hatte Mohsen Rezaei, Sekretär des Obersten Nationalen Sicherheitsrats des Iran, ausdrücklich die Möglichkeit ins Spiel gebracht, amerikanische Unterseekabel, Rechenzentren und Einrichtungen für künstliche Intelligenz anzugreifen, sollte es zu einer erneuten militärischen Eskalation kommen. Damit wird eine Infrastruktur zum möglichen Kriegsziel, auf der wesentliche Teile der modernen Weltwirtschaft beruhen.
Es geht längst nicht mehr nur um Öl, Tanker und Handelsrouten. Es geht um Datenströme, internationale Zahlungsabwicklungen, Kommunikation und die digitale Infrastruktur einer Gesellschaft, die immer stärker vom Internet abhängig geworden ist. Die Behauptung, sämtliche weltweiten Internetdaten liefen durch diese sieben Kabel, ist technisch zwar übertrieben. Doch eine gezielte Beschädigung wichtiger Unterseeverbindungen könnte erhebliche wirtschaftliche und gesellschaftliche Folgen haben.
Das Weltwirtschaftsforum warnte bereits 2020 vor «Cyber-COVID»
Wer sich an das Jahr 2020 erinnert, dürfte bei der gegenwärtigen Entwicklung aufhorchen. Während die Welt mit Lockdowns, Kontaktbeschränkungen, Impfkampagnen und digitalen Gesundheitsnachweisen beschäftigt war, diskutierte das Weltwirtschaftsforum (WEF) bereits über die nächste potenzielle globale Krise: eine Cyberpandemie.
Im Rahmen von «Cyber Polygon 2020», einer internationalen Cybersicherheitsübung unter Beteiligung des WEF, der russischen Sberbank und des Sicherheitsunternehmens BI.ZONE, wurde die Vorbereitung auf eine digitale Pandemie ausdrücklich zum zentralen Thema gemacht. An der technischen Übung beteiligten sich 120 Organisationen aus 29 Ländern.
WEF-Gründer Klaus Schwab warnte damals vor einem umfassenden Cyberangriff, der Stromversorgung, Verkehr, Krankenhäuser und weite Teile der Gesellschaft lahmlegen könnte. Die COVID-Krise würde im Vergleich zu einem solchen Ereignis möglicherweise wie eine kleine Störung erscheinen.
Das war keine versteckte Aussage, sondern wurde öffentlich kommuniziert. Das WEF veröffentlichte sogar ein Video mit dem Titel «A cyber-attack with COVID-like characteristics?» – also: Ein Cyberangriff mit COVID-ähnlichen Eigenschaften?
Die Frage lautet deshalb nicht, ob diese Szenarien existierten. Sie sind dokumentiert. Die Frage ist vielmehr, welche politische Bedeutung sie erhalten könnten, wenn eine solche Krise tatsächlich eintritt.
Denn während der COVID-Pandemie zeigte sich, wie schnell Regierungen weltweit ausserordentliche Befugnisse beanspruchen, Bewegungsfreiheit einschränken, digitale Kontrollsysteme einführen und tief in den privaten Alltag eingreifen können. Auch der Iran gehörte zu den Ländern, die während der Pandemie umfassende staatliche Gesundheitsmassnahmen und Einschränkungen durchsetzten.
Dass Staaten mit ansonsten gegensätzlichen politischen Interessen während einer globalen Krise vergleichbare Kontrollinstrumente einsetzen können, sollte zumindest nachdenklich machen.
Jetzt kommen die Warnungen der KI-Unternehmen hinzu
Besonders bemerkenswert ist der Zeitpunkt der neuen Warnungen.
Am 13. Oktober berichtete Reuters, dass das KI-Unternehmen Anthropic davor warnt, künstliche Intelligenz könnte sich künftig selbstständig über das Internet verbreiten. KI-Systeme könnten vernetzte Geräte übernehmen, sich auf weitere Systeme kopieren und so schwer kontrollierbare digitale Netzwerke bilden.
Nur einen Tag später bezeichnete Demis Hassabis, Mitgründer von Google DeepMind, bereits beobachtete KI-gestützte Hackerangriffe als erste Warnschüsse. Auch Microsoft-Präsident Brad Smith warnte vor den Sicherheitsfolgen zunehmend eigenständig handelnder KI-Systeme und forderte entsprechende Regulierung.
Hinzu kommt die Warnung des KI-Forschers Andreas Stuhlmüller vor Angriffen auf Stromnetze, Banken, Wasserversorgung und Internetinfrastruktur. Er hält schwerwiegende Störungen innerhalb des kommenden Jahres für möglich und rät zur persönlichen Krisenvorsorge.
Innerhalb weniger Tage entsteht damit ein auffälliges Gesamtbild: KI-Unternehmen warnen vor ausser Kontrolle geratenen digitalen Systemen, Sicherheitsforscher vor dem Zusammenbruch kritischer Infrastruktur und der Iran spricht offen über mögliche Angriffe auf internationale Datenverbindungen.
Keine dieser Warnungen beweist einen gemeinsamen Plan. Doch ihre zeitliche Nähe und die Überschneidung der beschriebenen Bedrohungen verdienen Aufmerksamkeit.
Die entscheidende Frage: Was geschieht nach einem digitalen Ausnahmezustand?
Während COVID standen die öffentliche Gesundheit und die Eindämmung eines Virus im Mittelpunkt staatlicher Massnahmen. Bei einem grossflächigen Cyberangriff wäre es die Wiederherstellung der digitalen Sicherheit.
Die politischen Möglichkeiten eines solchen Ausnahmezustands sind weitreichend. Wenn Banken nicht mehr funktionieren, digitale Zahlungssysteme ausfallen, Lieferketten unterbrochen werden und Kommunikationsnetze zusammenbrechen, steigt der Druck auf Regierungen, schnell und umfassend zu handeln.
Unter solchen Umständen könnten verpflichtende digitale Identifikationssysteme, strengere Internetkontrollen, zentralisierte Sicherheitsstrukturen und weitreichende Überwachungsbefugnisse mit dem Argument der Krisenbewältigung vorangetrieben werden.
Genau darin liegt die politische Brisanz. Eine tatsächliche Cyberkatastrophe könnte nicht nur wirtschaftliche Schäden verursachen, sondern auch dauerhaft verändern, wer den Zugang zu digitalen Dienstleistungen kontrolliert und unter welchen Bedingungen Bürger am gesellschaftlichen Leben teilnehmen dürfen.
Diese Möglichkeit ist keine Behauptung, dass eine solche Entwicklung bereits beschlossen wurde. Sie ist eine reale politische Frage, die sich aus den Erfahrungen der vergangenen Jahre ergibt.
Nach COVID nun Cyber-COVID – Zufall, Vorbereitung oder die nächste Krise?
Die offiziellen Erklärungen sind bekannt: Cyber Polygon sollte die Widerstandsfähigkeit gegenüber digitalen Angriffen verbessern. KI-Unternehmen wollen vor neuen technologischen Risiken warnen. Und der Iran versucht, seine militärischen Gegner durch die Androhung weiterer Angriffsziele unter Druck zu setzen.
Jede dieser Erklärungen kann für sich genommen zutreffen.
Doch ebenso berechtigt ist die Frage, weshalb die Verwundbarkeit einer vollständig digitalisierten Gesellschaft seit Jahren so eindringlich beschrieben wird, während gleichzeitig immer mehr wesentliche Bereiche des Lebens von genau dieser Infrastruktur abhängig gemacht werden.
Die Welt ist heute bei Kommunikation, Zahlungsverkehr, medizinischer Versorgung, Logistik und Verwaltung digital vernetzter als je zuvor. Ein grossflächiger Ausfall hätte entsprechend grössere Auswirkungen.
Und gerade diese Abhängigkeit könnte im Ernstfall zum politischen Hebel werden.
Die Indizien belegen bislang keinen koordinierten Plan für ein «Cyber-COVID». Sie zeigen jedoch, dass ein Szenario, vor dem das WEF bereits während der COVID-Pandemie warnte, inzwischen durch konkrete militärische Drohungen und neue technologische Risiken zusätzliche Aktualität erhält.
Vielleicht erleben wir lediglich eine Reihe unabhängig voneinander entstandener Warnungen. Vielleicht kündigt sich tatsächlich eine schwere digitale Krise an.
Entscheidend wird dann sein, ob eine solche Krise zum Schutz der Bevölkerung bewältigt wird – oder ob unter dem Schlagwort der digitalen Sicherheit neue Kontrollmechanismen entstehen, die auch nach dem Ende des Ausnahmezustands bestehen bleiben.
Denn eine Erfahrung aus der COVID-Zeit sollte nicht vergessen werden: Ausserordentliche Massnahmen lassen sich oft schneller einführen, als sie später wieder aufgehoben werden.
Quellen:
- Anadolu, 20.10.2026 – Iranische Drohung gegen Unterseekabel
- IranWire, 20.10.2026 – Revolutionsgarden nennen neue Ziele
- Cyber Polygon – Offizieller Bericht zur Übung 2020
- WEF – Ein Cyberangriff mit COVID-ähnlichen Eigenschaften?
- Reuters, 13.10.2026 – Anthropic warnt vor sich selbst verbreitender KI
- Reuters, 14.10.2026 – Google DeepMind warnt vor KI-Cyberangriffen

