Gold verlässt die USA – London und Hongkong bauen ihre Macht aus: Verschiebt sich gerade das Zentrum des globalen Goldhandels?
Während die Aufmerksamkeit der Finanzmärkte auf Dollar, Staatsanleihen und Zinspolitik gerichtet ist, vollzieht sich im Hintergrund eine auffällige Bewegung beim physischen Gold. Die frühere Zentralbankerin und Kapitalmarktexpertin Kathleen Tyson spricht von einem „Exodus“ aus den Vereinigten Staaten und einer Verlagerung nach London und Hongkong. Gleichzeitig zieht die niederländische Zentralbank Gold aus Nordamerika ab, Londons Tresore füllen sich und Hongkong hat im Juli ein staatliches Gold-Clearing-System gestartet, das ausdrücklich mit 400-Unzen-Barren nach internationalem Standard arbeitet. Noch ist daraus kein Zusammenbruch des Dollar-Systems abzuleiten – aber die Infrastruktur des physischen Goldhandels verschiebt sich sichtbar.
Kathleen Tyson sprach darüber in einem aktuellen Gespräch mit dem Ökonomen Michael Hudson. Ihre Beobachtung ist ungewöhnlich deutlich: Gold sei inzwischen nach Wert zu einem der wichtigsten, zeitweise sogar zum größten Exportgut der Vereinigten Staaten geworden. Seit Oktober 2025 lag Gold in mehreren Monaten vor klassischen US-Exporten wie Öl, Flugzeugen oder Pharmaprodukten. Auch unabhängige Handelsauswertungen bestätigen den außergewöhnlichen Anstieg.
Tyson nennt für die jüngste Bewegung rund 260 Tonnen Gold, die die Vereinigten Staaten verlassen hätten, und spricht von mehr als einer Verdoppelung gegenüber dem Vorjahr. Bei dieser Zahl ist allerdings Vorsicht nötig: Rund 260 Tonnen sind durch USGS-basierte Handelsdaten für 2025 dokumentiert; für 2026 ist eine weitere starke Beschleunigung der Goldexporte belegt, die genaue von Tyson genannte aktuelle Jahresmenge lässt sich aus den bislang öffentlich zugänglichen offiziellen Daten jedoch nicht eindeutig bestätigen.
Gold verlässt die USA in ungewöhnlich großen Mengen: Rund 260 Tonnen sollen dieses Jahr abgeflossen sein, während London und Hongkong ihre Goldbestände und Handelsinfrastruktur massiv ausbauen – ein Hinweis darauf, dass sich das Zentrum des physischen Goldmarkts gerade… https://t.co/gVMXLDsFPO
— Don (@Donuncutschweiz) October 21, 2026
Der Trend selbst ist dagegen kaum zu übersehen.
Die Niederlande holen Gold aus Nordamerika – ausdrücklich für den Krisenfall
Besonders bemerkenswert ist die Entscheidung der niederländischen Zentralbank.
De Nederlandsche Bank gab Anfang September bekannt, zwischen März und August rund 86 Tonnen Gold aus New York und Ottawa nach London verlagert zu haben. Offiziell begründet wurde dies mit zunehmenden geopolitischen Spannungen und der Notwendigkeit, im Krisenfall schneller auf die Reserven zugreifen zu können.
Die Notenbank bezeichnet Gold ausdrücklich als einen Schutz gegen „extreme Systemrisiken“.
Dabei wurden nicht einfach 86 Tonnen physisch von Amerika nach Großbritannien geflogen. Rund 59 Tonnen wurden in New York verkauft und durch entsprechendes Gold in London ersetzt. Weitere Bestände wurden physisch umgeschichtet. Entscheidend ist deshalb weniger der Transport einzelner Barren als die Entscheidung, einen deutlich größeren Teil der Reserven dort zu halten, wo physisches Gold sofort handelbar ist.
Der Anteil der niederländischen Reserven in London stieg dadurch von 18,1 auf 32,1 Prozent. New York fiel von 31,3 auf 18,5 Prozent zurück. Das ist keine Flucht aus Gold.
Es ist eine Verschiebung innerhalb des Goldsystems – weg von New York und hin zum physischen Handelszentrum London.
Londons Tresore füllen sich
Auch die Zahlen der London Bullion Market Association zeigen die Bewegung.
Ende September lagen in den Londoner Tresoren 9.821 Tonnen Gold. Allein im dritten Quartal stiegen die Bestände um 3,78 Prozent. Gegenüber dem Vorjahr lagen die Lagerbestände um rund elf Prozent höher. LBMA
Tyson spricht in ihrem Gespräch von einem Zuwachs von rund 1.100 Tonnen im Jahresverlauf. Die genaue Abgrenzung hängt vom gewählten Ausgangszeitpunkt ab, doch unstrittig ist: London zieht erheblich mehr physisches Gold an.
Der Grund liegt auf der Hand. London bleibt der wichtigste außerbörsliche Handelsplatz für physisches Gold. Gold, das dort nach „Good Delivery“-Standard lagert, kann vergleichsweise schnell zwischen Zentralbanken, Geschäftsbanken und institutionellen Marktteilnehmern übertragen werden.
Gleichzeitig baut Hongkong einen direkten Konkurrenten auf
Noch interessanter ist die Entwicklung in Asien.
Am 7. Juli 2026 nahm Hongkong ein neues zentrales Clearing- und Abwicklungssystem für Gold in Betrieb. Betreiber ist die Hong Kong Precious Metals Central Clearing Company, die vollständig der Regierung Hongkongs gehört.
Das System ist für bilaterale und außerbörsliche Goldgeschäfte zwischen Banken vorgesehen. Verwendet werden Goldbarren von rund 400 Feinunzen – also genau das Format, das auch den internationalen London-Good-Delivery-Markt prägt.
Damit baut Hongkong nicht lediglich einen lokalen Markt für chinesische Privatanleger auf. Es schafft die Infrastruktur für einen internationalen Interbanken-Goldmarkt.
Und die Namen der beteiligten Institute zeigen, worum es geht: Internationale Großbanken wie HSBC, UBS, Citi, Standard Chartered und JPMorgan sind sowohl tief im Londoner Goldhandel als auch in der neuen asiatischen Infrastruktur vertreten.
Tyson sieht darin einen direkten Wettbewerb mit London.
Hongkong wird zum Gold-Drehkreuz Chinas
Der Aufbau kommt nicht zufällig. China ist der weltweit größte Goldproduzent und einer der größten Goldverbraucher. Gleichzeitig fließen immer größere Mengen über Hongkong in das chinesische Finanzsystem.
Allein im Juni lagen Chinas Netto-Goldimporte über Hongkong bei rund 50,7 Tonnen, mehr als doppelt so hoch wie ein Jahr zuvor. Die gesamten Goldimporte Hongkongs erreichten im selben Monat mehr als 78 Tonnen. Hinzu kommen stark gestiegene russische Goldlieferungen. In den ersten sieben Monaten 2026 gelangten laut Financial Times nahezu 100 Tonnen russischen Goldes nach Hongkong – etwa dreimal so viel wie im gleichen Zeitraum des Vorjahres.
Hongkong plant zudem seit längerem, seine Lagerkapazitäten erheblich auszubauen. Der Goldtresor am Flughafen soll schrittweise von ursprünglich 150 auf bis zu 1.000 Tonnen Kapazität erweitert werden.
Die Kombination ist entscheidend: Lagerung, physische Lieferung, Clearing, Preisbildung und Verbindung zum Shanghai Gold Exchange werden zunehmend miteinander verknüpft.
Verschiebt sich das Goldsystem von West nach Ost?
Tysons These geht deshalb über gewöhnliche Goldkäufe hinaus.
Sie glaubt nicht, dass die starken Zuflüsse nach Hongkong lediglich bedeuten, dass chinesische Anleger plötzlich enorme Mengen Gold kaufen. Vielmehr könnte ein Teil der Bewegung damit zusammenhängen, dass Banken physische Bestände dorthin verlagern müssen, wo künftig mehr Geschäfte abgewickelt werden.
Das wäre ein struktureller Wandel.
Bislang dominierten New York und London den internationalen Goldhandel, während die Schweiz eine Schlüsselrolle bei Verarbeitung und Raffination spielte.
Nun entsteht mit Hongkong ein weiterer großer physischer Handelsplatz mit direkter Verbindung zum chinesischen Finanzsystem.
Tyson fasst die Entwicklung deshalb so zusammen: Der Markt bewege sich aus den Vereinigten Staaten und teilweise aus der Schweiz in Richtung London und Hongkong.
Bedeutet das einen Vertrauensverlust in den Dollar?
Genau hier wird die Entwicklung geopolitisch.
Gold wird von Zentralbanken traditionell nicht nur wegen seines Preises gehalten. Es besitzt keinen Emittenten, keine Gegenpartei und kann – anders als eine Staatsanleihe – nicht durch die Zahlungsfähigkeit oder politische Entscheidung eines anderen Staates wertlos werden.
Der World Gold Council beschreibt bei Zentralbanken mittlerweile eine stärkere Aufmerksamkeit für drei Fragen: Wo befindet sich das Gold, wie schnell ist es im Krisenfall verfügbar und welchem politischen beziehungsweise rechtlichen Risiko ist es am jeweiligen Lagerort ausgesetzt?
Die niederländische Zentralbank sagt selbst, dass geopolitische Unruhe bei ihrer Entscheidung eine Rolle spielte.
Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass Länder massenhaft den Dollar aufgeben. London ist selbst Teil des westlichen Finanzsystems, und viele Goldbewegungen sind schlicht handels- und liquiditätsbedingt.
Doch der Trend zeigt etwas anderes deutlich: Physisches Gold gewinnt wieder strategische Bedeutung.
Es wird nicht mehr nur als passiver Schatz im Tresor betrachtet, sondern zunehmend als Reserve, die in Krisen schnell verfügbar und handelbar sein muss.
Gold wird wieder monetäre Infrastruktur
Genau deshalb ist Hongkongs neues System von Bedeutung. Hier entsteht nicht einfach ein weiterer Tresor.
Es entsteht eine institutionelle Infrastruktur, über die große Banken physisches Gold untereinander verrechnen können – mit denselben international akzeptierten 400-Unzen-Barren, die seit Jahrzehnten das Rückgrat des Londoner Marktes bilden.
Damit bekommt Asien erstmals eine Infrastruktur, die dem westlichen Goldhandel wesentlich direkter Konkurrenz machen kann.
Und während diese neue Struktur entsteht, wandern gleichzeitig große Mengen Gold aus traditionellen Zentren in Richtung London und Hongkong.
Noch beweist das keine bevorstehende Finanzkrise und auch keinen unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruch des Dollars.
Aber es zeigt, dass sich etwas Grundlegendes verändert: In einer Welt wachsender geopolitischer Risiken wird physisches Gold wieder zu einem strategischen Bestandteil der internationalen Finanzarchitektur – und das Zentrum dieses Systems liegt zunehmend nicht mehr ausschließlich in New York und London.
Quellen:

