Der iranische Professor Prof. Marandi hält eine Wiederaufnahme des Kriegs für wahrscheinlich, auch wenn er einen unmittelbaren Angriff nicht als sicher bezeichnet. Im Gespräch mit dem Moderator schildert er, wie er die militärischen Vorbereitungen der USA einschätzt, welche Ziele Iran im Fall eines Angriffs ins Visier nehmen könnte und weshalb er Berichte über iranische Anschlagspläne für Propaganda hält. Zugleich sagt er, er sei vor möglichen Attentaten gewarnt worden und wolle dennoch nach Iran zurückkehren.
Marandi erwartet eine gefährliche Entwicklung
Marandi sagt, er habe schon länger angenommen, dass die USA den Krieg nicht beenden wollten und die Wahrscheinlichkeit einer erneuten Eskalation deshalb hoch sei. Gewissheit gebe es nicht. Er verweist auf die Möglichkeit, dass ein Einbruch der Märkte die Lage grundlegend verändern könnte: Ein anhaltender oder ausgeweiteter Krieg würde seiner Einschätzung nach die US-Wirtschaft schwer belasten. Bei einem grossen Krieg, wie ihn Donald Trump und Benjamin Netanyahu angekündigt hätten, drohe aus seiner Sicht sogar eine «grosse Depression». Die USA könnten dann den Krieg nicht aufrechterhalten und müssten ihre weltweite militärische Präsenz überdenken.
Für seine Einschätzung beobachte Iran laut Marandi nicht allein öffentliche Äusserungen Trumps, sondern vor allem die militärischen Bewegungen und die Ausrüstung, die in der Golfregion, auf der Arabischen Halbinsel und in Palästina stationiert werde. Die USA seien noch nicht vollständig bereit, bewegten sich aber in diese Richtung. Ein Angriff könne deshalb trotzdem jederzeit stattfinden. Marandi sagt, er sei vor seiner Reise nach China darüber informiert worden, dass ein Kriegsbeginn in der vorangegangenen Nacht als unwahrscheinlich gegolten habe.
Der Moderator verweist auf Medienberichte über Vorbereitungen von Kriegsschiffen, Nachschub für Stützpunkte und Luftabwehr sowie die Bereitstellung von Langstreckenraketen und bunkerbrechenden Bomben. Er vermutet, Trump habe die Entscheidung für einen Angriff bereits getroffen, könne aber noch umgestimmt werden. Marandi widerspricht der Vorstellung, die Planung sei neu: Sie laufe seiner Ansicht nach schon lange. Die Reise des israelischen Vertreters Hexa nach Palästina habe der Koordination gedient. Marandi vermutet zudem, Trump habe mit einer Äusserung zugunsten Netanyahus dem israelischen Regierungschef und dessen Lobby Zeit verschaffen wollen, auch mit Blick auf die Zwischenwahlen. Das kennzeichnet er ausdrücklich als persönliche Einschätzung, nicht als Wissen aus verlässlicher Information.
Strasse von Hormus und mögliche Gegenmassnahmen
Marandi sagt, Iran kontrolliere die Strasse von Hormus und habe Schiffe angegriffen, die sie ohne iranische Zustimmung zu passieren versucht hätten. Er begründet dies damit, dass es sich nicht um gewöhnliche Handelsschiffe handle, sondern um Schiffe, die Vermögenswerte von Staaten transportierten, die sich durch ihre Zusammenarbeit mit den USA am Krieg gegen Iran beteiligten. Er nennt Kuwait, Saudi-Arabien, Bahrain, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate.
Für den Fall eines neuen Angriffs kündigt Marandi eine Reaktion an, die nicht verhältnismässig, sondern «viel härter» und breiter ausfallen werde. Wenn Israel angreife, sei das für Iran zugleich ein Angriff der USA; umgekehrt gelte dasselbe. Auch Verbündete und Stellvertreter der USA würden als Teil des Konflikts betrachtet. Marandi sagt, Iran habe angekündigt, den Umfang seiner Ziele auszuweiten.
Als Grund dafür nennt er eine neue Phase wirtschaftlicher Kriegsführung, die nach seiner Darstellung darauf ziele, die iranische Bevölkerung wirtschaftlich zu erdrosseln. Er führt eine Äusserung des US-Finanzministers Bessant an, wonach die iranische Gesellschaft zum Zusammenbruch gebracht werden solle. Als mögliche Ziele Irans nennt Marandi deshalb wirtschaftliche Anlagen in der Region, darunter Rechenzentren, Banken und andere Einrichtungen, die direkt oder indirekt mit den USA verbunden seien. Dazu zählten auch Unterseekabel.
Marandi sagt, die USA hätten mit ihrer Politik nahezu alle bisherigen Grenzen beseitigt; Iran werde deshalb seinerseits nicht mehr an den früheren roten Linien festhalten. Falls die USA die kritische Infrastruktur Irans zerstörten, werde Iran nach seiner Darstellung entsprechend handeln. Er nennt Öl- und Gasanlagen sowie weitere Ziele, deren Beschädigung die US-Wirtschaft treffen könnte. Auch die Infrastruktur der Golfstaaten sieht er gefährdet. Wenn Iran angegriffen werde, würden seiner Darstellung nach auch jene bestraft, die den Angreifer unterstützten. Er erklärt, diese Staaten seien aus seiner Sicht nicht nachhaltig verteidigungsfähig, und verweist auf die seiner Meinung nach aufgebrauchten Luftabwehrkapazitäten Saudi-Arabiens und auf die Priorität, die die USA dem Schutz Israels einräumten.
Auf die Frage, was Menschen in der Golfregion konkret befürchten müssten, antwortet Marandi: «Alles.» Er sagt, die Folgen könnten auch Flughäfen und Entsalzungsanlagen betreffen. Bereits früher habe er gewarnt, dass ein Angriff auf kritische Infrastruktur für die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabien existenzielle Folgen haben könnte. Diese Warnung wiederholt er im Interview und sagt, er habe die Region selbst verlassen. Zugleich betont er, Iran habe den Krieg nicht begonnen und wolle keine Eskalation.
Marandi bestreitet iranische Anschlagsabsichten
Der Moderator berichtet von einer angeblichen Mitteilung des US-Geheimdienstes, laut der Iran seine Bemühungen verstärkt habe, US-Personal in Westasien und weiteren, nicht näher bezeichneten Ländern ins Visier zu nehmen. Der Moderator gibt zudem wieder, Medienberichten zufolge seien US-Regierungsangestellte vor einer erhöhten Bedrohung gewarnt worden; mögliche iranische Aktivitäten in den USA und Ziele in Europa seien ebenfalls erwähnt worden. Als möglichen Hintergrund für den Abbau von Personal in US-Botschaften nennt er eine mögliche Eskalation der Huthi über Saudi-Arabien hinaus.
Marandi weist die Berichte als «Fake News» zurück. Iran werde keine Zivilpersonen angreifen, sagt er. Wenn mit möglichen Zielen Personen gemeint seien, die mit den Kriegsanstrengungen verbunden seien, sei das etwas anderes. Die Darstellung möglicher Anschläge in den USA deutet er als Falschflaggenoperation oder als Versuch, bei der amerikanischen Bevölkerung Angst zu erzeugen. Vor einem Angriff auf Iran werde es seiner Prognose nach mehr solcher Meldungen geben, um Unterstützung für einen Angriff zu schaffen.
Marandi kritisiert, westliche Medien würden über angebliche iranische Bedrohungen berichten, während offene Drohungen gegen Iranerinnen und Iraner kaum Beachtung fänden. Er sagt, ein Redaktor von Table Mag habe auf X zu seiner Ermordung aufgerufen. Der Moderator bestätigt im Gespräch, der betreffende Nutzer habe Marandi mit dem Tod bedroht. Marandi erwähnt ausserdem einen anderen Account, der Geld für seine Entführung gesammelt habe; über die Höhe des Betrags macht er keine Angabe. Der Moderator berichtet, derselbe Nutzer habe ihn selbst beleidigt, aber nicht mit dem Tod bedroht.
Marandi wirft Medien wie der «New York Times», dem «Wall Street Journal», dem «Guardian», der BBC und Fox News vor, bei der Darstellung des US-Imperiums gleich zu handeln. Sie würden seiner Ansicht nach unbestätigte Angaben über mögliche iranische Anschläge verbreiten, aber Drohungen gegen Iraner nicht vergleichbar thematisieren. Er bestreitet nicht grundsätzlich, dass Iran US-Beamte ins Visier nehmen könnte, falls die USA iranische Amtsträger angriffen; er sagt jedoch, Berichte über Ziele in den USA stellten die Gefahr einseitig dar. Der Moderator hält dagegen, dass auch Angriffe auf US-Beamte und Botschafter im Rahmen eines Kriegs nicht überraschend wären. Marandi mahnt, zwischen Amtsträgern und Zivilpersonen zu unterscheiden.
Der Moderator sagt, er halte es für wahrscheinlich, dass die USA und Israel eine Erzählung zur Rechtfertigung eines Kriegs aufbauen würden. Zugleich sieht er iranische Angriffe auf US-Beamte als mögliche Strategie, um den USA genügend Schaden zuzufügen und sie zum Kriegsende zu bewegen. Marandi entgegnet, die Berichte bezögen sich auch auf US-Bürger in den Vereinigten Staaten und nicht nur auf Amtsträger. Er sieht darin ein Propagandamuster, das die Grundlage für eine Aggression gegen Iran schaffen solle.
Drohungen und Rückkehr nach Iran
Auf die Frage, ob er selbst auf einer möglichen Zielliste stehe, sagt Marandi, ein Szenario mit weitreichenden Attentaten sei möglich. Ihm sei mitgeteilt worden, dass auch er betroffen sein könnte. Das sei mit ein Grund gewesen, weshalb er nicht nach China habe reisen wollen. Er wolle nach Iran zurückkehren und dort leben, sagt er. Seine Aufgabe sei es, das Bewusstsein zu schärfen und der westlichen Berichterstattung entgegenzutreten. Auch künftig wolle er Abstand zu anderen Menschen halten und zurückgezogen leben, aber über das Internet erreichbar bleiben.
Marandi sagt, Drohungen seien für ihn nicht neu und hätten ihn während des Kriegs begleitet. Er erklärt, Iran und die «Achse des Widerstands» stünden auf der richtigen Seite der Geschichte. Der Moderator bezeichnet die Drohungen gegen Marandi als verstörend und sagt, politische Gegner dürften kritisiert werden, nicht aber mit Mord bedroht. Marandi antwortet scherzhaft, seine Studenten seien wegen seiner Noten unzufrieden.
Streit über die Vereinbarung und die Kriegsziele
Gegen Ende des Gesprächs schildert der Moderator, Trump glaube, Iran habe eine Absichtserklärung verletzt, indem es Schiffe angegriffen habe. Trump könne seiner Ansicht nach nicht akzeptieren, dass Iran die Kontrolle über die Strasse von Hormus ausübe, ohne selbst einen Erfolg vorweisen zu können. Der Moderator vermutet zudem, Wut und Rache beeinflussten Trumps Entscheidungen.
Marandi widerspricht der Darstellung, Trump glaube an eine Verletzung der Vereinbarung durch Iran. Er sagt, Trump habe sich von Anfang an nicht an die Vereinbarung gehalten: Die USA hätten Vermögenswerte nicht freigegeben und Israel nicht zum Ende der Kriege gezwungen. Zudem habe Trump einen Korridor eröffnet, der die Vereinbarung untergraben habe; auch eine Vereinbarung zwischen der Regierung im Libanon und Israel habe aus Marandis Sicht dazu gedient. Er nennt Trump unehrlich und sagt, dieser habe seine Wut gegenüber ausländischen Gesprächspartnern gezeigt.
Marandi behauptet, der Krieg habe nie mit dem iranischen Atomprogramm zu tun gehabt, sondern mit der israelischen Lobby und dem Ziel, Iran zu zerstören. Er zieht einen Vergleich zu Trumps Äusserungen über Venezuela und interpretiert diese als Ausdruck einer imperialen Haltung, wonach der Sieger sich die Beute nehme. Die Menschen ausserhalb des Machtzentrums würden in dieser Denkweise als untergeordnet betrachtet, sagt Marandi. Iran sei seit 47 Jahren dämonisiert worden; die Propaganda sorge dafür, dass selbst ein ungerechter Krieg als verdient dargestellt werden könne. Er erwartet, dass in den kommenden Tagen weitere Bilder und Behauptungen über angeblich unmittelbar bevorstehende Hinrichtungen junger Frauen verbreitet würden.


