Larry Johnson ordnet in einem Gespräch über Iran, Westasien und die bevorstehenden Wahlen in den USA und Israel mehrere Entwicklungen ein. Er sieht in einem Treffen von Iran, Saudi-Arabien, der Türkei und Pakistan ein Signal gegen die Vorstellung, Teheran lasse sich international isolieren. Zugleich hält er einen unmittelbar bevorstehenden US-Angriff auf Iran für wenig wahrscheinlich und warnt vor politischen und wirtschaftlichen Folgen.
Treffen in Teheran und der Krieg im Jemen
Johnson sagt, das Treffen in Teheran habe westliche Hoffnungen auf eine gemeinsame Front der Türkei, Saudi-Arabiens und Pakistans gegen Iran enttäuscht. Die Länder hätten sich stattdessen mit Iran zusammengesetzt. Seinem Verständnis nach sei die Zusammenkunft bei einem Besuch in der Vorwoche vereinbart worden. Die Türkei habe den Chef ihres Nachrichtendienstes entsandt, Saudi-Arabien den Verteidigungsminister Khalid bin Salman.
Auf der Tagesordnung habe auch der Jemen gestanden. Pakistan und die Türkei hätten Saudi-Arabien nach Johnsons Darstellung deutlich gemacht, dass sie das Land militärisch nicht aus der Lage heraushelfen würden. Eine militärische Lösung gebe es nicht; Riad müsse eine Verhandlungslösung suchen. Iran habe angeboten, dabei zu helfen. Johnson meint, Saudi-Arabien sei sich bewusst, in ernste Schwierigkeiten geraten zu können, falls es den Konflikt mit Ansar Allah nicht beilege.
Er deutet das Treffen zudem als Zeichen, dass die beteiligten Staaten den Druck der USA und deren Einfluss in der Region zurückdrängen wollten. Parallel seien zwar auch Vertreter Katars in Teheran gewesen, hätten aber nicht an der gemeinsamen Runde teilgenommen und Iran separat getroffen. Als auffällige Abwesende nennt Johnson die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain und Kuwait.
Israel, Energie und mögliche Druckmittel
Im Gespräch wird auch die israelische Besetzung von Gebieten in Westasien angesprochen. Johnson hält eine gemeinsame militärische Offensive der beteiligten Staaten gegen Israel für unwahrscheinlich. Als mögliche Druckmittel nennt er dagegen Energieexporte: Die Türkei könne den Öltransport durch ihr Gebiet nach Israel unterbrechen; Saudi-Arabien könne ebenfalls dafür sorgen, dass kein Öl, Flüssiggas oder Erdölprodukt Israel erreiche. Pakistan habe nach Johnsons Kenntnis keine entsprechende Beziehung zu Israel.
Eine solche Zusammenarbeit könne politischen Druck erzeugen, sagt Johnson, doch sehe er keine Anzeichen dafür, dass die Staaten gemeinsam eine Armee aufstellen und nach Jerusalem marschieren würden. Ein solches Szenario liege höchstens weit in der Zukunft.
Meldung über einen möglichen US-Angriff
Der Moderator verweist auf einen CNN-Bericht, wonach das US-Zentralkommando bereit sei, innerhalb von 96 Stunden eine grössere Militäroperation gegen Iran durchzuführen. Laut der im Gespräch wiedergegebenen Meldung könnten Energieanlagen, Nuklearanlagen und militärische Ziele im Visier stehen. Johnson rechnet daraus einen möglichen Zeitpunkt am Donnerstag oder Freitag ab und verbindet ihn mit der Nähe zu den US-Zwischenwahlen.
Er hält die Meldung jedoch nicht für den Beweis eines unmittelbar bevorstehenden Angriffs. Johnson bezeichnet das militärische Säbelrasseln als eine Art Einschüchterungsmanöver und sagt, Washington wolle sich vermutlich nicht in einen Krieg hineinziehen lassen. Ein Angriff würde den Ölpreis erhöhen und damit auch die Kosten für Benzin, Diesel und alltägliche Waren in den USA. Das sei politisch heikel.
Im Gespräch wird zudem ein weiterer Teil des CNN-Berichts erwähnt: Iran und Ansar Allah würden im Fall eines US-Angriffs wahrscheinlich US-Stützpunkte in Westasien und möglicherweise darüber hinaus angreifen. Johnson nennt diese Einschätzung naheliegend. Über einen möglichen Zeitpunkt im Verhältnis zu den israelischen Wahlen sagt er, er erwarte vor der Wahl keine Eskalation. Israels Regierungschef Benjamin Netanyahu sei zuvor vom Chef des Militärs gebremst worden; auch eine grosse Militärübung werfe Fragen dazu auf, ob die beteiligten Soldaten überhaupt wählen könnten.
Gespräche, Bedingungen und gegenseitiges Misstrauen
Der Moderator fasst einen Bericht der New York Times über mögliche Verhandlungen zwischen Iran und den USA zusammen. Demnach könnten beide Seiten über eine Reihe von Zugeständnissen sprechen: Iran würde die Strasse von Hormus wieder öffnen, die USA ihre Seeblockade iranischer Häfen aufheben. Streit gebe es über den Zeitpunkt der Schritte und über Forderungen der Vermittler zum iranischen Nuklearprogramm, die iranische Unterhändler zurückwiesen.
Johnson sagt, Iran werde seine bereits bekannten Forderungen kaum aufgeben. Ein Rückzug davon würde in Teheran als Schwäche gelten und die USA zu weiterem Druck ermutigen. Ob die Trump-Regierung tatsächlich eine Einigung anstrebe, bezweifelt er: Er sehe eher ein politisches Spiel als den ernsthaften Wunsch, sich militärisch zu engagieren.
Auch die von Donald Trump erwähnten zwei Geheimdienstberichte kann Johnson nicht einordnen. Er wisse weder, welche Behörden sie erstellt hätten, noch ob es sich um analytische Einschätzungen, menschliche Quellen oder abgefangene Kommunikation handle. Über Inhalt und Grundlage der Berichte sei nichts bekannt.
Kritik am Umgang mit US-Geheimdiensten
Johnson unterscheidet zwischen den einzelnen US-Geheimdiensten und verweist auf einen Artikel im Magazin The Atlantic über die CIA unter John Ratcliffe. Dessen Darstellung zufolge fühlten sich Analysten eingeschüchtert und unter Druck gesetzt, ihre Einschätzungen aus politischen Gründen zu ändern. Johnson sagt, Geheimdiensturteile dürften nicht so angepasst werden, dass sie dem Weissen Haus gefielen.
Zusätzlichen Druck sieht er darin, dass Analysten organisatorisch näher an operative Bereiche gerückt seien. Mitarbeitende, deren Laufbahn mit verdeckten Operationen verbunden sei, könnten die analytische Arbeit beeinflussen. Wenn der Präsident zugleich erkläre, er glaube den Einschätzungen nicht, verstärke dies den Druck auf Analysten und deren Vorgesetzte. Eine Verbesserung des Verhältnisses zwischen Trump und der Geheimdienstgemeinschaft sieht Johnson nicht.
Iran sei nicht isoliert
Johnson widerspricht der Darstellung, Sanktionen würden Iran rasch in die Knie zwingen. Er erinnert an frühere Prognosen, wonach Iran innerhalb weniger Wochen kapitulieren werde, und sagt, diese seien nicht eingetroffen. Auch der Besuch von Vertretern Saudi-Arabiens, der Türkei und Pakistans in Teheran zeige seiner Ansicht nach, dass Iran nicht isoliert sei.
Die Staaten hätten Iran am Flughafen warm empfangen, sagt Johnson. Das Treffen illustriere, dass die Bemühungen um eine Isolation Teherans gescheitert seien. Er meint, andere Länder sähen, dass Iran einen früheren Angriff der USA und Israels überstanden habe, während Washington im Ernstfall möglicherweise zurückweiche. Das könne Staaten dazu bewegen, mit Iran Vereinbarungen zu suchen.
Johnson hält es für möglich, dass aus den Gesprächen eine neue regionale Sicherheitsordnung hervorgehe. Dabei könnten die Beteiligten auch über ein Ende des Kriegs im Jemen und die freie Passage durch den Persischen Golf sprechen. Falls es zu einer Verständigung zwischen den vier Staaten gekommen sei, könne das nach seiner Einschätzung spürbare Veränderungen auslösen. Er nennt zudem Russland und China als wichtige Akteure; Russland habe Berichten zufolge kürzlich 14 Flugzeuge mit möglicherweise militärischer Ausrüstung nach Iran geschickt. Johnson sagt, er wisse nicht, ob es sich um defensive oder offensive Systeme gehandelt habe.
Libanon, Syrien und die Grenzen des Drucks auf Israel
Im Gespräch wird ein Reuters-Bericht zitiert, wonach die Hisbollah in den vergangenen drei Monaten ihre militärischen Fähigkeiten wiederaufgebaut habe. Dazu gehörten laut dem Bericht die Entwicklung von Selbstmorddrohnen, der Erwerb von Sprengstoff und die Wiederherstellung beschädigter Führungsstrukturen. Die Angaben stützten sich auf libanesische Sicherheitsquellen; zudem sei von iranischen Geldtransfers in zweistelliger Millionenhöhe die Rede.
Johnson äussert sich dazu nicht mit einer unabhängigen Bestätigung, sondern spricht allgemeiner über die militärische Lage. Er sagt, Iran halte derzeit Feuer, obwohl es in Syrien Explosionen gegeben habe. Die Behauptung, Iran habe keine Munition oder zu wenig Truppen, weist er zurück. Zur Frage, ob eine regionale Gruppe Israel aus Syrien, dem Libanon, Gaza und dem Westjordanland verdrängen könnte, sagt Johnson, dafür gebe es kaum Mittel, solange die Staaten nicht militärisch vorgingen und erhebliche Teile der israelischen Infrastruktur zerstörten. Das halte er nicht für wahrscheinlich.
Wahlen in Brasilien und politische Folgen in den USA
Johnson spricht auch über die brasilianische Wahl. Er sagt, die höhere Beteiligung in der zweiten Runde habe die Stimmenzahl für Lula erhöht; zugleich habe die Partei Jair Bolsonaros bei Gouverneurswahlen gut abgeschnitten. Die Behauptung, eine Verlängerung der Wahlzeit habe Lula den Sieg verschafft, hält er für unzutreffend. Der Moderator erklärt, beide Wahlkampfteams hätten eine Verlängerung beantragt; Bolsonaros Lager habe dies früher getan. In São Paulo und Paraná hätten sich die beantragten Gebiete überschnitten.
Johnson sieht Lulas Wahlsieg als Rückschlag für Trump und dessen politische Verbündete, die auf einen Erfolg Bolsonaros gehofft hätten. Auch mit Blick auf die US-Zwischenwahlen erwartet er keine sichere Lage für die Republikaner. Schlechte Umfragewerte und die Entscheidung Trumps und seines Vizepräsidenten JD Vance, vor allem in Staaten aufzutreten, die Trump bereits gewonnen habe, deuteten für ihn nicht auf Stärke hin. Sollte Trump die Zwischenwahlen verlieren, werde es schwieriger, den Krieg gegen Iran fortzusetzen, und er müsse womöglich einen Ausweg suchen.
Saudi-Arabien, Europa und Netanyahus Aussichten
Johnson beschreibt die Lage in Saudi-Arabien als düster und sagt, das Königreich halte eine engere Beziehung zu Israel inzwischen für zu kostspielig. Die Annäherung an Iran, Pakistan und Ägypten sei Teil einer Neuorientierung. Ein im Gespräch erwähnter Bericht, wonach Saudi-Arabien Israel eine Milliarde Dollar im Rahmen einer von Iran vermittelten Vereinbarung angeboten habe, weist Johnson als belanglos zurück.
Einen israelischen Angriff auf Iran ohne vorherige Zustimmung der USA hält er für unwahrscheinlich. Israel sei auf die Unterstützung Washingtons angewiesen und werde eine solche Eskalation nicht beginnen, solange diese nicht gesichert sei. Im Gespräch werden zudem unterschiedliche Einschätzungen innerhalb der israelischen Militärführung erwähnt: Einige befürworteten militärisches Vorgehen grundsätzlich, wollten es aber nicht unmittelbar vor den Wahlen. Johnson sagt, der Generalstabschef habe Netanyahu demnach von einem Angriff abgeraten.
Für die israelische Wahl prognostiziert Johnson eine knappe Niederlage Netanyahus. Er erwartet anschliessend mögliche Unruhe und meint, Netanyahu werde versuchen, sich an der Macht zu halten. Zur europäischen Politik sagt Johnson, Grossbritannien und Deutschland würden besonders hart auftreten, während Frankreich eher vermeiden könnte, sich so festzulegen, dass es verwundbar werde. Die USA und Israel hätten darauf gesetzt, Iran so weit zu schwächen, dass es aufgebe; das werde nach Johnsons Einschätzung nicht geschehen.


