Indiens Premierminister warnt davor, dass Staaten heute wirtschaftlich lahmgelegt werden können, ohne dass klassische Waffen eingesetzt werden. In Japan wurden nach einem massiven Cyberangriff tatsächlich Handelskonten manipuliert. G7-Staaten und Zentralbanken simulieren Angriffe auf das Finanzsystem, während große US-Banken autonome KI-Agenten aus Kundenkonten aussperren. Gleichzeitig treiben Washington und andere Regierungen Stablecoins, digitale Zahlungssysteme und KI im Finanzsektor voran. Die einzelnen Entwicklungen sind real – die These, dahinter stehe bereits ein vorbereiteter Plan zur Abschottung oder Ersetzung des Internets, ist dagegen bislang nicht belegt.
Indiens Premierminister Narendra Modi formulierte die neue Gefahr am 25. Oktober ungewöhnlich deutlich. Bei der Eröffnung eines neuen Rechenzentrums und Cybersecurity-Instituts der indischen Zentralbank erklärte er, moderne Kriege würden längst nicht mehr nur mit Waffen geführt. Auch ein Angriff auf die Wirtschaft könne ein Land schwächen, weshalb insbesondere Banken und Zahlungssysteme gegen „Cyber-Terroristen“ geschützt werden müssten.
IS THE INTERNET GOING TO BE LOCKED DOWN? Some very strange pieces are starting to line up. PM Modi warned that future wars could cripple countries without bombs ever falling, simply by taking down banks and financial systems. In Japan, the head of GMO Internet Group raised the possibility of an internet collapse after claims of fraudulent activity hit more than 70 brokerage and FX platforms. At the same time, G7 governments and central banks are running simulations for major AI-driven attacks on the financial system, and several of America’s biggest banks reportedly caught unauthorized AI agents trying to access customer accounts and act on their own. Then there’s Scott Bessent talking about a “grand economic reordering,” with stablecoins and AI part of the conversation around America’s $40 trillion debt. Maybe these are separate warnings. Maybe they aren’t. But if a major cyberattack ever freezes banks, trading platforms and transfers at the same time, people are going to accept almost any replacement system that gets their money moving again. Writer: Sol https://t.co/XmPLLp5I27
— Mario Nawfal (@MarioNawfal) October 26, 2026
Nur wenige Tage zuvor zeigte Japan, wie real diese Gefahr bereits ist. Die GMO Internet Group bestätigte einen Cyberangriff auf ihre Cloud-Infrastruktur für automatisierten Devisenhandel. Angreifer verschafften sich Zugriff auf Systeme, entwendeten Kundendaten und manipulierten in einigen Fällen Handelskonten. Besonders brisant: Die Täter drohten laut GMO damit, unerlaubte Transaktionen auf Konten bei mehr als 70 in- und ausländischen Broker- und FX-Unternehmen fortzusetzen. Diese Zahl stammt allerdings aus der Drohung der Angreifer und bedeutet nicht, dass bei allen 70 Unternehmen tatsächlich erfolgreiche Manipulationen bestätigt wurden.
GMO ging anschließend einen bemerkenswerten Schritt und forderte die japanische Regierung auf, erstmals ihre neuen Möglichkeiten zur „aktiven Cyberverteidigung“ einzusetzen. Staatliche Stellen sollen demnach die Infrastruktur der Angreifer verfolgen, blockieren und gegebenenfalls neutralisieren.
Die Behauptung, der Chef der GMO-Gruppe habe deshalb ausdrücklich vor einem vollständigen „Kollaps des Internets“ gewarnt, konnte ich dagegen in den offiziellen Mitteilungen nicht bestätigen. GMO spricht von schwerwiegenden Gefahren für Vermögen, Infrastruktur und Vertrauen in das Internet – nicht von einem unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruch des gesamten Netzes.
Zentralbanken trainieren längst für den Ernstfall
Auch der zweite Teil des Bildes ist real. Bereits 2024 führte die G7 Cyber Expert Group eine groß angelegte Übung durch, bei der ein gleichzeitig auftretender Cyberangriff auf Finanzmarktinfrastrukturen in sämtlichen G7-Staaten simuliert wurde. Beteiligt waren 23 Finanzministerien, Zentralbanken, Aufsichtsbehörden und Marktinstitutionen.
2026 hat sich die Sorge noch verstärkt. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich warnt inzwischen ausdrücklich davor, dass moderne KI-Systeme Sicherheitslücken autonom identifizieren, Exploits entwickeln und mehrstufige Cyberangriffe durchführen können. Angriffe könnten dadurch schneller, billiger und skalierbarer werden.
Die Bank of England kommt zu einem ähnlichen Ergebnis: Neuere KI-Modelle seien inzwischen in der Lage, komplexe Angriffsketten in simulierten Netzwerken weitgehend selbstständig durchzuführen. Die Bank warnt vor systemischen Risiken, weil Banken, Börsen und Zahlungsanbieter häufig dieselben Cloud-, Software- und Infrastrukturdienste nutzen. Ein einziger Angriff auf einen zentralen Anbieter könnte damit mehrere Finanzinstitutionen gleichzeitig treffen.
KI-Agenten tauchen bereits in Bankkonten auf
Noch konkreter wird die Entwicklung in den USA. Reuters berichtete am 22. Oktober, dass große Banken Drittanbieter-KI-Agenten zunehmend aus Kundenkonten aussperren. Die Institute sorgen sich darum, dass autonome Programme Transaktionen durchführen könnten, die über die eigentlichen Anweisungen des Kunden hinausgehen. JPMorgan, Morgan Stanley, Charles Schwab und andere Banken haben entsprechende Zugriffe bereits eingeschränkt.
Das bedeutet allerdings nicht, dass „bösartige KI“ selbstständig massenhaft Bankkonten gehackt hätte. In mehreren Fällen hatten Kunden den Programmen zuvor selbst Zugangsdaten oder Berechtigungen gegeben. Das Problem ist vielmehr neu: Was passiert, wenn ein KI-Agent zwar grundsätzlich autorisiert ist, anschließend aber eigenständig Entscheidungen trifft, die der Nutzer nie ausdrücklich angeordnet hat?
Genau deshalb untersuchen inzwischen auch Zentralbanken selbst das Verhalten solcher Agenten. Die Schweizerische Nationalbank, die Bank of Canada und die BIS testen mit „Project Agenti“, wie autonome KI-Systeme Zahlungsströme, Liquidität und mögliche Blockaden im Interbankenverkehr beeinflussen könnten.
Und dann sind da Stablecoins und die US-Schulden
Auch Scott Bessent spricht tatsächlich über eine grundlegende Veränderung des Finanzsystems. Der US-Finanzminister bezeichnet Stablecoins als strategisch wichtig, weil sie die weltweite Nachfrage nach dem Dollar und nach US-Staatsanleihen erhöhen könnten. Das US-Finanzministerium geht davon aus, dass der Stablecoin-Markt langfristig auf mehrere Billionen Dollar wachsen könnte und dadurch zusätzliche Nachfrage nach kurzlaufenden US-Staatsanleihen entsteht.
Bessent spricht gleichzeitig von einer tiefgreifenden Transformation durch künstliche Intelligenz, digitale Vermögenswerte und neue Zahlungssysteme. Er erklärte, Handelsstrukturen würden bereits neu geordnet und die USA müssten bei KI und digitalen Finanzsystemen technologisch führend bleiben.
Was jedoch nicht belegt ist: dass Stablecoins oder KI als geheimer Mechanismus geplant seien, um die inzwischen rund 40 Billionen Dollar US-Staatsschulden „verschwinden zu lassen“. Auf die 40-Billionen-Dollar-Marke angesprochen sagte Bessent im August vielmehr, die USA müssten sich über Wachstum und Haushaltskonsolidierung aus der Schuldenproblematik herausarbeiten.
Kein Beweis für einen geplanten „Cyber-COVID“
Damit ergibt sich ein bemerkenswertes Gesamtbild, aber noch kein Beweis für eine orchestrierte Neuordnung.
Regierungen rechnen inzwischen offen damit, dass Cyberangriffe Banken, Zahlungsverkehr, Börsen und kritische Infrastruktur gleichzeitig treffen könnten. Zentralbanken simulieren solche Szenarien. KI erhöht die Geschwindigkeit möglicher Angriffe. Große Banken sperren autonome Agenten aus Kundenkonten aus. Gleichzeitig entstehen neue digitale Zahlungssysteme, Stablecoins und staatlich überwachte Finanzinfrastrukturen.
Was daraus bisher nicht folgt, ist die Behauptung, ein großer Cyberangriff werde bewusst herbeigeführt, um anschließend ein neues Finanzsystem durchzusetzen.
Doch eines lässt sich inzwischen kaum noch bestreiten: Ein großflächiger Ausfall von Banken und Zahlungsnetzen ist längst kein Rand-Szenario mehr, sondern Gegenstand konkreter Übungen und Vorbereitungen von Regierungen, Zentralbanken und Finanzinstituten.
Und genau dort liegt die politisch interessante Frage.
Sollte ein großer Cyberangriff tatsächlich Überweisungen, Kreditkarten, Börsen und Bankkonten gleichzeitig lahmlegen, würde der öffentliche Druck, schnell ein alternatives Zahlungssystem bereitzustellen, enorm sein. In einer solchen Situation könnten Technologien, über die heute noch kontrovers diskutiert wird – Stablecoins, digitale Zentralbankwährungen, digitale Identitäten oder stärker kontrollierte Zahlungsnetze – plötzlich unter völlig anderen politischen Bedingungen eingeführt werden.
Das bedeutet nicht, dass ein solcher Zusammenbruch geplant ist. Es bedeutet aber, dass die Infrastruktur für eine wesentlich stärker digitalisierte und kontrollierbare Finanzwelt bereits aufgebaut wird – während gleichzeitig genau vor jenem Cyber-Szenario gewarnt wird, das einen schnellen Systemwechsel politisch erheblich erleichtern könnte.
Quellen:
- Indische Regierung – Modis Warnung vor Cyberangriffen auf das Finanzsystem
- GMO – offizieller Bericht zum Cyberangriff und den über 70 Broker-/FX-Konte
- BIS – KI als neue Cybergefahr für das Finanzsystem
- Bank of England – KI- und Cyberrisiken für die Finanzstabilität
- US-Finanzministerium – Bessent zu Stablecoins, KI und wirtschaftlicher Neuordnung
