Ein neuer Bericht der Financial Times wirft ein bemerkenswertes Licht auf die gescheiterten Friedensbemühungen im Ukraine-Krieg. Demnach existierte Ende 2022 und Anfang 2023 ein informeller Kanal zwischen Personen mit Zugang zur US-Regierung, einem engen Vertrauten Wladimir Putins und einem ukrainischen Vermittler. Über diesen Kanal entstand ein konkreter Friedensplan, den Putin nach Angaben der Beteiligten persönlich geprüft und in wesentlichen Punkten akzeptiert haben soll.
Im Zentrum standen der amerikanische Anwalt Richard Conn, der US-Investmentbanker Bob Foresman und Matthias Warnig, der frühere Stasi-Offizier, langjährige Nord-Stream-Chef und persönliche Vertraute Putins. Für die ukrainische Seite kam der Filmproduzent Alexander Rodnyansky hinzu, der bereits an den Friedensgesprächen von Istanbul beteiligt gewesen war. Anfang Januar 2023 traf sich die Gruppe auf Gran Canaria und arbeitete einen Vorschlag aus, der weit über einen bloßen Waffenstillstand hinausging.
Der Plan sah laut FT vor, dass Russland sich aus einem großen Teil der seit Februar 2022 besetzten und später annektierten Gebiete zurückzieht. Die Grenze sollte im Wesentlichen auf den Stand vor der russischen Invasion zurückgeführt werden: Russland hätte die Krim sowie die bereits zuvor kontrollierten Gebiete im Donbass behalten. Die Ukraine sollte die russische Kontrolle über die Krim anerkennen und Moskau einen Landkorridor zur Halbinsel zugestehen. Im Gegenzug sollte die Ukraine Sicherheitsgarantien von NATO-Staaten erhalten.
Besonders bemerkenswert: Warnig berichtete der Gruppe am 1. Februar 2023, Putin habe den Entwurf Zeile für Zeile durchgearbeitet, Passagen markiert und eigene Anmerkungen angebracht. Putin habe der vorgeschlagenen territorialen Linie zugestimmt. Ein NATO-Beitritt der Ukraine sei für ihn ausgeschlossen gewesen, gegen einen EU-Beitritt der Ukraine habe er dagegen keine grundsätzlichen Einwände gehabt. Auch alternative Sicherheitsgarantien, wie sie bereits bei den Gesprächen in Istanbul diskutiert worden waren, seien für ihn verhandelbar gewesen.
Auf ukrainischer Seite stieß der Vorschlag dagegen auf Ablehnung. Rodnyansky berichtete der FT, dass Präsident Wolodymyr Selenskyj und sein mächtiger Präsidialamtschef Andrij Jermak kaum bereit gewesen seien, sich mit dem Dokument zu beschäftigen. Nach den militärischen Erfolgen der Ukraine im Herbst 2022 hätten sie keine territorialen Zugeständnisse mehr machen wollen und geglaubt, wesentliche Ziele auch ohne Kompromiss mit Moskau erreichen zu können.
Hinzu kam ein zweites Problem: die Rolle Washingtons. Conn hatte Kontakte zum Nationalen Sicherheitsrat der USA und insbesondere zu Eric Green, dem damaligen Russland-Direktor des NSC. Der informelle Kanal verfügte jedoch offenbar nie über ein eindeutiges offizielles Mandat der US-Regierung. Nachdem Putin seinen außenpolitischen Berater Juri Uschakow angewiesen haben soll, die amerikanische Autorisierung des Kanals bei Sicherheitsberater Jake Sullivan zu überprüfen, erhielt Moskau nach Darstellung Warnigs die Antwort, Washington sehe für einen solchen zusätzlichen Kanal keine Notwendigkeit. Kurz darauf brach die Initiative zusammen.
Genau an diesem Punkt wird die Geschichte allerdings widersprüchlich. Ehemalige US-Regierungsvertreter bestreiten gegenüber der FT, dass Uschakow Sullivan überhaupt nach dem Warnig-Kanal gefragt habe. Sie argumentieren zudem, Washington habe zu dieser Zeit durchaus andere Kommunikationswege nach Moskau unterhalten. Auch Putins tatsächliche Bereitschaft zu einem endgültigen Kompromiss könne rückblickend nicht bewiesen werden. Die FT macht deshalb deutlich, dass wesentliche Teile der Geschichte auf den Erinnerungen der beteiligten Vermittler beruhen.
Dennoch bleibt der Kern der Recherche bemerkenswert: Anfang 2023 lag offenbar ein detaillierter Vorschlag auf dem Tisch, nach dem Russland einen erheblichen Teil seiner Eroberungen wieder aufgegeben hätte, während die Ukraine auf einen NATO-Beitritt und die Rückgewinnung der Krim verzichtet hätte. Nach Darstellung der Beteiligten beschäftigte sich Putin persönlich mit dem Plan – während die ukrainische Führung angesichts ihrer damaligen militärischen Lage territoriale Zugeständnisse ablehnte.
Die damalige Einschätzung erwies sich militärisch als folgenreich. Die große ukrainische Gegenoffensive von 2023 brachte anschließend keine entscheidenden Gebietsgewinne. Die Front verschob sich danach zunehmend zugunsten Russlands, während Moskaus Forderungen im Laufe des Krieges umfangreicher wurden. Selbst die an dem geheimen Kanal beteiligten Personen behaupten nicht, dass ihr Plan garantiert zum Frieden geführt hätte. Sie sind jedoch überzeugt, dass damals eine Möglichkeit bestand, einen wesentlich günstigeren Kompromiss auszuhandeln, als er heute noch erreichbar wäre. Die FT-Recherche liefert dafür keinen endgültigen Beweis – aber sie zeigt, dass die vielfach verbreitete Vorstellung, Anfang 2023 habe es keinerlei ernsthafte Verhandlungsmöglichkeiten gegeben, zumindest zu einfach ist.

