B61-11 gegen Iran? Die Atombombe, die tief verbunkerte Ziele treffen soll
Die Debatte um einen möglichen Angriff auf Irans tief verbunkerte Atomanlagen bekommt eine neue, hochgefährliche Dimension. Im Zentrum steht die B61-11 – eine amerikanische Atomwaffe, die speziell dafür entwickelt wurde, vor der Explosion in den Boden einzudringen und tief liegende Ziele durch die enorme Schockwirkung einer nuklearen Detonation zu zerstören.
Ausgelöst wurde die neue Diskussion durch eine Behauptung von Tucker Carlson. Er erklärte unter Berufung auf einen nicht namentlich genannten informierten Beobachter, dass die US-Regierung möglicherweise innerhalb weniger Tage einen nuklearen Angriff auf Iran erwägen könnte. Carlson nannte die B61-11 dabei selbst nicht. Doch Analysten bringen genau diese Waffe mit einem möglichen Angriff auf extrem tief liegende Anlagen wie Pickaxe Mountain südlich von Natanz in Verbindung.
Dies ist die Folge, wenn Trump den Pickaxe Mountain mit nur einer Atombombe angreift. Zehn Millionen Menschen in der gesamten Region werden davon betroffen sein. https://t.co/Db8op0Brb4
— Don (@Donuncutschweiz) November 2, 2026
Die B61-11 ist keine Rakete, sondern eine freifallende nukleare Bombe. Sie wurde in den 1990er-Jahren für Ziele entwickelt, die tief unter der Erde liegen und mit konventionellen Waffen nur schwer oder gar nicht zerstört werden können. Anders als häufig dargestellt, bohrt sich die Bombe nicht Hunderte Meter tief in den Boden. Ihre Eindringtiefe liegt nur bei wenigen Metern. Der entscheidende Effekt entsteht durch die unterirdisch eingekoppelte Druck- und Schockwelle einer nuklearen Explosion.
Genau darin liegt ihre besondere Gefährlichkeit.
Bei einem Ziel wie Pickaxe Mountain, dessen Tiefe auf rund 100 Meter geschätzt wird, geht es nicht darum, dass die Bombe selbst bis zur Anlage vordringt. Vielmehr soll die Explosion nahe der Oberfläche beziehungsweise im Untergrund genügend Energie in das Gestein übertragen, um Tunnel, Kavernen und tief liegende Strukturen zu zerstören oder unbrauchbar zu machen.
Modelle, auf die sich der analysierte Fachartikel beruft, gehen davon aus, dass eine nukleare Erdpenetrationswaffe mit hoher Sprengkraft selbst tief in Granit liegende Anlagen schwer beschädigen könnte. Diese Berechnungen sind jedoch theoretisch. Die genaue Tiefe, Struktur und Bauweise von Pickaxe Mountain sind öffentlich nicht bekannt, ebenso wenig die tatsächliche Einsatzkonfiguration einer B61-11.
Trotzdem ist klar, warum die Waffe in diesem Zusammenhang genannt wird. Die konventionelle GBU-57 Massive Ordnance Penetrator kann zwar wesentlich tiefer in Erde und Gestein eindringen, besitzt aber nicht annähernd die Energiefreisetzung einer Atomwaffe. Wenn ein Ziel so tief liegt, dass konventionelle Bunkerbrecher nicht mehr ausreichen, landet die Diskussion zwangsläufig bei nuklearen Optionen.
Und genau dort beginnt die eigentliche Eskalation.
Denn die B61-11 wäre keineswegs eine „saubere“ Atombombe, die tief unter der Erde detoniert und ihre Wirkung dort einschließt. Ihre Eindringtiefe reicht nicht aus, um eine nukleare Explosion vollständig im Boden einzuschließen. Ein erheblicher Teil der radioaktiven Stoffe würde an die Oberfläche gelangen und als Fallout über ein großes Gebiet verteilt werden.
Ein solcher Einsatz wäre deshalb nicht nur ein Angriff auf eine militärische oder nukleare Anlage. Er wäre ein Ereignis mit möglicherweise massiven Auswirkungen auf Zivilbevölkerung, Umwelt und die gesamte Sicherheitsordnung des Nahen Ostens.
Noch schwerer wiegt die politische Dimension.
Seit Hiroshima und Nagasaki im Jahr 1945 ist keine Atomwaffe mehr im Krieg eingesetzt worden. Mehr als acht Jahrzehnte lang blieb diese Schwelle unangetastet. Ein Einsatz der B61-11 gegen Iran würde dieses Tabu brechen und eine völlig neue Phase internationaler Kriegsführung eröffnen.
Genau deshalb ist die Behauptung Carlsons so brisant.
Bislang gibt es allerdings keinen öffentlichen Beweis, dass Washington einen Einsatz der B61-11 beschlossen hat oder konkret vorbereitet. Carlson legte keine Dokumente vor, und weder die US-Regierung noch Israel haben bestätigt, dass diese Waffe gegen Pickaxe Mountain eingesetzt werden soll. Auch Donald Trump hat öffentlich erklärt, keine Atomwaffe gegen Iran einsetzen zu wollen.
Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass eine solche Waffe existiert, dass sie genau für tief verbunkerte Ziele entwickelt wurde und dass Pickaxe Mountain zu jener Kategorie von Anlagen gehört, bei denen konventionelle Waffen möglicherweise an ihre Grenzen stoßen.
Damit steht eine Frage im Raum, die vor wenigen Jahren noch kaum jemand ernsthaft gestellt hätte:
Wird in Washington inzwischen tatsächlich über einen nuklearen Bunkerbrecher gegen Iran gesprochen?
Doch allein die Tatsache, dass eine solche Option technisch existiert und öffentlich diskutiert wird, zeigt, wie weit sich die Eskalationsspirale inzwischen gedreht hat.
Ein Einsatz der B61-11 wäre kein weiterer Schritt in einem gewöhnlichen Krieg. Er wäre der Bruch einer Schwelle, die seit 1945 nicht mehr überschritten wurde.
Quellen:
- US-Energieministerium / NNSA: Die B61-11 wird offiziell als strategische, von Flugzeugen abgeworfene B61-Variante geführt; sie ist also eine Bombe, keine Rakete. The Department of Energy’s Energy.gov
US-Energieministerium – Nuclear Weapons Stockpile - National Academies: Die B61-11 wird ausdrücklich als Earth Penetrator Weapon behandelt. Der Bericht erklärt zudem, dass nukleare Erdpenetrationswaffen wegen ihrer begrenzten Eindringtiefe ihre Explosion nicht vollständig im Boden einschließen könnten; radioaktiver Fallout wäre daher zu erwarten. nap.nationalacademies.org
National Academies – Effects of Nuclear Earth-Penetrator Weapons - Der gleiche Bericht kommt zu dem Ergebnis, dass manche besonders tief verbunkerten Ziele außerhalb der Reichweite konventioneller Penetrationswaffen liegen und theoretisch nur mit nuklearen Waffen bedroht werden könnten. Für ein 300-Kilotonnen-System nennt die Studie unter Modellannahmen etwa 200 Meter als Größenordnung für sehr tief liegende Ziele. nap.nationalacademies.org
- Reuters zu Pickaxe Mountain: Trump sagte am 16. Oktober 2026, die USA müssten möglicherweise Pickaxe Mountain angreifen. Gleichzeitig erklärte er ausdrücklich, dass dafür keine Atomwaffe nötig sei und er keinen Atomwaffeneinsatz erwäge. Reuters beschreibt die Anlage als stark befestigte unterirdische Einrichtung im Zusammenhang mit Irans Nuklearprogramm. Reuters
Reuters – Trump zu Pickaxe Mountain - Clash Report: Der von dir gelieferte Artikel stellt die technische Verbindung zwischen der B61-11 und Carlsons Behauptung her. Wichtig: Tucker Carlson selbst hat laut Artikel nicht ausdrücklich die B61-11 genannt; diese Verbindung ist eine Analyse des Autors.
Clash Report – B61-11 und Pickaxe Mountain


