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Ai Weiwei erklärt Europa für unmenschlicher als China

Ai Weiwei erklärt Europa für unmenschlicher als China

Dies ist ein außergewöhnlicher Vorgang von hoher symbolischer Kraft: Der chinesische Künstler und Dissident Ai Weiwei ist erstmals seit zehn Jahren nach China zurückgekehrt – und zieht daraus ein Urteil, das im Westen für Irritation sorgt. Peking, so sein Fazit, erscheine ihm heute „humaner“ als Deutschland, das er als „unsicher und unfrei“ beschreibt.

Nach seiner Reise gab Ai Weiwei der Berliner Zeitung ein ausführliches Interview. Darin schildert er seine Rückkehr nach Peking mit einem eindrücklichen Bild: Die Stadt habe sich für ihn angefühlt „wie ein zerbrochener Jadeknochen, der perfekt wieder zusammengesetzt wurde“. Angst vor der Rückkehr habe er keine verspürt.

Deutlich kritischer fällt sein Urteil über Europa aus, wo er die vergangenen zehn Jahre gelebt hat. Die Schwierigkeiten des Alltags seien dort „mindestens zehnmal“ größer als in China, insbesondere wegen einer ausufernden und oft irrationalen Bürokratie. Als Beispiel nennt Ai seine persönlichen Erfahrungen mit Banken: Ein lange ruhendes chinesisches Konto sei innerhalb weniger Minuten reaktiviert worden – inklusive eines erheblichen Guthabens. Demgegenüber stünden seine Erlebnisse in Europa: In Deutschland seien seine Bankkonten zweimal geschlossen worden, ebenso die seiner Partnerin; in der Schweiz habe ihm zunächst die größte Bank des Landes ein Konto verweigert, später habe auch eine andere Bank sein Konto geschlossen. Diese Prozesse beschreibt er als „außerordentlich kompliziert und oft irrational“.

Auch gesellschaftlich zieht Ai einen scharfen Vergleich. Das politische Klima und der Alltag in Peking wirkten für die einfachen Menschen „natürlicher und menschlicher“ als in Deutschland, das er als „kalt, rational und zutiefst bürokratisch“ empfinde. Als Individuum fühle man sich dort eingeengt und unsicher.

Besonders bemerkenswert ist seine Beobachtung sozialer Distanz in Deutschland: In mehr als zehn Jahren habe ihn dort „fast niemand zu sich nach Hause eingeladen“, Nachbarn tauschten höchstens ein kurzes Nicken aus. In China hingegen hätten sich unmittelbar nach seiner Rückkehr „ganz normale Menschen aus mindestens fünf verschiedenen Berufsfeldern“ in einer Schlange versammelt, in der Hoffnung, ihn kennenzulernen.

Am Ende zieht Ai Weiwei ein ernüchterndes Fazit: Deutschland spiele heute „die Rolle eines unsicheren und unfreien Landes, das darum kämpft, seinen Platz zwischen Geschichte und Zukunft zu finden“.

Diese Einschätzung erhält zusätzliches Gewicht durch die Person, die sie äußert. Es ist eine Sache, wenn solche Vergleiche von westlichen Beobachtern kommen – und eine andere, wenn sie von dem Mann formuliert werden, der im Westen lange als prominenteste Ikone des Widerstands gegen den chinesischen Staat galt. Dass ausgerechnet Chinas bekanntester Dissident nun zu dem Schluss kommt, Europa sei unmenschlicher und „unfreier“ als China, verleiht seinen Worten eine Brisanz, die weit über ein persönliches Reiseprotokoll hinausgeht.