Am 3. November 1989 trat John Stockwell, ein ehemaliger CIA-Einsatzleiter, vor Studenten der American University in Washington, D.C. und ließ die Maske einer der mächtigsten Geheimdienste der Welt fallen. In einem siebenminütigen Vortrag, der später auf C-SPAN ausgestrahlt wurde, berichtete Stockwell mit erschütternder Offenheit über die verdeckten Operationen der CIA weltweit – und über deren menschliche Kosten.
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Eine Bilanz des Todes
Stockwell zufolge hat die CIA in über 20 Ländern funktionierende Demokratien gestürzt, in Dutzenden von Ländern Wahlen manipuliert, Armeen geschaffen, Todesschwadronen finanziert und Aufstände ethnischer Minderheiten angefacht. Besonders perfide sei dabei die gezielte Förderung interner Spannungen in Ländern wie Nicaragua gewesen, wo indigene Gruppen wie die Miskito-Indianer mit Geld, Waffen und Rückzugsorten ausgestattet wurden, um Terror und Gewalt gegen die Bevölkerung zu verbreiten.
Er schilderte, wie die CIA ähnliche Taktiken in Thailand, Vietnam, Laos, im Kongo, im Iran, im Irak und in El Salvador anwendete – Letzteres unter anderem durch die Schaffung der berüchtigten „Schatzpolizei“, die laut der katholischen Kirche für bis zu 70.000 Todesopfer verantwortlich war.
Ermordungen bis ins Weiße Haus
Besonders aufsehenerregend war Stockwells Behauptung, dass die CIA nicht nur weltweit Staatsoberhäupter ermordet habe, sondern auch für die Ermordung des US-Präsidenten im Jahr 1963 verantwortlich sei – ein direkter Hinweis auf John F. Kennedy.
Er erinnerte an den gewaltsamen Putsch in Chile 1973, bei dem die CIA den demokratisch gewählten Präsidenten Salvador Allende stürzte und General Pinochet an die Macht brachte – inklusive der Ermordung des verfassungstreuen Generals Schneider. Henry Kissinger soll laut Stockwell auf Nachfrage des US-Kongresses geantwortet haben: „Die Themen sind viel zu wichtig, als dass die chilenischen Wähler selbst darüber entscheiden sollten.“
Propaganda, Kriege und Millionen Tote
Stockwell beschrieb detailliert, wie die CIA durch Desinformationskampagnen und verdeckte Operationen den Koreakrieg und den Vietnamkrieg mit Millionen Toten provozierte. Er nannte geschätzte Opferzahlen: 1 Million im Koreakrieg, 2 Millionen in Vietnam, 800.000 in Indonesien, Millionen in Kambodscha, 20.000 in Angola und über 22.000 in Nicaragua – eine Gesamtzahl von mindestens sechs Millionen Toten durch CIA-Operationen.
Diese Toten, so betonte Stockwell, seien größtenteils keine Soldaten oder Kommunisten gewesen, sondern „bitterarme Bauern, darunter viele Frauen und Kinder“. Die Opfer der CIA stammten meist aus der Dritten Welt – aus Regionen ohne Armeen, ohne Raketen, ohne die Möglichkeit, den USA Schaden zuzufügen. Und sie seien keine Feinde gewesen, sondern oft gläubige Katholiken mit freundlicher Haltung gegenüber den Vereinigten Staaten.
Warum nicht in Europa?
Ein aufschlussreicher Punkt seines Vortrags war die Beobachtung, dass die USA keine derartigen Operationen in atomar bewaffneten Ländern wie der Sowjetunion ab 1954 oder in westlichen Staaten wie England, Frankreich oder der Schweiz durchführten. Der Grund: Diese Länder könnten sich wehren. Ziel der US-Interventionen seien Staaten gewesen, die keine Macht hatten, sich zu verteidigen.
Die bittere Bilanz
Stockwell stellte abschließend die rhetorische Frage, warum Millionen Menschen sterben mussten – nicht, weil sie eine Bedrohung waren, sondern weil sie in Ländern lebten, in denen sich die USA ungehindert einmischen konnten. „Diese Menschen wären nicht gestorben, wenn unsere Steuergelder nicht von der CIA verwendet worden wären, um Situationen zu destabilisieren und die Menschen gegeneinander aufzuhetzen“, erklärte er.
Sein Vortrag gilt bis heute als eines der prägnantesten Zeugnisse über das tatsächliche Ausmaß verdeckter US-Aktivitäten im Ausland – ein dramatischer Einblick in die Schattenwelt der Geopolitik.


