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Der eine Ring und der Schurke in uns allen

Der eine Ring und der Schurke in uns allen

off-guardian.org: Dieses Jahr markiert den 20. Jahrestag der Veröffentlichung von „Die Gefährten“, des ersten Teils von Peter Jacksons Triologie der filmischen Adaption von JRR Tolkiens „Herr der Ringe“. Nächstes Wochenende finden die Vorträge der „Tolkien Society“ statt. Und später in diesem Jahr könnte die „Herr der Ringe“-Fernsehserie von Amazon erscheinen.

All diese Dinge zusammen haben mich dazu gebracht, diesen Aufsatz aus den Archiven zu kramen.

Ich habe ihn vor langer Zeit geschrieben, vor „OffGuardian“, als ich noch Zeit hatte, Filme zu analysieren, und noch nicht ganz der abgebrühte Zyniker war, der ich heute bin.

Neben dem Schreiben von Romanen war die Analyse von Popkultur das, was ich machen wollte. Geopolitik mag meine arrangierte Ehe geworden sein, aber ich erinnere mich immer noch gerne an meine erste Liebe.

Das Thema ist heute vielleicht aktueller denn je, da die gesichtslose, seelenlose Natur des modernen Bösen jeden Tag offensichtlicher wird. Und wenn die „kleinen Taten der Freundlichkeit und Liebe“ nötiger sind als je zuvor.

Darf ich vorstellen: Alan Howard.

Ich will nicht wie ein Hipster klingen, aber Sie haben wahrscheinlich noch nie von ihm gehört. Es könnte sein, dass der Name vage vertraut klingt. Vielleicht haben Sie ihn in diesem Ding gesehen, Sie wissen schon? Vor Jahren? Mit dieser Frau? Er war wirklich gut darin. Wie hieß das verdammte Ding? Ah, das macht mich noch wahnsinnig!

Wie auch immer, er ist ein solider, klassisch ausgebildeter Charakterdarsteller. Er war in „Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber“ (1989) zu sehen, er spielte Oliver Cromwell in dem gar nicht mal so schlechten „Die Rückkehr der Musketiere“ (ebenfalls 1989) und spielte kürzlich den Vater in „Parade’s End – Der letzte Gentleman“ an der Seite des allgegenwärtigen Benedict Cumberbatch.

Er hat auch die Stimme des Rings in der „Herr der Ringe“-Trilogie gesprochen.

Denken Sie darüber nach … der Ring hatte eine Stimme. Es scheint seltsam, das laut auszusprechen, und doch haben wir es alle einfach akzeptiert, ohne zu hinterfragen, während wir die Filme sahen. Wer ist der Bösewicht der Trilogie? Sauron, natürlich. Aber er ist nichts weiter als eine entfernte Präsenz. Ein riesiges flammendes Auge, das man nur in kleinen Ausschnitten sieht. Er hat keine Stimme, kein Gesicht.

Es ist ein Triumph des Geschichtenerzählens, dass Regisseur Peter Jackson einen dazu bringen kann, einen Film über 10 Stunden lang anzuschauen, obwohl er keinen echten Antagonisten hat. Keinen echten Bösewicht. Außer dem Ring.

Der Ring ist die prominenteste und bedrohlichste Quelle des Bösen in den Filmen, und doch ist alles, was er tut, in der Tasche des Helden zu liegen und zu flüstern. Es ist diese flüchtige Natur des Bösen in „Der Herr der Ringe“ (im Folgenden als HdR abgekürzt), die ich erkunden möchte.

Wenn Sie die Special Extended Edition von „Die Gefährten“ (2001) besitzen (die Sie haben sollten, denn sie ist fantastisch), dann haben Sie wahrscheinlich auch die Extras gesehen (die ebenfalls fantastisch sind). Das erste Programm, „JRR Tolkien: Creator of Middle Earth“, liefert einige interessante Punkte über die Natur des Bösen, wie es in HdR dargestellt wird.

Tom Shippey, Oxford-Don und Tolkien-Biograf, analysiert eine kurze Szene zu Beginn des Films. In dieser Szene ermutigt Gandalf (Ian McKellen) Frodo (Elijah Wood), den Ring zu verstecken und ihn niemals zu benutzen.

Verstecke ihn. Bewahre ihn sicher auf„, sagt er. Er streckt einen leeren Umschlag aus und wartet darauf, dass Frodo den Ring einfach hineinwirft. Frodo zögert. Sein Gesicht ist ängstlich. Plötzlich fällt es ihm schwer, den Ring loszulassen. Das Buch beschreibt, dass er in Frodos Hand unheimlich schwer wird.

Die interessante Frage lautet daher: Warum fühlt sich der Ring schwerer an?

Um Dr. Shippeys Analyse zu paraphrasieren: Eines von zwei Dingen geht hier vor sich. Entweder empfindet Frodos Unterbewusstsein den Ring als schwer, weil er tief im Inneren zögert, ihn aufzugeben. Wenn das der Fall ist, dann ist die Macht des Rings innerlich. Er kann Ihre Entscheidungen und Ihren Geisteszustand beeinflussen. Die zweite Möglichkeit ist, dass der Ring einfach seine eigene magische Empfindsamkeit hat. Er kann sich selbst schwerer machen, er hat einen eigenen Willen. In diesem Fall ist seine Macht extern.

Aber wenn die Macht des Rings nur von außen kommt, wie groß ist dann die Bedrohung, die er wirklich darstellt? Jeder könnte ihn tragen, ohne dass es schlimme Folgen hätte. Jeder mit guten Absichten und einem eigenen Verstand könnte der Held sein.

Immer wieder wird uns gesagt, dass dies nicht der Fall ist. Gandalf, Galadriel (Cate Blanchett), Aragorn (Viggo Mortensen). Alle spüren an dem einen oder anderen Punkt die Verlockung der Macht des Rings. Alle wissen, dass sie dieser Verlockung widerstehen sollten. Gandalf und Galadriel warnen Frodo ausdrücklich vor der „großen und schrecklichen“ Macht, die der Ring „durch sie ausüben würde“.

Tolkien macht es ganz klar: Gute Absichten werden Sie nicht vor dem allgegenwärtigen Bösen des Rings retten. Die Bedrohung durch den Ring versteckt sich in den dunklen Nischen Ihres Egos und Ihres eigenen Ehrgeizes.

Anstelle des dunklen Lords hättest du eine Königin, nicht dunkel, aber schön und schrecklich wie die Morgenröte …

Das ist vielleicht der Grund, warum Hobbits einen so „bemerkenswerten Widerstand gegen das Böse“ aufweisen. Unschuldige Kreaturen, die sich mit einfachen Dingen zufrieden geben. Sie haben nicht nur keine Macht, sondern auch keine geheimen Ambitionen. Sie sind glücklich, die Welt auf kleine, angenehme Art und Weise zu beeinflussen, wie sie es können. Es ist erwähnenswert, dass die einzigen beiden Charaktere, die JEMALS den Ring freiwillig aufgeben, Hobbits sind (Bilbo und Sam).

Was genau ist also der Ring?

Tolkien verachtete bekanntlich die Allegorie und bevorzugte das, was er „Anwendbarkeit“ nannte. Letztere, so sagte er, liege in der Freiheit des Lesers und erstere in der absichtlichen Beherrschung durch den Autor. Vielleicht drückt sich seine Abneigung, die Gedanken seiner Leser in irgendeiner Weise zu „beherrschen“, in der Vagheit des Rings als Entität aus.

Wir wissen nie genau, warum oder wie er die Dinge tut, die er tut. Wir kennen nie die Grenzen seiner Magie, wenn es überhaupt welche gibt. In Jacksons Filmen wird dies noch weiter hervorgehoben. Die Größe, die Form und das Gewicht des Rings sind alle fließend. Nichts an ihm ist definitiv. Nur ein Wort wird immer konkret mit ihm in Verbindung gebracht: Macht. Der Ring hat Macht. Der Ring ist Macht.

Die Auswirkungen dieser Macht werden in allen drei „Herr der Ringe“-Filmen und in den ersten beiden Teilen von „Der Hobbit“ eindringlich gefühlt, scharf beobachtet und subtil an einem breiten Spektrum von Charakteren dargestellt. Hochmütige Männer wie Deneathor (John Noble), von Verzweiflung niedergedrückt, werden zu Monstern. Der weise, aber ehrgeizige Saruman (Christopher Lee) wird zum Quisling für ein Stückchen Macht. Boromir (Sean Bean), ein starker Mann und anständig bis ins Mark, ist verkrüppelt und verdreht durch Angst.

Gollum, perfekt umgesetzt von Andy Serkis, ist vielleicht Tolkiens komplexeste und originellste Schöpfung. Er dient uns während der „Zwei Türme“ und „Die Rückkehr des Königs“ als Warnung. Die Verwüstung durch den Ring zeigt sich in seinem dünnen Haar, seiner blassen Haut und seinem gebrochenen Lächeln.

Du warst einst gar nicht so anders als ein Hobbit„, sagt Frodo ihm im zweiten Film. Und wir sehen das in der traurigen und brutalen Rückblende, die den dritten Teil einleitet. Einst war er zufrieden damit, mit seinem Cousin am Fluss zu sitzen und zu fischen. Und jetzt? Jetzt hat er „den Geschmack von Brot vergessen, das Geräusch von Bäumen. Er hat sogar seinen eigenen Namen vergessen.“ Wenn eine scheinbar so einfache Kreatur so leicht erliegen kann, welche Chance hat Frodo? Welche Chance haben wir?

Selbst der sanfte, freundliche Bilbo (Martin Freeman/Ian Holm) ist nicht völlig immun. In „Der Hobbit: Smaugs Einöde“ (2013) sehen wir, wie er eine scheinbar gutartige Kreatur um seines neuen Schmuckstücks willen grausam niedermetzelt. Wenn er düster und triumphierend durch eine blutbespritzte Maske „Mein!“ sagt, läuft einem ein Schauer über den Rücken, weil man an diesen Moment in „Die Gefährten“ erinnert wird. Wenn für einen kurzen Moment die Maske verrutscht und man mit der Dunkelheit konfrontiert wird, die Bilbos Charakterstärke sechzig Jahre lang in Schach gehalten hatte.

Die stärksten Symbole für den bösartigen Einfluss des Rings sind die Nazgul oder Ringgeister. Das Buch erzählt uns wenig über sie, die Filme noch weniger. Wir wissen, dass sie einst neun „Großkönige der Menschen“ waren, die von Sauron betrogen wurden, der mit ihrer Gier spielte, und einer nach dem anderen „in die Dunkelheit fielen“. Was das genau bedeutet, wird uns nie gesagt.

Sie haben keine Stimme mehr, kein Gesicht. Keine Hoffnungen oder Sehnsüchte oder Hass. „Sie sind weder lebendig noch tot„, sagt Aragorn in „Die Gefährten„, „angezogen von der Macht des Rings. Sie werden nie aufhören, dich zu jagen.“ All diese Dinge schaffen ein Bild der Form ohne Seele. Eine Schale eines Wesens mit Zweck, wo ein Herz sein sollte.

Alle von Tolkiens Personifikationen des Bösen sind auf dieselbe Weise definiert: durch das, was sie verloren haben. Durch das, was sie einmal waren, und nicht durch das, was sie sind. Gollum war einmal Smeagol. Wurmzunge „war einst ein Mann von Rohan“. Saruman war der größte und weiseste der Zauberer. Orks waren einst Elfen. Der Teufel war einst ein Engel.

In Tolkiens Werken ist das Böse ein Vakuum, definiert durch Abwesenheit. Genauso wie Dunkelheit nur eine Abwesenheit von Licht ist.

Tolkien war natürlich ein Veteran des Ersten Weltkriegs. Und wer weiß, wie das ihn oder seine Sicht der Dinge verändert hat. Wir wissen, dass er praktisch alle seine engen Freunde in dem verloren hat, was größtenteils als eine massive Verschwendung von Zeit, Geld und jungen Leben angesehen wird (und auch damals schon wurde). Dieser Krieg hat nichts erreicht, hat unschuldigen Männern und ihren Familien schreckliche Zeiten beschert, und dröhnte trotzdem weiter. Und warum? Weil die Verantwortlichen „in die Finsternis gefallen“ waren.

Das gängigere Bild des Bösen ist im Vergleich dazu vielleicht etwas kindisch. Der Cartoon-Bösewicht, der es einfach genießt, gemein zu sein. Der sadistische Psycho, der sich einen Spaß daraus macht, Menschen die Haut abzuziehen. Der Bond-Bösewicht, der sich daran ergötzt, böse zu sein. Die gackernde Hexe, die auch Sie und Ihren kleinen Hund kriegt.

Es ist fast beruhigend, sich Schurken so vorzustellen. Karikaturen, die Züge besitzen, die wir uns bei uns selbst nicht vorstellen können. Aber das ist nicht die wahre Natur des wahren Bösen in der modernen Welt. Das Böse ist jenseits von Sadismus, jenseits von Bösartigkeit. Die größten Übel unserer Zeit wurden nicht mit boshaftem Lächeln begangen, sondern mit dem Seufzer eines Tagelöhners.

Die Natur des Bösen im zwanzigsten Jahrhundert ist (wie Dr. Shippey es ausdrückt) „merkwürdig unpersönlich.“ Bürokraten, die mit einem Federstrich über Millionen von Leben entscheiden. Präsidenten, die mit einem Knopfdruck ganze Städte auslöschen. Politiker und Beamte, die sich bei einem Kaffee unterhalten, während sie einen Krieg beginnen, der zehn Jahre dauert.

Konkretere Beispiele aus jüngster Zeit sind NHS-Trusts, die ihre A&E-Abteilungen ohne Grund schließen. Politiker, die Gesetzesentwürfe durchbringen, die Millionen von Menschen arbeitslos machen. Ärzte, die DNR-Anordnungen für Autisten oder leicht gebrechliche Menschen unterschreiben [DNR-Anordnung: „Do not resuscitate“, also „Anordnung zur Nichtwiederbelebung“, Anm. d. Übersetzers]. Richtlinien, die überall auf der Welt Beatmungsschläuche in die Kehlen zwingen.

Nicht, weil sie es für richtig halten, nicht einmal, weil sie es insgeheim genießen, falsch zu liegen. Sie sehen nicht mehr richtig oder falsch. Nur noch Meinungsumfragen und Bilanzen. Sie dienen jetzt dem Machtapparat und haben sich selbst völlig verloren. Moral ist nichts mehr als Steine auf einem Abakus.

Das ist es, was es bedeutet, ein Gespenst zu werden, und weder lebendig noch tot zu sein. So fällt man in die Finsternis. Das ist das beunruhigende Bild des Bösen, das Tolkien und Jackson uns präsentieren.


Die Besetzung von Alan Howard als Stimme des Rings war ein brillanter Schachzug von Peter Jackson (und den anderen Autoren/Produzenten). Er erreicht etwas Wichtiges: Er fügt einer seltsam schurkenlosen Geschichte Bedrohung hinzu. Er fügt ein solides, körperliches Gegengewicht zu einer Handlung voller denkwürdiger Helden hinzu. Respekt gebührt auch Howard Shores genialem Einsatz von Musik. Das Thema des Rings, etwas, von dem man erwarten würde, dass es bedrohlich ist, ist dieses elegische Stück. Voller Alter und Traurigkeit. Fast wie der Ruf einer Sirene. „Komm mit mir“, scheint es zu sagen. Es verspricht, dich in einen sicheren Traum zurückzubringen, den du vor langer, langer Zeit hattest.

Der Einsatz von Musik und Stimme verschmilzt, um dem Ring eine Präsenz in den Filmen zu geben. Er brütet über allem, eine dunkle Wolke aus Energie. Aber Energie und Präsenz sind kein Charakter. Der Ring ist nicht buchstäblich lebendig. Der Ring ist keine Person mit einer Richtung, er ist einfach die Leere, die Sie nach Hause ruft. Er lädt dich ein, die schlimmste Version deiner selbst zu sein.

In diesem Sinne birgt die Fantasiewelt eines alten Oxford-Dons etwas sehr Reales, und sehr Beunruhigendes. Um ein letztes Mal Dr. Tom Shippey zu zitieren:

Die Leute sagen, diese Fantasy-Fiction sei eskapistisch und weiche der realen Welt aus. Nun, ich denke, das ist eine Ausflucht. Der „Herr der Ringe“ versucht, sich mit etwas zu konfrontieren, mit dem sich die meisten Leute lieber nicht konfrontieren würden. ‚Das könntest du sein.‘ Das sagt es. Und unter den richtigen Umständen WERDEN Sie es sein.

Vielleicht passte das zu Tolkiens Religion, der Idee, dass man rein geboren wird und die Seele korrupt wird. Vielleicht ist es einfach die Art und Weise, wie er die Welt sah, als alter Mann, der einige dunkle Zeiten durchlebt hat.

Durch Tolkiens Bücher und Jacksons Filme werden wir mit unserer eigenen Fähigkeit konfrontiert, den schlimmsten Teilen von uns selbst zu frönen. Die Chance, dass wir zum Bösewicht werden. Und während uns das unbehaglich in unseren Sitzen hin- und herrutschen lässt, sollte es uns auch ermutigen.

Wenn das Böse klein ist. Wenn Schurkerei nichts anderes ist als eine Schwäche des Geistes und ein Mangel an Mitgefühl und Empathie. Wenn wir durch sein grandioses Selbstbild hindurch das Erniedrigte sehen können, das es wirklich ist, wird es leichter zu bekämpfen.

Diese Botschaft der Hoffnung wird in „Der Hobbit: Eine unerwartete Reise“ (2012) wunderschön dargestellt:

Saruman glaubt, dass nur große Macht das Böse in Schach halten kann, aber das ist nicht das, was ich herausgefunden habe. Ich habe herausgefunden, dass es die kleinen, alltäglichen Taten der einfachen Leute sind, die die Dunkelheit in Schach halten … kleine Taten der Güte und Liebe.