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Die NATO ist die Vereinigten Staaten

Da der NATO-Generalsekretär die Mitgliedstaaten auffordert, in einen „Kriegsmodus“ zu schalten, wird deutlicher denn je: Dieses aggressive Bündnis stellt eine globale Bedrohung für den Frieden dar.

Tricontinental: Institute for Social Research, 2025.

Von Vijay Prashad

Am 24. und 25. Juni werden die Mitglieder der NATO durch die Straßen von Den Haag marschieren – ihr jährlicher Gipfel, der erste seit der Rückkehr von Donald Trump ins Weiße Haus und der erste unter dem neuen NATO-Generalsekretär Mark Rutte.

Am 13. März besuchte Rutte Trump im Oval Office, wo er den US-Präsidenten unter anderem für seine Haltung zum Ukraine-Krieg lobte. Rutte beendete das Treffen mit den Worten, er freue sich darauf, Trump in seiner „Heimatstadt“ Den Haag zu empfangen, um gemeinsam dafür zu sorgen, dass der NATO-Gipfel ein „großer Erfolg bei der globalen Machtdemonstration der USA“ werde.

Es gibt 32 Vollmitglieder der NATO, 30 aus Europa und zwei aus Nordamerika. Die USA sind nur eines davon, aber wie Rutte betonte, ist es das entscheidende – NATO ist das Vehikel zur Projektion amerikanischer Macht.

Daran kann kein Zweifel bestehen. Deshalb ist auch die Idee eines US-Austritts – wie von Trump angedroht, falls Europa seine Militärausgaben nicht erhöht – letztlich sinnlos. Die NATO ist die Vereinigten Staaten.

NATO: Die gefährlichste Organisation der Welt

Das Juni-Dossier von Tricontinental, dem No Cold War-Kollektiv und europäischen Partnern wie dem Zetkin Forum trägt den Titel: „NATO: Die gefährlichste Organisation der Erde“.

Der Titel ist kühn, aber nicht übertrieben. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat die NATO einige der tödlichsten Kriege geführt und bedroht die Welt heute mit der Möglichkeit eines Atomkonflikts. Zwei eklatante Beispiele:

  • 1999: Zerschlagung Jugoslawiens durch NATO-Bomben
  • 2011: Zerstörung des libyschen Staates durch NATO-Luftangriffe

NATO ist kein autonomer Akteur. Wie Rutte es ausdrückte: ein Instrument zur Projektion US-amerikanischer Macht.

Seit Ende des Kalten Krieges nutzt Washington die NATO, um Osteuropa in ein Bündel gefügiger Staaten zu verwandeln. Als die EU Richtung Osten expandierte und eigene Institutionen aufbaute, sorgte NATO dafür, dass die USA am Hebel blieben.

Schon Boris Jelzin warnte

Nicht Putin, sondern sein US-freundlicher Vorgänger Jelzin warnte 1995 bei der NATO-Bombardierung bosnischer Serben:
„Das ist das erste Anzeichen dessen, was passiert, wenn NATO an Russlands Grenze rückt … Das Kriegsspiel könnte ganz Europa erfassen.“

1990 akzeptierte Moskau die Wiedervereinigung Deutschlands unter NATO-Mitgliedschaft – unter der Bedingung, dass die NATO nicht weiter nach Osten ausdehne. Dass die USA NATO dann auch zur Projektion von Macht in den Südchinesischen Ozean oder gegen China nutzen würden, war nie vereinbart.

US-Zwang zu Aufrüstung und Gehorsam

NATO wird heute von den USA dazu benutzt, Rivalen wie Russland und China zu fesseln – gegen die Interessen Europas. Weder Russland noch China haben Europa militärisch bedroht. Moskau verweist auf Bedrohung an seiner Grenze, Peking auf seine defensive Haltung.

Noch vor Trumps Amtsantritt kündigte sein Team an, dass NATO-Mitglieder ihre Militärausgaben auf 5 % des BIP steigern sollen – mehr als das Doppelte des bisherigen Ziels (2 %). Nur Polen liegt Ende 2024 über 4 % (exakt 4,12 %).

US-Botschafter bei der NATO, Matthew Whitaker, sagte:
„Kein konkreter Zeitrahmen, aber die USA erwarten konkrete Pläne, Budgets, Fristen und Ergebnisse zur Erfüllung der 5 %-Vorgabe.“

Dabei gab es bis 2006 nie ein formales NATO-Ziel für Militärausgaben. Erst beim Riga-Gipfel 2006 wurde das 2 %-Ziel eingeführt. Trump drohte dann im ersten Mandat mit dem Austritt, falls Europa nicht zahle. Mit dem Ukrainekrieg 2022 wurde das Ziel zum „Mindeststandard“, so Stoltenberg.

Rutte erklärte nun: NATO müsse „in einen Kriegsmodus übergehen“ und „Rüstungsproduktion und Verteidigungsausgaben hochfahren“.

Europas Dilemma – militärisch, aber machtlos

Diverse europäische Institute haben angesichts des NATO-Gipfels neue Papiere veröffentlicht – etwa ein Bericht deutscher Friedensinstitute (u.a. BICC, IFSH, INEF, PRIF), der für mehr europäische Militärausgaben plädiert, aber gleichzeitig auf Rüstungskontrolle und Diplomatie setzt.

Doch dieser Ansatz krankt an zwei zentralen Irrtümern:

  1. Er betrachtet Europa als gleichberechtigten NATO-Partner, obwohl NATO ein Mittel zur Unterordnung Europas unter US-Strategien ist.
  2. Selbst mit 5 % BIP-Ausgaben hätten EU-Staaten nicht die Kapazitäten dafür.

Das britische Verteidigungskonzept 2025 sei, so Prashad, ein „Bankrottrezept“: Großbritannien könne weder eine neue Marine aufbauen noch den Sozialstaat erhalten. Der „Whole-of-Society“-Ansatz scheitert an fehlendem Geld.

Der alternative Weg: Sicherheit für Menschen, nicht Mächte

Ganz anders argumentieren Gewerkschaften wie die britische National Union of Rail, Maritime and Transport Workers oder die Campaign for Nuclear Disarmament (CND). In ihrem Alternativ-Bericht fordern sie:

  • Diplomatie, globale Zusammenarbeit, Konfliktprävention
  • Investitionen in Gesundheit, Bildung, Klimaresilienz, Sozialwesen und gute Arbeitsplätze
  • Deutliche Reduktion der Militärausgaben
  • Stopp von Waffenexporten an Krieg führende oder menschenrechtsverletzende Staaten (inkl. Israel, Golfstaaten)
  • Gerechte Umstellung für Rüstungsarbeiter und betroffene Regionen

Fazit:
Diese Forderungen sind realistisch – in einer Welt, in der die meisten Menschen Frieden und Fortschritt wollen, nicht Krieg und Verschwendung.


Über den Autor:
Vijay Prashad ist indischer Historiker, Journalist und Direktor des Tricontinental: Institute for Social Research. Er ist Herausgeber bei LeftWord Books, Senior Fellow an der Renmin University (China) und Autor von über 20 Büchern – darunter The Darker Nations und The Poorer Nations. Zuletzt erschienen: Struggle Makes Us Human und (mit Noam Chomsky) The Withdrawal.