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Ein einziges Foto genügt: KI kann jetzt herausfinden, in welchem Hotelzimmer Sie übernachten

Was bisher als privater Rückzugsort galt, könnte durch künstliche Intelligenz seine Anonymität verlieren. Das US-Unternehmen Graylark hat eine Technologie vorgestellt, die anhand eines einzigen Fotos aus einem Hotelzimmer oder einer Ferienwohnung den Aufenthaltsort einer Person ermitteln soll – selbst ohne GPS-Daten. Die Technologie wird nicht nur Strafverfolgungsbehörden angeboten.

Das Unternehmen Graylark aus Boston hat seine KI-Ermittlungsplattform Raven um zwei neue Funktionen erweitert. „Short-Term Rental ID“ wurde am 30. September 2026 eingeführt, „HotelID“ folgte am 8. Oktober. Nach Angaben des Unternehmens genügt ein einziges Innenraumfoto oder ein Standbild aus einem Video, um eine Ferienwohnung oder ein Hotelzimmer zu identifizieren. Die Software durchsucht dafür Millionen von Unterkunftsangeboten und gleicht Raumaufteilung, bauliche Merkmale, Möbel und Einrichtungsdetails mit vorhandenen Bildern ab. GPS-Koordinaten oder andere Standortinformationen in der Bilddatei sind dafür nicht erforderlich.

Graylark-Geschäftsführer Daniel Heinen erklärte, die Technologie könne anhand eines Fotos erkennen, in welcher Airbnb-Unterkunft sich ein Krimineller aufhalte oder in welchem Hotel jemand übernachtet habe. Auf seiner Webseite präsentiert das Unternehmen einen nachgestellten Fall, bei dem Raven den Standort eines bedrohlichen Livestreams innerhalb weniger Sekunden identifiziert haben soll. Acht Minuten nach dem Hochladen seien Polizeibeamte vor Ort gewesen und hätten die betreffende Person festgenommen. Das Unternehmen bezeichnet die Darstellung als dramatisierte Rekonstruktion eines realen Falls. Die Ergebnisse der Software gelten ausdrücklich als Ermittlungshinweise, die vor weiteren Massnahmen überprüft werden müssen.

Von der Verbrechensbekämpfung zur möglichen Überwachung

Offiziell soll Raven helfen, Opfer zu finden und schwere Straftaten aufzuklären. Doch die Einsatzmöglichkeiten gehen darüber hinaus. Graylark bietet seine Plattform nach eigenen Angaben qualifizierten Strafverfolgungsbehörden, Regierungsstellen und Unternehmenskunden an. Welche Datenbestände und Algorithmen hinter der Standortbestimmung stehen, legt das Unternehmen nicht offen. Auch Fragen nach Datenquellen und kommerziellen Partnerschaften beantwortete Heinen gegenüber International Cyber Digest nicht im Detail.

Die Vorgeschichte der Technologie zeigt, weshalb Datenschützer alarmiert sind. Raven geht auf Graylarks früheres Geolokalisierungswerkzeug GeoSpy zurück, das nach Unternehmensangaben innerhalb der ersten drei Monate eine Million Nutzer erreichte. Im Januar 2025 berichtete das Investigativmedium 404 Media, dass öffentlich zugängliche Funktionen unter anderem von Personen genutzt wurden, die gezielt den Aufenthaltsort bestimmter Frauen herausfinden wollten. Nach entsprechenden Nachfragen wurde der öffentliche Zugang zu GeoSpy eingestellt. Gleichzeitig berichtete 404 Media, dass Polizeibehörden wie das Miami-Dade Sheriff’s Office und das Los Angeles Police Department bereits Zugang zu der Technologie erworben hatten. Ein Vertrag in Miami-Dade hatte demnach einen Wert von 85’500 Dollar.

Auch der Umgang mit hochgeladenen Bildern wirft Fragen auf. Laut Datenschutzrichtlinie speichert Graylark Bilder aus einfachen Suchanfragen sieben Tage lang. Bilder, die mit einer Ermittlungsakte verbunden sind, bleiben bis zur Löschung dieser Akte gespeichert und werden anschliessend weitere 30 Tage aufbewahrt. Im August gab das Unternehmen zudem eine Finanzierungsrunde über 10,7 Millionen Dollar bekannt, angeführt von General Catalyst. Zu den Investoren gehören auch Alexandr Wang und Recorded Future.

Die eigentliche Tragweite dieser Entwicklung liegt darin, dass Menschen ihren Aufenthaltsort nicht mehr ausdrücklich veröffentlichen müssen, um ihn möglicherweise preiszugeben. Ein scheinbar harmloses Urlaubsfoto, ein Video aus einem Hotelzimmer oder ein Bild aus einer gemieteten Ferienwohnung könnte ausreichen, um den Standort zu rekonstruieren. Selbst das Entfernen sämtlicher GPS-Daten bietet dagegen keinen zuverlässigen Schutz.

Damit entsteht ein erhebliches Missbrauchspotenzial: Eine Technologie, die Ermittlern bei der Suche nach Vermissten oder Straftätern helfen kann, könnte auch zur Identifizierung, Verfolgung und Überwachung von Journalisten, Aktivisten oder Privatpersonen eingesetzt werden. Wie zuverlässig Raven unterschiedliche Hotelzimmer tatsächlich erkennt und wie häufig falsche Treffer auftreten, lässt sich anhand der veröffentlichten Unternehmensangaben nicht unabhängig beurteilen.