Arnaud Bertrand
Ihr kennt diese dubiosen Werbeanzeigen, die inzwischen selbst zum Meme geworden sind – mit Slogans wie „Ärzte hassen ihn!“, die behaupten, irgendeine Krankheit lasse sich „mit diesem einen seltsamen Trick“ heilen.
Nun, vielleicht habe ich tatsächlich einen seltsamen Trick gefunden, der Ärzte zweifellos dazu bringen würde, mich zu hassen. Ein „Trick“, der kriselnde westliche Gesundheitssysteme radikal verbessern könnte – nicht nur ein wenig, sondern um das Drei- bis Vierfache.
Warum sollten Ärzte ihn hassen? Weil er vorsieht, die Konsultationszeiten auf fünf Minuten zu verkürzen. Das bedeutet, dass Ärzte nicht wie derzeit in den meisten westlichen Ländern drei bis fünf Patienten pro Stunde sehen, sondern eher zwölf.
An diesem Punkt denkt ihr vermutlich: „Okay, der Typ ist verrückt. Das ist unmöglich. Das kann niemals funktionieren.“ Doch es funktioniert – für 1,4 Milliarden Menschen – mit gesundheitlichen Ergebnissen, die sich denen des Westens annähern oder sie sogar übertreffen. Und das bei einem Gesundheitssystem, das pro Kopf nur ein Zehntel kostet und einen halb so großen Anteil am BIP beansprucht.
Richtig – ich spreche vom chinesischen Gesundheitssystem.
Ja, ich weiß. China. Ich höre die Tastaturen schon klappern. Aber bleibt einen Moment dabei. Oder sucht auf YouTube nach Erfahrungsberichten von Ausländern in chinesischen Krankenhäusern. Keine Regierungspropaganda, sondern ganz normale Menschen, die zeigen, was ihnen passiert ist. Dieser Mann. Oder jener. Oder die Frau, die als Touristin in ländlichem China einen Nierenstein bekam.
Das wiederkehrende Thema? Schock. Schock darüber, nicht wochenlang auf Termine warten zu müssen. Schock darüber, Diagnose, Tests und Behandlung an einem einzigen Vormittag zu erhalten. Schock über die extrem niedrigen Gebühren (unter 3 Dollar pro Konsultation). Wer aus westlichen Gesundheitssystemen kommt, kann es kaum glauben.
Die Fünf-Minuten-Konsultation ist nur ein Teil eines Systems. Ein System, das erstaunlich effizient ist und – wenn man sich daran gewöhnt hat – eine überraschend gute Patientenerfahrung bietet.
Ich weiß das, weil ich es selbst erlebt habe – über hundert Mal in acht Jahren, in mindestens einem Dutzend Krankenhäusern in ganz China, sowohl in Metropolen als auch in abgelegenen Regionen – für mich, meine Kinder oder meine Frau. Ich habe auch reichlich westliche Gesundheitssysteme erlebt, da ich in Frankreich aufgewachsen bin und in der Schweiz, im Vereinigten Königreich und in den USA gelebt habe.
In diesem Artikel beschreibe ich die zentralen Merkmale des chinesischen Gesundheitssystems – nicht um zu behaupten, der Westen solle es vollständig kopieren, sondern um ehrlich zu fragen: Was wäre, wenn einige der Dinge, die wir im Gesundheitswesen für selbstverständlich halten, gar nicht so unvermeidlich sind, wie wir denken?
Der Ablauf aus Sicht eines Patienten
Der erste große Unterschied: In China geht man bei gesundheitlichen Problemen direkt ins Krankenhaus. Es gibt kein vorgeschaltetes Hausarztsystem wie in Frankreich oder Großbritannien, bei dem man zunächst einen Allgemeinmediziner aufsuchen muss, der einen dann möglicherweise an einen Spezialisten überweist. In China spart man sich diesen Zwischenschritt und geht direkt zum Facharzt.
Ich will ehrlich sein: Wer an westliche Standards gewöhnt ist, wird in öffentlichen chinesischen Krankenhäusern zunächst einen Kulturschock erleben. Mir selbst brauchte es etwa fünf Besuche, um mich daran zu gewöhnen. Aber wie bei vielen Dingen in China gilt: Wenn man sich einmal daran gewöhnt hat, ist es tatsächlich sehr gut.
So läuft es typischerweise ab:
Zunächst entscheidet man, welchen Facharzt man benötigt: Kardiologe, Nephrologe, Augenarzt usw.
Dann vereinbart man einen Termin bei der entsprechenden Abteilung. Heute geschieht das meist per App vor dem Krankenhausbesuch, aber man kann es auch vor Ort erledigen.
Ist man unsicher, beschreibt man an der Rezeption sein Problem und wird entsprechend weitergeleitet. Diese Rezeptionen sind in der Regel mit speziell geschultem Pflegepersonal besetzt.
Viele Krankenhäuser lassen sogar die Wahl des Erfahrungsniveaus des Arztes zu – vom Assistenzarzt bis zum Abteilungsleiter. Je höher die Position, desto höher der Preis. Doch für westliche Maßstäbe bleiben die Kosten lächerlich niedrig. Eine Konsultation kostet etwa 10–20 RMB (1,50–3 Dollar), bei einem leitenden Spezialisten bis zu zwei- bis dreimal so viel. Das bedeutet: Man kann beim Chefarzt eines Spitzenkrankenhauses in Shanghai oder Peking – einem Experten auf höchstem Niveau – für unter 10 Dollar vorstellig werden.
Dann wartet man auf seinen Aufruf. Die Wartezeiten sind meist erträglich – im Durchschnitt etwa 30 Minuten. Manchmal zwei bis drei Stunden, manchmal gar keine Warteschlange.
Dann folgt der große Unterschied: Die Konsultation dauert selten länger als fünf Minuten, oft nur zwei oder drei. Man schildert sein Problem, es gibt ein paar Rückfragen, und sofort wird man zu Tests geschickt. Kein Smalltalk, kein Ausschweifen – direkt zur Sache.
Tests sind nahezu Standard: Blutuntersuchungen, Röntgen, MRT. Ich kann mich nicht erinnern, ein chinesisches Krankenhaus besucht zu haben, ohne Tests durchführen zu müssen.
Die Tests erfolgen unmittelbar im selben Krankenhaus. Fast alle Einrichtungen verfügen über die notwendige Laborausstattung. Ergebnisse liegen oft binnen 30 Minuten vor.
Mit den Ergebnissen geht man direkt zurück zum Arzt – ohne erneute Warteschlange – und erhält Diagnose und gegebenenfalls ein Rezept. Wieder weniger als fünf Minuten.
Die meisten Krankenhäuser haben eigene Apotheken. Das Medikament wird oft direkt elektronisch bestellt und liegt bei Ankunft bereit.
Wenn ein Facharzt feststellt, dass das Problem nicht in sein Gebiet fällt, kann man unmittelbar einen anderen Spezialisten aufsuchen – etwa Orthopädie oder Pulmologie bei Brustschmerzen.
Das Schöne an diesem System: Man kann drei oder vier Spezialisten sehen, alle Tests durchführen, Ergebnisse erhalten, Diagnosen bekommen und Medikamente kaufen – alles an einem Vormittag und zu sehr niedrigen Preisen.
Ein weiterer Unterschied: Es gibt kaum Privatsphäre. Während der Konsultation stehen oft die nächsten Patienten hinter einem. Anfangs befremdlich, aber man gewöhnt sich daran. Wer Privatsphäre möchte, kann darum bitten.
Im Gegensatz dazu steht das Hausarztsystem des Westens: Termin beim Hausarzt, Überweisung, Wochen oder Monate Wartezeit beim Spezialisten, getrennte Termine für Tests.
Ein Beispiel aus meiner Familie: Meine Schwester in Frankreich leidet seit Wochen unter starken Bauchschmerzen. Ihr Hausarzt verordnete ein MRT – Wartezeit: neun Monate. Und wenn das MRT nichts zeigt? Noch einmal neun Monate warten?
Was in China an einem Vormittag erledigt ist, kann im Westen Monate oder über ein Jahr dauern.
Paradoxerweise empfinde ich das chinesische System – trotz seiner nüchternen Oberfläche – als menschlicher. Es gibt dem Patienten Handlungsspielraum. Der Westen wirkt freundlicher, ist aber paternalistisch und ineffizient. Und respektiert kaum das Wertvollste eines Menschen: seine Zeit.
Zentrale Merkmale
Fünf-Minuten-Termine
Statistiken bestätigen: Chinesische Ärzte verbringen im Schnitt etwa fünf Minuten pro Patient.
Eine Untersuchung in Taizhou (7 Mio. Einwohner) ergab 50–55 Patienten pro Arzt und Vormittag (4,5 Stunden). Das entspricht etwa fünf Minuten pro Patient. Manche Onkologie-Chirurgen sehen bis zu 76 Patienten pro Vormittag.
Zum Vergleich: In Frankreich dauern Hausarzttermine durchschnittlich 17 Minuten, Spezialisten oft 20–30 Minuten. Ein französischer Kardiologe sieht etwa 13 Patienten pro Tag. Ein chinesischer im untersuchten Krankenhaus durchschnittlich 79,27 – ein Unterschied von 615 %.
Würde das die Qualität mindern? Darüber lässt sich streiten.
Erfahrung ist entscheidend. Ein chinesischer Kardiologe sammelt in einem Jahr so viel Erfahrung wie ein französischer in sechs Jahren. Ein 12 Jahre tätiger chinesischer Arzt hat mehr Patientenkontakte als ein französischer in 35 Jahren – doppelt so viele.
Gesundheit ist ein Prozess aus Hypothese, Test, Beobachtung, Anpassung. Wenn Folgetermine leicht zugänglich sind, ist die Tiefe einer einzelnen Konsultation weniger entscheidend.
In Frankreich beträgt die Wartezeit auf einen Kardiologen durchschnittlich 50 Tage, auf Dermatologen 61 Tage, auf Augenärzte 80 Tage.
Ein System, das schnell iterieren kann, ist effektiver als eines, das seltene, lange Termine bietet.
Krankenhäuser als One-Stop-Shop
China verzichtet weitgehend auf Hausärzte als Gatekeeper. Krankenhäuser bündeln alles: Spezialist, Labor, Bildgebung, Apotheke – alles unter einem Dach.
China hat zwar 639.000 Hausärzte (0,45 pro 1.000 Einwohner), doch sie dienen primär der Prävention und Betreuung chronisch Kranker, nicht als Überweisungsfilter.
GPs (GP = General Practitioner = Hausarzt )machen in China 12,6 % der Ärzteschaft aus, in Frankreich 42 %, im UK 25,5 %, in den USA 28,5 %.

Die durchschnittliche Wartezeit in chinesischen Tier-3-Krankenhäusern: etwa 18 Minuten.
China bewältigt fast 10 Milliarden ambulante Besuche pro Jahr – etwa 7 pro Person, mehr als Frankreich (5,5).
Das System verarbeitet 25 % mehr Arztbesuche pro Kopf als Frankreich – ohne Gatekeeping – mit Wartezeiten in Minuten statt Wochen.
Gatekeeping verdoppelt oft den Aufwand: ein Termin wird zu zwei.
Systematische Tests
Tests sind systematisch. In über 100 Besuchen in China wurde stets getestet.
Für Patienten oft lästig – bei einer Erkältung erscheint ein Test überflüssig. Doch im chinesischen System gilt: Diagnose ohne Daten ist riskant.
Tests erhöhen die Genauigkeit und dienen der öffentlichen Gesundheit.
Am 27. Dezember 2019 identifizierte Dr. Zhang Jixian durch systematische Tests eine neue Lungenentzündung in Wuhan.
In Frankreich wurde rückblickend ein Covid-Fall vom selben Tag entdeckt – ohne Tests, ohne Alarm.
In Italien fanden Antikörperstudien Infektionen bereits im September 2019.
Das Virus verbreitete sich in Europa monatelang unentdeckt.
Ironischerweise wird China für die Pandemie verantwortlich gemacht, obwohl systematische Tests dort zur frühen Entdeckung führten.
Der „seltsame Trick“
Es gibt keinen einzelnen Trick. Es sind architektonische Entscheidungen: kurze Konsultationen, kein Gatekeeping, Zentralisierung, Spezialisierung, systematische Tests.
Der eigentliche Trick ist der Mut, westliche Annahmen zu hinterfragen – Hausarzt als Filter, Arzt als Orakel, lange Konsultationen als Qualitätsmerkmal.
China denkt vom Problem her – nicht von Dogmen.
Der „seltsame Trick“ ist schlicht die Bereitschaft, von Grundprinzipien aus zu denken.


