Der Mathematiker und Publizist Eric Weinstein hat in einer Rede eine scharfe Abrechnung mit dem Zustand der modernen theoretischen Physik vorgelegt. Seine zentrale Behauptung: Seit 1973 herrscht in der fundamentalen Forschung Stillstand – und dieser sei nicht nur das Resultat wissenschaftlicher Sackgassen, sondern das Ergebnis bewusster politischer und institutioneller Entscheidungen.
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Der Stillstand begann 1973
Weinstein datiert den Beginn der Stagnation auf das Jahr 1973 – eine Zeit, in der Pop-Hits wie „Crocodile Rock“ die Charts dominierten, während die grundlegenden Theorien unseres Universums auf einer Folie Platz fanden und seither praktisch unverändert blieben. Damals, so Weinstein, trat die Stringtheorie als „Theorie der Quantengravitation“ ins Rampenlicht – und wurde zum alleinigen Forschungsfokus.
Zuvor hatte jede Generation von Physikern Nobelpreisträger unter 50 hervorgebracht. Heute ist der jüngste lebende Nobelpreisträger für theoretische Physik über 70. „Das Feld liefert keine bahnbrechenden Ergebnisse mehr“, so Weinstein.
Ein „sanfter Abgang“ für konkurrierende Ideen
Laut Weinstein wurde die Stringtheorie in eine Art „Kokon“ gehüllt und zur dominierenden Schule erklärt. Alle konkurrierenden Ansätze seien faktisch abgewürgt worden. Wer etwas anderes versuchte, habe rasch das Ende seiner Karriere erlebt.
Er spricht von einer Methode des „sanften Abgangs“: Forscher würden jahrelang auf eine Idee – hier die Quantengravitation – fixiert, bis sie sie als unumstößliche Wahrheit akzeptierten. Die Folge: eine ganze Generation hochintelligenter Wissenschaftler wiederholt unkritisch, dass „Quantengravitation der Heilige Gral“ sei – obwohl der Begriff vor 1972 in der Literatur kaum existierte.
Warum die Quantengravitation „sicher“ ist
Weinstein vermutet einen weiteren Grund, warum dieses Forschungsfeld geduldet wird: Es sei politisch und strategisch ungefährlich. Man könne Studierende aus potenziell feindlich gesinnten Staaten daran arbeiten lassen, ohne dass sich daraus kurzfristig militärische oder disruptive Anwendungen ergeben.
Über Einstein hinaus – oder auf der Erde bleiben
Für Weinstein steht fest: Wer die Menschheit zu den Sternen bringen will, muss die Grenzen von Einsteins Relativitätstheorie und der Lichtgeschwindigkeit („C“) überwinden. „Die Erde ist unser Mutterleib, nicht unser Zuhause“, sagt er. Die technischen Werkzeuge seien heute so mächtig, dass ein Verbleib in einer einzigen Atmosphäre langfristig gefährlich sei.
Das Perimeter Institute of Theoretical Physics, ursprünglich mit der Mission gegründet, Barrieren zu durchbrechen, sei ebenfalls der Stringtheorie und der Quantengravitation zum Opfer gefallen.
Wer ist der wahre Rivale?
Weinstein widerspricht der Vorstellung, dass China oder Indien dem Westen wissenschaftlich voraus seien. Die eigentliche Herausforderung komme aus Frankreich – Heimat einiger der besten Mathematiker der Welt. Die Frage sei, ob der Westen bereit sei, sich auch diesem Wettbewerb zu stellen.
Ende oder Neuanfang der Physik
Für Weinstein könnte „das Ende der Physik“ zugleich ihr großartigster Moment sein – wenn es gelingt, die Forschung aus der Erstarrung zu lösen. Es gebe ein kurzes Zeitfenster, um die Vitalität zurückzugewinnen, bevor geopolitische Konflikte unvermeidlich eskalieren.
„Unsere größten Herausforderungen stehen uns noch bevor, aber ich denke, wir werden es schaffen. Die Zukunft unter den Sternen kann wirklich herrlich sein – wenn wir jetzt den Mut haben, die Physik zu befreien.“


