Während die europäischen Staaten politische Notlösungen für die Energiekrise zusammenbasteln, wächst die Sorge, dass sich die eigentliche Versorgungskrise infolge der Schließung der Straße von Hormus und des Krieges in der Ukraine mit politischen Maßnahmen allein unmöglich lösen lässt
Von Remix News Staff
Die europäischen Regierungen versuchen fieberhaft, einen Treibstoffpreisschock abzufedern, dessen weitere Entwicklung inzwischen selbst einige Analysten nicht mehr prognostizieren wollen. Brent-Rohöl hält sich bei knapp 100 Dollar pro Barrel, während die Dieselpreise in ganz Europa steigen.
Der internationale Ölmarkt ist bereits seit Monaten teuer. Was sich verändert hat, ist die Zuversicht jener Menschen, die dafür bezahlt werden, seine Entwicklung zu erklären. JPMorgan teilte seinen Kunden am 17. September mit, dass das Rohstoffteam der Bank zum ersten Mal seit Beginn der Kämpfe um Iran vor etwa sieben Monaten kein Basisszenario mehr dafür habe, wie diese Störungen enden könnten.
„Wir wissen schlicht nicht, wie wir das Endspiel modellieren sollen“, schrieben die Analysten der Bank, nachdem mehrere wirtschaftliche Schwellenwerte, von denen sie ursprünglich angenommen hatten, dass sie einen diplomatischen Ausweg erzwingen würden – darunter ein Ölpreis von mehr als 100 Dollar pro Barrel –, bereits überschritten worden waren.
Nach Einschätzung der Bank wäre ein Brent-Preis von rund 90 Dollar im September mit den bekannten Angebots- und Nachfragebedingungen vereinbar gewesen. Stattdessen wurden Futures um 100 Dollar und darüber gehandelt, weil die Händler das Risiko weiterer Ausfälle einpreisten, deren Ausmaß derzeit niemand abschätzen kann. Am Montag bewegte sich der nächstfällige Brent-Kontrakt weiterhin bei rund 99 Dollar pro Barrel.
Auch die Lagerbestände tragen kaum dazu bei, den Schock abzufedern. Die US-Energieinformationsbehörde EIA erklärte, dass die Preise wahrscheinlich so lange erhöht bleiben werden, bis der Ölhandel im Nahen Osten wiederhergestellt ist und die Lagerbestände erneut aufgebaut werden können.
Der September-Bericht der Internationalen Energieagentur (IEA) verdeutlicht das Ausmaß des Rückgangs: Die beobachteten weltweiten Lagerbestände sanken im August um weitere 95 Millionen Barrel. Damit summiert sich der Rückgang seit Februar auf 507 Millionen Barrel – durchschnittlich rund 2,8 Millionen Barrel pro Tag.
Die weltweite Ölproduktion dürfte 2026 durchschnittlich 100,7 Millionen Barrel pro Tag betragen und damit 5,7 Millionen Barrel unter dem Vorjahresniveau liegen.
Dieselknappheit ist besonders akut
In einigen Ländern wie Ungarn besteht ein erhebliches Ungleichgewicht bei den verfügbaren Energiereserven. Die strategischen Rohölreserven sind weiterhin gut gefüllt, doch beim Diesel schwinden die Vorräte schnell.
Daten des ungarischen Kohlenwasserstoff-Lagerverbands zeigen, dass die Gasölbestände Ende Januar noch bei 520.300 Tonnen lagen. Ende Juli und August waren es jeweils nur noch rund 390.000 Tonnen.
Dieser deutlich kleinere Diesel-Puffer ist für ein Land von Bedeutung, in dem mehr als 1,3 Millionen Pkw mit Diesel betrieben werden und gleichzeitig der gesamte regionale Markt um dieselben knappen Importe konkurriert.
Die Auswirkungen sind bereits an den Tankstellen angekommen. Offizielle und kommerzielle Preisbeobachter beziffern den Dieselpreis in Ungarn Ende September je nach Datenreihe auf etwa 701 bis 730 Forint pro Liter. Ende Juni waren es noch ungefähr 593 Forint gewesen.
Die ursprüngliche Sorge in Budapest bestand nicht darin, ob die Preise steigen würden, sondern wie schnell ein Dieselpreis von 800 Forint pro Liter nicht mehr wie ein weit entferntes Szenario aussehen würde.
Die Geschwindigkeit dieser Entwicklung überrascht die Zentralbanken nicht. Untersuchungen der Bank von Slowenien anhand von Daten aus dem Euroraum zwischen 2005 und 2026 ergaben, dass ein Anstieg des Brent-Preises um 10 Prozent längerfristig die Dieselpreise vor Steuern um etwa 6,5 Prozent und die Benzinpreise um rund 6,2 Prozent erhöht.
Ein erheblicher Teil des Preisanstiegs erreicht die Tankstellen bereits innerhalb der ersten zwei Wochen – schneller, als es allein aufgrund der physischen Abläufe von Transport, Raffination und Großhandel zu erwarten wäre.
Die Europäische Zentralbank kommt zu einer ähnlichen Einschätzung und weist auf einen zusätzlichen Faktor hin: Die Margen der Raffinerien können den Preisschock noch verstärken.
Während des Preissprungs im Frühjahr erreichte Brent zeitweise 138 Dollar pro Barrel, während Diesel am Raffinerietor auf 197 Dollar stieg. EZB-Mitarbeiter schätzten später, dass die Raffineriemargen Mitte September etwa 41 Eurocent pro Liter zum Dieselpreis im Euroraum beitrugen. Gegenüber Journalisten erklärten sie, dass diese Margen möglicherweise erst im Oktober ihren Höhepunkt erreichen könnten.
Hinzu kommt: Die Preise steigen schneller, als sie anschließend wieder fallen.
Steuern, Raffinerie- und Transportkosten, Lagerbestände, Gewinnmargen und der lokale Wettbewerb verzögern die Entlastung, selbst wenn der Rohölpreis wieder sinkt.
Genau deshalb handeln die Regierungen jetzt – bevor die höheren Treibstoffkosten auf Transport, Lebensmittel und Dienstleistungen durchschlagen und damit die allgemeine Inflation weiter antreiben.
Eine europaweite Krise
Von Lissabon bis Warschau stehen die Regierungen vor demselben Problem: Haushalte und Transportunternehmen sollen geschützt werden, ohne gleichzeitig einen Blankoscheck für den Verbrauch fossiler Energieträger auszustellen.
Europa reagiert darauf nicht mit einer gemeinsamen Lösung, sondern mit einem Flickenteppich nationaler Maßnahmen.
Einige Regierungen deckeln die Preise an den Tankstellen. Andere senken die Verbrauchssteuern – teilweise sogar unter das von der Europäischen Union vorgesehene Mindestniveau. Eine dritte Gruppe konzentriert ihre Hilfen auf Landwirte, Spediteure und andere Großverbraucher. Einige Länder lassen die Weltmarktpreise dagegen nahezu ungebremst bei den Verbrauchern ankommen.
Dadurch kann dasselbe Barrel Öl innerhalb Europas zu erheblich unterschiedlichen Preisen an der Zapfsäule führen.
Einige Beispiele:
- Österreich hat die Mineralölsteuer bis Ende September um 1,9 Eurocent pro Liter gesenkt.
- Belgien hat eine staatliche Preisobergrenze eingeführt.
- Kroatien senkte die Dieselsteuer um weitere 3 Cent und liegt damit inzwischen 10 Cent unter dem EU-Mindestniveau. Zagreb zufolge kostet Diesel dadurch durchschnittlich 1,91 Euro statt 2,26 Euro pro Liter ohne staatlichen Eingriff.
- Zypern gewährt bis zum 30. November einen Rabatt von 8,33 Cent pro Liter.
- Luxemburg übernimmt von Juli bis Dezember 5 Cent des Tankstellenpreises.
- Malta setzt direkte staatliche Hilfen ein, um die Preise unter dem Durchschnitt des Euroraums zu halten.
- Portugal beschloss am 17. September, zusätzliche Mehrwertsteuereinnahmen infolge der höheren Kraftstoffpreise in Steuerentlastungen umzuleiten. Bis Jahresende sollen diese Maßnahmen rund 1,3 Milliarden Euro umfassen.
- Slowenien setzte für die Woche vom 22. bis 28. September Höchstpreise von 1,748 Euro für Benzin und 2,012 Euro für Diesel fest.
- Spanien hält seine Senkung der Verbrauchssteuer unter das EU-Mindestniveau bis zum 30. September aufrecht.
- Italien senkte und deckelte die Dieselsteuer bis Anfang Oktober.
- Montenegro und Serbien kombinieren Preisobergrenzen mit niedrigeren Verbrauchssteuern.
Gleichzeitig laufen gezielte Hilfsprogramme
Griechenland verlängerte seine Dieselsubvention von 10 Cent pro Liter bis in den Oktober und bereitet gleichzeitig ein Hilfspaket für Heizöl vor.
Frankreich konzentriert die Entlastungen auf Landwirtschaft, Vielfahrer und die Baubranche, anstatt die Kraftstoffpreise generell zu subventionieren.
Irland erstattet gewerblichen Spediteuren und Busunternehmen einen Teil der Verbrauchssteuer.
Spanien legte zusätzlich zur allgemeinen Steuersenkung ein Hilfsprogramm von 402 Millionen Euro für Transportunternehmen auf.
Italien bietet Transportunternehmen eine Steuergutschrift für zuvor entstandene Mehrkosten.
Größere Hilfspakete durchlaufen noch die Parlamente
Deutschland wird die Energiesteuer vom 1. Oktober bis zum Jahresende um 14 Cent pro Liter senken. Unter Berücksichtigung der dadurch ebenfalls niedrigeren Mehrwertsteuer soll die Entlastung rund 17 Cent pro Liter erreichen.
Das gesamte Paket hat ein Volumen von rund 2,5 Milliarden Euro.
Bundeskanzler Friedrich Merz erklärte, Autofahrer, die täglich auf ihr Fahrzeug angewiesen seien, würden „an ihre Belastungsgrenze kommen“.
Berlin führt außerdem Gespräche mit der Ölindustrie über einen vorübergehenden Preisdeckel nach dem Vorbild Luxemburgs oder Belgiens. Dieser könnte zum 1. Januar 2027 eingeführt werden.
Die tschechische Regierung will ab dem 1. Oktober erneut eine Obergrenze für Tankstellenmargen einführen, die Dieselsteuer auf das EU-Mindestniveau reduzieren und die Gewinnspanne im Einzelhandel auf 2,50 Kronen pro Liter begrenzen.
Polen erwägt unterdessen eine 60-prozentige Abgabe auf zusätzliche Gewinne der Ölkonzerne, um Preisentlastungen im Umfang von rund 4 Milliarden Zloty zu finanzieren. Das Vorhaben steht allerdings vor parlamentarischen und verfassungsrechtlichen Hürden.
Die Internationale Energieagentur beschreibt die Reaktion inzwischen als globales Phänomen und nicht mehr lediglich als europäische Krise.
Innerhalb weniger Monate stieg die Zahl der Staaten mit Kraftstoffsubventionen von 16 auf 38, während inzwischen 57 statt zuvor 40 Länder ihre Energiesteuern gesenkt haben.
Das Pew Research Center kam auf Grundlage von IEA-Zahlen von Mitte Juni zu dem Ergebnis, dass 113 Länder seit Beginn des Iran-Krieges mindestens eine Maßnahme gegen steigende Energiekosten ergriffen haben. In 55 Staaten wurden Steuern verändert, 32 Länder führten Kraftstoffsubventionen ein.
Hinter all diesen Maßnahmen steht letztlich ein Problem, das sich mit Steuersenkungen, Subventionen und Preisdeckeln nicht beseitigen lässt:
Regierungen können die Symptome an der Zapfsäule bekämpfen – aber ein Finanzministerium kann weder die Straße von Hormus wieder öffnen noch den Krieg in der Ukraine beenden.

