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Gates’ neues Video sorgt für Aufregung: Nach Impfstoffen und Kuh-Methan will er jetzt auch den Himmel verändern

Bill Gates hat ein neues Klimaproblem ausgemacht: Kondensstreifen. In seinem Video „For an affordable climate win, look to the sky“ erklärt er, die künstlichen Zirruswolken hinter Flugzeugen seien für einen erheblichen Teil der Klimawirkung des Luftverkehrs verantwortlich. Flugzeuge müssten künftig nur jene feuchten Luftschichten meiden, in denen langlebige Kondensstreifen entstehen. Mit relativ kleinen Änderungen der Flughöhe könne man, so Gates, „fast zwei Prozent der gesamten globalen Erwärmung eliminieren“.

Die Forschung hinter dem Thema ist real. Langlebige Kondensstreifen können im Durchschnitt eine erwärmende Wirkung haben, und Versuche mit veränderten Flugrouten zeigen, dass sich ihre Entstehung reduzieren lässt. Doch Gates macht daraus erneut eine erstaunlich einfache technologische Erzählung: Daten sammeln, Algorithmen rechnen lassen, Flugzeuge umleiten – Klima gerettet. Ob sich seine Grössenordnung unter realen Bedingungen weltweit erreichen lässt, ist eine ganz andere Frage.

Bemerkenswert ist vor allem, wie gut dieser jüngste Vorstoss in Gates‘ bisherige Aktivitäten passt. Beim Klima geht es längst nicht mehr nur um Kraftwerke oder Autos. Gates investiert über Breakthrough Energy auch in Rumin8, ein Unternehmen, das Futtermittelzusätze entwickelt, um die Methanproduktion von Rindern zu reduzieren. Umgangssprachlich wird gerne von den „Kuhfürzen“ gesprochen, tatsächlich entsteht der grösste Teil des Methans beim Aufstossen der Tiere. Aus einem natürlichen Vorgang wird ein industriell zu lösendes Klimaproblem – und damit zugleich ein neuer Markt.

Auch der Himmel selbst ist für Gates kein Tabu. Er gehörte zu den Geldgebern des Solar Geoengineering Research Program in Harvard. Dort wurde unter anderem SCoPEx entwickelt, ein Experiment zur Erforschung von Partikeln in der Stratosphäre. Das langfristig diskutierte Prinzip des solaren Geoengineerings: Partikel könnten einen Teil des Sonnenlichts reflektieren und dadurch die Erde künstlich abkühlen. SCoPEx wurde 2024 beendet, ohne dass die geplante Freisetzung von Partikeln stattfand. Die oft verkürzte Behauptung, Gates habe bereits „die Sonne verdunkelt“, ist daher falsch. Richtig ist aber: Er finanzierte Forschung an Technologien, mit denen sich die Sonneneinstrahlung gezielt beeinflussen liesse.

So entsteht ein bemerkenswertes Gesamtbild. Impfstoffe und globale Gesundheitsprogramme, Technologien gegen Methan aus der Tierhaltung, Forschung zur Beeinflussung der Sonneneinstrahlung und jetzt Algorithmen gegen Kondensstreifen: Gates setzt konsequent auf technische Eingriffe in immer mehr natürliche und gesellschaftliche Systeme.

Und fast immer entstehen dabei auch neue Märkte. Methanreduzierung benötigt Futtermittel und entsprechende Hersteller. Kondensstreifenvermeidung benötigt Wettermodelle, Satellitendaten, Software und neue Flugplanungssysteme. Gates war an der Gründung von Contrails.org beteiligt, das genau solche Verfahren entwickelt; beteiligt sind unter anderem Google Research und American Airlines. Solar Geoengineering würde im Falle einer tatsächlichen Anwendung eine noch grössere technische und politische Infrastruktur benötigen.

Das bedeutet nicht automatisch, dass Gates persönlich an jeder dieser Lösungen verdient. Contrails.org stellt seine Software beispielsweise als Open Source zur Verfügung. Gerade deshalb sollte die Kritik präziser ansetzen: Es geht weniger darum, Gates eine direkte persönliche Bereicherung nachzuweisen, als um den enormen Einfluss privaten Kapitals darauf, welche Probleme erforscht werden, welche Lösungen Milliarden erhalten und welche Technologien anschliessend als alternativlos erscheinen.

Denn Bill Gates wurde für keine dieser Aufgaben gewählt. Er besitzt kein demokratisches Mandat für globale Gesundheits-, Landwirtschafts- oder Klimapolitik. Seine Macht entsteht aus seinem Vermögen. Damit kann er Forschung finanzieren, Unternehmen fördern, internationale Organisationen unterstützen und Themen auf die politische Agenda bringen, für die gewählte Politiker häufig nicht annähernd vergleichbare Mittel besitzen.

Gerade beim Klima wird diese Frage brisant. Heute geht es lediglich darum, Flugzeuge einige tausend Fuss höher oder tiefer fliegen zu lassen. Das mag sich am Ende sogar als sinnvolle Massnahme erweisen. Doch parallel wird ernsthaft darüber geforscht, durch technische Eingriffe den Strahlungshaushalt des Planeten zu verändern.

Die entscheidende Debatte sollte deshalb nicht bei der Frage enden, ob Kondensstreifen wärmen oder Kühe Methan ausstossen. Sie beginnt dort, wo Milliardäre mit ihrem Vermögen zunehmend mitbestimmen können, wie Landwirtschaft, Gesundheit, Luftverkehr und irgendwann vielleicht sogar die Atmosphäre technisch umgebaut werden sollen.

Und genau diese Frage fehlt in Gates‘ Video vollständig: Wer hat eigentlich entschieden, dass Bill Gates einer der Architekten unserer Zukunft sein soll?

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