Unabhängige Analysen und Informationen zu Geopolitik, Wirtschaft, Gesundheit, Technologie

Neutral – aber Geld für einen NATO-nahen Thinktank: Warum finanziert die Schweiz den Atlantic Council ?

Neutral – aber Geld für einen NATO-nahen Thinktank: Warum finanziert die Schweiz den Atlantic Council ?

Die Schweiz beruft sich international auf ihre Neutralität. Sie ist kein NATO-Mitglied und beschreibt sich selbst ausdrücklich als neutralen Staat. Gleichzeitig taucht das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) in der offiziellen Geldgeberliste des Atlantic Council auf – eines Washingtoner Thinktanks, der sich klar der transatlantischen Zusammenarbeit verschrieben hat.

Das wirft eine einfache Frage auf: Warum finanziert ein neutrales Land eine Organisation, deren politisches Umfeld und Arbeit eng mit der transatlantischen Sicherheitsarchitektur verbunden sind?

Schweizer Steuergeld für den Atlantic Council

Der Beleg stammt nicht von Kritikern des Atlantic Council, sondern von der Organisation selbst.

In ihrem am 22. April 2026 veröffentlichten „2025 Honor Roll of Contributors“ führt der Atlantic Council das „Swiss Federal Department of Foreign Affairs“, also das Schweizer EDA, als Geldgeber auf. Die Liste umfasst Zahlungen, die zwischen dem 1. Januar und 31. Dezember 2025 eingegangen sind. Das EDA erscheint in der Beitragskategorie 50’000 bis 99’999 US-Dollar.

Und es handelt sich nicht um eine einmalige Erscheinung: Auch im Honor Roll 2024 wird die Schweizer Regierung als Geldgeber geführt.

Wer wird hier finanziert?

Der Atlantic Council bezeichnet sich selbst als unabhängige und überparteiliche Organisation. Finanziert wird er durch Privatpersonen, Stiftungen, Unternehmen und Regierungen. Gleichzeitig ist seine Mission ausdrücklich auf internationale und transatlantische Politik ausgerichtet.

Ein Blick auf die Geldgeber zeigt das Umfeld: In den veröffentlichten Listen finden sich beziehungsweise fanden sich neben Regierungen und der NATO auch Unternehmen wie Lockheed Martin, Northrop Grumman, RTX, Thales und Palantir. Das allein beweist selbstverständlich keinen Einfluss auf einzelne Publikationen. Es zeigt aber, in welchem politischen, militärischen und wirtschaftlichen Netzwerk sich der Thinktank bewegt.

Der Atlantic Council betont seinerseits ausdrücklich, dass Geldgeber keinen Einfluss auf die Ergebnisse seiner Arbeit erhalten dürfen. Bei ausländischen Regierungen gibt es sogar ein besonderes Prüfverfahren; die Organisation beansprucht die vollständige inhaltliche Kontrolle über ihre Publikationen.

Neutralität – und gleichzeitig immer näher an der NATO

Denn die Zahlung steht nicht isoliert da.

Die Schweiz arbeitet seit 1996 über die Partnerschaft für den Frieden mit der NATO zusammen. Das EDA beschreibt die NATO selbst als eine der „tragenden sicherheitspolitischen Organisationen Europas“.

Diese Zusammenarbeit wird derzeit sogar ausgebaut.

Für den Zeitraum 2025 bis 2028 haben Schweiz und NATO ein neues „Individually Tailored Partnership Programme“ vereinbart. Zu den Zielen gehören politischer Dialog, Zusammenarbeit in den Bereichen Weltraum und Resilienz sowie eine stärkere Interoperabilität der Schweizer Armee mit der NATO, unter anderem bei Luftwaffe und Kommunikationssystemen. Der Bundesrat erklärt diese Aktivitäten ausdrücklich für mit der Neutralität vereinbar.

Auch der aussenpolitische Bericht des Bundes bestätigt, dass die Kooperation intensiviert werden soll.

Damit bekommt die Finanzierung des Atlantic Council eine grössere politische Bedeutung. Es geht nicht um 50’000 oder 100’000 Dollar. Für den Schweizer Bundeshaushalt ist das eine verschwindend kleine Summe.

Es geht darum, wohin sich die Schweizer Aussen- und Sicherheitspolitik orientiert.

Neutralität auf dem Papier – transatlantische Einbindung in der Praxis?

Rechtlich bedeutet Neutralität nicht, dass die Schweiz keinerlei Kontakte zur NATO oder zu westlichen Thinktanks unterhalten dürfte. Auch eine finanzielle Unterstützung des Atlantic Council stellt für sich genommen keinen Beweis für einen Neutralitätsbruch dar.

Doch Neutralität lebt nicht nur von juristischen Definitionen, sondern auch von politischer Glaubwürdigkeit und wahrgenommener Distanz zu den Machtblöcken.

Genau deshalb sollte die Öffentlichkeit erfahren, wofür das EDA diese Zahlungen konkret leistet: Handelt es sich um eine allgemeine Zuwendung? Wird damit ein bestimmtes Programm finanziert? Welche Projekte wurden unterstützt? Welche Ziele verfolgt Bern damit?

Diese Fragen sind umso berechtigter, weil der Atlantic Council selbst erklärt, dass er staatliche Gelder nur für Projekte akzeptiert, die zu seiner Mission passen.

Doch während Bern seine Neutralität hervorhebt, finanziert das EDA einen transatlantisch ausgerichteten Thinktank und vertieft parallel die Zusammenarbeit mit der NATO.

Die Frage:

Wie neutral will die Schweiz politisch noch auftreten, wenn sie sich sicherheitspolitisch immer enger an die NATO-Strukturen anlehnt und gleichzeitig mit Schweizer Steuergeld einen der bekanntesten transatlantischen Thinktanks in Washington finanziert?