Die britische Zeitung The Telegraph veröffentlichte in dieser Woche einen Artikel mit dem Titel „Christen und Hezbollah vereinen sich gegen ein ‘Epstein-Reich’“ – und entfernte ihn kurz darauf wieder von ihrer Website. Der Beitrag ist inzwischen nur noch über Umwege abrufbar. Die Frage bleibt: Warum wurde er gelöscht? Hier gesichert.
Im Fokus des Berichts stand das katholische Dorf Ras Baalbek in der nördlichen Bekaa-Ebene im Libanon, nahe der syrischen Grenze. Die Region gilt als geopolitischer Brennpunkt – und zugleich als Beispiel für ungewöhnliche Allianzen: Eine christliche Gemeinschaft arbeitet dort eng mit der schiitischen Miliz Hezbollah zusammen, die von vielen westlichen Staaten als Terrororganisation eingestuft wird.
Die Zusammenarbeit ist laut dem Bericht nicht ideologisch motiviert, sondern aus einer existenziellen Bedrohung heraus entstanden. Während des Syrienkriegs zwischen 2013 und 2017 wurde Ras Baalbek wiederholt von Kämpfern des sogenannten „Islamischen Staates“ angegriffen. Dorfbewohner berichten, dass Hezbollah als erste Kraft eingegriffen habe, um das Dorf zu verteidigen, während die libanesische Armee erst später aktiv wurde.
„Die Beziehung zu Hezbollah ist stärker als die zum Papst“, wird Dorfvorsteher Rifiat Nasrallah zitiert. „Der Vatikan hat nichts für uns getan, aber Hezbollah hat Blut vergossen, um uns zu schützen.“
Aus dieser gemeinsamen Erfahrung entwickelte sich eine enge Verbindung. Hezbollah stellt nicht nur militärischen Schutz, sondern unterstützt die Bevölkerung auch praktisch – etwa durch medizinische Versorgung und die Bereitstellung von Strom in Zeiten der Knappheit. Selbst symbolisch zeigt sich diese Nähe: So organisiert die Bewegung jährlich einen Weihnachtsbaum für das überwiegend katholische Dorf.
Trotz dieser Kooperation bleibt die Region instabil. Israel führt regelmäßig Luftangriffe auf Hezbollah-Ziele in der Umgebung durch, während gleichzeitig neue Bedrohungen aus Syrien befürchtet werden. Die Jahre des Konflikts haben tiefe Spuren hinterlassen. Bewohner berichten von Bombardierungen, Verlusten und anhaltender Unsicherheit. Laut Zahlen der Vereinten Nationen wurden tausende Verstöße gegen Waffenstillstände registriert, mit hunderten Toten und Verletzten.
Besonders kontrovers ist eine Passage des Artikels, in der ein schiitischer Flüchtling namens Ahmad zitiert wird. Er spricht von einem angeblichen Kampf gegen „Epstein-Menschen“ – eine Bezugnahme auf den US-Sexualstraftäter Jeffrey Epstein. Wörtlich heißt es:
„Wir sind im Krieg mit den Epstein-Menschen. Die Menschen, die Kinder essen und vergewaltigen. Es sind Monster, Tiere. Es sind keine Menschen. Aber das Schlimmste ist, dass sie diejenigen sind, die die Welt regieren.“
Diese Aussagen werden im Bericht ohne weitere Einordnung wiedergegeben.
Ungeachtet der geopolitischen Spannungen und der Kritik von außen bleibt die Allianz zwischen Ras Baalbek und Hezbollah laut Darstellung stabil. Für viele Bewohner steht das Überleben im Vordergrund. Religiöse oder politische Differenzen treten in den Hintergrund, wenn es um Sicherheit geht.
„Wie können wir als Christen hier nicht mit Hezbollah sein?“, fragt Nasrallah rhetorisch. „Sie schützen unsere Kirchen, haben uns gegen den IS geholfen und waren für uns da, als sonst niemand kam.“
Der Fall wirft Fragen über journalistische Verantwortung, Narrative im Konfliktgebiet – und die Gründe für das nachträgliche Verschwinden eines bereits veröffentlichten Artikels auf.


