Haaretz-Kommentar: Gideon Levy zeichnet das Porträt eines politischen Absturzes
Wenn ausgerechnet Gideon Levy, einer der schärfsten Kritiker der israelischen Besatzungspolitik, schreibt, er habe den frühen Benjamin Netanjahu einst bewundert, dann lohnt es sich hinzuhören. Denn Levy zeichnet nicht das Bild eines Politikers, der immer derselbe war. Er beschreibt die Geschichte einer radikalen Transformation – vom pragmatischen Machtpolitiker zum Mann, den er für die Zerstörung Israels moralischer und demokratischer Grundlagen verantwortlich macht.
Levy erinnert daran, dass Netanjahu in den 1990er- und frühen 2000er-Jahren keineswegs als kompromissloser Hardliner auftrat. Er unterzeichnete die Hebron- und Wye-River-Abkommen mit Yassir Arafat, sprach über Verhandlungen mit Syrien und stellte in seiner Bar-Ilan-Rede sogar einen palästinensischen Staat in Aussicht. Gleichzeitig hielt er sich militärisch auffallend zurück. Während andere israelische Regierungschefs rasch zu militärischen Mitteln griffen, galt Netanjahu lange als vorsichtig – für manche aus strategischer Vernunft, für andere aus politischer Berechnung.
Für Levy markiert der 7. Oktober 2023 jedoch einen endgültigen Wendepunkt. Was zuvor bereits mit der politischen Aufwertung kahanistischer Kräfte, dem Angriff auf die Unabhängigkeit der Justiz und der Allianz mit religiös-nationalistischen Extremisten begonnen hatte, sei danach vollständig eskaliert.
Die Wortwahl des Haaretz-Kolumnisten ist dabei außergewöhnlich scharf – selbst für israelische Verhältnisse. Levy bezeichnet Netanjahu als „blutrünstigen“, „rassistischen“ und „kahanistischen“ Politiker, als „internationalen Paria“ und „flüchtigen Kriegsverbrecher“, der direkte Verantwortung für den Tod von 20.000 Kindern trage. Gaza sei zu einem Friedhof geworden, Südlibanon verwüstet und das Westjordanland stehe vor der Explosion – und all das führe er auf die Entscheidungen eines einzigen Mannes zurück.
Man muss Levys Schlussfolgerungen nicht teilen, um die politische Sprengkraft dieses Textes zu erkennen. Es handelt sich nicht um Kritik von außen, sondern um eine Fundamentalkritik aus dem Inneren Israels – veröffentlicht in einer der bekanntesten israelischen Tageszeitungen.
Besonders bemerkenswert ist, dass Levy nicht nur die Kriegsführung verurteilt, sondern Netanjahu persönlich für die strategische Isolation Israels verantwortlich macht. Der Iran sei heute gefährlicher als zuvor, die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten stünden vor einer möglichen Neuordnung, und Millionen Menschen in Gaza, im Libanon und darüber hinaus seien zu Opfern einer Politik geworden, die keine Diplomatie mehr kenne.
Ob man Gideon Levys Diagnose teilt oder nicht: Sein Text ist Ausdruck einer tiefen Krise innerhalb Israels selbst. Er zeigt, wie weit die gesellschaftliche und politische Polarisierung inzwischen reicht. Wenn ein israelischer Journalist, der den frühen Netanjahu einst respektierte, heute von einem „Massenmörder, Kriegsverbrecher und chronischen Versager“ schreibt, dann ist das nicht nur eine Anklage gegen einen Regierungschef – sondern ein Alarmruf über den Zustand eines Landes, das sich in einem permanenten Ausnahmezustand befindet.
Der eigentliche Skandal liegt vielleicht darin, dass solche Stimmen im Westen oft kaum wahrgenommen werden. Während jede Kritik an Israel schnell als feindselig oder antisemitisch eingeordnet wird, stammt diese Anklage aus Israel selbst – von einem Journalisten, der seit Jahrzehnten über die moralischen Kosten der Besatzung und des Krieges schreibt. Gerade deshalb lässt sie sich nicht so leicht abtun.


