Die Vereinten Nationen haben 17 Nachhaltigkeitsziele. Geht es nach Melissa Fleming, UN-Untergeneralsekretärin für globale Kommunikation, könnte ein 18. hinzukommen: ein „gesundes Informationsökosystem“. Was zunächst harmlos klingt, berührt eine der zentralen Machtfragen des KI-Zeitalters: Wer entscheidet künftig, welche Informationen Milliarden Menschen überhaupt erreichen?
Wie The Sociable berichtet, brachte Fleming die Idee bei einer Veranstaltung am Rande der 81. UN-Generalversammlung im September 2026 ins Spiel. Ein „gesundes Informationsökosystem“ sei aus ihrer Sicht Voraussetzung dafür, bei allen bestehenden Nachhaltigkeitszielen Fortschritte zu erzielen.
Ein offizielles 18. Nachhaltigkeitsziel ist das nicht. Doch Flemings Aussage zeigt, wie eng die UN Informationspolitik inzwischen mit der Umsetzung ihrer politischen Agenda verknüpft.
"If there could be an 18th SDG, I would make it Healthy Information Ecosystems. It underpins every single one of the SDGs. Without a healthy information ecosystem, it's becoming increasingly difficult to make progress" Melissa 'We Own the Science' Fleming https://t.co/AjQCIpJTU8 pic.twitter.com/in9gHroHeK
— Tim Hinchliffe (@TimHinchliffe) September 29, 2026
Besonders deutlich wird das beim Thema künstliche Intelligenz. Die Zeiten, in denen Organisationen vor allem darum kämpften, bei Google möglichst weit oben zu erscheinen, könnten bald vorbei sein. Immer mehr Menschen fragen direkt Chatbots und erhalten statt einer Liste unterschiedlicher Quellen eine einzige, fertig formulierte Antwort.
Genau dort will die UN präsent sein.
„We want to be scraped“ – „Wir wollen ausgelesen werden“, erklärte Fleming laut The Sociable. UN-Inhalte sollen von großen KI-Modellen erfasst, verarbeitet und möglichst als Quellen berücksichtigt werden. Die Organisation arbeitet damit bereits an einer Welt, in der nicht mehr nur Suchmaschinen, sondern KI-Systeme darüber entscheiden, welche Informationen sichtbar werden.
Das ist besonders bemerkenswert, weil Fleming schon 2022 beim Weltwirtschaftsforum offen über den Versuch gesprochen hatte, die Sichtbarkeit bestimmter Informationen im Netz zu beeinflussen. Damals berichtete sie über die Zusammenarbeit der UN mit Google beim Thema Klimawandel. Bei Suchanfragen seien aus Sicht der UN problematische beziehungsweise verzerrte Informationen prominent erschienen. Die UN habe deshalb mit Google zusammengearbeitet, um ihre eigenen Inhalte stärker nach vorne zu bringen.
Dabei fiel jener Satz, der bis heute nachhallt: „We own the science“ – „Wir besitzen die Wissenschaft.“
Vier Jahre später erreicht diese Strategie eine neue Dimension. Es geht nicht mehr nur darum, welcher Link bei Google zuerst erscheint. Es geht darum, welche Quellen in die Antworten künstlicher Intelligenz einfließen und damit möglicherweise bestimmen, welches Bild der Realität dem Nutzer präsentiert wird.
Dazu passt die seit Jahren vorangetriebene UN-Strategie der sogenannten „Information Integrity“. Fehl- und Desinformation sowie Hassrede werden zunehmend als Hindernisse für die Umsetzung internationaler Ziele behandelt. Auch der 2024 verabschiedete Global Digital Compact fordert einen „sicheren“ digitalen Raum und Maßnahmen gegen Fehl- und Desinformation.
The Sociable sieht darin eine gefährliche Entwicklung: Institutionen, die selbst politische Ziele verfolgen, könnten gleichzeitig immer stärkeren Einfluss darauf nehmen, welche Informationen als vertrauenswürdig gelten und welche als Desinformation behandelt werden. Das ist die Interpretation des Mediums – Fleming selbst hat nicht gefordert, abweichende Meinungen zu verbieten.
Doch das Grundproblem verschwindet dadurch nicht.
Denn wer von einem „gesunden Informationsökosystem“ spricht, muss beantworten, wer definiert, was „gesund“ bedeutet. Und wenn ein solches Informationsumfeld gleichzeitig zur Voraussetzung für die Umsetzung der Agenda 2030 erklärt wird, bekommt diese Definition eine politische Dimension.
Mit KI wird diese Frage noch brisanter. Bei einer klassischen Suchmaschine kann der Nutzer unterschiedliche Quellen öffnen, vergleichen und sich selbst ein Bild machen. Ein KI-System übernimmt einen Teil dieser Auswahl bereits im Hintergrund und liefert anschließend eine synthetisierte Antwort.
Wer es schafft, seine eigenen Quellen tief in diesem Informationssystem zu verankern, gewinnt damit einen Einfluss, der weit über klassische Öffentlichkeitsarbeit hinausgeht.
2022 sagte Fleming: „We own the science.“ 2026 sagt sie: „We want to be scraped.“
Dazwischen liegt der Aufstieg generativer KI – und damit eine grundlegende Verschiebung der Informationsmacht.
Die entscheidende Auseinandersetzung der kommenden Jahre könnte deshalb nicht darum geführt werden, welche Informationen gelöscht werden. Sie könnte viel subtiler verlaufen: darum, welche Quellen von KI bevorzugt aufgenommen, als vertrauenswürdig behandelt und schließlich Milliarden Menschen als Antwort präsentiert werden.


