In dem Gespräch mit Colonel Douglas Macgregor entsteht das Bild einer amerikanischen Nahostpolitik, die zwischen Drohgebärden, Kontrollverlust und israelischem Druck gefangen ist. Macgregors zentrale These: Der sogenannte Waffenstillstand mit Iran sei keiner – und die USA hätten im Persischen Golf nicht mehr die strategische Überlegenheit, die Washington jahrzehntelang für selbstverständlich hielt.
Macgregor macht gleich zu Beginn klar, dass er die Lage nicht als echte Deeskalation betrachtet. Wenn weiter geschossen werde, wenn Iran weiterhin US-nahe Ziele im Golf attackiere und Washington gleichzeitig versuche, militärische Präsenz durch die Straße von Hormus zu sichern, dann sei das kein Waffenstillstand, sondern ein Krieg mit wechselnder Intensität. Seine nüchterne Einschätzung: Die USA wollten keinen offenen Großkrieg – Iran aber sei offenbar bereit, einen solchen Krieg zu führen, falls er ihm aufgezwungen werde.
Der Kern des Problems liegt für Macgregor in der Straße von Hormus. Iran kontrolliere diesen Engpass faktisch, sagt er – und damit einen der empfindlichsten Punkte der Weltwirtschaft. Washington könne zwar noch Flugzeugträger, Zerstörer und Stützpunkte vorzeigen, doch diese Symbole imperialer Macht hätten im Zeitalter präziser Raketen, Drohnen, Sensoren und Überwachungssysteme ihre Abschreckungswirkung verloren. Der alte Mythos amerikanischer Unverwundbarkeit zerbröckelt dort, wo Iran mit vergleichsweise geringen Mitteln eine Supermacht militärisch bindet.
Besonders brisant ist Macgregors Analyse der Golfstaaten. Kuwait, Bahrain und die Emirate seien extrem verwundbar, weil sie amerikanische und teils israelische Präsenz auf ihrem Boden zuließen. Aus iranischer Sicht, so Macgregor, verschwimme die Grenze zwischen US-Militär, US-Geheimdiensten und israelischer Machtprojektion. Wer Washington und Tel Aviv seine Infrastruktur zur Verfügung stelle, mache sich selbst zum Ziel.
Damit stellt Macgregor eine unbequeme Frage: Können die USA ihre Verbündeten im Golf überhaupt noch schützen? Seine Antwort lautet: nein. Die Golfmonarchien könnten nicht dauerhaft darauf setzen, dass Washington sie rettet. Diplomatie mit Iran sei für sie keine moralische Option, sondern eine Überlebensfrage. Wer sich mit dem Feind des mächtigsten Nachbarn verbünde, begehe denselben Fehler wie Staaten, die sich auf entfernte Schutzmächte verlassen – und am Ende allein dastünden.
Der zweite große Schwerpunkt des Gesprächs ist Israel. Laut aktuellen Berichten hat das Pentagon Israels Gegenspionage-Risiko auf die höchste Stufe „critical“ gesetzt; US-Beamte werfen Israel demnach vor, besonders aggressiv Informationen über interne Beratungen der Trump-Regierung zu Iran und Libanon zu sammeln. Israel und das Weiße Haus wiesen die Vorwürfe zurück. (timesofisrael.com)
Für Macgregor ist diese Meldung kein Ausrutscher, sondern ein Symptom. Er betont, dass es keinen formellen Bündnisvertrag zwischen den USA und Israel gebe. Die Beziehung sei politisch konstruiert, finanziell abgesichert und durch Einflussnetzwerke im Kongress verstetigt worden. Dass ein Staat, der offiziell als engster Partner gilt, nun als höchstes Gegenspionagerisiko behandelt werde, zeige den inneren Widerspruch dieser Beziehung.
Macgregor geht noch weiter: Israel habe über Jahre außergewöhnlichen Zugang zu amerikanischen Strukturen erhalten – nicht wegen gemeinsamer Interessen, sondern wegen politischer Käuflichkeit, Lobbydruck und strategischer Naivität. Für ihn ist der Punkt erreicht, an dem sich die USA fragen müssen, ob sie noch ihre eigenen Interessen verfolgen oder ob sie fremde Kriege führen, deren Preis am Ende die amerikanische Bevölkerung zahlt.
Sein Fazit ist düster: Die größte Gefahr für die USA liege nicht in Iran, Russland oder China, sondern im Inneren – Staatsverschuldung, politische Spaltung, industrielle Entkernung, Kontrollverlust über die Grenzen und eine Außenpolitik, die fremden Agenden diene. Der Krieg im Golf sei nur das sichtbare Symptom eines tieferen Verfalls.
Macgregors Botschaft lautet letztlich: Die Welt hat gesehen, dass Amerika nicht mehr alles schützen, kontrollieren oder erzwingen kann. Iran hat diese Schwäche offengelegt. Israel nutzt sie aus. Und Washington weigert sich noch immer, daraus die Konsequenzen zu ziehen.


