Ich lebe in Sibiriens „Pest-Stadt“ – und vor Ort sieht alles ganz anders aus
Internationale Schlagzeilen über Irkutsk zeichnen ein beunruhigendes Bild: Pestverdacht, Quarantäne, eine tote Wissenschaftlerin und Spekulationen über einen Laborunfall oder sogar eine biologische Waffe. Doch ein Amerikaner, der selbst in Irkutsk lebt, ist durch die Stadt gegangen, hat Krankenhäuser und das betroffene Institut aufgesucht und die kursierenden Behauptungen überprüft. Sein Fazit: Der reale Vorfall ist ernst – doch vieles von dem, was daraus in sozialen Medien und Nachrichten gemacht wurde, sei unbelegt oder schlicht falsch.
Keine Panik auf den Strassen von Irkutsk
Die Aufnahmen stammen vom 7. Oktober. Menschen gehen einkaufen, Kinder zur Schule, andere zur Arbeit. Von „Massenpanik“, einem Lockdown der Stadt oder chaotischen Zuständen sei nichts zu sehen.
„Alles ist ruhig, business as usual“, beschreibt der Amerikaner die Situation vor Ort.
Im Zentrum der Geschichte steht die 28-jährige Daria Shapiliva. Sie hatte neun Jahre medizinische Biochemie an der Staatlichen Medizinischen Universität Irkutsk studiert und mit Auszeichnung abgeschlossen. Anschliessend arbeitete sie als Labortechnikerin und Wissenschaftlerin am staatlichen Anti-Pest-Forschungsinstitut.
Sie widerspricht dabei ausdrücklich der Darstellung eines mysteriösen Biowaffenlabors. Es handle sich um ein Anti-Epidemie- und Anti-Pest-Forschungszentrum, das Infektionskrankheiten untersucht. Solche Einrichtungen gebe es auch in anderen Ländern. Shapiliva selbst forschte zur Prävention und Behandlung der Pest und war Mitautorin einer wissenschaftlichen Arbeit zu diesem Thema.
Eine Wissenschaftlerin stirbt – Ursache weiterhin ungeklärt
Am 29. September wurde Shapiliva in ein Krankenhaus in Schelechow ausserhalb Irkutsks eingeliefert. Ihr Zustand verschlechterte sich rapide. In der Nacht vom 1. auf den 2. Oktober starb sie.
Nach dem im Video dargestellten Informationsstand lautet die offizielle Todesursache zunächst Lungenentzündung unbekannter Ursache. Eine bestätigte Diagnose von Lungenpest gebe es nicht.
Die Behörden reagierten dennoch vorsorglich. Mehr als 200 Kontaktpersonen wurden medizinisch überwacht beziehungsweise isoliert, mehrere Krankenhäuser standen unter Quarantäne.
Sie besucht drei dieser Einrichtungen selbst und zeigt sie im Video. Sie liegen mitten in der Stadt – nichts werde versteckt.
Unter den rund 200 untersuchten Personen seien bis dahin lediglich zwei Covid-Fälle und zwei andere Atemwegsinfektionen festgestellt worden. Weitere Fälle der unbekannten Erkrankung der Wissenschaftlerin seien nicht bekannt geworden. Eingefügter Text
Die Geschichte vom zerbrochenen Pest-Reagenzglas
Besonders spektakulär verbreitete sich die Behauptung, Shapiliva habe im Labor ein mit Pesterregern gefülltes Reagenzglas zerbrochen und sich dabei infiziert.
Sie verfolgt die Geschichte zurück und kommt nach seiner Recherche zu einem erstaunlichen Ergebnis: Die Behauptung soll ursprünglich aus einem Telegram-Beitrag eines Bloggers stammen.
Eine belastbare Quelle dafür wurde nicht gefunden. Trotzdem sei die Geschichte anschliessend von zahlreichen Medien übernommen und als Tatsache weiterverbreitet worden.
Kollegen der Wissenschaftlerin und ihre Mutter, selbst Ärztin, widersprachen der Darstellung. Sie verwiesen auf abgeschlossene Arbeitsbereiche, Schutzkleidung und strenge Sicherheitsvorschriften. Auch die Untersuchung der russischen Gesundheitsbehörden habe keinen Hinweis auf einen Unfall im Institut ergeben.
Für die Amerikanerin ist die Geschichte vom zerbrochenen Reagenzglas deshalb nicht bloss unbestätigt: Er bezeichnet sie als „komplett falsch“.
Reise ins Pestgebiet an der mongolischen Grenze?
Eine zweite Geschichte besagte, Shapiliva sei kurz vor ihrer Erkrankung nach Burjatien an die Grenze zur Mongolei gereist, um dort Murmeltiere oder Erdhörnchen auf Pest zu untersuchen.
Auch hier verfolgt der Autor die Meldung zu ihrer ursprünglichen Quelle zurück – einem Telegram-Kanal.
Doch der Leiter der Republik Burjatien widersprach öffentlich: Die Wissenschaftlerin sei nicht nach Burjatien gereist und es gebe dort auch in den Grenzgebieten zur Mongolei keinen aktuellen Pestausbruch.
Sie stuft diese Geschichte deshalb als unbestätigt und „an der Grenze zu falsch“ ein.
Eine weitere Version behauptete wiederum, Shapiliva sei gerade aus Thailand zurückgekehrt. Auch dafür fand er nach eigenen Angaben keine unabhängige Bestätigung.
Auch der angebliche zweite Todesfall lässt sich nicht finden
Dann verbreitete sich die Meldung, bereits eine zweite Person sei an derselben Infektion gestorben.
Die Video-Moderatorin sagt, er habe stundenlang nach der angeblichen russischen Originalquelle gesucht – ohne Ergebnis.
Nach seiner Darstellung hatte auch die WHO Russland um Informationen gebeten. Die Antwort: Es gebe keine weiteren Fälle der Erkrankung, an der Shapiliva gestorben sei – und damit auch keinen zweiten Todesfall.
Die Pest ist nicht verschwunden – aber behandelbar
Auch die Bezeichnung „Pest“ sorgt für dramatische Schlagzeilen. Tatsächlich ist die Krankheit nie vollständig verschwunden.
Der Erreger Yersinia pestis kommt weiterhin in natürlichen Reservoirs vor – auch ausserhalb Russlands. Weil es sich um ein Bakterium handelt, kann eine früh erkannte Pest mit Antibiotika behandelt werden.
Entscheidend ist jedoch etwas anderes: Zum Zeitpunkt des Videos war überhaupt nicht bestätigt, dass Shapiliva an Lungenpest gestorben war. Die endgültigen Laborergebnisse standen noch aus.
Und genau hier liegt die eigentliche Geschichte: Eine junge Wissenschaftlerin ist tatsächlich unter ungewöhnlichen Umständen gestorben, mehr als 200 Kontaktpersonen wurden tatsächlich vorsorglich überwacht und mehrere medizinische Einrichtungen tatsächlich unter Quarantäne gestellt.
Doch daraus entstanden innerhalb weniger Tage Geschichten über zerbrochene Pest-Reagenzgläser, einen Laborunfall, Reisen in Pestgebiete, einen zweiten Todesfall und sogar eine mögliche Biowaffe.
Die Frau, die mitten in Irkutsk lebt, sieht davon auf den Strassen nichts. Für sie gibt es derzeit keinen Grund zur Panik:


