Verfasst von Larry C. Johnson
Gute Nachrichten, alle zusammen. Der Krieg ist vorbei, zumindest in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Zu keinem anderen Schluss konnte man angesichts der Schlagzeilen dieses Monats kommen. Am 14. Oktober berichtete Bloomberg über die Schätzung der Internationalen Energieagentur, wonach das Ölangebot der VAE im September mit 5.3 Millionen Barrel pro Tag einen Rekord erreicht habe. Fujairah, der Hafen, den die Emirate gebaut hatten, damit sie sich nie um die Strasse von Hormus sorgen müssten, schlug eine Rekordmenge von 2.62 Millionen Barrel pro Tag um. Ende August wurde erklärt, die riesige Raffinerie Ruwais arbeite wieder mit voller Kapazität. Öffnet den (alkoholfreien) Champagner.
Dann schickte mir Karl Miller am 22. Oktober seine Einschätzung des Öl- und Gassystems der VAE und verdarb die Feier. Die Emirate haben ihre Rohölexporte tatsächlich wiederhergestellt. Was sie nicht wiederhergestellt haben, ist alles andere. Das Gasgeschäft kommt immer noch nur mühsam voran, den petrochemischen Anlagen fehlt der Rohstoff, und die Treibstoffreserven, die das Land durch den nächsten Angriff bringen sollen, sind auf etwa ein Drittel ihres Vorkriegsstands gesunken. Die VAE stellen Produktionsrekorde auf, während ihre Gaswarnleuchte brennt.
Der sichere Hafen, der keiner war
Jahrelang vermarkteten sich die VAE als die Schweiz am Golf: stabil, diversifiziert, abgeschirmt vom Chaos der Region, ein Ort, an dem Hedgefonds und Ölkonzerne ruhig schlafen konnten. Dann kam 2026. Laut der US-Energieinformationsbehörde sank die Produktion von Rohöl und Kondensat in den VAE von etwa 4.0 Millionen Barrel pro Tag zu Jahresbeginn auf durchschnittlich 2.4 Millionen von März bis Mai. Ein Einbruch um 40 Prozent. Wie sich herausstellt, liegt die Schweiz in Reichweite iranischer Drohnen.
Die Schadensbilanz liest sich wie eine Besichtigungstour durch die Industrie der Emirate. Der Raffineriekomplex Ruwais fing am 10. März Feuer und wurde stillgelegt. Die Sauergasanlage Shah, die für die Verarbeitung von 1.28 Milliarden Kubikfuss pro Tag gebaut wurde, brannte am 16. März. Der Gaskomplex Habshan, das pulsierende Herz des Gassystems der VAE, wurde am 3. April getroffen und, falls es jemand verpasst haben sollte, am 8. April gleich noch einmal. Die petrochemische Anlage von Borouge wurde am 5. April beschädigt. Die Aluminiumhütte von Emirates Global Aluminium wurde am 28. März stillgelegt. Und am 17. Mai traf eine Drohne eine elektrische Anlage, die das Kernkraftwerk Barakah versorgt – eine Art Satz, den in Abu Dhabi niemand jemals in einem Protokoll des Sicherheitsrats lesen wollte.
Dann ist da noch Fujairah, der Umgehungshafen, dessen einziger Zweck darin bestand, den Ölfluss aus den VAE unabhängig davon aufrechtzuerhalten, was in Hormus geschah. Reuters zählt seit Kriegsbeginn mindestens 19 Angriffe auf den Hafen. In der Woche ab dem 16. März sanken die Verladungen auf 440,000 Barrel pro Tag. Nach einem Angriff am 4. Mai kamen die Exporte raffinierter Produkte praktisch einen Monat lang zum Erliegen; zwischen diesem Zeitpunkt und dem 1. Juni verliess genau ein Produkttanker den Hafen. Einer. Die Versicherungspolice brauchte offenbar selbst eine Versicherung.
Verfügbar, aber nicht in Betrieb
Das Rohöl kam zurück. Das Gas nicht. Die Zahlen von ADNOC Gas für das zweite Quartal im Vergleich zum Vorjahr: Die inländische Gasproduktion sank um 32.5 Prozent, die exportierten Flüssigprodukte wie LPG und Naphtha um 54.5 Prozent, der Anteil des Unternehmens an LNG um 63 Prozent. Die Verkäufe von Flüssigprodukten für den Export fielen von 252 auf 117 Billionen britische Wärmeeinheiten. Die LNG-Verkäufe sanken um etwa 71 Prozent. Der Umsatz sank um 39 Prozent, das EBITDA um 47 Prozent, der Nettogewinn um 52 Prozent. Das sind 2.3 Milliarden Dollar Umsatz, die in einem Quartal bei einem einzigen Unternehmen verpufften.
Aber meine Lieblingszahl aus Millers gesamter Präsentation ist diese: ADNOC Gas meldete stolz, dass seine Anlagen im zweiten Quartal zu 99.9 Prozent verfügbar gewesen seien – mehr als im Vorjahr. Die tatsächliche Auslastung der Anlagen sank unterdessen von 80 Prozent auf 54 Prozent. Die Anlagen waren bereit, willens und in der Lage. Sie konnten einfach nicht laufen, weil die Rohstoffversorgung, die Speicher und die Exportrouten, von denen sie abhängen, ausser Betrieb gesetzt worden waren. Das ist das unternehmerische Gegenstück dazu, zu verkünden, dein Auto sei in perfektem Zustand, während es ohne Räder aufgebockt dasteht.
Die Erholung seitdem war real, aber nur teilweise. Die Gasversorgung von Habshan war am 10. August zu 85 Prozent wiederhergestellt. Borouge hatte seine Anlage bis Ende Juni repariert, stellte dann aber fest, dass es nichts gab, womit sie betrieben werden konnte, und lief mit 60 Prozent Auslastung. Die Aluminiumschmelze hatte bis Ende August ein Viertel ihrer Öfen wieder in Betrieb genommen und rechnet nun damit, die Arbeiten irgendwann Anfang 2027 abzuschliessen. Reparaturen gehen, wie sich herausstellt, schneller als Erholungen.
Mit letzter Kraft
Hier ist die Zahl, die einem europäischen Energieminister das Wochenende verderben sollte. Am 19. Oktober lagerten in Fujairah 7,25 Millionen Barrel raffinierte Produkte. Vor dem Krieg waren es etwa 20,7 Millionen. Das ist ein Rückgang um 65 Prozent. Die Benzin- und Naphthabestände sind um 87 Prozent gesunken. Heizöl ist um 53 Prozent zurückgegangen. Diesel und Flugzeugtreibstoff sind um 23 Prozent gesunken und gingen diesen Monat innerhalb einer einzigen Woche um 18 Prozent zurück, gerade rechtzeitig zum Winter.
Fujairah ist keine Tankstelle an der Strassenecke. Es ist einer der weltweit bedeutendsten Umschlagplätze für Schiffstreibstoff und den Handel mit raffinierten Produkten, ein Ort, an dem Schiffe tanken und Händler Ladungen zwischen Asien und Europa zwischenlagern. Mit einem Drittel seiner üblichen Vorräte hat es etwa ein Drittel seiner normalen Fähigkeit, einen Schock abzufedern. Millers Rechnung ist unerbittlich: Verliert man Exportmöglichkeiten für eine Million Barrel pro Tag und hat 10 Millionen Barrel nutzbaren Speicherplatz, den man füllen kann, bleiben ungefähr zehn Tage, bevor die Ölfelder stillgelegt werden müssen. Zehn Tage. Das ist keine strategische Reserve. Das ist ein langes Wochenende.
Eine Umleitung für ein Drittel des Verkehrs
Die Antwort der VAE auf eine geschlossene Strasse von Hormus ist die ADCOP-Pipeline von Habshan nach Fujairah. Sie ist für den Transport von 1,5 Millionen Barrel pro Tag ausgelegt, an einem guten Tag vielleicht 1,8 Millionen. ADNOC gibt eine Förderkapazität von 4,85 Millionen Barrel pro Tag an. Der Notausgang bietet also etwa einem Drittel der Passagiere Platz. Eine zweite Pipeline ist für 2027 geplant – ein grosser Trost für alle, die diesen Krieg 2028 noch führen wollen.
Und jener Rekord im September? Ein Teil davon spiegelt echte Reparaturen wider. Ein Teil geht auf den Austritt der VAE aus der OPEC zurück, durch den die Produktionsquoten im Mai praktischerweise wegfielen. Und ein Teil kam laut eigener Aussage der IEA aus dem Abbau von Lagerbeständen, die bereits auf einem Rekordtief lagen. Seine Ersparnisse zu verkaufen, ist eine gute Möglichkeit, einen Monat lang Rekordeinnahmen auszuweisen. Es ist kein Geschäftsmodell. Gleichzeitig beliefen sich die Lieferungen raffinierter Produkte in der Region im September auf 1,9 Millionen Barrel pro Tag, verglichen mit 4,7 Millionen vor dem Krieg, und die LPG-Lieferungen auf 670’000 Barrel pro Tag, verglichen mit 1,5 Millionen. Die Erholung ist bei Rohöltankern real. Bei allem anderen ist sie eine Pressemitteilung.
Noch eine Runde, irgendwer?
Fairerweise muss man sagen – und Miller besteht darauf, fair zu sein –, dass niemand beweisen kann, dass 30 bis 40 Prozent des Energiesystems der VAE weiterhin zerstört sind. Es gibt kein vollständiges öffentliches Register der Schäden und Reparaturen, und er würdigt die Erholung in Ruwais und bei der Rohölförderung uneingeschränkt. Doch die Konturen des Problems sind klar. Die VAE haben ihre Fähigkeit wiederaufgebaut, Rohöl zu verschiffen. Ihr Gasgeschäft, ihre petrochemischen Ausgangsstoffe und vor allem ihre Treibstoffreserven sind weiterhin stark erschöpft.
Damit kommen wir zu Washingtons neuester glänzender Idee: einer weiteren Angriffsrunde gegen Iran. Iran hat bereits mindestens 19-mal allein in Fujairah gezeigt, dass es das Exportsystem der VAE erreichen kann. Als die Emirate zuletzt einen Schlag einstecken mussten, hatten sie in Fujairah 20 Millionen Barrel raffinierter Produkte, um ihn abzufedern. Beim nächsten Mal werden es etwa sieben Millionen sein. Rekordförderung und leere Tanks sind keine Widerstandsfähigkeit. Es ist ein Land, das am Rand einer Klippe steht und über die Aussicht postet.


