Die militärische Eskalation zwischen Saudi-Arabien und dem Jemen entwickelt sich nach Einschätzung des Geopolitik-Analysten Pepe Escobar zu einer existenziellen Krise für das saudische Königshaus. In einem Gespräch vom 11. Oktober berichtet er von einem Hilfegesuch Riads an Peking, israelischen Geheimdienstoffizieren in der saudischen Hauptstadt und der Weigerung Pakistans und der Türkei, sich direkt am Krieg gegen Ansar Allah zu beteiligen. Besonders brisant: Ein hochrangiger israelischer Militärgeheimdienstoffizier soll persönlich an Beratungen in Riad teilgenommen haben.
Saudi-Arabien sucht offenbar verzweifelt nach einem Ausweg aus seinem Krieg gegen den Jemen. Nach Informationen des Journalisten und Geopolitik-Analysten Pepe Escobar hat sich die saudische Führung inzwischen direkt an China gewandt und um diplomatische Unterstützung gebeten. Escobar erklärte in einem am 11. Oktober geführten Gespräch, er habe diese Information kurz zuvor durch Kontakte in China bestätigt bekommen. Eine offizielle Bestätigung aus Peking liege allerdings nicht vor. Sollte China tatsächlich eingreifen und einen Waffenstillstand zwischen Riad und Ansar Allah vermitteln können, wäre dies nach seiner Einschätzung ein bedeutender diplomatischer Erfolg für Peking und zugleich ein weiterer Hinweis auf die Verschiebung der Machtverhältnisse in Westasien.
Die Bedeutung eines solchen Schrittes geht weit über den Jemen hinaus. China unterhält seit Jahrzehnten Beziehungen zum Jemen, die nach Escobars Darstellung bis in die maoistische Ära zurückreichen. Gleichzeitig ist Saudi-Arabien ein wichtiger Energielieferant für die chinesische Wirtschaft. Eine erfolgreiche Vermittlung könnte die Energiebeziehungen stabilisieren und Pekings Einfluss in der Region weiter stärken. Escobar verweist zudem auf die zunehmende Bedeutung des Yuan im Energiehandel und erwartet langfristig, dass China auf einer vollständigen Abwicklung seiner saudischen Energieimporte in chinesischer Währung bestehen könnte. Noch handelt es sich bei einer chinesischen Vermittlung jedoch um eine Möglichkeit, nicht um ein bestätigtes diplomatisches Abkommen.
Israelischer General in Riad: Neue Hinweise auf eine militärische Zusammenarbeit
Besonders schwerwiegend sind die Angaben eines weiteren Gesprächsteilnehmers, der unter der Bezeichnung „Mr. Z“ auftritt und sich auf hochrangige Kontakte zum pakistanischen Geheimdienst beruft. Nach dessen Darstellung befindet sich ein israelischer Generalmajor des Militärgeheimdienstes gemeinsam mit weiteren israelischen Geheimdienstmitarbeitern in Riad. Die Information soll von einem pakistanischen Offizier stammen, der sich selbst in der saudischen Hauptstadt aufhält und Einblick in entsprechende Beratungen hatte. Der Gesprächsteilnehmer erklärte, er habe die Angaben innerhalb weniger Stunden zweimal bestätigen lassen.
Demnach sollen israelische Geheimdienstvertreter nicht lediglich als Beobachter anwesend sein, sondern aktiv an saudischen Geheimdienstberatungen teilnehmen. Auch pakistanische Militärangehörige hätten diese Zusammenarbeit wahrgenommen. Escobar sieht darin eine Bestätigung, dass sich der Krieg gegen den Jemen zunehmend zu einer gemeinsamen Operation Saudi-Arabiens, Israels und der Vereinigten Staaten entwickelt. Er verweist auf die Beteiligung des amerikanischen Regionalkommandos CENTCOM sowie auf Informationen über mindestens 110 amerikanische Spezialisten, Militärberater und technische Fachkräfte, die bereits in die saudischen Operationen eingebunden sein sollen.
Diese Angaben beruhen auf den im Gespräch geschilderten Geheimdienstkontakten; öffentlich zugängliche Belege für die Anwesenheit des israelischen Generalmajors oder die genannte Zahl amerikanischer Spezialisten wurden dabei nicht vorgelegt. Sollten sie zutreffen, würde dies allerdings eine wesentlich engere operative Zusammenarbeit zwischen Riad und Israel belegen, als bislang offiziell eingeräumt wurde.
Escobar erinnert daran, dass Saudi-Arabien bereits 2015 eine internationale Koalition gegen Ansar Allah organisierte, an der auch die Vereinigten Arabischen Emirate beteiligt waren und die von Washington unterstützt wurde. Die gegenwärtige Zusammenarbeit mit amerikanischen und mutmaßlich israelischen Stellen betrachtet er als Neuauflage dieser Koalition unter veränderten militärischen Bedingungen. Trotz westlicher Unterstützung sei es Saudi-Arabien über Jahre nicht gelungen, Ansar Allah entscheidend zu besiegen. Eine erneute Bodeninvasion hält Escobar für praktisch ausgeschlossen, weil weder ausreichend Truppen noch der politische Wille für einen solchen Feldzug vorhanden seien.
Pakistan und die Türkei ziehen eine Grenze
Für Mohammed bin Salman kommt erschwerend hinzu, dass zwei wichtige muslimische Partner nach den Angaben der Gesprächsteilnehmer nicht bereit sind, einen direkten Krieg gegen Ansar Allah zu führen. Pakistan beschränke seine militärische Präsenz auf den Schutz der heiligen Städte Mekka und Medina. Pakistanische Truppen seien nicht an der südlichen saudischen Grenze stationiert und nähmen nicht an Kampfhandlungen gegen die jemenitischen Streitkräfte teil. Auch die erwähnten pakistanischen JF-17-Kampfflugzeuge befänden sich auf dem Luftwaffenstützpunkt König Abdulaziz, weit entfernt von der jemenitischen Grenze.
Diese Zurückhaltung wird im Gespräch ausdrücklich mit der innenpolitischen Situation Pakistans begründet. Der Gesprächsteilnehmer verweist auf die große schiitische Bevölkerung des Landes, die er auf rund 40 Millionen Menschen beziffert und als überwiegend solidarisch mit dem Jemen beschreibt. Eine direkte militärische Beteiligung gegen Ansar Allah könnte nach seiner Einschätzung erhebliche innenpolitische Folgen auslösen. Auch Armeechef Asim Munir und Innenminister Mohsin Naqvi seien nach Informationen seiner Kontakte nicht an einer solchen Eskalation interessiert. Die genannten Positionen sind allerdings Einschätzungen und indirekt übermittelte Aussagen, keine im Gespräch dokumentierten offiziellen Erklärungen der beiden Politiker.
Eine vergleichbare Haltung beschreibt Escobar für die Türkei. Nach Gesprächen mit türkischen Kontakten, darunter Akademiker und politische Beobachter, sieht er in der türkischen Gesellschaft wenig Unterstützung für eine direkte Beteiligung am saudischen Krieg. Sein Gesprächspartner behauptet darüber hinaus, Ankara habe eine solche Beteiligung ausdrücklich abgelehnt. Für Riad bedeutet dies nach Darstellung der beiden, dass sich die saudische Führung trotz ihrer Verteidigungsbeziehungen nicht auf einen militärischen Einsatz dieser Partner gegen den Jemen verlassen könne.
Der Krieg erreicht das saudische Machtzentrum
Während Riad nach Unterstützung sucht, verschärft sich die militärische Lage. Escobar verweist auf einen ballistischen Raketenangriff auf den internationalen Flughafen König Khalid in Riad, bei dem zwischen den Terminals 2 und 3 eine Rakete eingeschlagen und nach seinen Angaben auch ein amerikanischer Staatsbürger getötet worden sein soll. Er warnt, dass Washington diesen Vorfall als Anlass für direkte Angriffe auf Ansar Allah nutzen könnte. Eine unabhängige Bestätigung der von ihm genannten Opferzahl enthält das Gespräch nicht.
Escobar interpretiert die jemenitischen Angriffe als Teil einer Strategie, die Ansar Allah mit der Formel „Blockade gegen Blockade“ und „Flughafen gegen Flughafen“ begründet. Nachdem saudische Angriffe auch den Flughafen von Sanaa getroffen hätten, betrachte die jemenitische Führung saudische Flughäfen und militärische Einrichtungen als mögliche Vergeltungsziele. Nach Escobars Darstellung hat die Bewegung ihre militärischen Fähigkeiten erheblich ausgebaut und verfolgt eine langfristig vorbereitete Strategie, die weit über einzelne Raketenangriffe hinausgeht.
Besonders wichtig ist dabei die Kontrolle über die Westküste des Jemen und die strategische Meerenge Bab al-Mandab. Escobar beschreibt die jüngsten Geländegewinne von Ansar Allah als erste Phase eines umfassenden militärischen Plans. Darauf sollen die Einnahme von Taiz und Marib sowie langfristig möglicherweise Vorstöße in die südlichen Grenzregionen Saudi-Arabiens folgen. Er verweist dabei auf historische jemenitische Gebietsansprüche auf drei südliche saudische Provinzen. Die Vorstellung, diese Gebiete zurückzugewinnen, stellt er als mögliche spätere Phase der jemenitischen Strategie dar, nicht als bereits begonnenen Feldzug.
Nach seinen Angaben basiert diese Planung auf einer zunehmend leistungsfähigen jemenitischen Geheimdienststruktur. Ein Kontakt aus dem Jemen habe ihm erklärt, die Entscheidung zur Seeblockade gegen Saudi-Arabien sei getroffen worden, nachdem jemenitische Nachrichtendienste Hinweise auf eine bevorstehende umfassende amerikanische Offensive gegen die gesamte sogenannte Achse des Widerstands erhalten hätten. Diese Informationen seien anschließend mit Iran abgeglichen worden. Auch die Auswahl bestimmter militärischer Ziele, darunter eines Flugzeugs auf einem saudischen Flughafen, führt Escobar auf entsprechende Erkenntnisse zurück.
Machtkampf innerhalb des saudischen Königshauses?
Die Krise könnte nach den im Gespräch vorgetragenen Informationen inzwischen auch das saudische Herrschaftssystem selbst erfassen. „Mr. Z“ berichtet von zunehmenden Spannungen zwischen Kronprinz Mohammed bin Salman und Verteidigungsminister Prinz Khalid bin Salman. Zwischen beiden soll es wegen der Kriegsführung zu offenen Auseinandersetzungen gekommen sein. Innerhalb des saudischen Machtapparates und unter einflussreichen Stämmen sollen sich bereits unterschiedliche Lager herausbilden.
Der Gesprächsteilnehmer beschreibt eine Gruppe um den Verteidigungsminister und eine weitere um den Kronprinzen. Mohammed bin Salman versuche demnach, den militärischen Ausgang des Krieges stärker zu beeinflussen, ohne die erhofften Ergebnisse erzielen zu können. Auch diese Darstellung stützt sich ausschließlich auf die im Gespräch genannten Kontakte und lässt sich anhand des Transkripts nicht unabhängig überprüfen.
Escobar misst der möglichen Destabilisierung des saudischen Königshauses eine weitreichende geopolitische Bedeutung bei. Für ihn ist das Haus Saud ein zentraler Pfeiler der amerikanischen Machtstellung in Westasien. Ein Zusammenbruch der Monarchie würde seiner Einschätzung nach nicht nur Saudi-Arabien verändern, sondern die gesamte regionale Sicherheitsarchitektur der Vereinigten Staaten erschüttern. Er bezeichnet den Konflikt zwischen Riad und Sanaa deshalb als einen Krieg, der für beide Seiten zunehmend existenzielle Bedeutung annimmt.
Iran bereitet sich auf eine weitere Eskalation vor
Parallel zur Entwicklung im Jemen rechnen die Gesprächsteilnehmer mit einer erneuten militärischen Eskalation gegen Iran. Escobar erklärte, er habe am Wochenende mit iranischen Diplomaten gesprochen. Innerhalb des diplomatischen Apparates herrsche nach seiner Darstellung die Überzeugung, dass ein weiterer Krieg bevorstehe. Einige seiner Kontakte erwarteten eine Eskalation noch vor den amerikanischen Zwischenwahlen, andere unmittelbar danach.
Iran sei auf unterschiedliche Szenarien vorbereitet und habe bereits Ziele für mögliche Präventivangriffe festgelegt, sollte sich ein bevorstehender amerikanisch-israelischer Angriff abzeichnen. Sein Gesprächspartner ergänzt, iranische Kontakte hätten von neuen Waffensystemen gesprochen, deren Fähigkeiten Gegner überraschen könnten. Dabei seien Geschwindigkeiten von Mach 10 und Mehrfachsprengköpfe angedeutet worden. Genauere Angaben zu den Systemen hätten die Gesprächspartner jedoch verweigert.
In Teheran werde nach diesen Berichten davon ausgegangen, dass Israel versuchen könnte, Washington zu einer erneuten militärischen Offensive zu bewegen. Iran rechne damit, im Fall einer israelischen Beteiligung auch israelische Ziele anzugreifen. Die Aussagen spiegeln die Einschätzungen der von Escobar und seinem Gesprächspartner zitierten Kontakte wider; sie belegen weder einen bereits beschlossenen amerikanischen Angriff noch die tatsächliche Einsatzbereitschaft der angedeuteten neuen Waffensysteme.
Für Escobar hängen die Entwicklungen im Jemen und in Iran inzwischen unmittelbar zusammen. Der Krieg gegen Ansar Allah könne zum Ausgangspunkt einer sehr viel größeren regionalen Konfrontation werden. Gleichzeitig sieht er im Jemen einen Faktor, der von westlichen Regierungen lange unterschätzt worden sei: die politische Organisation, die militärische Widerstandsfähigkeit und die Bereitschaft der Bewegung, einen langwierigen Krieg fortzusetzen.
Seine Schlussfolgerung ist weitreichend: Saudi-Arabien steht nach seiner Einschätzung nicht nur vor einem militärischen Rückschlag, sondern möglicherweise vor einer Krise seines gesamten regionalen Machtanspruchs. Dass Riad nun ausgerechnet China um Hilfe bitten soll, während Pakistan und die Türkei eine direkte Kriegsbeteiligung ablehnen und israelische Geheimdienstvertreter angeblich in der saudischen Hauptstadt beraten, verdeutlicht die Dimension der von ihm beschriebenen Lage.
Ob Peking tatsächlich vermitteln wird, ob sich die behaupteten inneren Machtkämpfe in Riad bestätigen und ob Washington erneut direkt in den Krieg eingreift, bleibt offen. Sicher ist zunächst nur, dass Escobar und sein Gesprächspartner vor einer gefährlichen Zuspitzung warnen, deren Folgen nach ihrer Einschätzung weit über die Grenzen des Jemen hinausreichen könnten.


