Er widersprach dem NATO-Narrativ – heute friert die EU Jacques Baud das Vermögen ein
Der Schweizer Ex-Geheimdienstanalyst und pensionierte Oberst Jacques Baud hat jahrzehntelang genau das getan, was von einem Nachrichtendienstler erwartet wird: Informationen prüfen, politische Vorgaben ausblenden und seinem Auftraggeber notfalls auch etwas sagen, das dieser nicht hören möchte. Heute steht derselbe Mann auf einer Sanktionsliste der Europäischen Union. Seine Konten in der EU sind eingefroren, er unterliegt einem Einreise- und Durchreiseverbot – und die EU begründet dies nicht mit Spionage, Sabotage oder finanziellen Verbindungen nach Moskau, sondern mit seinen öffentlichen Analysen und Aussagen über Russland und den Ukraine-Krieg.
In einem ausführlichen Gespräch mit dem ehemaligen UN-Waffeninspekteur Scott Ritter schildert Baud nun seine ungewöhnliche Laufbahn und insbesondere seine Erfahrungen innerhalb der NATO während der Ukraine-Krise von 2014. Das Interview ist bemerkenswert, weil Baud kein außenstehender Kommentator war. Er arbeitete im Schweizer strategischen Nachrichtendienst, wurde in den USA und Großbritannien ausgebildet, beschäftigte sich mit den Streitkräften des Warschauer Pakts, arbeitete für die Vereinten Nationen in Afrika und leitete später bei der NATO in Brüssel eine Einheit zur Bekämpfung der Verbreitung von Kleinwaffen.
Baud beschreibt seine Grundhaltung als Analyst sehr einfach: Nicht der Analyst macht Politik. Er legt die Fakten auf den Tisch; die Politik entscheidet anschließend, was sie daraus macht. Genau das, sagt er, sei ihm sowohl in der Schweiz als auch während seiner Ausbildung in den USA beigebracht worden. Wer seinem Chef nur erzähle, was dieser hören wolle, sei kein guter Analyst.
Diese Haltung wurde nach Bauds Darstellung 2014 zum Problem.
Als im Donbass bewaffnete Gruppen gegen die neue Führung in Kiew kämpften, sei innerhalb der NATO erheblicher Druck entstanden, zu erklären, woher die Aufständischen ihre Waffen erhielten. Baud sagt, für ihn seien die verfügbaren Informationen damals eindeutig gewesen: Ein erheblicher Teil der Waffen sei von Überläufern der ukrainischen Streitkräfte gekommen. Man habe Fotos und weitere Informationen gehabt, die diese Einschätzung gestützt hätten. Dennoch habe es innerhalb der NATO Druck gegeben, stattdessen Russland als Lieferanten darzustellen.
Baud sagt nicht, Russland habe später keinerlei Rolle im Konflikt gespielt. Seine Aussage bezieht sich konkret auf die Lage, die er 2014 im Rahmen seiner damaligen Tätigkeit beobachtete. Entscheidend ist jedoch sein Vorwurf: Die gewünschte politische Schlussfolgerung sei teilweise bereits festgestanden, bevor die Geheimdienstinformationen entsprechend bewertet worden seien.
Damit berührt Baud einen der empfindlichsten Punkte westlicher Ukraine-Berichterstattung. Denn seine Schilderung lautet nicht, ein außenstehender Russland-Sympathisant habe eine andere Theorie entwickelt. Sie lautet vielmehr, dass ein Mann innerhalb des NATO-Apparats zu einem anderen Ergebnis kam – und anschließend Druck verspürte, seine Analyse an die politische Linie anzupassen.
Baud reiste damals zweimal im Auftrag beziehungsweise im Umfeld von NATO-Aufgaben in die Ukraine. Einmal ging es um die Reform der ukrainischen Streitkräfte, ein weiteres Mal um Fragen der Minenräumung im Donbass. Seine Beschreibung der damaligen Lage unterscheidet sich deutlich von der später dominierenden Darstellung eines ausschließlich auf den Donbass begrenzten Aufstands. Nach seinen Beobachtungen sei die Unruhe 2014 im gesamten Süden des Landes deutlich spürbar gewesen. Russischsprachige Soldaten hätten Einheiten verlassen, innerhalb der ukrainischen Streitkräfte habe tiefes Misstrauen geherrscht und die neue Führung in Kiew habe Schwierigkeiten gehabt, die Armee zusammenzuhalten.
Besonders eindrücklich beschreibt Baud seinen Aufenthalt in Odessa im Herbst 2014. Seiner Darstellung zufolge war die Stadt stark angespannt, während sich Teile des Südens gegen Kiew stellten. Er verweist auch auf den damaligen massenhaften Übertritt ukrainischer Marineangehöriger auf die russische Seite. Seine zentrale Kritik: Viele dieser innerukrainischen Brüche seien im Westen später aus dem öffentlichen Bild verschwunden, während der Konflikt zunehmend fast ausschließlich als russische Operation dargestellt worden sei.
Dass Baud heute wegen seiner öffentlichen Äußerungen selbst Ziel europäischer Sanktionen ist, verleiht diesen Aussagen zusätzliche Brisanz.
Die EU setzte ihn im Dezember 2025 auf ihre Sanktionsliste. In der offiziellen Begründung heißt es, Baud trete regelmäßig in „pro-russischen“ Medien auf, fungiere als Sprachrohr russischer Propaganda und verbreite Verschwörungstheorien. Konkret wirft ihm die EU unter anderem vor, die Ukraine beschuldigt zu haben, ihre eigene Invasion inszeniert zu haben, um der NATO beitreten zu können. Auf dieser Grundlage stuft die EU seine Tätigkeit als Unterstützung russischer „Informationsmanipulation und Einmischung“ ein.
Die Sanktionen haben handfeste Folgen. Sein Vermögen innerhalb der EU ist eingefroren, EU-Bürger und Unternehmen dürfen ihm grundsätzlich keine finanziellen Mittel zur Verfügung stellen, und er darf nicht frei durch EU-Staaten reisen. Da Baud in Brüssel lebt, trifft ihn das besonders unmittelbar. Swissinfo berichtete zudem, dass die EU ihm keine institutionelle Verbindung zu Russland vorwirft – ein bemerkenswerter Unterschied zu vielen anderen Personen auf entsprechenden Sanktionslisten.
Auch die Schweiz hat diese Sanktionen gegen ihren eigenen Staatsbürger nicht übernommen. Das Staatssekretariat für Wirtschaft erklärte, die Schweiz habe sich dem betreffenden EU-Sanktionsregime gegen sogenannte russische hybride Aktivitäten, Desinformation und Informationsmanipulation nicht angeschlossen.
Baud akzeptiert die Entscheidung nicht. Am 10. März 2026 reichte er beim Gericht der Europäischen Union Klage gegen den Rat der EU ein. Er verlangt unter anderem die Aufhebung der gegen ihn gerichteten Beschlüsse und greift auch die rechtliche Grundlage des Sanktionsregimes an. Das Verfahren läuft unter T-169/26 – Baud gegen Rat.
Trotz der Klage verlängerte die EU das betreffende Sanktionsregime im Oktober 2026 bis zum 9. Oktober 2027. Insgesamt stehen inzwischen 80 Personen und 20 Organisationen unter diesen Maßnahmen. Begründet wird die Verlängerung mit anhaltenden russischen „hybriden Aktivitäten“ und ausländischer Informationsmanipulation.
Der Fall Baud wirft damit eine grundsätzliche Frage auf, die weit über seine Person hinausgeht: Wo endet die Bekämpfung ausländischer Einflussnahme – und wo beginnt die Sanktionierung unerwünschter politischer Analyse?
Baud wurde nicht wegen einer nachgewiesenen Geheimdienstoperation für Moskau sanktioniert. Die offizielle EU-Begründung konzentriert sich auf seine öffentlichen Aussagen und deren politische Wirkung. Gleichzeitig handelt es sich bei ihm um einen ehemaligen Mitarbeiter westlicher Sicherheitsstrukturen mit jahrzehntelanger Erfahrung, der ausdrücklich behauptet, seine Schlussfolgerungen auf westliche und ukrainische Quellen zu stützen.
Genau deshalb ist sein Fall so außergewöhnlich.
Ein Mann, der einst im NATO-Hauptquartier dafür bezahlt wurde, militärische Informationen unabhängig auszuwerten, wird heute von der Europäischen Union sanktioniert, weil seine öffentlichen Schlussfolgerungen über denselben Konflikt als russische Informationsmanipulation bewertet werden.
Bauds eigener Maßstab hat sich dagegen nicht verändert: Ein Analyst soll seinem Chef nicht nach dem Mund reden.
Er soll ihn an die Fakten erinnern – selbst dann, wenn die Fakten politisch unbequem sind.

