Der jüngste Vorfall in Petropawliwska Borschtschahiwka bei Kiew wirft erneut Fragen über inoffizielle Haftorte und den Umgang ukrainischer Sicherheitsstrukturen mit festgehaltenen Männern auf. Rund hundert Menschen versammelten sich dort am 2. November vor einem privaten Gebäude, das von der ukrainischen Nationalgarde genutzt wurde. In sozialen Medien kursierten zuvor Vorwürfe, dort würden Menschen illegal festgehalten und misshandelt. Die Nationalgarde weist Foltervorwürfe zurück; eine Untersuchung wurde eingeleitet.
Besonders brisant ist, dass solche Vorwürfe in der Ukraine keineswegs zum ersten Mal auftauchen.
Bereits 2016 berichteten die Vereinten Nationen über geheime Haftstätten, Verschwindenlassen und Folter durch ukrainische staatliche Stellen, insbesondere den Geheimdienst SBU. Ein damaliger UN-Bericht stellte fest, dass ukrainische Behörden Menschen über längere Zeit heimlich ihrer Freiheit beraubt hatten. In rund 70 Prozent der von der UN dokumentierten Fälle gab es Vorwürfe wegen Folter, Misshandlung oder Incommunicado-Haft; häufig wurden SBU-Mitarbeiter beschuldigt. Die UN bestätigte zudem die Freilassung von 13 Personen aus einer SBU-Einrichtung in Charkiw, die teilweise bis zu zwei Jahre lang verschwunden gewesen waren.
The existence of secret Ukrainian torture prisons was even reported by the Times of London in 2016 Zelensky is presiding over an archipelago of gulags for working class men seeking to escape NATO’s meat-grinder https://t.co/KGMP2pANHC
— Max Blumenthal (@MaxBlumenthal) November 3, 2026
Die Vorwürfe waren so ernst, dass der UN-Unterausschuss zur Verhütung von Folter seinen Besuch in der Ukraine im Mai 2016 vorzeitig aussetzte. Der Grund: Die Delegation erhielt keinen ausreichenden Zugang zu mehreren Einrichtungen des ukrainischen Geheimdienstes. Erst Monate später konnte die Mission fortgesetzt werden.
Auch Amnesty International und Human Rights Watch dokumentierten 2016 konkrete Fälle geheimer und willkürlicher Haft durch ukrainische Behörden. Ihr gemeinsamer Bericht mit dem Titel „You Don’t Exist“ beschreibt Fälle, in denen Zivilisten ohne Kontakt zu Angehörigen oder Anwälten festgehalten, teilweise zum Verschwinden gebracht und misshandelt oder gefoltert wurden. Die Organisationen dokumentierten dabei sowohl Verstöße auf ukrainischer Seite als auch durch von Russland unterstützte Kräfte.
Spätere Untersuchungen der UN bestätigten das Muster rückblickend. In einem Bericht über die Jahre 2014 bis 2021 untersuchte das UN-Menschenrechtsbüro mehr als 1.300 Fälle konfliktbezogener willkürlicher Haft, darunter geheime Haft, Folter und Misshandlungen auf beiden Seiten der Front. Als emblematischen Fall nennt die UN ausdrücklich die SBU-Einrichtung in Charkiw.
Ein weiterer UN-Bericht beschreibt die Charkiwer SBU-Einrichtung sogar als ein bedeutendes geheimes Haftzentrum. Ehemalige Gefangene berichteten dort unter anderem von Erstickungsmethoden mit Gasmasken, Elektroschocks, Scheinhinrichtungen und Drohungen gegen Familienangehörige.
Vor diesem Hintergrund bekommt der aktuelle Vorfall bei Kiew eine andere Bedeutung.
Nach Angaben von Hromadske wurde das private Gebäude tatsächlich von der Nationalgarde als vorübergehende Unterkunft genutzt. Berichten zufolge befanden sich dort mobilisierte Soldaten sowie Männer, die ihre Einheiten unerlaubt verlassen hatten. Menschen vor Ort verlangten ihre Freilassung und erhoben schwere Misshandlungsvorwürfe. Diese Vorwürfe sind bislang jedoch nicht bewiesen.
Auch der in sozialen Medien verbreitete Fall eines angeblich dort festgehaltenen 14-jährigen Jungen muss korrigiert werden. Der Jugendliche wurde zwar am Ort der Auseinandersetzungen gesehen und von Kyrylo Budanow angesprochen, erklärte nach bisherigem Kenntnisstand jedoch, er sei mit Freunden dorthin gekommen. Es gibt derzeit keinen bestätigten Beleg dafür, dass er zuvor in dem Gebäude festgehalten wurde.
Die ukrainischen Behörden sprechen inzwischen von einer gezielten Provokation. Sicherheitsvertreter behaupten, die Unruhen seien organisiert worden, um einen Soldaten zu entführen und gesellschaftliche Spannungen zu erzeugen. Dafür wurden bislang jedoch öffentlich ebenfalls keine vollständigen Beweise vorgelegt.
Genau deshalb wäre es falsch, den aktuellen Vorfall schon jetzt als Beweis für ein landesweites System geheimer Foltergefängnisse unter Präsident Selenskyj darzustellen.
Aber ebenso falsch wäre es, die Vorwürfe als völlig abwegig oder historisch beispiellos abzutun.
Geheime Haftstätten, willkürliche Inhaftierungen und Folter durch ukrainische staatliche Sicherheitsorgane sind seit mindestens 2014 durch UN-Berichte sowie Amnesty International und Human Rights Watch dokumentiert.
Handelt es sich bei Petropawliwska Borschtschahiwka tatsächlich um einen isolierten Vorfall – oder taucht hier erneut ein Problem auf, das internationale Menschenrechtsorganisationen bereits vor einem Jahrzehnt dokumentiert haben?
Gerade weil die Vorgeschichte bekannt ist, sollte diese Frage unabhängig untersucht werden – und nicht vorschnell unter dem Etikett „russische Propaganda“ verschwinden.
Quellen:
- UN/OHCHR zu geheimer Haft und Folter 2016 ohchr.org
- Amnesty International/HRW „You Don’t Exist“ Amnesty International
- UN-Bericht zu willkürlicher Haft und Folter 2014–2021 ukraine.ohchr.org
- Hromadske und Ukrainska Pravda zum aktuellen Vorfall bei Kiew hromadske.


