Die Welt steuert nicht bewusst, sondern schleichend auf einen großen Krieg zu – das ist die zentrale Warnung des ehemaligen US-Obersts Doug Macgregor. In seiner Analyse zeichnet er ein düsteres Bild einer geopolitischen Lage, in der mehrere Konflikte ineinandergreifen und politische Eliten Risiken eingehen, deren Konsequenzen sie selbst kaum tragen würden.
Macgregor sieht Parallelen zur Vorkriegszeit vor 1914: ein internationales System, in dem keine Großmacht tatsächlich einen Weltkrieg will – aber alle bereit sind, Schritte zu gehen, die genau dorthin führen können. Der entscheidende Unterschied sei heute jedoch die Existenz von Atomwaffen. Diese verhinderten zwar den direkten großen Krieg, verschieben die Konflikte aber in einen Bereich „unterhalb der nuklearen Schwelle“, in dem dennoch enorme Zerstörung möglich ist.
Im Zentrum seiner Analyse steht der Ukraine-Krieg, den er als künstlich geschaffenen Konflikt beschreibt. Ohne westliche Interventionen und die politische Ausrichtung Kiews gegen Russland hätte es diesen Krieg seiner Ansicht nach nicht gegeben. Gleichzeitig wirft er dem Westen vor, die militärische Realität falsch einzuschätzen: Russland sei weder wirtschaftlich noch militärisch kollabiert, sondern habe seine industrielle und militärische Kapazität massiv ausgebaut. Sanktionen hätten nicht den erwarteten Effekt erzielt, während die westlichen Gesellschaften zunehmend an innerer Stabilität verlieren.
Macgregor kritisiert dabei vor allem die politischen Entscheidungsträger in Europa und den USA. Diese lebten, so seine Einschätzung, in einer „fantastischen Parallelwelt“, geprägt von Arroganz, Fehleinschätzungen und Wunschdenken. Die Annahme, Russland werde nicht eskalieren oder letztlich zusammenbrechen, sei gefährlich und könne zu einer direkten militärischen Konfrontation führen.
Ein weiterer zentraler Punkt seiner Analyse ist die zunehmende Entkopplung zwischen Bevölkerung und politischer Führung. Entscheidungen über Krieg und Frieden würden nicht mehr im Sinne der Mehrheit getroffen, sondern von kleinen Machteliten, beeinflusst durch wirtschaftliche Interessen und große Vermögen. Demokratie werde dadurch ausgehöhlt, während geopolitische Strategien zunehmend von finanziellen und machtpolitischen Kalkülen geprägt seien.
Besonders brisant wird seine Einschätzung im Hinblick auf den Nahen Osten. Ein Krieg zwischen Israel und dem Iran könnte seiner Ansicht nach der Auslöser für eine globale Eskalation sein. Ein solcher Konflikt würde nicht regional bleiben, sondern zwangsläufig Russland und China einbeziehen. Beide Länder hätten strategische Interessen und militärische Präsenz in der Region aufgebaut und würden nicht tatenlos zusehen, wenn Iran militärisch zerstört würde.
Macgregor warnt davor, dass viele in Washington und Europa die Situation völlig falsch einschätzen. Die Vorstellung, man könne einen begrenzten Krieg führen oder kontrollieren, sei eine gefährliche Illusion. Sobald ein solcher Konflikt beginne, könne er sich schnell ausweiten und außer Kontrolle geraten.
Dabei verweist er auch auf die globale Machtverschiebung. Während der Westen sich als dominierende Kraft sehe, stehe ein großer Teil der Welt – insbesondere Staaten des globalen Südens – politisch und wirtschaftlich näher an Russland, China und Iran. In einem größeren Konflikt wäre der Westen daher weit weniger isoliert handlungsfähig, als oft angenommen.
Ein besonders eindringlicher Teil seiner Analyse betrifft die wirtschaftlichen Folgen eines solchen Szenarios. Selbst ohne den Einsatz von Atomwaffen könnte ein globaler Konflikt die westlichen Volkswirtschaften schwer treffen: Handelsketten würden zusammenbrechen, Energiepreise explodieren und der Lebensstandard massiv sinken. Ein Krieg könne somit nicht nur militärisch, sondern auch wirtschaftlich verheerend wirken.
Macgregor erinnert zudem daran, dass große Kriege in der Geschichte oft nicht aus klaren Entscheidungen entstanden, sondern durch Ereignisse, Fehlkalkulationen oder bewusst herbeigeführte Vorfälle eskalierten. Beispiele wie Pearl Harbor oder der Golf von Tonkin zeigen seiner Ansicht nach, wie Konflikte politisch instrumentalisiert oder durch bestimmte Ereignisse ausgelöst wurden.
Seine Warnung ist eindeutig: Auch heute bestehe die Gefahr eines solchen Eskalationsmoments – etwa durch einen Zwischenfall auf See im Roten Meer, im Mittelmeer oder im Indischen Ozean. Ein einzelnes Ereignis könne ausreichen, um eine Kettenreaktion in Gang zu setzen, die in einen großen Krieg mündet.
Am Ende bleibt seine zentrale Botschaft: Die Welt befindet sich bereits in einer Phase multipler Konflikte, die jederzeit in einen größeren Krieg übergehen könnten. Nicht weil jemand ihn bewusst will, sondern weil politische Entscheidungen, Fehleinschätzungen und strategische Interessen immer weiter in Richtung Eskalation führen.
Oder, wie Macgregor es sinngemäß beschreibt:
Der gefährlichste Krieg ist der, in den man hineingerät, ohne ihn wirklich führen zu wollen.


