Donald Rumsfeld war nicht irgendein amerikanischer Verteidigungsminister. Unter Präsident George W. Bush gehörte er zu den zentralen politischen und militärischen Verantwortlichen für die US-geführte Invasion des Irak im Jahr 2003. Der Krieg wurde unter anderem mit angeblichen irakischen Massenvernichtungswaffen begründet, die später nicht gefunden wurden. Die Folgen waren verheerend: Das „Costs of War“-Projekt der Brown University bezifferte bereits für die ersten zehn Kriegsjahre mindestens 134.000 durch direkte Kriegsgewalt getötete Zivilisten im Irak und wies darauf hin, dass die tatsächliche Zahl höher liegen dürfte. Für die Kriege und militärischen Operationen im Irak und in Syrien seit 2003 kommt das Projekt inzwischen auf 550.000 bis 580.000 Tote insgesamt.
Ausgerechnet dieser Rumsfeld prägte wenige Wochen vor Beginn des Irakkriegs eine Vorstellung von Europa, die mehr als zwei Jahrzehnte später wieder erstaunlich aktuell erscheint.
Am 22. Januar 2003 wurde Rumsfeld gefragt, warum Deutschland und Frankreich Washingtons Kurs gegen den Irak nicht unterstützten. Seine Antwort wurde berühmt. Deutschland und Frankreich seien für ihn das „alte Europa“. Der Schwerpunkt Europas verschiebe sich nach Osten, erklärte der damalige Pentagon-Chef. Viele Staaten Mittel- und Osteuropas stünden nicht hinter Berlin und Paris, sondern hinter den Vereinigten Staaten.
Ein aktueller Beitrag des Autors José Niño, veröffentlicht vom Libertarian Institute und von ZeroHedge übernommen, greift diese Aussage wieder auf. Seine zentrale These: Rumsfelds Vorstellung eines nach Osten verschobenen Europas könnte heute ihren zweiten Akt erleben. Während Deutschland als traditionelles Zentrum der amerikanischen Militärpräsenz an Bedeutung verlieren könnte, rücken Polen, Rumänien und die baltischen Staaten immer stärker ins Zentrum der US-Strategie.
Die Entwicklung begann unmittelbar nach Rumsfelds Äusserungen. Frankreich und Deutschland wollten den UN-Waffeninspektoren im Irak mehr Zeit geben und lehnten Washingtons Kriegskurs ab. Dagegen stellten sich Grossbritannien, Spanien, Italien, Portugal, Dänemark, Polen, Ungarn und Tschechien im sogenannten „Letter of Eight“ hinter die USA. Kurz darauf unterstützten auch die Aussenminister der sogenannten Vilnius-Gruppe Washingtons Position.
Im Mai 2003 stimmte der US-Senat mit 96 zu 0 Stimmen für die Aufnahme Bulgariens, Estlands, Lettlands, Litauens, Rumäniens, der Slowakei und Sloweniens in die NATO. Ein Jahr später wurden alle sieben Staaten Mitglieder des Bündnisses. Damit rückte die NATO weiter nach Osten und nahm erstmals auch drei ehemalige Sowjetrepubliken auf.
Doch es blieb nicht bei einer politischen Verschiebung. Auch amerikanische Soldaten und militärische Infrastruktur folgten.
2004 kündigte die Bush-Regierung eine umfassende Neuordnung der amerikanischen Militärpräsenz an. Zwischen 60.000 und 70.000 US-Militärangehörige sollten langfristig zurückgeführt werden, während schwere Verbände aus ihren traditionellen Standorten in Deutschland verschwinden sollten. Gleichzeitig öffneten Rumänien und Bulgarien Militäranlagen für rotierende amerikanische Einheiten.
2008 drängte Bush darauf, auch der Ukraine und Georgien eine zukünftige NATO-Mitgliedschaft in Aussicht zu stellen. Im selben Jahr kam es zum Krieg zwischen Russland und Georgien.
Auch unter Barack Obama wanderte die militärische Infrastruktur weiter nach Osten. Die amerikanische Raketenabwehranlage im rumänischen Deveselu wurde 2016 einsatzbereit. Nach der Krim-Krise von 2014 stationierte die NATO multinationale Kampfverbände in Polen und den drei baltischen Staaten.
Donald Trump setzte diese Entwicklung während seiner ersten Amtszeit fort. 2019 verliessen die USA den INF-Vertrag über landgestützte Mittelstreckenraketen. 2020 vereinbarten Washington und Warschau die Einrichtung eines vorgeschobenen Hauptquartiers des V. US-Korps im polnischen Poznań.
Unter Joe Biden wurde die NATO-Ostflanke nach Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine 2022 nochmals massiv verstärkt. Die Zahl der amerikanischen Soldaten in Europa stieg zeitweise auf rund 100.000. Im März 2023 eröffnete die US-Armee ihre erste permanente Garnison in Polen. Im Juli 2024 erklärte die NATO zudem die amerikanische Aegis-Ashore-Raketenabwehranlage im polnischen Redzikowo für einsatzbereit.
Damit war aus Rumsfelds politischem „alten Europa“ und dem nach Osten wandernden Schwerpunkt längst militärische Realität geworden.
Der Artikel erinnert an dieser Stelle an einen Mann, der genau vor dieser Entwicklung gewarnt hatte: George Kennan, einen der wichtigsten Architekten der amerikanischen Eindämmungspolitik gegenüber der Sowjetunion. Bereits 1998 bezeichnete Kennan die NATO-Osterweiterung als schweren Fehler. Er erwartete, dass Russland darauf negativ reagieren und ein neuer Kalter Krieg entstehen könnte.
Unter Donald Trumps zweiter Präsidentschaft bekommt diese Entwicklung nun allerdings eine neue Dynamik.
Im Oktober 2025 zog das Pentagon eine Brigade der 101. US-Luftlandedivision aus Rumänien ab, ohne sie unmittelbar zu ersetzen. Die US-Armee erklärte ausdrücklich, dies bedeute keinen amerikanischen Rückzug aus Europa und keine Schwächung der Verpflichtungen gegenüber der NATO. Vielmehr sei die Entscheidung ein Zeichen dafür, dass die europäischen Verbündeten zunehmend selbst Verantwortung übernehmen könnten.
Besonders auffällig wird die Verschiebung nach Darstellung des Artikels jedoch beim Vergleich zwischen Deutschland und Polen.
Nach dem Streit zwischen Trump und Bundeskanzler Friedrich Merz über den Iran-Krieg kündigte das Pentagon am 1. Mai 2026 den Abzug von rund 5.000 amerikanischen Soldaten aus Deutschland an. Auch ein ursprünglich für Deutschland vorgesehenes Raketenbataillon sollte nach Angaben amerikanischer Verteidigungsvertreter an einem anderen Ort stationiert werden.
Nur drei Wochen später folgte aus Washington eine völlig andere Nachricht für Polen.
Trump kündigte weitere 5.000 amerikanische Soldaten für Polen an und verwies dabei ausdrücklich auf seine Beziehung zum polnischen Präsidenten Karol Nawrocki. Der polnische Aussenminister Radek Sikorski relativierte die Ankündigung allerdings und erklärte, die zusätzlichen Kräfte könnten lediglich dazu führen, dass die amerikanische Truppenstärke ungefähr auf dem bisherigen Niveau bleibt.
José Niño bringt die Entwicklung in seinem Artikel auf eine einfache Formel: Das „alte Europa“ werde bestraft, das „neue Europa“ belohnt.
Das ist die Interpretation des Autors und keine offiziell erklärte amerikanische Doktrin. Doch die zugrunde liegende Verschiebung ist sichtbar: Deutschland verliert amerikanische Soldaten, während Polen zu einem immer wichtigeren militärischen Standort der USA und der NATO wird.
Eine entscheidende Rolle könnte dabei der weitere Verlauf des Ukraine-Krieges spielen.
Der ehemalige US-Diplomat Thomas Graham vom Council on Foreign Relations skizzierte im Juli 2026 eine mögliche Friedenslösung, bei der die Frontlinie eingefroren würde. Die Ukraine könnte weiterhin Sicherheitsbeziehungen zum Westen unterhalten, würde jedoch nicht Mitglied der NATO, während eine weitere Osterweiterung des Bündnisses ausbliebe.
Sollte es zu einem solchen Szenario kommen, könnte Washington nach Niños Einschätzung seine militärischen Ressourcen noch stärker auf jene osteuropäischen Länder konzentrieren, die bereits Mitglieder der NATO sind. Im Mittelpunkt stünden dann Polen, Rumänien und die baltischen Staaten.
Von einem amerikanischen Rückzug aus Europa kann dennoch keine Rede sein. Nach Angaben des vom Artikel zitierten Congressional Research Service waren im März 2026 noch rund 86.000 amerikanische Militärangehörige in europäischen NATO-Staaten stationiert. Der US-Kongress verlangt zudem eine besondere Zertifizierung, bevor diese Zahl unter 76.000 sinken kann.
Gleichzeitig haben sich die NATO-Staaten verpflichtet, ihre Verteidigungs- und sicherheitsbezogenen Ausgaben bis 2035 auf insgesamt fünf Prozent ihrer Wirtschaftsleistung zu erhöhen. Militärbasen, Hauptquartiere und andere Strukturen für eine langfristige Präsenz an der NATO-Ostflanke sind damit bereits vorhanden. (ZeroHedge)
Genau darin liegt die eigentliche Aussage des Artikels: Die USA verlassen Europa möglicherweise nicht – sie verschieben ihren militärischen Schwerpunkt innerhalb Europas.
Deutschland, jahrzehntelang das Zentrum der amerikanischen Militärpräsenz auf dem Kontinent, könnte relativ an Bedeutung verlieren. Polen, Rumänien und die baltischen Staaten rücken dagegen näher an das Zentrum der amerikanischen Sicherheitsstrategie – und damit gleichzeitig näher an die direkte Konfrontationslinie mit Russland.
Niño warnt davor, dass diese Strukturen Trump überdauern könnten. Eine spätere amerikanische Regierung müsste keine neue militärische Architektur mehr schaffen. Stützpunkte, Hauptquartiere und Truppenstrukturen wären bereits vorhanden. Rumsfelds „neues Europa“ könnte damit zu einer dauerhaften militärischen Front gegenüber Russland werden.
Damit schliesst sich nach mehr als zwei Jahrzehnten ein bemerkenswerter Kreis. 2003 teilte Donald Rumsfeld Europa mitten in den Vorbereitungen auf einen Krieg, dessen Begründung mit irakischen Massenvernichtungswaffen später zusammenbrach, politisch in ein „altes“ und ein nach Osten rückendes Europa. Heute verschiebt sich der militärische Schwerpunkt der USA tatsächlich weiter nach Osten.


