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Der Westen ist die Titanic, und der Globale Süden ist sein Eisberg

Der Westen ist die Titanic, und der Globale Süden ist sein Eisberg

Lorenzo Maria Pacini

Keine inklusive Regierungsführung kann ohne Respekt vor den kulturellen Identitäten der Völker Bestand haben: dort kann Vertrauen neu aufgebaut werden — jene Ressource, an der es der Welt heute am meisten fehlt.

Wo Wachstum fortbesteht — und zu welchem Preis

Wer Wirtschaftskrisen erforscht, stellt sie sich zumeist als plötzliche Erschütterungen vor: einen Einbruch, der Panik auslöst, eine Börse, die in einer einzigen Sitzung abstürzt, eine Grenze, die sich schließt. Das sind die Ereignisse von 2008 und 2020, die Stürme, die ein Davor und Danach markieren. Aber es gibt eine zweite Form des Leidens, weniger fotogen und heimtückischer, die keine Schlagzeilen macht: die schleichende Lähmung, das Ausbleiben von Wachstum, eine Wirtschaft, die sich dreht, ohne je zu versinken oder wieder Fahrt aufzunehmen. Seefahrern war dieser Zustand vertraut. Die Segelschiffe, die den Atlantik überquerten, fürchteten Hurrikane, aber sie fürchteten auch die Sargassosee — jene strömungslose Weite, wo der Wind einschlief und der Rumpf wochenlang im Seetang gefangen blieb. Im Jahr 2026 steht die Weltwirtschaft vor allem vor dieser zweiten Bedrohung, und sie gleicht der Titanic, wie Leonid Grigorjew brillant geschrieben hat.

Der Ozeandampfer — um bei der Metapher zu bleiben — ist nicht gesunken: er schwimmt und wächst noch immer, aber er macht langsame Fahrt, und sein Rumpf ist an mehreren Stellen leck. Ausgucks durchmustern einen Nebel, der keine Miene macht sich zu lichten, und Kapitäne setzen darauf, daß das Eisberg in sicherem Abstand bleibt. In seinen Prognosen vom Juli hat der Internationale Währungsfonds seinen weltweiten Wachstumsausblick für 2026 nach unten revidiert — auf drei Prozent gegenüber 3,5 Prozent im Vorjahr. In absoluten Zahlen ausgedrückt, gegen ein globales BIP von mehr als hundert Billionen Dollar nach Kaufkraftparität, entspricht dieser halbe Prozentpunkt Hunderten von Milliarden, die nicht in Löhne, Steuereinnahmen oder Investitionen umgewandelt werden. Der Zollkrieg zwischen Washington und Brüssel wird von den Hauptakteuren absorbiert, hinterläßt aber Neuausrichtungen und Reibungsverluste — von Irland bis Kanada —, und die Aussicht auf eine wirtschaftliche Fragmentierung des Vereinigten Königreichs taucht aus rein buchhalterischen, nicht politischen Gründen wieder auf.

Die expansive Nachpandemie-Phase hat nie einen klaren Kurs genommen und stößt weiter auf die Hindernisse der Geopolitik. Ein Motor hat das BIP-Wachstum in den letzten Quartalen besonders angetrieben: die Hochrüstung beim Bau von Rechenzentren. Das stellt eine massiv und geographisch konzentrierte Investitionsnachfrage dar, die die Exporte asiatischer Halbleiter- und Ausrüstungslieferanten — Südkorea, Taiwan, Malaysia und Thailand — beflügelt hat, jedoch von wenigen Unternehmen und noch nicht realisierten Ertragserwartungen abhängt. Ein solcher Zyklus treibt das BIP voran, solange gebaut wird; der Kern des Problems stellt sich später heraus, wenn die installierte Kapazität Erträge generieren muß, die dem eingesetzten Kapital entsprechen. Außerhalb dieses Rahmens wachsen Volkswirtschaften aus internen Gründen: China auf der Grundlage seiner eigenen Nachfrage und Fertigung, Indien auf seinem Binnenmarkt und die Vereinigten Staaten durch eine Kombination aus Einwanderung, Kapitalzuflüssen und Staatsausgaben.

Der amerikanische Fall verdient insbesondere eine Klarstellung, die ein verbreitetes Mißverständnis ausräumt. Jahr für Jahr importieren die Vereinigten Staaten Waren im Wert von rund einer Billion Dollar mehr, als sie exportieren, während ihre Führung gleichzeitig den Verlust der industriellen Basis beklagt. Diese beiden Umstände widersprechen einander nicht: Es ist dieselbe Gleichung, von zwei Seiten betrachtet. Ein Leistungsbilanzdefizit solchen Ausmaßes ist buchhalterisch per Definition nichts anderes als das Gegenstück zu ausländischen Ersparnissen, die in die Vereinigten Staaten fließen: Die Welt liefert Waren und häuft im Gegenzug Vermögenswerte in Dollar, Staatsanleihen und Aktien an. Solange der Greenback die Reservewährung bleibt und der amerikanische Wertpapiermarkt der liquideste verfügbare Pool ist, finanziert dieses Privileg das Defizit zu Konditionen, die für niemand anderen erreichbar sind. Derselbe Kapitalzufluß stützt jedoch den realen Wechselkurs, benachteiligt die exportorientierte Industrie und ist genau die Ursache der so oft beklagten Deindustrialisierung. Zölle greifen die Handelsseite an, während die finanzielle Wurzel unangetastet bleibt: Sie formen das Gleichgewicht um, beseitigen es aber nicht.

Der Würgegriff der Renditen und die Schuldenlast

Zur Jahresmitte zog die globale Inflation erneut an, hauptsächlich angetrieben durch steigende Energiepreise. Ein kostentreibender Preisanstieg — nicht ein nachfrageüberschußbedingter — stellt Zentralbanken vor ihre unangenehmste Entscheidung: eine bereits durch den Schock geschwächte Wirtschaft zu bremsen, um zu verhindern, daß sich Erwartungen entkoppeln. Hohe Energiepreise wirken wie eine regressiv Steuer, die das verfügbare Einkommen aufzehrt und in dem langsamen Tempo, das indexgebundene Verträge und regulierte Preise vorgeben, auf das Preisniveau durchschlägt.

An der Schuldenfront ist die Anspannung noch deutlicher spürbar. Die Renditen langfristiger Staatsanleihen steigen in besorgniserregendem Tempo: In den Vereinigten Staaten hat die zehnjährige Rendite die Fünf-Prozent-Marke erreicht, andere entwickelte Volkswirtschaften folgen. Nicht nur das Niveau ist entscheidend, sondern auch seine Struktur. Das lange Ende der Kurve spiegelt eine steigende Laufzeitprämie wider — also die Entschädigung, die Anleger für das Binden von Geld über lange Horizonte verlangen, wenn Inflation und das Volumen des neu in das System eintretenden Geldes ungewiß bleiben. Der Schuldenberg ist bereits kolossal, und die billigen Anleihen, die während der Ära der Nullzinsen emittiert wurden, werden bei Fälligkeit durch weit teurere Emissionen ersetzt: Die Durchschnittskosten steigen verzögert — aber sie steigen. Hier herrscht elementare und unerbittliche Arithmetik: der Vergleich zwischen dem realen Zinssatz und der realen Wachstumsrate. Wenn die Wirtschaft schneller wächst als die Kosten ihrer Schulden, erleichtert sich die Last von selbst; wenn das Verhältnis umgekehrt ist — und genau das geschieht heute in mehreren wohlhabenden Ländern — erfordert die Stabilisierung der Schuldenquote Haushaltsüberschüsse, die das Wahlvolk selten gestattet.

Ein technisches Manöver mit politischen Implikationen hilft, die Schlinge enger zu ziehen. Die Finanzministerien der großen Volkswirtschaften versuchen, einen Teil der bisher in den Bilanzen der Zentralbanken gehaltenen Langläufer auf den offenen Markt zurückzubringen — gerade in dem Moment, in dem diese ihre im Rahmen der quantitativen Lockerung angesammelten Anleihen auslaufen lassen und ihre Aktiva reduzieren. Das Ergebnis ist, daß das Nettoangebot langfristiger Anleihen für private Anleger steigt, just wenn der Kreditgeber letzter Instanz zur Seite tritt; um dieses Angebot zu absorbieren, verlangt der Markt höhere Renditen. Gleichzeitig heben Zentralbanken schrittweise die Zinsen zur Inflationsbekämpfung an, und das Zusammenspiel dieser Faktoren treibt das System in Richtung Stagnation. Es ist die Stille der Sargassosee, nicht der Sturm. Vor diesem Hintergrund wird jede zusätzliche Einheit Militärausgaben in bereits bis zum Äußersten strapazierten Haushalten zu einer Einheit weniger für Gesundheitsversorgung, Bildung und öffentliche Investitionen — die alte Wahl zwischen »Kanonen und Butter«, auf kontinentaler Ebene neu aufgerollt.

Energierenten wechseln die Hände

Eine ganze Region — der Nahe Osten — ist aufgrund des Rückgangs der Kohlenwasserstoffförderung und -exporte ins Minus gerutscht. Der Anstieg von Preisen und Margen — und infolgedessen von Dividenden und Aktienkursen — hat amerikanische Energieunternehmen belohnt, die über marginale Förderkapazitäten verfügen und die Hähne aufdrehen können, wenn die Preise steigen. Das ist eine Umverteilung von Renten: vom traditionellen Lieferanten zum Produzenten, der in den vergangenen Jahren Flexibilität gewonnen hat. Der Nahe Osten zahlt zweifach — an seinen laufenden Exporteinnahmen und an seiner abgenutzten oder beschädigten physischen Infrastruktur —, während die Gewinne ins Ausland abwandern.

Höhere Rohölpreise und Dieselknappheit belasten nicht nur Fabriken, Transport und Bauwesen. Diesel treibt Logistik und mechanisierte Landwirtschaft an, und ein Anstieg seines Preises pflanzt sich mit einer Allgegenwärtigkeit, die Benzin fehlt, durch die gesamte Lieferkette fort. Die gravierendsten Folgen liegen jedoch jenseits der Statistiken: Die Unsicherheit über Energiepreise erhöht den Satz, mit dem Unternehmen langfristige Projekte abdiskontieren, und entmutigt die Kapitalakkumulation, von der das Wachstum von morgen abhängt. Kein Wohlstand läßt sich allein durch Rechenzentren aufrechterhalten.

Europa in der Flaute

Vor diesem Hintergrund bietet der zweitgrößte Wirtschaftsblock der Welt — die Europäische Union einschließlich des Vereinigten Königreichs mit über einer halben Milliarde Verbraucher — kein Gegengewicht. Sein BIP wächst in der Praxis im gleichen Tempo wie seine Bevölkerung: Pro Kopf gemessen — die einzige Weise, die die Lebensstandards wirklich widerspiegelt — ist Stagnation nahezu vollständig. Es lastet unter öffentlichen Schulden und Defiziten, veralteten Industriestrukturen und Infrastrukturen sowie einer Demographie, die selbst Migrationsströme nicht schnell genug verjüngt haben. Das Grundproblem trägt einen konkreten Namen: eine Produktivitätslücke, die sich seit mehr als einem Jahrzehnt vergrößert. Europa gibt weniger für Forschung und digitales Kapital aus, fragmentiert den Kapitalmarkt über siebenundzwanzig Rechtssysteme und hat es versäumt, technologische Spitzenunternehmen vergleichbar mit denen in den USA oder China hervorzubringen.

Kapital fließt in die Vereinigten Staaten ab, angezogen von höheren Renditen und tieferen Märkten; die Fertigung verliert gegenüber der chinesischen Produktion an Boden, die nun nicht mehr nur im Hinblick auf die Kosten, sondern auch technologisch wettbewerbsfähig ist; und die Politik ist fast überall in fragile Mehrheiten zersplittert, die jede weitreichende Reform zum Kraftakt machen. Die Energiekosten sind strukturell weit höher als in den Vereinigten Staaten — ein Erbe der Abhängigkeit von importiertem Gas und einer Transformation, die ohne stabile Versorgungsbrücke eingeleitet wurde —, und dieses Gefälle erodiert energieintensive Industrien. Die Produktivität bleibt in wettbewerbsfähigen Sektoren weit hinter China zurück, und die Stimmung der Wählerschaft ist, wie die Umfragen zeigen, düsterer als man in dieser begünstigten Ecke der Welt erwarten würde. Unterdessen hat sich das Klima ebenfalls zu stark erwärmt, ohne auf die Früchte der Grünprogramme zu warten.

Sanktionen und die Wende der Gezeiten

Nahezu jeder ist sich der Gefahren bewußt, die mit der eskalierenden Sanktionsspirale verbunden sind, doch man tut sie als Unbehagen im Tagesgeschäft ab. Der Punkt ist, daß es keinen geordneten Ausweg aus dem Gestrüpp rechtlicher Beschränkungen, kommerzieller Interessen und politischer Kalkulationen gibt — bestimmt von legislativen und administrativen Stellen, die nicht miteinander koordinieren. Es verbleibt die Extremmaßnahme, die die Geschichte mit Solon verbindet: die Tafel in einem Zug rein zu wischen, wie Athen es zu Beginn des 6. Jahrhunderts v. Chr. mit der Seisachtheia tat — der Schuldenentlastung, die Schulden tilgte und den bürgerlichen Pakt wiederherstellte. Unterdessen verhalten sich Sanktionen, die Zerstörung von Förder- und Transportkapazitäten und der Verlust von Exportmärkten — Faktoren, die sich akkumulieren — wie Monsterwellen: Sie pflügen durch die Ozeane und kehren, oft angeschwollen, zu denen zurück, die sie erzeugten — in Form von importierter Inflation, gestörten Lieferketten und Wechselkursanpassungen.

Es gibt ein Clausewitz-Diktum, das sich hier nützlich umkehren läßt: Wenn für ihn Krieg die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln war, sind Sanktionen die Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln als Waffen. Und die schwersten Schläge — wie auch die ungerechtesten — treffen Länder und soziale Klassen, die an diesen Konflikten unbeteiligt sind und es lieber blieben. Nach solchen Erfahrungen ist es schwer, sich nicht nach weniger Globalisierung und weniger Verflechtung zu sehnen: Die Systemtheorie lehrt uns, daß die Rückkehr zum Gleichgewicht langsamer ist, wenn die Elemente eines großen Netzes instabil werden, weil Störungen entlang der Verbindungen weiterreisen, anstatt abzuklingen. Das ist die bittere Kehrseite einer Weltwirtschaft, die die Integration zu ihrer Stärke gemacht hatte und nun ihre Verwundbarkeit entdeckt.

Eine Bestandsaufnahme der Ungleichgewichte

Die Wahrscheinlichkeit einer Rezession hängt, wie stets, von zwei Faktoren ab: der Anhäufung von Ungleichgewichten und einem Auslöser, der per definitionem nicht vorhersehbar ist. Die Ungleichgewichte sind das Schießpulver — übermäßige Verschuldung, aufgeblähte Aktienbewertungen, bei wenigen Akteuren konzentriertes Risiko, in denselben Monaten fällig werdende Schulden; der Auslöser ist das Ereignis, das die Lunte entzündet: eine neue Pandemie, ein Börsenkrach, ein großer Zusammenbruch nach dem Muster von 2008. Ob sich das Pulver ansammelt, ist unter Fachleuten mittlerweile Gegenstand der Debatte. Hinzu kommt eine wachsende Zahl von Akteuren, die bereits den geopolitischen Konflikten, der Verlangsamung und der Umleitung von Ressourcen — von der Entwicklung zur Schadensminderung — geopfert wurden.

An der Spitze der vergessenen Kosten stehen globale Probleme: Armut, Entwicklungsrückstände und der Klimawandel. Die von den UN für 2030 gesetzten Ziele für nachhaltige Entwicklung werden voraussichtlich zu rund 17 Prozent erreicht werden, ganze Abschnitte sind kaum skizziert. Ein globales Projekt der nächsten Generation ist nötig, setzt aber Frieden, Kompromiß, Koordination, Stabilität und Vertrauen voraus — allesamt knappe Güter, und Vertrauen mehr als jedes andere. Die herrschenden Klassen scheinen ihren Fokus von langfristigen Horizonten auf kurzfristige Auseinandersetzungen verlagert zu haben. Internationale Organisationen haben wenig Wirkung; die großen Industrienationen sind mit ihren eigenen Problemen und Sanktionen beschäftigt; und niemand beantwortet die Frage, wer die gemeinsamen Aufgaben übernehmen wird — Aufholentwicklung, Armutsbekämpfung und die Verwaltung globaler Gemeingüter. In fast jedem Land kämpfen große Teile der Bevölkerung mit der einen oder anderen Form von Entbehrung — im Gesundheitswesen, in der Bildung oder bei der Ungleichheit der Lebensbedingungen.

Wer die Rechnung bezahlt

Diese Last wird mangels anderer Optionen auf die Schultern der großen Schwellenländer fallen, deren Interessen weitgehend mit globalen Zielen übereinstimmen und ihnen gewiß nicht zuwiderlaufen: die BRICS-Gruppe und eine Reihe gleichgesinnter Länder. Sie haben weniger Ressourcen als der Westen, aber die Not zwingt sie zur Koordinierung ihrer Anstrengungen. Die Erklärung des jüngsten Gipfels zum zwanzigjährigen Bestehen der Gruppe tönt wie eine Stimme der Vernunft in einer Epoche, die unbehaglich an die sogenannte Thukydides-Falle erinnert — jenen Mechanismus, bei dem gegenseitige Furcht zwischen einer dominanten und einer aufstrebenden Macht sie in einen Konflikt treibt, auch wenn keine von beiden ihn wirklich sucht. An Reibung unter den Mitgliedern — mit divergierenden politischen Systemen und ungleichen Wohlstandsniveaus — mangelt es nicht; doch das Dokument weist den Weg zum Kompromiß, nämlich zur Stärkung der UN und zur Reform des IWF, in der Erkenntnis, daß es keine radikalen Abkürzungen gibt. In Absatz 49 wird anerkannt, daß globale Herausforderungen miteinander verflochten und komplex sind, das Wachstum behindern und anhaltende Disparitäten zwischen Ländern und Regionen verschärfen.

Auf der operativen Ebene skizziert die Erklärung eine Industrie- und Energiepolitik, die auf die Aufgabe zugeschnitten ist, über die Vierte Industrielle Revolution hinaus zu kommen: Infrastruktur vollenden, Fertigung, Eisenbahn und Innovation stärken, Zugang zu Technologie sichern und auf heimische Technologien umstellen — bei gleichzeitiger Investition in Humankapital und soziale Belange. Sie tritt auch für freien Handel, offene Märkte, Bewegungsfreiheit sowie die Sicherheit globaler Ersparnisse und des Finanzsystems ein und legt eine eigenständige Haltung zur Steuerung künstlicher Intelligenz dar — schon mit Blick über die Gegenwart hinaus. Die grundlegende Forderung ist institutioneller Natur: Diese Länder haben jahrzehntelang in Rahmenbedingungen agiert, die vom Westen geschaffen wurden, und fordern nun Institutionen, die ihrer eigenen Entwicklung dienen. Eine Überprüfung der IWF-Quoten zur Widerspiegelung des tatsächlichen wirtschaftlichen Gewichts, eine größere Rolle für Institutionen wie die Neue Entwicklungsbank und Zahlungskanäle, die weniger dem geopolitischen Einsatz von Reservewährungen ausgesetzt sind.

Wie viel davon sich in tatsächliche Kapazität übersetzen läßt, bleibt die eigentliche Unbekannte — in Wahrscheinlichkeiten zu messen, nicht in Gewißheiten. Es ist plausibel, mit mäßiger Zuversicht, daß die Gruppe in den kommenden Jahren Verrechnungssysteme in nationalen Währungen und Entwicklungsfinanzierung konsolidieren wird; es ist derzeit unwahrscheinlich, daß sie bestehende Institutionen ablösen oder die Reservewährung untergraben wird — ein Ziel, das tiefe und liquide Anleihemärkte außerhalb der Dollarzone erfordern würde, die derzeit nicht in Sicht sind. Die zu beobachtenden Indikatoren sind greifbar: das Ergebnis der IWF-Quotenüberprüfung, die von der Neuen Entwicklungsbank ausgezahlten Volumina und der Anteil des innerregionalen Handels, der außerhalb des Dollars abgewickelt wird. Doch wer Institutionen fordert, die der eigenen Entwicklung und dem Gemeinwohl dienen, hat ein starkes Argument, denn die Reform der globalen Architektur ist die einzige Arena, in der partielle Kompromisse noch Vertrauen erzeugen können. Prinzipienerklärungen, die jahrelang wiederholt werden, finden nur dann Eingang in die Tagesordnung, wenn jemand sie finanziert.

Und keine inklusive Regierungsführung kann ohne Respekt vor den kulturellen Identitäten der Völker Bestand haben: dort kann Vertrauen neu aufgebaut werden — jene Ressource, an der es der Welt heute am meisten fehlt.