Jahre bevor SARS-CoV-2 weltweit für Ausnahmezustände sorgte, finanzierten amerikanische Regierungsstellen bereits die Entwicklung eines antiviralen Wirkstoffs, der später als COVID-19-Medikament Milliarden einbringen sollte. An den Forschungen waren Wissenschaftler beteiligt, die sich seit Langem mit gefährlichen Coronaviren beschäftigten. Neue, durch Informationsfreiheitsanfragen veröffentlichte Regierungsunterlagen werfen nun zusätzliche Fragen über die Verbindungen zwischen staatlicher Forschung, Pandemievorbereitung und der Pharmaindustrie auf.
Im Mittelpunkt steht das Medikament Molnupiravir, das später unter dem Handelsnamen Lagevrio vom Pharmakonzern Merck vermarktet wurde. Seine Entwicklung begann lange vor der Corona-Pandemie an der amerikanischen Emory University. Bereits 2013 arbeiteten Wissenschaftler um George Painter an antiviralen Wirkstoffen, die gegen unterschiedliche gefährliche Viruserkrankungen eingesetzt werden sollten. 2016 erhielt die Universität Unterstützung von der Defense Threat Reduction Agency (DTRA), einer dem US-Verteidigungsministerium unterstellten Behörde zur Abwehr biologischer und anderer Bedrohungen. Im Jahr 2019 folgte eine weitere Finanzierung durch das National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID), das damals von Anthony Fauci geleitet wurde. Allein dieser Forschungsvertrag zur Entwicklung antiviraler Medikamente gegen Influenza hatte ein Volumen von bis zu 15 Millionen Dollar. Dass die Entwicklung staatlich finanziert wurde, ist keine neue Behauptung, sondern wird von der Emory University selbst bestätigt.
Besonders interessant ist die Beteiligung des Coronavirus-Forschers Ralph Baric von der University of North Carolina. Wie Emory bereits 2021 dokumentierte, stellte das Entwicklungsteam den experimentellen Wirkstoff EIDD-2801 externen Virologen zur Verfügung, darunter Baric und Mark Denison von der Vanderbilt University. Diese untersuchten seine Wirksamkeit gegen verschiedene RNA-Viren. Baric gehörte damit zu jenem wissenschaftlichen Netzwerk, das bereits vor der Pandemie an Coronaviren und möglichen Behandlungsmöglichkeiten arbeitete. Am 5. November 2026 berichtete der investigative Journalist Jon Fleetwood über neu freigegebene Unterlagen des US-Energieministeriums. Demnach enthalten die Dokumente zusätzliche Hinweise darauf, dass Baric und Denison als Unterauftragnehmer in ein staatlich finanziertes Forschungsprogramm im Zusammenhang mit Molnupiravir eingebunden waren. Die Unterlagen wurden durch die Organisation U.S. Right to Know veröffentlicht. Während die wissenschaftliche Beteiligung Barics bereits zuvor bekannt war, sollen die Dokumente die organisatorischen und finanziellen Verbindungen genauer sichtbar machen.
Auch die Rolle der amerikanischen Gesundheitsbehörden verdient Aufmerksamkeit. Anthony Fauci leitete das NIAID, das die Forschung finanzierte, und wurde während der Pandemie zu einem der wichtigsten medizinischen Berater der US-Regierung. Der damalige Leiter der amerikanischen Behörde für biomedizinische Forschung und Entwicklung (BARDA), Rick Bright, war ebenfalls schon vor dem offiziellen Auftreten von COVID-19 mit dem Medikament befasst. Im November 2019 trafen Bright und der damalige Gesundheitsbeamte Robert Kadlec den Entwickler George Painter, um über eine mögliche zusätzliche Finanzierung zu sprechen. Im Februar 2020 wurden erneut Mittel für das inzwischen als mögliches Coronavirus-Medikament betrachtete Präparat angestrebt. Bright äusserte später Bedenken hinsichtlich der damals noch unzureichenden Sicherheitsuntersuchungen. Damit wird deutlich, dass wichtige Entscheidungsträger der amerikanischen Gesundheitsverwaltung bereits vor beziehungsweise ganz zu Beginn der Pandemie über dieses Medikament informiert waren. Daraus ergibt sich allerdings noch kein Nachweis, dass sie vom bevorstehenden Ausbruch von SARS-CoV-2 wussten.
Bemerkenswert ist die Geschwindigkeit, mit der das zuvor jahrelang erforschte Präparat anschliessend in die kommerzielle Entwicklung überführt wurde. Am 19. März 2020, nur acht Tage nach der offiziellen Pandemieerklärung der Weltgesundheitsorganisation, kündigten Emory University und Ridgeback Biotherapeutics ihre Zusammenarbeit zur Entwicklung von EIDD-2801 gegen COVID-19 an. Im April begannen die ersten klinischen Untersuchungen am Menschen. Im Mai 2020 schloss Ridgeback eine Vereinbarung mit dem Pharmakonzern Merck. Am 23. Dezember 2021 erteilte die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA dem inzwischen Molnupiravir genannten Präparat eine Notfallzulassung für bestimmte erwachsene COVID-19-Patienten. Das Medikament war allerdings kein Heilmittel mit garantierter Wirkung, sondern ein antivirales Präparat, dessen klinischer Nutzen auf bestimmte Patientengruppen begrenzt war.
Finanziell entwickelte sich das Medikament zu einem Milliardengeschäft. Nach den offiziellen Geschäftszahlen von Merck erzielte Lagevrio allein im Jahr 2022 einen weltweiten Umsatz von 5,684 Milliarden US-Dollar. Die frühe Forschung war unter anderem mit amerikanischen Steuergeldern finanziert worden, während die spätere kommerzielle Entwicklung und Vermarktung über private Unternehmen erfolgte. Das wirft Fragen darüber auf, wie öffentliche Forschungsausgaben, Patentrechte, Lizenzvereinbarungen und spätere Gewinne miteinander verbunden sind. Besonders bemerkenswert ist, dass das Medikament ursprünglich für andere Viruskrankheiten entwickelt worden war und erst nach Auftreten von SARS-CoV-2 gezielt für COVID-19 weiterentwickelt wurde.
Bleibt die Frage nach möglichem Vorwissen. Die zeitliche Abfolge ist zweifellos untersuchenswert: Jahrelange staatliche Finanzierung, die Beteiligung führender Coronavirus-Forscher, Kontakte zu hochrangigen Gesundheitsbeamten unmittelbar vor der Pandemie und anschliessend die schnelle kommerzielle Entwicklung eines milliardenschweren COVID-19-Medikaments. Diese Zusammenhänge rechtfertigen eine genaue Untersuchung der Forschungsaufträge, internen Kommunikation und finanziellen Vereinbarungen. Zugleich gibt es eine naheliegende wissenschaftliche Erklärung: Seit den SARS- und MERS-Ausbrüchen war bekannt, dass Coronaviren erneut grössere Epidemien verursachen könnten. Die Entwicklung breit wirksamer antiviraler Medikamente gehörte deshalb schon lange vor 2020 zur staatlich finanzierten Vorbereitung auf mögliche Pandemien.
Die bislang öffentlich zugänglichen Informationen belegen somit eine umfangreiche Zusammenarbeit zwischen staatlichen Behörden, Universitäten und späteren Pharmaunternehmen. Sie beweisen jedoch nicht, dass einzelne Beteiligte den konkreten Ausbruch von SARS-CoV-2 im Voraus kannten oder dass das Medikament gezielt für eine bereits geplante Pandemie entwickelt wurde. Dafür wären eindeutige Dokumente erforderlich, die entsprechendes Wissen vor dem Ausbruch nachweisen. Auch die vollständige Bedeutung der im November 2026 veröffentlichten Unterlagen muss anhand der zugrunde liegenden Korrespondenz beurteilt werden.
Fest steht jedoch: Noch bevor die Welt von COVID-19 sprach, hatte der amerikanische Staat bereits erhebliche Mittel in einen Wirkstoff investiert, der später als Corona-Medikament Milliardenumsätze erzielen sollte. Dieselben Forschungsnetzwerke, die an seiner Entwicklung beteiligt waren, spielten auch während der Pandemie eine wichtige wissenschaftliche Rolle. Ob dahinter ausschliesslich langfristige Pandemievorbereitung stand oder einzelne Beteiligte über weitergehende Informationen verfügten, bleibt eine offene Frage. Entscheidend wäre nun, die staatlichen Forschungsaufträge, Unterverträge und internen E-Mails vollständig offenzulegen und ihre zeitliche Abfolge unabhängig zu untersuchen.
Quellen
- 1. Jon Fleetwood, 5. November 2026 – Neue Vorwürfe auf Grundlage freigegebener Regierungsunterlagen zu Ralph Baric und staatlicher Finanzierung. Der vollständige Artikel ist teilweise kostenpflichtig. jonfleetwood.substack.com
- 2. U.S. Right to Know – freigegebene Regierungsdokumente (831 Seiten) – Primärunterlagen, auf die sich Fleetwood beruft. Die umfangreiche Datei konnte ich nicht vollständig unabhängig auswerten.
- 3. Emory University, 23. März 2020 – Offizielle Bestätigung der Finanzierung durch Pentagon und NIAID, einschliesslich Vertragsnummern. Emory News
- 4. Emory University, November 2021 – Entwicklungsgeschichte, Beteiligung von Ralph Baric und Mark Denison sowie Rolle der staatlichen Forschungsgelder. Emory News
- 5. Emory University, Oktober 2019 – NIAID-Forschungsvertrag über bis zu 15 Millionen Dollar vor Ausbruch der Pandemie. Emory News
- 6. STAT News, Oktober 2021 – Recherche zu staatlicher Finanzierung, Rick Bright und den kommerziellen Vereinbarungen. STAT
- 7. FDA, 23. Dezember 2021 – Offizielle Notfallzulassung von Molnupiravir. FDA
- 8. Merck, Geschäftszahlen 2022 – Bestätigter Jahresumsatz von 5,684 Milliarden US-Dollar mit Lagevrio. Merck.com


