Der indonesische Gesundheitsminister Budi Gunadi Sadikin, Kandidat für den nächsten Posten an der Spitze der Weltgesundheitsorganisation, hat beim World Health Summit in Berlin bemerkenswert offen über seine Vorstellungen für die Zukunft der WHO gesprochen. Empfehlungen müssten stärker in politische Entscheidungen übersetzt werden, sagte er. Gleichzeitig sollten Mitgliedstaaten, grosse Geldgeber wie die Gates Foundation und globale Gesundheitsorganisationen wie Gavi enger zusammenarbeiten. Was als Effizienzreform präsentiert wird, wirft grundlegende Fragen nach demokratischer Kontrolle und dem Einfluss privater Geldgeber auf die internationale Gesundheitspolitik auf.
Sadikin gehört zu sieben Personen, die offiziell für die Nachfolge von WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus vorgeschlagen wurden. Indonesien hat ihn für das Amt nominiert; die Wahl soll im Mai 2027 bei der Weltgesundheitsversammlung stattfinden. Beim World Health Summit vom 11. bis 13. Oktober in Berlin nahm er an einer Podiumsdiskussion über die Zukunft der WHO und der globalen Gesundheitsarchitektur teil.
Dabei formulierte er einen Satz, der besondere Aufmerksamkeit verdient:
„Wir müssen die politischen Führer überzeugen, damit Empfehlungen zu Handlungen werden.“
‼️💉‼️WHO-Kandidat sagt offen, wer beim Umbau mitreden soll: Staaten zuerst – dann Gates Foundation und andere Grossgeldgeber Budi Gunadi Sadikin, Gavi-Vorstandsmitglied und Kandidat für das Amt des WHO-Generaldirektors, fordert eine Neuordnung globaler Gesundheitsorganisationen. Seine Sprache ist bemerkenswert offen: Bei solchen Veränderungen müsse man nicht nur mit den Organisationen selbst sprechen, sondern mit deren „Anteilseignern“. Und wer sind diese? „Im Grunde immer die gleichen Namen. Die Gates Foundation ist dabei, grosse entwickelte Länder sind dabei.“ Sadikin will Funktionen globaler Gesundheitsinstitutionen zusammenlegen, streichen oder neu verteilen – nach Rücksprache mit den Staaten und anschliessend mit den wichtigsten Geldgebern. Damit wird offen ausgesprochen, wie eng Staaten, Gavi, globale Gesundheitsorganisationen und private Grossfinanziers miteinander verflochten sind.
— Don (@Donuncutschweiz) October 14, 2026
Sadikin erklärte, die grösste Schwäche bisheriger Reformbemühungen im Gesundheitsbereich bestehe darin, Empfehlungen tatsächlich in politische Entscheidungen und praktische Massnahmen umzusetzen. Politiker müssten deshalb früher und enger eingebunden werden.
Für sich genommen klingt das zunächst selbstverständlich. Eine Gesundheitsorganisation, deren Empfehlungen nie umgesetzt werden, bleibt wirkungslos. Doch entscheidend ist die Frage, wer diese Empfehlungen formuliert, wer sie finanziert und welche Akteure Einfluss darauf haben, dass daraus nationale Politik wird.
Staaten zuerst – danach die grossen Geldgeber
Sadikin argumentierte zugleich, globale Gesundheitsinitiativen müssten von den einzelnen Ländern ausgehen. Er sagte ausdrücklich, „alle Initiativen sollten von den Ländern geführt werden“.
Sein Vorschlag zur Reform der globalen Gesundheitsarchitektur sieht vor, zunächst die Mitgliedstaaten zu fragen, welche Strukturen und Programme vereinfacht oder zusammengelegt werden sollten. Danach müsse man mit den wichtigsten Geldgebern sprechen.
Dabei nannte er ausdrücklich die Gates Foundation und grosse Industriestaaten. Seine Begründung: Viele internationale Gesundheitsorganisationen würden von denselben Akteuren finanziert. Wer Überschneidungen zwischen WHO, Gavi, Global Fund und anderen Institutionen abbauen wolle, müsse deshalb auch mit deren Geldgebern verhandeln.
Das ist organisatorisch nachvollziehbar – politisch aber heikel. Denn damit wird deutlich, wie stark die globale Gesundheitspolitik längst von einem relativ kleinen Kreis aus Regierungen, Stiftungen, Entwicklungsbanken und öffentlich-privaten Organisationen geprägt wird.
Gates Foundation und Gavi gehören zu den grössten WHO-Finanzierern
Die Bedeutung dieser Frage lässt sich an den WHO-Zahlen ablesen.
Im Jahr 2025 war die Gates Foundation mit rund 11 Prozent der Programmeinnahmen der grösste einzelne Geldgeber der WHO. Direkt dahinter folgte Gavi mit 10 Prozent. Danach kamen unter anderem die Europäische Kommission, Deutschland, die Weltbank und weitere staatliche sowie internationale Geldgeber. Das bedeutet nicht, dass Bill Gates allein über die WHO entscheidet. Aber es zeigt, dass private und halbprivate Akteure innerhalb der Finanzierungsstruktur eine aussergewöhnlich starke Stellung besitzen.
Und Sadikin selbst sitzt im Vorstand von Gavi. Offiziell vertritt er dort gemeinsam mit Bhutan die Gruppe der sogenannten Implementierungsländer.
Damit entsteht zumindest ein offensichtlicher Governance-Konflikt: Ein Kandidat für die Leitung der WHO sitzt gleichzeitig im Vorstand einer Organisation, die zu den grössten Geldgebern der WHO gehört und eng mit der Gates Foundation verbunden ist.
Das ist nicht automatisch ein Beweis für unzulässigen Einfluss. Es ist aber ein Zusammenhang, der bei einer Organisation mit weltweiten gesundheitspolitischen Kompetenzen transparent diskutiert werden sollte.
Gavi entstand in Davos – mit Gates-Geld
The Sociable macht an dieser Stelle allerdings einen Fehler: Gavi wurde nicht 2020 gegründet.
Die Organisation entstand bereits im Januar 2000 beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Die damalige Bill & Melinda Gates Foundation stellte dafür eine Anschubfinanzierung von 750 Millionen Dollar über fünf Jahre bereit. Zu den Gründungspartnern gehörten WHO, UNICEF, Weltbank, Regierungen, Impfstoffhersteller und private Akteure.
Gerade dieses Modell gilt heute als Vorbild für die globale Gesundheitspolitik: Staaten, internationale Organisationen, Stiftungen und Unternehmen arbeiten gemeinsam in sogenannten öffentlich-privaten Partnerschaften.
Befürworter sehen darin eine Möglichkeit, schneller Geld, Wissen und Technologie zu mobilisieren. Kritiker sehen ein demokratisches Problem: Private Stiftungen verfügen über enorme finanzielle Mittel und können dadurch Prioritäten beeinflussen, obwohl ihre Führung weder gewählt noch gegenüber der Öffentlichkeit politisch verantwortlich ist.
Sadikin war bereits ein Befürworter digitaler Gesundheitszertifikate
Seine Aussagen in Berlin stehen zudem nicht isoliert.
Beim B20-Gipfel 2022 in Indonesien warb Sadikin für ein weltweit anerkanntes digitales Gesundheitszertifikat nach WHO-Standard. Damals erklärte er sinngemäss, wer geimpft oder ordnungsgemäss getestet sei, solle sich weiterhin international bewegen können. Das System sollte nach seiner Vorstellung in künftige internationale Gesundheitsregeln einfliessen.
Damit vertritt Sadikin seit Jahren eine Linie, die auf eine stärkere internationale Standardisierung der Gesundheitspolitik setzt – von digitalen Zertifikaten bis zu koordinierten Pandemieinstrumenten.
Auch deshalb sind seine jetzigen Aussagen über die Umwandlung von WHO-Empfehlungen in politische Massnahmen mehr als nur ein Satz über bessere Verwaltung.
Die entscheidende Frage ist die Machtverteilung
Die eigentliche Kontroverse liegt nicht darin, dass internationale Gesundheitsorganisationen Empfehlungen abgeben oder dass Politiker diese umsetzen.
Die Frage lautet vielmehr: Wie unabhängig sind diese Empfehlungen, wenn ein erheblicher Teil der Finanzierung von wenigen grossen Geldgebern stammt, die gleichzeitig in zahlreichen globalen Gesundheitsorganisationen vertreten sind?
Sadikin selbst beschreibt das Problem indirekt. Er spricht von denselben „Shareholdern“, die hinter verschiedenen globalen Gesundheitsorganisationen stehen. Seine Lösung besteht darin, diese Akteure stärker zusammenzubringen und Doppelstrukturen abzubauen.
Gerade darin liegt jedoch das Risiko einer weiteren Machtkonzentration.
Wenn WHO, Gavi, Gates Foundation, Entwicklungsbanken und Regierungen noch enger miteinander verzahnt werden, können Entscheidungen effizienter werden. Gleichzeitig wird es schwieriger festzustellen, wo wissenschaftliche Beratung endet, wo finanzielle Interessen beginnen und wer letztlich politische Verantwortung trägt.
Die Mitgliedstaaten behalten formal ihre Entscheidungsrechte. Aber politische Macht besteht nicht nur aus formalen Abstimmungen. Sie entsteht auch dort, wo Programme finanziert, Prioritäten gesetzt, Experten ausgewählt und nationale Regierungen davon überzeugt werden, internationale Empfehlungen umzusetzen.
Wer kontrolliert künftig die Kontrolleure?
Sadikins Forderung ist deshalb bemerkenswert gerade wegen ihrer Offenheit.
„Wir müssen die politischen Führer überzeugen, damit Empfehlungen zu Handlungen werden.“
Das beschreibt ziemlich genau, wohin sich die globale Gesundheitspolitik bewegt: weniger lose internationale Beratung, mehr koordinierte Umsetzung auf nationaler Ebene. Nach den Erfahrungen der Covid-Jahre sollte eine solche Entwicklung nicht einfach als technische Verwaltungsreform behandelt werden.
Wenn WHO-Empfehlungen künftig schneller zu nationalen Massnahmen werden sollen, braucht es gleichzeitig stärkere Transparenz über Finanzierung, Interessenkonflikte, wissenschaftliche Grundlagen und die Rolle privater Akteure.


